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Schlechter Sex muss aufhören!

Die Hysterie um #AzizAnsari zeigt: Junge Frauen, die nicht gerade als Escort arbeiten, kriegen das mit dem Sex nicht mehr hin. Ein paar Tipps von professioneller Seite.

#MeToo

Sex bei  romantischen Dates ist nicht mehr selbstverständlich.

Was ist da los in Amerika? Eine 22-jähriges amerikanisches Mädchen aus der Oberschicht – nennen wir sie Grace – hat ein privates Erlebnis zur causa publica erklärt: sie hatte schlechten Sex. Was genau sich abgespielt hat, kann man in einem Magazin namens Babe nachlesen. Es ist eine typischen #MeToo -story, weil sie so banal ist, und weil so viele von uns Ähnliches erlebt haben: erst ein beschwipster Party-Flirt, ein zartes Band von Verliebtheit, ein romantisches Dinner, die Einwilligung, noch mit rauf zu kommen, in die teure Wohnung in Manhattan von ihm, der übrigens ein Filmstar ist – und da denkt dieser Wilde doch tatsächlich, Grace wäre jetzt mit Sex einverstanden! Er ist davon so überzeugt, dass er keinen Zweifel zulässt. Er kommt auch nicht auf die Idee, dass es heutzutage schlauer ist, als Mann passiv dazuliegen, und der Frau für alle Fälle die Führung zu überlassen. Oder die Sache zumindest vorher auszudiskutieren und eine Art Vertrag, am besten schriftlich, zu machen, so wie das neuerdings an Ivy-League-Colleges gefordert wird.

Ich will mich eigentlich gar nicht über Grace lustig machen. Auch nicht über Aziz Ansari, dem ich beim besten Willen keine böse Absicht unterstellen kann. Hat er sich doch zumindest grob formell an die Regeln des Paarungsverhaltens geschlechtsreifer Großstädter gehalten, die zumindest in der liberalen westlichen Welt seit mindestens fünf Jahrzehnten Konvention sind. Es ist gut, dass wir mal darüber sprechen. Öffentlich. Wenn es darum geht, schlechten Sex zu vermeiden, bin ich dabei!

Margarete Stokowski hat Recht: in Sachen #MeeToo es ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Was liegt nicht alles im Argen in Sachen Sex und Gender! Es ist höchste Zeit, dass wir da mal gründlich aufräumen. Wir haben gerade erst damit angefangen.

@Frau Stokowski: Salomé ist bei dir! Als ehemalige Kommilitonin am Institut für Philosophie der Humboldt-Uni, und als Feministin sowieso.

Die Besonderheit der #MeeToo-Debatte ist ja gerade, dass es eben nicht um eindeutige Straftaten wie Vergewaltigung, Körperverletzung oder Zwangsehen geht? Für die haben wir ja Gesetze. Es kommt darauf an, ihnen zu Geltung zu verhelfen. Wir – oh, was für ein Genuss, dieses große Wort Wir, wir-als-Gesellschaft, zu verwenden, und dies von mir, einer Sexarbeiterin, einer Hure also! – wir dürfen uns nicht erst mit den unerträglichen Härtefällen befassen. Wehret den Anfängen! Den Grenzfällen zwischen Normalität und Missbrauch, die bisher einfach unter dem Etikett „schlechter Sex“ liefen.

 

#MeToo als Anlass zum Umdenken

Wie aber diese Grenzfälle erkennen? Die Forderung nach Empathie oder, wie die Zyniker es nennen, Gedankenlesen, ist ein frommer Wunsch, so wie der, dass der Mensch gut sein und der Kommunismus siegen möge. Wir haben es auf weiter Flur vorwiegend mit unempathischen Fickern zu tun, die prinzipiell das meiste missverstehen. Meistens sogar ohne Absicht. Es kommt darauf an, sich zu schützen. Wir alle brauchen ein praktikables Mittel, um unsere Gefühle mitzuteilen. Ursprünglich hielt man das gesprochene Wort für ein solches Mittel. Doch hat sich das gesprochene Wort etwa bewährt? Es steht seit Urzeiten zur Verfügung, und doch hat es uns nicht weit gebracht. Der Grund ist, dass uns die Stimme versagt, die Lippen verschlossen sind vor Scham, vor Überforderung. Weil wir es doch eben noch selbst wollten. Weil wir nicht wissen, wie umgehen mit dem spontanen Befremden. Immer geht es so schnell, dauernd ändern sie sich, die Gefühle.

Als Escort erkenne ich schneller als die Vergleichsgruppe sittsamer Frauen, ob ich mich mit einem bestimmten Partner wohl fühlen kann. Und ich bin auch scheuloser im Nein-sagen – reine Übungssache, aber ich habe halt auch viel Gelegenheit zum Üben. Wir Escorts kennen unsere Grenzen, weil es unser Beruf ist. Andere Frauen haben oft schlichtweg nicht genügend Selbsterfahrung, um zu wissen, ob das, was sie gerade erleben, OK ist. Ist es für andere OK, muss es nicht für uns OK sein. Ist es einmal OK, muss es nicht immer OK sein. Wie erkennt der Laie OKen Sex? Die Rede ist nicht mal von gutem Sex, denn den erkennen die meisten ziemlich zweifelsfrei. Genau wie eine brutale Vergewaltigung mit Prügel und Drohungen, auch hier sind sich beide Seiten meist sehr im Klaren, was Sache ist. Es geht um die schmale Grenze von OK und nicht-OK, die so gefährlich ist, für Opfer wie Täter. Denn wer möchte schon Täter werden, vor allem, wenn er, wie dieser arme Tollpatsch Aziz, verliebt ist?

Ein vorher abgeschlossener Vertrag oder ein rechtsverbindliches Ja-Wort wie in Schweden nützt im Zweifelsfall wenig. Wie sollen wir schließlich im Moment des Vertragsschlusses wissen, wie wir uns fünf Minuten später dabei fühlen? Vielleicht sind wir so horny, dass wir alles unterschreiben und dann verflüchtigt sich die Erregung, warum auch immer. Oder man denkt, bei Missionarsstellung kann man nichts falsch machen, und dann riecht der Schweiß dieses Typen unerwartet penetrant? Ja ist nicht ja! Nein ist nicht nein!

Übrigens müssen die Frauen gar nicht denken, dass nur für sie Sex Gefühle von Schmutz und Leere hinterlassen kann. Meine Kunden haben es mir anvertraut: der sensible Mann fühlt sich beim Sex reduziert und entmenscht, zu einem bloßen Rammbock, dessen Aufgabe es ist, hart zu bleiben, was auch immer ihm durch den Kopf geht – bis er sich endlich entscheidet, auf den eigenen Orgasmus zuzusteuern, um das Befremden loszuwerden. Für Männer ist Sex überwältigend oft eine anstrengende, ernüchternde Performance. Anders haben sie es nicht gelernt. Und dann die Furcht, dass sie bei ungenügender Leistung nicht nur mit Liebesentzug bestraft werden, sondern neuerdings auch mit sozialer Ächtung. Ich möchte kein Mann sein in diesen Zeiten! Bis eine versierte Kurtisane (ich denke da zum Beispiel an Juliette, die eine wahre Künstlerin ist!) sich ihrer annimmt und ihnen ein paar schöne Dinge zeigt, auch für zu Hause.

Man(n) kann nur noch Profis daten

Was ist den armen Männern, und natürlich vor allem den armen Frauen, in dieser Welt des miserablen Geschlechtsverkehrs also zu empfehlen?

Das Naheliegende: wenden Sie sich an die Profis. Ob Tantra, BDSM oder High Class Escort, ist egal. Hauptsache, sie können von der professionellen Einstellung des Dienstleisters ausgehen. Professionell heißt in diesem Falle: die Person geht nicht nur fest davon aus, mit Ihnen zu schlafen, sondern ist auch bereit, sich auf Ihre emotionalen Bedürfnisse einzulassen. Ohne verliebt sein zu müssen. Liebe geht auch ohne Sex – wie alle wissen, die schon eine Beziehung von mehr als drei Monaten hatten. Und Fortpflanzung: Wozu gibt es künstliche Befruchtung? Hätte es künstliche Befruchtung früher gegeben, im 19. Jahrhundert hätten Bürgersfrauen wohl nie einen Penis gesehen.

Was aber, wenn der Königsweg über die erotische Dienstleistung nicht möglich ist? Aus Geldnot, oder weil man dem Partner einfach nicht widerstehen kann, trotz aller Risiken?

BDSM bringt mich auf eine Idee. In der BDSM-Szene hat man schon lange erkannt, dass es Not tut, das Einvernehmen zum Geschehen in jedem Moment zweifelsfrei annehmen zu können. In dieser Szene, die ich ganz gut kenne, sind lauter erstaunlich feinfühlige Menschen unterwegs, mit elaborierten Standpunkten zum Thema Erotik der Macht/ Macht der Erotik, Gleichberechtigung und Psyche. Es sind die wahren Spezialisten der Lust, die beim Menschen ja so untrennbar mit dem Geist verbunden ist. Diese Leute haben ein geniales Mittel, das Misshandlungen verhindert: Das sogenannte Code-Wort. Ein Code-Wort wird vor jeder erotischen Session festgelegt, und sobald der Masochist/die Masochistin sich nicht mehr wohl fühlt, spricht er es aus, und die Session wird umstandslos abgebrochen. Dann trinken beide Ananassaft und diskutieren über Georges Bataille.

So ein Code-Wort ist besser als ein bloßes Nein – denn das Nein ist im Bezug oft unklar, es kann sich auf den Sex als Ganzen beziehen, oder auf einzelne Gesten, oder auch auf den Inhalt einer beim Sex geführten Unterhaltung (über Bataille?). Auch ein Ja hilft wenig, da vielleicht am Anfang Sex als gute Idee erscheint (Ja!), aber im Verlaufe desselben sich als wenig erbaulich herausstellt, wie im Falle Aziz. Das Ja müsste dann dauernd wiederholt werden, in etwa so: Ja!-Ja!-Ja!-Ja!-Ja!, bei jedem Stoß, und zwar selbstverständlich von beiden. Unisono. Wie viel besser ist da das Code-Wort: es ist eindeutig, und es ist unproblematisch, weil es niemanden kränkt. Denn wenn es von vornherein ein Code-Wort gibt, existiert im Kopf von beiden auch die reale Möglichkeit, dass der Sex dem anderen unter Umständen unangenehm werden könnte. Für so manchen eine bahnbrechende Entdeckung!

Ein Code-Wort ist für Paar-Sex ebenso einsetzbar wie für Dreier und Gangbang. Es schließt Sex mit Tieren aus, den Peta verurteilt. Und wer taubstumm ist oder sich gern knebeln lässt, hat im Smart-Phone-Zeitalter die praktische Möglichkeit, das Code-Wort per WhatsApp zu senden. Das ist eh besser, denn so kann man im Nachhinein auch beweisen, ob man es benutzt hat. Das Smartphone ist ja eh immer in Griffweite. Es würde also keinerlei Änderung alltäglicher Gewohnheiten erfordern, was ja bei allen neuen Ideen erfolgsentscheidend ist.

Und welches Code-Wort soll es sein, auf das wir, wir als Gesellschaft, uns zu dieser historischen Stunde einigen? Wie sollte es anders lauten als: MeToo!

 

 

1 Comment

  1. Charlie Goldstein

    Danke für diesen herrlichen Text!

    Bis jetzt habe ich mein Einverständnis bei sexuellen Begegnungen mit der Ja!Ja!Ja!Ja!Ja!Ja!Ja!- Methode zum Ausdruck gebracht.

    Mit der MeToo-Methode kann ich endlich mein Bedürfnis nach Genuss & Stille mit den neuen Grundsätzen von politisch korrektem Sex in Einklang bringen.

    Danke!
    Charlie Goldstein

    Reply

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