Die Kurtisanen der Serenissima

 

„Du solltest verstehen, dass jeder, der von meiner Liebe träumt, bei seinen Studien die strengste Disziplin walten lassen muss. Wäre mein Vermögen groß genug, hätte ich mein ganzes Leben in Bibliotheken verbracht und wäre nur mit den Gebildetsten zusammengetroffen.“

So schrieb die junge, berühmte Veronica Franco an einen noch jüngeren Bewunderer. Sie war eine Kurtisane, Anfang 20, blond, und Venezianerin. Im 16. Jahrhundert war die Serenissima eine ausschweifend blühende Kulturmetropole und eine der führenden Mächte Europas. Die gekrönten Häupter ganz Europas nahmen den Tourismus vorweg, indem sie den Karneval und seine zahlreichen Maskenbälle besuchten – ein Vergnügen, dass  wenig reizvoll gewesen wäre, ohne diese geheimnisvollen maskierten Damen – in der Mehrheit Kurtisanen, die Luxus Escorts der Aristokratie: ähnlich wie die Hetären in den demokratischen Gesellschaft Griechenlands, stellte sie die Oberklasse der Prostituierten ihrer Epoche, wie sie nur in den kulturellen Zentren erscheint. Und genau wie die klassischen Hetären war eine Cortegiana mehr als ein banales Party-Girl.

Italienische Kurtisanen entwickelten im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts eine civiltà puttanesca, eine höfische Schule der Sinnlichkeit.

 

Fein gebildet, sündhaft teuer

Eine Kurtisane war keine „öffentliche Frau“, ihre Begleitung stand nicht jedem einfach für einen bezahlbaren Betrag zur Verfügung, sondern nur der Crème der Gesellschaftsschichten, zu umso höheren Preisen. Und auch aus der High Society wurden viele abgewiesen. Eine Kurtisane war korrekt gekleidet und wohnte repräsentativ, in öffentlichen Badehäusern oder Tavernen war sie nicht anzutreffen. Sie musste mehrere Sprachen sprechen, Gedichte rezitieren, mindestens zwei Instrumente spielen und möglichst auch noch singen können. Höhere Bildung war kein raffiniertes Extra, sondern die Voraussetzung für Erfolg als Liebhaberin Adliger und gut betuchter Renaissance-Bürger. Diesen Kunden ging es nicht um schnöde Triebabfuhr, sie wünschen sich leichtlebige, geistreiche Freundinnen, VIP Escorts im Wortsinne, mit denen sie sich im Theater oder in der Oper sehen lassen konnten. Veronika Franco verfasste Gedichte und korrespondierte u.a. mit Michel de Montaigne. Sie war die einzige Frau Ihrer Zeit, der es gelang, den französischen König Heinrich den III.  zu verführen – der homosexuell war.

 

Die Elite der Damen

Imperia Cognata stand Raffael Modell, und sie war die erste, die schwarze Seidenlaken nutzte, um ihren weißen Körper effektvoll im Licht der Kandelaber zu drapieren, wenn Kunden sie in ihrem prachtvollen Palazzo besuchten. Giuliana Ferrarese hatte sogar Kardinäle als Kunden, Tullia d´Aragonza, ihre Tochter, feierte in Rom triumphale Feste, die Medici-Päpste gehörten zu ihren Gästen.

Woher kamen diese verehrten, verehrungswürdigen Frauen mit so immensem erotischem Selbstbewusstsein? Noch hundert Jahre zuvor hatten sich die Adligen so ziemlich jede Frau einfach nehmen können; nun waren sie bereit, für weibliche Gesellschaft ein Vermögen auszugeben – Summen, von denen selbst ein High Class Escort heute nur träumen kann! Über hundert Jahre Erziehung und die Disziplinierung einer Generation spätmittelalterlicher Adliger zeigten schließlich Ergebnisse. Jetzt kamen gute Manieren und der Respekt vor Frauen in Mode. Gleichzeitig schien es immer mehr gebildete Frauen zu geben, die es wert waren, bewundert zu werden.

 

VIP Escorts der Serenissima

‘Venezia Bella, Regina del Mare’ Edmond-François Aman-Jean, 1893

 

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