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High Class Escort Hetaera

Die Gründerinnen von Hetaera Berlin

Der erste Bericht über HETAERA BERLIN erschien am 22. Februar 2017 bei SPIEGEL ONLINE.

Ein Text von Carola Dorner

 

„Ich habe fünf Jahre lang als High-Class-Escort für verschiedene Agenturen gearbeitet. Jetzt habe ich meine eigene Firma gegründet. Das Besondere: Ich nehme von den anderen Frauen keine Provision. Normalerweise bekommt der Vermittler 30 bis 40 Prozent. Bei einem Date für 3000 Euro ist das eine ganze Menge Geld für drei Mails und ein bisschen telefonieren. Die Provision ist ein Relikt aus alten Zeiten. Ich finde es moralisch bedenklich, wenn ein Dritter Geld dafür bekommt, dass zwei Menschen miteinander schlafen. Ich will meine Firma auch nur so lange betreiben, wie ich selbst aktiv als Escort arbeite. Mit meinen eigenen Dates verdiene ich genug, und wenn ich alleine arbeiten würde, hätte ich zumindest mit der Website fast den gleichen Aufwand. Ich arbeite aber lieber im Team. Wir tauschen uns aus, geben uns Tipps und außerdem fließen die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem. Wenn wir gemeinsam gebucht werden, haben wir auch miteinander Sex. Da wäre es für mich ein Problem, mich als Chefin aufzuspielen. Zudem will ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir keine Ware sind, sondern Händlerinnen. Wir nennen uns Hetären. Das waren in der Antike die interessanten, gebildeten Frauen, die Männern auf Augenhöhe begegneten. Wir sind libertäre, bestens ausgebildete, gut aussehende Frauen. Wir haben ein besonderes Talent dafür, einen Fremden einen Abend lang zu unterhalten und ihm das Gefühl von Nähe und Vertrautheit zu geben, bevor wir mit ihm schlafen. Der Sex ist übrigens nicht unbedingt Bestandteil des Handels. Beim Escort kann der Kunde sich eine bestimmte Dienstleistung nicht im Voraus sichern – wir sind schließlich kein Bordell. Wenn sich ein Interessent meldet und einen guten Eindruck macht, vereinbare ich in Absprache mit der Frau ein Date an der Bar eines Restaurants oder eines Fünf-Sterne-Hotels. Innerhalb der ersten halben Stunde entscheiden beide, ob sie den Abend miteinander verbringen oder nicht. Wenn die Chemie nicht stimmt, bezahlt der Kunde 100 Euro Aufwandsentschädigung und die Frau setzt sich wieder ins Taxi. Wenn die beiden sich gefallen, bleiben sie zusammen, gehen einen Handel ein und sehen was der Abend bringt. Dass eine von uns wieder geht, kommt selten vor. Ich habe das in fünf Jahren etwa fünf Mal gemacht. Meistens bin ich beim Kennenlernen viel zu aufgeregt und will wissen wie es weitergeht. Das geht den Männern auch so. Sie haben eine Menge Geld in die Hand genommen. Wir nehmen 1000 Euro für vier Stunden und 3000 für zwölf Stunden. Reisen und Termine am Wochenende kosten extra. Dafür wollen die Männer das beste Date, das sie bekommen können. Die meisten geben sich Mühe und sind außerordentlich zuvorkommend. Wir brechen das Treffen ab, wenn ein Kunde unfreundlich wird, wenn er auf Drogen oder betrunken ist. Einmal habe ich bei einem Kunden erst spät verstanden, dass er ins Bad ging, um zu koksen. Er wurde immer aggressiver. Heute erkenne ich, wenn jemand kokst. Kokain ist übrigens kontraproduktiv, wenn der Mann eine Erektion bekommen möchte. Da können wir dann auch nichts mehr tun.

Bei der Arbeit bin ich eine andere

Wenn ich ein Date habe, bereite ich mich rituell vor. Ich pflege meinen Körper, schaue alte Filme, ziehe mich an, schminke und frisiere mich. Es ist wie bei einem Schauspieler, der eine Maske anlegt: Bei der Arbeit bin ich eine andere. Wenn ich ins Taxi steige und durch Berlin fahre habe ich regelrecht Lampenfieber. Wie sieht er aus, wie wird der Abend? Wenn ich den Raum betrete, spüre ich Adrenalin pur. Der Rest ist Autopilot. Noch nie habe ich mich gefragt, was ich da eigentlich mache. Ich genieße den Abend, lasse mich in schöne Restaurants und Hotels ausführen und merke oft erst wenn ich mich wieder abschminke, dass es kein privates Treffen war, sondern ein Job. Trotzdem könnte ich mich nie in einen Kunden verlieben. Das ist wie beim Pokern mit Spielgeld. Da mache ich auch keinen echten Gewinn. Wenn ich zwei Dates im Monat habe, ist das ideal: Davon kann ich leben und bin emotional nicht überfordert. Man darf nicht vergessen, dass Escort trotz allem nicht leicht ist. Wir haben mehr zu tun als Champagnertrinken und Geldeinstreichen. Ich lerne jemanden innerhalb von wenigen Stunden kennen, beobachte ihn und komme ihm sehr nah. Viele Menschen stellen sich den Beruf einfach vor und bewerben sich bei mir. Wenn eine Frau mir schreibt und die Nachricht sprachlich in Ordnung ist, telefoniere ich mit ihr. Kann sie sich gut ausdrücken und macht einen gebildeten und angenehmen Eindruck, treffen wir uns. Wichtig ist, dass sie Ausstrahlung hat und sich in ihrem Körper wohlfühlt. Trifft das alles zu, dann bekommt sie die Kontaktdaten unseres Fotografen, ich erstelle ein Portfolio und wir warten ab. Die Frauen müssen verstehen, dass Escort eine Lebensentscheidung ist – auch wenn man das vielleicht nicht ein Leben lang macht.

Wie lange ich noch als Escort arbeite, weiß ich heute nicht. Ich habe ein abgeschlossenes Studium und ein paar Ideen im Kopf. Angefangen habe ich mit Anfang zwanzig. Als Philosophie-Studentin suchte ich nach einem Job. Ich bekam kein Bafög, und meine Eltern wollten mich nur unterstützen, wenn ich bei ihnen wohne. Ich wollte aber unbedingt auf eigenen Füßen stehen. Auf Kellnern hatte ich keine Lust, vom Modellstehen konnte ich auf die Dauer nicht leben. Da hatte ich die Idee, mich bei Escort-Agenturen umzusehen. Das war vor fünf Jahren.

Mein Freund weiß natürlich von meinem Beruf. Wenn er damit nicht umgehen könnte, wäre er nicht mein Freund. Beziehung bedeutet nicht, dass ich den anderen besitze. Das ist vielen Menschen nicht klar. Für uns ist das wichtig. Auch in meinem Umfeld gehe ich recht offen mit meinem Job um. Ich will nicht lügen und nicht erpressbar sein. Außerdem brauche ich Freunde, mit denen ich darüber reden kann. Leider haben das nicht alle Freundschaften ausgehalten. Manche Menschen lehnen mich ab und andere wollen nur noch darüber reden. Da wird das Thema dann größer als ich. Das möchte ich nicht. Es ist schließlich nur ein Teil von mir.“

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