Ja, das sind wir!

 

Tom Tykwers opulente Produktion „Babylon Berlin“ begeistert

 

Nachtleben Berlin

Wer schläft, verpasst das Wachsein – und ich muss ja wach sein.

Diesen Satz sagt die junge illegale Prostituierte Charlotte Ritter, Proletentochter aus der engen Mietskaserne (2 Zimmer, 8 Menschen) Berliner Göre und nicht auf den Mund gefallen. Es ist ein Motto, ein Mantra. Die betörend verruchten Bilder von „Babylon Berlin“ verführen in eine Welt, die in Berlin nie wirklich Vergangenheit war, sondern die Seele seiner Bewohner.

Berlin ist aber nicht, wie New York, die Stadt, die niemals schläft, weil immer irgendwer arbeitet und noch mehr Geld macht. Berlin ist der Ort, wo die Berliner die Nacht zum Tag machen. Hier schläft nur, wer es sich leisten kann. Und viele können es nicht. Schon gar nicht nachts.

Charlotte Ritter ist die weibliche Hauptfigur in Tom Tykwers, Henk Handloegten und Achim von Borries Epochaler Serie „Babylon Berlin“ , nach dem Roman von Volker Kutscher. Anrührend frech verkörpert von der Newcomer-Schauspielerin Liv Lisa Fries.

 

Heimlicher Star: die Stadt

 

Heimlicher Star ist aber, ganz klar: die Stadt. Der Schauplatz, die Statisten. Die Hauptdarsteller, wenn auch glänzend besetzt, sind am Ende: nur Schauspieler. Sind die überhaupt aus Berlin? Aber was die Nebendarsteller und Komparsen angeht, hat die Regie Wert gelegt auf Authentizität. Denn es gibt ihn, den kochenden Schmutz dieser Stadt. Außer den 8000 Quadratmeter Außenkulissen in Babelsberg, die Szenenbildner Uli Hanisch teils aus alten Beständen restaurieren ließ, sind die Originalschauplätze es, die das Herz Ortskundiger höher schlagen lassen. Diese Brücke unter den Bahngleisen am Bahnhof Friedrichstraße, über der Spree – kennt man! Und da soll eine Bar sein? Die meinen doch nicht etwa die Bar Tausend? Und wirklich, in der nächsten Szene sind wir in der Bar Tausend, nur dass die in den 20er Jahren, im Film, natürlich anders heißt. Freudig erkennen wir auch das Rote Rathaus, den Admiralspalast, die Gassen im Scheunenviertel, den Hermannplatz oberhalb und unterhalb. Der alte Filmpalast Delphi, da wurden die Innendrehs auf dem Dancefloor des „Moka Efti“ gemacht. Der „akademische Ruderclub“ am Wannsee – das ist doch heute das Literarische Colloquium! Und auch all die typischen Berliner Mietskasernen, Hinterhöfe, die Gründerjahr-Villen, das Straßenpflaster ist uns vertraut. Auf diesem Pflaster klacken unsere Absätze, hier atmen wir die Berliner Luft, jeden Tag. Nur den Potsdamer Platz mit dem Café Josty, den gibt´s so nicht mehr. Und statt zu Aschinger gehen die Leute heute zu Vapiano, wenn´s viel und billig sein soll. Auch heute können sich nur wenige auserwählte so feines Essen wie im exklusiven Club „Moka Efti“ leisten – was wäre heute das Pendant zu diesem schillernden fiktiven Club, der sowohl Tanzhalle, Jazzclub, Edel-Bordell, und in den höheren Etagen Gourmet-Restaurant und BDSM-Studio, sowie Luxus-Apartments für Mafia-Größen enthält? Das „Moka Efti“ ist das Berliner Nachtleben unter einem Dach. Gäbe es so einen Club heute, statt viele Orte verstreut über die ganze Stadt, es wäre das Berghain, mit eingebautem Nobelhart&Schmutzig und dem Insomnia in 3 Etagen unter der Erde. Wo seid ihr, Immobilienhaie aus aller Welt? Wäre das nicht das passende Projekt für die Kurfürstenstraße, damit in der Gegend zwischen Kudamm und Kleistpark endlich nachts die Lichter angehen?

Die schillernden Sumpfblüten, die Berlin so prächtig blühen: Travestie, Transgender. Grandezza einer Theater-Allure, überdreht, mitunter selbstironisch. Ehemals verstörte Landflüchtige, Zugezogene aus der Provinz, die sich sehr schnell an den zackigen Rhythmus gewöhnen – oder untergehen. Obdachlose mit Schneid, Suchtkranke mit Sekretärin. Sexuelle Freiheiten, weil die Eltern weit weg sind und die Kirchen hier mehr Dekoration als Institution. Klüngelnde Polizei, die sich untereinander deckt und die eine oder andere Amtsüberschreitung vertuscht. Revolutionäre Jugend, die nichts zu verlieren hat – außer ihrer Revolution. Die russische Mafia sondiert die Lage – Berlin, das Tor Westeuropas zum Osten, war immer Teil russischer Machtstrategien. Bordellwirtinnen mit besten Beziehungen zur Sittenpolizei. Barmädchen, Nackttänzerinnen. Der Prototyp des Proletenmädchens, das sich als Gelegenheitsprostituierte durchschlägt. Dies trifft die Tatsachen viel genauer als der moderne Euphemismus „Hobbyhuren“ – denn ein Hobby, das kann man sich leisten, dafür nimmt man kein Geld.

Schillernde Sumpfblüten

 

Nachtleben BerlinHätte es damals den Begriff Escort schon gegeben, er wäre hätte treffender nicht sein können. Die typischen Berliner Huren waren und sind, als Escorts, nicht, wie in anderen berühmten Rotlicht-Vierteln in Hamburg oder New Orleans: Milieu-Erscheinungen.

Berliner Escort Girls sind vielmehr Chamäleons, Verwandlungskünstlerinnen. Tagsüber arbeiten sie, sowohl aus Notwendigkeit, als auch aus Ambition, in den ehrenwertesten Tätigkeiten. So wie die Charlotte im Film sich von der Gelegenheits-Stenotypistin hocharbeitet zur Karriere als Kriminalpolizistin, sind es heut die Studentinnen, Lohnarbeiterinnen, Dienstleisterinnen und sogar Karriere-Frauen, die sich Abends in so ganz besonders feine Damen mit Smokey Eyes und Highheels verwandeln. Kein Wunder, dass der Lebensstil der Kreativen in Berlin so massenhaft vorkommt wie nirgendwo sonst. Erwachsene Menschen, die in WGs in Kreuzberg wohnen, oder ernsthaft über Hausbesetzungen nachdenken – natürlich nicht den Plan, den Keller des besetzten Hauses in eine ausgefallene Nachtbar umzuwandeln. Oder erotisches Theater zu spielen. Wann eröffnet das erste Varieté-Theater in Berlin, in dem echte Escorts auf der Bühne stehen? Oh, aber vielleicht weiß ich da ja mehr als Sie…

Ja, die Künstler, natürlich die Künstler! Was wäre Berlin, was wäre Babylon Berlin ohne sie?

Der Titelsong von Johnny Klimek & Tom Tykwer ist ein Ohrwurm. Musik von Jazzbigband bis zum Leierkastenmann. Es gibt glamouröse Burlesque, Tänzer, einen Gastauftritt von Brian Ferry. Auch Chanson-Star Tim Fischer hat seinen Auftritt. Er spielt – wen überrascht ´s? Eine Travestie-Diva mit rollemden R. Also sich selbst.

Auch die Prostituierten sind mitunter echt: weil für den Film echte Dominas gesucht wurden, fuhr das Casting-Team zum Studio Lux nach Tempelhof – wohin sonst?

Und wählte u.a. Lady Juliette:

Nachtleben Berlin

 

 

 

Natürlich eine Hetäre!

 

 

 

 

 

Und wer ist diese bezaubernde Burlesque-Tänzerin im Bananen-Röckchen à la Joséphine Baker?

 

Nachtleben Berlin

…ist das nicht unsere Thaïs?

Über 5.000 Komparsen hat Regisseur Tom Tykwer rekrutiert. Dabei begab er sich auch in die Kunst- und Halbweltszene, die das Berliner Nachtleben so reich macht. Die zahlreichen Originale dieser Szenen musste er nur aufgabeln und eine Kamera auf sie richten – ganz organisch fügen sie sich in die Welt des Films ein. Als ob dieser Film mehr ist als nur eine deutsche Fernsehserie, sondern ein Spiegel, ein Seismograph eines Zeitgeistes, der in Berlin nie ganz vorbei war, und aus den schäbigen Fabrikruinen und illegalen Clubs der Jahrtausendwende auftaucht wie ein Golem auf Koks: die 20er Jahre! Das falsch-goldene Jahrzehnt, der Tanz auf dem Vulkan. Die Zeit nach dem großen Krieg, die Party nach dem Weltuntergang. So war es gestern, so ist es heute. Gerade jetzt, in 2015, 2016, 2017, den Millennium-Teens, hat er Konjunktur – wahrscheinlich wird es auch Millenium-20er Jahre geben, die so wild und haltlos werden wie diese Zeit. Und es ist mehr als verspielte Liebhaberei von Retro-Charme. Die 20er Jahre sind uns näher als die Wirtschaftswunderjahre oder die 68er. Auch die 80er sind uns fremd, das ist nicht mehr unser Leben, hat nichts mit uns zu tun. Die 1920er aber, die soziale Situation, die psychologische Verfasstheit dieser Menschen ist uns zutiefst vertraut: es ist unsere eigene. „Lass uns ewig sein“, heißt es im herrlich sentimentalen Refrain des Titelsongs, und trotzig: „Zu Asche, zu Staub – doch noch nicht jetzt!“

Diese Serie unbedingt sehenswert. Oder, wie das höchste Kompliment des Berliners lautet, ein seltener Ausbruch, nur in Zuständen höchster Emphase und Ergriffenheit: Da kann man nicht meckern.

Sie ist eben nicht das, was deutsches Fernsehen seinen Gebührenzahlern normalerweise vorsetzt. Mit über 40 Millionen gefördert, wird die Liebe zum Detail endlich bezahlbar. So etwas geht sonst nur in Hollywood. Kein Wunder, dass neben der Presse auch das Publikum hin und weg ist: über eine Million Zuschauer haben die Serie bereits auf Sky gesehen. Sie noch nicht?

Sehen Sie Babylon Berlin, ob sofort gegen kleines Geld oder nächstes Jahr im Free-TV, das liegt bei Ihnen. Laden Sie Ihre Freunde zur Videonacht mit Bouletten, Wodka und Champagner ein.

Wenn Sie es aber wirklich erleben wollen, das Lebensgefühl im fiktiven „Moka Efti“, dann wissen Sie ja, wen Sie da fragen.

Man sieht sich!

 

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2 Comments

  1. ทางเข้า sbo

    Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! 🙂

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  2. Wilfried

    Schön geschrieben und so wahrhaftig. Ich könnte süchtig werden.

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