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Das ist ja Kunst!

Das Nobelhart&Schmutzig ist gut.

 

Es gibt ja viele adäquate Restaurants für den stilbewussten Berlinbesucher. Die meisten sind in Mitte oder Neukölln, bestehen aus ehemaligen Friseurläden oder Fabrikhallen, sind ausgestattet mit Waschbeton, moderner Kunst und durchdachten Lichtkonzepten. Die Waschräume sind eine Mischung aus Boudoir, Raumschiff Enterprise und Zen-Kloster. Die Karten sind kurz und erlesen, die Weinkarten umso länger, das Publikum aus dem oberen rechten Sinusmillieu – also politisch eher links, vom Lifestyle her aber mehr so posh. Die Belegschaft spricht ausschließlich Englisch und lässt sich beim Kochen in der Showküche gern zusehen, und dabei haben sie entweder Kokainzäpfchen im Po oder einfach eine gute Zeit. Wir kennen das und lieben das und fühlen uns vorerst sehr wohl damit, solange vom Shiitake-Pilz-Eis bis zum Design-Tresen alles neu und chic ist.

Und doch gibt es einen Laden, wo das Essen wirklich so sehr beeindruckt, dass man das ganze coole Ambiente einfach vergisst. Dabei ist das Konzept von Billy Wagner und Micha Schäfer im Nobelhart&Schmutzig gewagter und radikaler als irgendwo in der ohnehin nicht gerade konservativen Berliner Food-Szene. Hier gibt es eben nur Sachen, die es hier gibt. Hier. In der Region und im erweiterten Umfeld. Ohne Flugreisen oder lange Autofahrten zu erreichen. Inklusive der vorzüglichen Weine, die von Billy Wagner kongenial aufgespürt werden. Keine Kompromisse werden gemacht mit scheinbar selbstverständlichen Accessoires wie Pfeffer oder Südfrüchten. Es gibt auch keine Skulpturen aus möglichst unwahrscheinlich komponierten Ingredienzen auf den Tellern, bei denen man sich fragt, ob man das Gericht wirklich aufessen darf oder ob es noch einen Termin hat bei der Documenta. Mit langen Namen, die die Kellner dann auswendig lernen müssen. Stattdessen heißt es berlinerisch-knapp: Kohl/Quark/Meerrettich. Oder: Kartoffel/Blutwurst/Senf. Ganz ohne poetisch sein zu wollen, überhaupt etwas anderes zu wollen als Dinge beim Namen zu nennen – und gerade dies macht neugierig. Schärft die Konzentration. Auf einen Geschmackseindruck, der einem Trip gleichkommt. Was schmeckt da so intensiv und so unfassbar komplex und befriedigend? Oh mein Gott: Ich wusste nicht, dass ich Rotkohl so liebe! Und Kürbis! Und Kartoffeln! Und der Wein dazu… höre ich Streicher? Irgendwie erinnert das alles auch an Kindheit in einer idealisierten Form und man möchte beim Kauen fast anfangen zu weinen. Ungläubig schaut man sich die routiniert arbeitenden Leute in der Showküche an. Was haben die mit diesen einfachsten Gerichten gemacht, dass sie einen so umhauen? Das Brot, die Butter. Essentiell und doch so ausgefuchst! Sowas kann ich ja zu Hause auch mal machen, denkt manch einer. Ähnlich wie der Betrachter von abstrakter Malerei oder der Leichtigkeit von Ballett-Tänzern. Und das Kunstwerk spricht stumm: Kannst du nicht.