Die Diskussion um die Staatssekretärin Sawsan Chebli beweist: Komplimente sind eine vertrackte Sache. Sie können entzücken, trösten, den Tag retten, aber sie können auch auch skeptisch machen oder gar heimtückisch verwunden. Nietzsche schrieb sinngemäß, gegen Kritik könne man sich zur Wehr setzen, aber gegen Lob sei man machtlos. Und oft lässt ein gut gemeintes Kompliment tiefer blicken als jeder verbale Angriff. Beides sagt weniger über den aus, der damit gemeint ist, als über den, der sie macht.

So, wie wenn ein jovialer Senior aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft oder Politik öffentlich darüber staunt, wie schön die junge Frau Vorgesetzte doch sei. Dann ist das Geschrei natürlich groß. Als käme es ihm zu, sie zu bewerten! Und gar nach ihrem Äußeren!

Liebe Geschlechtsgenossinnen, die ihr euch in Hosenanzügen an den Fleischtöpfen der Macht drängelt: behandelt eure Gegner mit Charme, behaltet dabei Anmut und Würde. Euer Feind ist in dieser Welt jeder, der euren Platz will – und nicht „die Männer“. Klar bestehen die Klüngel derjenigen, die ihre Macht behalten wollen, aus alten weißen Herren. Klar sollte man als Frau für die Frauenquote sein. Doch beim Kampf um Macht und Einfluss geht es doch nicht um das Geschlecht – jeder kämpft gegen jeden, auch die Geschlechter untereinander. Männer schonen sich gegenseitig auch nicht, sie jammern nur weniger offen, finden es weniger bemerkenswert. Wenn nicht genügend Platz für alle da ist, ist jedes Mittel recht: selbstredend auch Sexismus, Rassismus, Mobbing und Rufmord. Die Frau, die glaubt, ihr Feind sei der Penis, missversteht die brutalen Mechanismen der Macht, in denen Männer sich seit Jahrtausenden gegeneinander behaupten müssen. Und es ist doch nicht so, dass Frauen sich gegenseitig beim gesellschaftlichen Aufstieg besonders helfen würden. Ich würde sogar behaupten:

Der größte Feind jeder Feministin ist die andere Feministin – und das ganz ohne Komplimente.

 

Darum: Seien wir doch nicht so unversöhnlich zu den Männern. Lassen wir sie doch! Das ist doch kein Anlass mehr zum #aufschrei. Immerhin ist es doch besser, wenn Männer ihre Bewunderung und heilige Scheu durch ein Kompliment zum Ausdruck bringen als durch einen Griff zwischen unsere Schenkel.

Hand auf´s Herz, Frauen: wer von euch ist nicht viel lieber eine Frau als ein Mann? Jovialität und Altherrenwitz ist längst keine entspannte Macho-Masche mehr. Es ist die letzte Bastion. Die Rolle des Mentors, Lehrers und väterlichen Freundes ist zu komfortabel, um darauf zu verzichten. Was sollte Mann ohne sie tun? Wer wäre er noch? Angesichts geballter Kompetenz, die dann auch noch so schön ist…

…wie soll Mann denn da zurecht kommen mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit auf ganzer Linie?

 

Wenn Bewunderung und Anbetung nicht erlaubt ist, bleibt angesichts der Überlegenheit nur Hass und Angst. Gleichberechtigung aber, Gleichheit, Augenhöhe kann es nicht geben, wenn den armen Männern bewusst wird, dass sie ihren Mangel an Schönheit nicht mal mehr durch innere Werte kompensieren können. So lautet der rührendste, der ehrlichste Kommentar zum Gastbeitrag von  #Ferda Ataman über das Thema #chebli bei Spiegel Online:

„Wie du´s machst, isses falsch! Sagt einer nichts, hat er kein Feeling für die Belange der Frau, macht er ein Kompliment, dann ist er ein Sexist… Das nächste Mal werde ich eine Frau, wenn ich auf die Welt komme.“

Die Frau ist auf dem Siegeszug – und der Frauenhass überall auf der Welt ist nur der verzweifelte Reflex einer untergehenden Macht, die keine innere Berechtigung mehr hat. Und die Menschen, die zufällig in die Rolle des Mannes geboren und dazu erzogen worden? Die Männer sind nicht zu beneiden.

 

#metoo

 

Auch mir sind Komplimente von Männern gemacht worden, als ich mich noch täglich in den hehren Sphären der Wissenschaft bewegte. In der Universität, in der Männerdomäne Philosophie – ich habe damit gespielt, versucht, schlagfertig zu sein. Doch was tun, wenn man so einen Körper dauernd mit sich herumschleppt, dessen weibliche Formen immerzu ungewollt auffallen? Auf einem Po wie meinem kann man übrigens aus sehr gut sitzen. Und ich denke mir, dass große Brüste bei anderen ein Vorteil sind, wenn man sich an der Tischkante im Lesesaal anlehnt. Man kann das alles ja auch in weiter Kleidung verstecken und sich aus Protest hässlich machen, nicht mehr kämmen usw.

Aber mein weiblicher Körper gefällt mir selbst auch. Ich will auf Weiblichkeit nicht verzichten, um als denkender Mensch ernst genommen zu werden. Meine Schönheit, oder was andere dafür halten, wird schon von alleine nachlassen, wenn ich alt werde. Und bis dahin möchte ich sie nutzen.

 

 Escort als gesellschaftliches Phänomen

 

Die Lösung war für mich tatsächlich Prostitution: endlich wusste ich, wozu mir selbst mein Körper dienen kann, und zwar ganz bewusst. Vorbei die Zeit, als aus meiner Kontemplation in geistigen Sphären, über das Wahre und Gute herausgerissen wurde durch einen Kommentar über mein Gesicht oder meine Figur. Das fühlte sich unangenehm an, als müsste man die ganze Zeit, während man denkt, auch sich selbst denken – sich sich selbst beim Denken vorstellen, den Körper als Gefäß der Gedanken. Doch jeder Denker weiß, dass da ein Widerspruch ist. Die Gedanken spiegeln sich nicht im Körper dessen, der sie denkt. Man sieht es eben dem Hintern und den Brüsten nicht an, ob jemand in höheren Sphären schwebt oder eine komplizierte Rechenoperation löst. Der Körper ist ein solcher Gegensatz zur Intellektualität, wie die Natur ein Gegensatz zum abstrakten Denken des Menschen ist.

Und dann auch noch so klug

Der Körper ist ein Gegensatz zur Intellektualität

Einem konzentriert kontemplierenden Geistesarbeiter zu sagen, er hätte einen Krümel am Mund, oder er hätte einen hübschen Popo, ist ein heimtückischer Anschlag. Wie ein gestelltes Bein für einen Sprinter. Frauen in geistigen Berufen müssen leben mit solchen Stolperfallen. Manche sind es irgendwann Leid – vor allem, wenn die Bezahlung für ihre Leistungen schlecht ist. Dann fragt man sich, warum das Honorar für einen Vortrag oder auch eine künstlerische Arbeit, die wochenlange Vorbereitungszeit kostet, nur ein Bruchteil ist von dem, was Kunden bereit sind für eine Nacht mit einer Prostituierten auszugeben.

Genau das ist der Grund, warum immer mehr emanzipierte Frauen sich für eine Karriere als Prostituierte entscheiden.

 

Es ist kein Wunder, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, dass Frauen heute, nachdem sie ihr unentrinnbares Schicksal als Sexobjekt begriffen haben, die Konsequenzen ziehen. Escort zu werden hat nichts mehr mit Machtlosigkeit zu tun, sondern mit einem emanzipatorischen Pragmatismus. Allein bei Hetaera Berlin bekommen wir bis zu 10 neue Bewerberinnen pro Woche. Und wer weiß, wie viele Studentinnen, junge Wissenschaftlerinnen und freie Kulturschaffende als Escort Berlin unsicher machen.

Wie aufregend anders ist es, mit seinen Formen aufzufallen, wenn man es darauf anlegt – und ein Honorar dafür festsetzt. Das macht den Körper zu einem Instrument, das ich kühl einsetzen kann, ohne mich innerlich betroffen zu fühlen. Ich bewege meinen Körper wie einen verführerischen Köder durch die Empfangshallen von Luxushotels und steuere auf mein Ziel, einen Mann, zu, der sich nur zu gern von mir überwältigen lässt. Es macht uns beiden Spaß. Und Sexismus ist in diesem Rollenspiel faktisch nicht möglich.

In diesem Job gibt es auch keine Gender-Paygap…

 

 

Ich bekomme jetzt ganz neue Komplimente.

 

Jetzt heißt es nicht „Und dann sind Sie auch noch so schön“, sondern „Und dann bist du auch noch so klug! So historisch gebildet! Und wer ist übrigens diese Olympe de Gouge, die kannte ich gar nicht?“

 

 

2 Comments

  1. Georg Schuhbaur

    Ich bin der Meinung, dass sich alle Menschen nett kleiden und hübsch machen, um zuallererst den Anderen zu gefallen. Dies trifft überwiegend auf Frauen zu. Wobei Frauen die größten Kritiker der Frauen sind. Wenn eine Frau sagt, dass sie sich für sich selbst hübsch macht, warum liegt sie dann überwiegend in einem labbrigen T-Shirt und Jogginghose, ohne Kayal, ohne Lippenstift und aufgeklebte Wimpern auf der Couch, wenn sie es sich eines Abends nur mal bequem machen will? Oder warum mur eine Jeans und Pulli, wenn sie bei der besten Freundin geht um ein bisschen zu reden? Jedem Mann gefallen neue Frauen, wohl jeder Frau nette Männer. Das ist Evolution und Biologie und Psychologie. Alles natürlich! Und ist ein Heiratsantrag nicht auch einfach ein Lob, dass der Partner die Eigenschaften hat, die man gut und nett findet.

    Nach allem was ich von Fr. Chebli weiß, stehen ihre fachlichen Leistungen hinter ihrem Aussehen zurück. Ob da die Doppel-Quote nachgeholfen hat? Und um kein falsches Lob zu machen… Schönheit ist Geschmacksache. Mein Geschmack sind Frauen wie Fr. Chebli nicht.

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  2. Salomé

    Lieber Georg,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Über die fachlichen Leistungen von Frau Chebli kann ich nichts sagen, nur, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand „nur wegen der Quote“ einen Posten wie den der Staatssekretären bekommt. Also bitte, keine Häme, auch wenn Frau Chebli nicht ihr Typ ist – Sie stehen wohl mehr auf blond? 😉

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