Der Fetisch-Charakter der Ware, oder: Die Kameliendame

Alphonsine Plessis, oder Comtesse Mariette Duplessis war das luxuriöseste VIP Escort, lange, bevor es diesen Begriff gab

VIP High Class Escort

Isabelle Huppert im Film „Die Kameliendame“ von Mauro Bolognini

 

Paris betrat sie zuerst als schmächtige 15-Jährige mit großen, verschreckten Augen. Geboren 1824 in einem kleinen Dorf in der Normandie. Sie war bitterarm. Das Kind arbeitete bereits, erst als Dienstmädchen in einem Wirtshaus, dann in einer Fabrik für Regenschirme. Sie schlug sich durch in der Großstadt, als Weißwäscherin und Näherin, bis der erste Vertreter jener Sorte Leute sie sah, von denen ihr ganzes Leben in Zukunft bestimmt sein sollte: ein steinreicher Bourgeois der High Society, ein Kaufmann – ihr Entdecker. Eine kleine Wohnung wurde eingerichtet, ein fester Ort für Dates, um sie jederzeit zu besuchen und sich an ihr zu erfreuen. Diskretion spielte damals durchaus eine Rolle – aber nicht in Kreisen, wo die Herren unter sich waren: Er vermittelt sie an seine Freunde, und diese wieder sorgen für weitere Vermittlung – so fängt es an.

La Dame aux Camélias

La Dame aux Camélias, Ballett von John Neumeier

Innerhalb kurzer Zeit wird aus der kleinen Landflüchtigen eine der begehrtesten High-Class-Kurtisanen von Paris. Ganz ohne die heutigen Institutionen von Escort-Service oder Agentur. Sie lernt Lesen, nimmt Klavierunterricht, nutzt die Hilfe Männer, die mit ihr schlafen, um sich Bildung zu verschaffen. Sie ändert auch ihren Namen: aus Alphonsine Plessis wird Marie Duplessis – die Kameliendame. Im Roman von Alexandre Dumas dem Jüngeren heißt sie Marguerite Gautier. In der berühmten Oper von Verdi heißt sie Violetta Valéry.

 

High life mit melancholischem Touch

Marie ist das Sexsymbol nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts, ein role model der Romantik: elegisch, zerbrechlich, zart und blass auch Dank der obligatorischen Modekrankheit der Schwindsucht, mit den poetischsten dunklen Augen und Locken, dem Hang zur romantischen Liebe, zur Passion für die Treue zum wahren Geliebten und der Bereitschaft zum Selbstopfer, die die Damen der viktorianischen Epoche nötig hatten.

Die delikate Mischung aus erotischem Reiz und heiliger Selbstlosigkeit teilt die Kameliendame mit den Figuren ihrer Epoche, wie sie besonders gern vom klassischen Ballett verewigt wurden: Giselle, Odette-Odile, la Sylphide… ein anachronistisches Idol, das schon von Flaubert karikiert wurde, als er die „Madame Bovary“ in ihrer Hoffnungslosigkeit überdeutlich zeichnete, eine Dame ganz á la mode, die von dem Opfertod für den Geliebten träumt (der sie undankbarer Weise sitzen lässt), dann aber aus schnöden Geldnöten den Tod vorzieht.

Dumas gehörte zu ihren Liebhabern, auch Franz Liszt, Théophile Gautier und Jules Janin – die VIP ´s der Pariser Kulturszene. Marie Duplessis wird bewundert für ihre Anmut, ihren feinen Takt. Niemand, der ihr zum ersten Mal begegnete, sei auf den Gedanken gekommen, dass sie so etwas wie ein Escort war. Das Escort Marie verstand sich auch auf Selbstironie, z.B. Umgang mit ihren Lieblingsblumen, den Kamelien: An 25 Abenden im Monat trug sie weiße Kamelien, an den übrigen Abenden, wenn sie ihre Periode hatte, rote Blüten im Haar oder an ihrem Kleid. Sie war ein Star unter den Escorts ihrer Zeit, ein wahrhaftiges VIP-High-Class-Escort, ohne dass eines der Wörter in diesem Begriff ein Euphemismus wäre.

 

High Class, aber noch lange nicht Teil der Klasse

 

Doch im Januar 1846 heiratete Marie heimlich den 29-jährigen Grafen Eduard de Perregeaux, Sohn des französischen Grafen und Politikers Alphonse Perregaux, in London. Kurz nach der Hochzeit kehrt sie zurück nach Paris – allein. Marie litt an Tuberkulose und war bereits schwer krank. Trotzdem wurde ihr Leben nun wilder und ausgelassener als je zuvor. Ein knappes Jahr später, am 3. Februar 1847, starb sie in ihrer Wohnung am Boulevard de la Madeleine Nummer 11. Sie wurde nur 23 Jahre alt. Soweit die historischen Fakten.

Ein Escort, eine achtbare Dame der Halbwelt, will aus Liebe zu einem Mann ein bürgerliches Leben mit ihm führen. Doch Damen „mit Vergangenheit“ haben kein Recht darauf, jemals als akzeptabler Teil der Gesellschaft zu gelten, ebenso wenig ihre Angehörigen. Eine Liebesheirat würde für das Paar ein Elend bedeuten, dass Marie wieder in die Sphäre drängt, zu der sie nicht mehr gehören wollte. Sie hat keine Wahl. Marie Duplessis wird das Opfer einer Männergesellschaft, deren Doppelmoral den Verkehr mit VIP-Escorts für sich beansprucht, für die Ehe aber lediglich Damen „ohne Vergangenheit“ akzeptiert. Welcher Mann diese Regel bricht, ist ruiniert. Vor diesem Schicksal möchte die Kurtisane den einzigen Mann, der sie je wirklich liebte, bewahren und verlässt ihn, indem sie vorgaukelt, ihn nie geliebt zu haben. Quelle tragédie!

Zurück in Paris und ihrem Leben als Escort aber gilt Marguerite durch die lange Beziehung zu Armand als sentimental, mithin als abgeschrieben. Sie erliegt ihrer Krankheit in Armut und Verlassenheit. Ein Tod allerdings, dem auch eine noch so unsentimental-geschäftstüchtige Kurtisane schwer entgehen konnte.

 

VIP-Escort als Spekutlationsobjekt

 

VIP High Class Escort

Isabelle Huppert im Film von Mauro Bolognini

Selbst das exklusivste VIP-High-Class-Escort sollte nicht einen Augenblick glauben, dass die Reichtümer und Ehrentitel, die sie mit ihrer Kunst erwirbt, wirklich ihr gehören. Ein VIP-Escort ist nichts ohne die Männer, und die Männer wissen es. Das Escort-Model ist das Spekulationsobjekt der Männerwelt, die ihr saisonales Lieblingsspielzeug mit kostbaren Attributen schmückt, deren Glanz auf die Erfolgreichsten des männlichen Geschlechts abstrahlt. Ein High-Class-Escort, so wählerisch und stolz sie sein mag, ist nichts ohne die Männer, und die Männer wissen es. Sie sind solidarisch: einer garniert die schöne Frau mit seinem ganzen Vermögen, bis er sich zurückziehen mag, um den nächsten seiner Gattung die Früchte dieser Großzügigkeit genießen zu lassen: seidene Laken, kostspielige Dessous, ein lauschiges Landgut… alles Dinge, die der Liebe nützen, die das Liebesleben schöner machen, Investitionen in ein Spekulationsobjekt, an dessen Wert man sich seine Aktie verdient. Ein VIP-High-Class-Escort ist das Produkt reicher Männer, und sie schätzen sie nicht anders als ein kleines Unternehmen, das sie gesellschafterisch unterhalten. Die Männer achten sich gegenseitig für den Verkehr mit einem VIP-Escort, insofern es nur wirklich zur Elite gehört, und vor allem insofern ein jeder sich auch an dem Geschäft der Wertsteigerung beteiligt. Wer aber echte Liebe hegt, nicht für ein Escort-Model, sondern für das menschliche Wesen dieses Models interessiert, das diese Liebe eventuell sogar erwidert, der wird ausgestoßen: denn er hat die Preise verdorben, hat das Escort sentimental gemach.

 

Der Fetisch-Charakter der Ware aus Sicht einer Escort-Dame

 

Die Herren wissen, dass sich das gemeinschaftliche Unternehmen stets auszahlt: ist ein ehemaliges High-Class-Escort nicht mehr en vogue, sei es nun, weil sie krank, gealtert oder sentimental ist, muss sie für den Luxus zahlen. Sie muss all die Kostbarkeiten, die sie zu besitzen wähnte, abzahlen. Die Gesetze des Kurtisanenlebens verlangen, dass diese Frauen sich ständig verschulden, immer mehr Geld ausgeben, als sie verdienen. Ihr Ansehen, ihr Preis, ihre Einkünfte steigen zwar ständig, von den ersten Nächten ihres Ruhmes angefangen. Doch ihre Ausgaben, ihre Ansprüche eilen dem stetes voraus. Vielleicht hat es mit einem geliehenen Kleid angefangen, mit auf Kredit gekaufter Wäsche. Die erfolgreiche Liebesnacht hat ausgereicht, diese Ausgaben gerade eben zu bezahlen. Doch nun naht der nächste Abend, der nächste Mann, auch diesem muss man gefallen, und zwar besser noch als dem vorigen, um besser belohnt zu werden.

Das eigene Gefühl, selbst mehr wert zu sein nach jedem Erfolg, genährt durch die Komplimente und Geschenke des Kavaliers, verlangt seine Entsprechung in neuer Garderobe, feinerer Kosmetik, einer prachtvolleren Wohnung zum Empfangen und Repräsentieren. Die Kurtisane wird von Männern ausgehalten, reich beschenkt und verwöhnt. Gleichzeitig aber häuft sie Schulden an bei Modisten, Lieferanten, Innenausstattern und Ärzten, und alle geben der Kurtisane gern Kredit. Sie hoffen bei einem Besuch in ihrem eleganten Salon mit den prächtigen Möbeln, beim Blick in ihr Boudoir voll kostbarer Seide und Juwelen, dass all dieser Luxus, all dieses Geld einst zu ihnen herüber wandert, in wenigen Jahren, wenn Charme des promisken Wesens verbraucht ist. Denn gerade dann, wenn die High-Class-Dame ahnt, dass ihr Stern verlöscht, versucht sie verzweifelt, ihre Stellung zurück zu gewinnen. Sie versucht es mit den üblichen Mitteln, mit gesteigerter Koketterie, mit öffentlichen Auftritten in neuen, rauschenden Toiletten. Wird sie krank, versucht sie der Krankheit, die sie verzehrt, zu entgehen, und häuft Schulden an bei Ärzten und Scharlatanen.

VIP Hig Class Escort

Der o.g. Film „Die Kameliendame“ orientiert sich weniger am Roman von Dumas als an der realen Vorlage

Im Kampf gegen das Unausweichliche mehren sich die Schulden der Kurtisane um ein Vielfaches. Wie oft hat sie Schulden gemacht, für Investitionen in ihre Verführungskunst, die sich dann um ein Vielfaches auszahlten! Und noch mehr Schulden beim nächsten Mal, und wieder höhere Gewinne! Doch die Rechnung geht nicht auf. Die letzten Schulden, Schwindel erregende Beträge, können nie mehr beglichen werden. Die Kurtisane ist ruiniert, am Ende, niemand macht ihr mehr ihre Aufwartung, und wenn sie ausgeht, eilt ihr eine üble Fama voraus. Eines Tages kommen doch wieder Männer in ihren Salon, doch diese Männer wollen nicht mehr den vielgeliebten Frauenkörper, sie wollen ihr Geld, das Geld, das sie noch viel mehr lieben als die Frauen. Durch Pfändungen und Versteigerungen kommt ihr geliebtes Geld zu ihnen zurück, erholter und wohlgenährter als es einst ausgeliehen wurde. Das Unternehmen hat sich ausgezahlt, das Geschäft ist abgeschlossen.