Krieg den Hütten

Krieg den Hütten

 

Einer der wirklich unschätzbaren Vorteile meines Jobs ist, dass ich so interessante Leute kennenlerne. Menschen, die ich sonst nie und nimmer treffen würde. Schon gar nicht in solchen Situationen…

 

There was a boy…

Da war so ein junger Mann. Jung, damit meine ich: ein Mitglied meiner eigenen Generation. Nur ein paar Monate früher geboren als ich. Das selbe Land, die selbe Zeit. Der Unterschied: ich bin Sexarbeiterin, er kann sich Sexarbeit leisten. Die Machtverteilung ist klar. Oder nicht?

Man könnte es doch auch so sehen: ich bekomme Geld für Sex, während er für Sex bezahlen muss. Ich habe die Macht, ihm zu geben, was er braucht. Ich brauche ihn nicht unbedingt, er ist ja nicht mein einziger Kunde. Er hat mich ausgewählt, obwohl man Dienste wie meinen auch viel günstiger haben kann, und mit mehr garantierten Serviceleistungen. Ich garantiere gar nichts: nicht mal, dass es überhaupt zu Sex kommt. Doch, eine einzige Sache garantiere ich schon: dass es zum Sex kommt weil ich es will – und nur dann. Einvernehmlichkeit. Und gerade bei jungen Kunden mache ich mir da gewisse Sorgen: sind die nicht nur auf sich selbst fixiert? Haben die überhaupt genug Erfahrung, um sich auch für die Lust der Frau zu interessieren, die so viel interessanter ist als ihre eigene, männliche? Wissen junge Männer überhaupt, wie schön der Körper einer jungen Frau ist? Nicht umsonst schätze ich Männer über 50, auch im Privatleben. Ich strebe nicht nach knackigen Bodys, ich möchte Lebenserfahrung und versierte Technik.

Aber ein ganzes Wochenende in St. Moritz? Es war einfach zu lukrativ!

Außerdem war ich neugierig, warum so ein junger Mann Kunde wird. Findet er in dem Alter denn keine Gratis-One-Night-Stands? Er war durchschnittlich gutaussehend. Und reich! Da musste es doch jede Menge Ehe-Anwärterinnen geben, die sich richtig reinknieten um für ihn die romantische Liebe zu performen?

 

Aber genau daran lag es. An seiner Angst, Frauen würden ihm etwas vormachen, um an sein Geld zu kommen. Das zog ihn paradoxer Weise zum Paysex, zu einer Frau also, der es aus ganz prinzipiellen Gründen um sein Geld ging, und die er genau dafür bezahlte, dass sie ihm etwas vormachte. Zumindest stellte er sich das so vor. Dieses Verhältnis hatte für ihn den Vorzug der Klarheit, ein beruhigendes Gefühl von Kontrolle. Er will keine falschen Erwartungen wecken. Eine gute Freundin für ein Wochenende auf eine Reise einzuladen, die er nicht liebt, sondern nur nett ficken will, das ginge halt nicht. Nicht in der ländlichen Gegend bei Hannover, wo er herkam. Und ein Tinder-Date schon gar nicht, da wäre er um seine Sicherheit besorgt, falls sie den berühmten Namen seiner Familie (den ich noch nie gehört hatte) erführe… Escort ist die Lösung. Und finanziell täten im vier-fünftausend Euro zusätzlich für ein Wochenende nicht weh.

 

Woher er so viel Geld hatte? Es war Geld der Eltern. Die hatte dafür aber hart gearbeitet, wie er sich beeilte mir zu erklären, obwohl ich gar nichts erwidert hatte, härter als andere, und überhaupt, warum man sich in Deutschland immer für seinen Erfolg rechtfertigen müsse? Die erste Million ist immer die schwerste, sagte ich. Er verstand den Witz nicht. Ich richtete mich in einer lakonischen Stimmung ein, während die Landschaft draußen bergiger zu wurde, je weiter wir uns entfernten vom Züricher Flughafen, wo er mich abgeholt hatte mit einem Mietwagen, irgend so ein flaches Matchbox-Ding.

Friedrich Merz im  Larvenstadium

Er hatte wenig erlebt, aber zu allem eine Meinung. Unterwegs redet wir über sein Lieblingsthema, Reichtum und Erfolg. Meine Firma Hetaera imponierte ihm, mein Unternehmergeist als Selfmade-Muschi. Er wollte mich mit einer ihm bekannten Holding in Irland verbinden. Irland, das Steuerparadies, so niedrige Unternehmenssteuer! Ich erklärte ihm, dass ich keine Unternehmenssteuern sparen müsste. Weil Hetaera nicht kommerziell ist. Weil ich nichts damit verdiene, absichtlich nicht. Wenn meine Kolleginnen über unsere Website einen Kunden bekommen, will ich keine Provision. Ich lebe genau wie meine Kolleginnen dort nur von meinen eigenen Dates, nicht von denen der anderen.

Er war fassungslos. Dass könne ich doch nicht machen! Das sei doch das völlig falsche Signal. Wenn du nichts kostest, bist du nichts wert.

Er gab mir einen Crash-Kurs im Reichwerden – völlig gratis, übrigens. Mit dem Reichwerden sei es ganz einfach: man müsse nur immer mehr einnehmen als ausgeben. Wobei er sich jetzt nicht nur wegen ein paar Millionen pro Jahr nicht gleich als „reich“ bezeichnen würde. Als wohlhabend, vielleicht, als Leistungsträger. Das größte Problem: der Neid. Deutschland, sagte er verschwörerisch, ist fast ein sozialistisches Regime! Beispiel Erbschaftssteuer. Warum wolle der Staat ihm wegnehmen, was seine Eltern ein Leben lang hart für ihn erarbeitet hatten? Das Geld sei doch schon versteuert! Warum sollte er es jetzt nochmal versteuern? Es fühle sich für ihn so an, als neidete ihm der Staat die Liebe seiner Eltern. Aber zum Glück hätten seine Eltern sich etwas einfallen lassen, ein Modell mit einem Anwalt, hier in der Schweiz.

 

Was er mal werden wollte? Er sei derzeit in einer Orientierungsphase. Studieren? Höchstens Wirtschaft, aber da sei er doch eh allen überlegen, mit dem, was er von zu Hause mitbrachte. Warum sollte er sich einem Professor unterordnen, der noch nie selbst ein Unternehmen geführt hatte, sondern sich vom Staat aushalten ließ? Auch die Wehrpflicht habe er abgelehnt, weil er vor keinem sadistischen Loser im Dreck liegen wollte, zusammen mit menschlichem Müll aus dem Bodensatz der Gesellschaft. Aber ebenso wenig wollte er Zivildienst machen wie ein Linker. Also habe er sich ein Attest besorgt, über einen Arzt, einen Freund seines Vaters. Er fand es im Nachhinein nur noch schlimm, dass er sich überhaupt die Mühe machen musste, nur weil der Staat ihn gängeln wollte wie einen Strafgefangen. Und das, sagte er, sei es auch eigentlich, was ihn interessiere. Staat und Gesellschaft. Politik. Zum Beispiel: Wie könne ein Staat den besseren Teil seiner Bürger zwingen, sich von den schlechteren ausbeuten zu lassen? Harz-4-Empfänger seien doch tatsächlich entweder dumm, faul oder einfach überflüssig, sie nützten die Leistung von Leuten wie ihm, bzw. seinen Eltern, aus. Meinungsstärke – das sei eine seiner Qualitäten. Er sei kein Ignorant, der anderen die Entscheidung überlassen wollte, wie er lebt.

Er sah zu mir herüber. Feierlich erklärte er: Du bist die Erste, der ich es sage, aber ich kann mir eine Karriere in der Politik vorstellen.

Das hier war ein Lehrbeispiel, das, was uns vielleicht alle erwartet, gewissermaßen im Larvenstadium: Leute ohne jede soziale Kompetenz, die es in die Politik zieht.

War seine Meinungsstärke etwas Authentisches, oder gab er doch nur die Meinung seiner Eltern wieder? Eine müßige Frage. Er war hermetisch isoliert in seiner Welt, unfähig, sie in der Außenansicht zu betrachten. Das machte ihn so rührend zutraulich. Er war ganz ohne Arg: er wiederholte unzensiert, was seine Eltern wohl nur im engsten Familienkreis aussprachen, niemals jedoch öffentlich. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es nötig sein könnte, gewisse Überzeugungen unausgesprochen zu lassen. So wie diese hier:

„Es sind die Armen, die sich rechtfertigen müssen, nicht die Reichen. Wer reich ist, ist das ganz bestimmt nicht aus Blödheit.“

Ich dachte, hört, hört. So reden die also über uns. Uns Nicht-Millionäre. Unter sich, wenn sie glauben, dass nichts nach außen dringt. Und in diesem Moment war mir klar, dass ich es aufschreiben musste. Und jetzt erfährt es durch mich die WELT!

Man beachte: das alles hörte ich mir an in einem rasenden Sportwagen auf einem einsamen Alpenpass im Engadin, bereits jenseits der Baumgrenze. Hätte er das alles in einem Berliner Taxi erzählt, wäre ich wahrscheinlich ausgestiegen. Mit der vollen Solidarität des Taxifahrers. Aber hier mitten im Hochgebirge das Date abbrechen? Es wurde dunkel, es war weit und breit kein anderes Auto auf der Straße. Der Flughafen Zürich über zwei Stunden entfernt. Sollte ich mich hier an den Straßenrand stellen und ein Taxi rufen? Die Taxifahrt nach Zürich hätte mich mehr als die gesamte Anzahlung gekostet, ganz zu schweigen von der Umbuchung Rückflugs oder einem Hotelzimmer dort. Und dann der Verdienstausfall… das wollte ich ihm nicht gönnen. Dafür hatte ich eine bessere Idee: ich könnte doch hier endlich Mal von meinem Recht auf Sexverweigerung Gebrauch machen. Stichwort Einvernehmlichkeit. Leistung muss sich lohnen!

Das sexuelle Elend, auf höchstem finanziellen Niveau

Am ersten Abend hielt ich es durch. In der Nacht spürte ich an der Vibration der Matratze, dass er heimlich onanierte, anstatt mich zu seiner Befriedigung aufzuwecken. Na also! Ich stellte mich weiter schlafend.

Doch am nächsten Tag stand ein Ausflug auf dem Programm. Wir wollen nach Davos, wegen dem Zauberberg. Doch der schicke Rennwagen erwies sich als unzulänglich für das Hochgebirge, wir gerieten in einen Schneesturm, der völlig unvermittelt losbrach. Der Wagen geriet ins Schlingern. Die Wut und Entschlossenheit meines Kunden führten nur dazu, dass das jämmerlich heulende Gefährt mit durchdrehenden Rädern gefährlich nahe an den Abgrund rutschte. Hilfe rufen ging nicht, wir hatten kein Netz. Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf den Schneepflug zu warten, der, hoffentlich, irgendwann kommen würde. Direkt unter meinem Fenster gähnte die Schlucht, soweit ich das in dem Schneetreiben erkennen konnte. Die Schneewehen fegten die Straße entlang, die in den wenigen Minuten schon völlig zugeschneit war. Ich trug Sandalen. Im Radio gab es nur einen einzigen Sender, auf Räteromanisch. Was machte ich hier? Was war mit meinem Leben passiert? Ich bekam außergewöhnlich schlechte Laune. Und plötzlich Mitleid mit ihm: er hat sich das Wochenende mit einer Luxuskurtisane sicher auch anders vorgestellt. Irgendwann schaltete er die Scheibenwischer aus. Eine blauweiße Schicht verdunkelte das Wageninnere. Seine Hand näherte sich meinem Schenkel – doch er griff nur nach der Wasserflasche. Vielleicht hatte er mein Zucken bemerkt, er lächelte verlegen. Und plötzlich fing er an zu erzählen, aber anders als am Vortag. Der Reichtum seiner Eltern… seine ganze Kindheit verbrachte er in Angst vor einer Entführung. Er sei bis heute übervorsichtig, bis zum Verfolgungswahn. Er meide Menschenansammlungen. Sorglos feiern auf öffentlichen Partys – ausgeschlossen. Alle seine Bekanntschaften stammten noch aus der Schulzeit. Einfach so auf Leute zugegen, das konnte er nicht. Er gestand mir, dass er noch Jungfrau war, und wie sehr er darunter litt. Ich sollte ihn also entjungfern!

Mitleid siegt. Als die Lichter des Schneepfluges auftauchten, hatte ich den Entschluss gefasst, mich seiner zu erbarmen, nach einem heißen Bad und einer Flasche Chateau Margaux in dem herrlichen Hotelzimmer.

Aber er konnte es nicht, konnte es einfach nicht – obwohl sein ganzer Körper zitterte vor Sehnsucht. Er war zu schwach, schlicht unfähig zu der üblichen Stoßbewegung des Beckens. Etwas von dem ich angenommen hatte, es gehöre zu den angeborenen Fähigkeiten jedes Mannes. Doch wie es trainieren, wenn man immer nur die Hand benutzt? Oh junge Elite, du bist lendenschwach! Er griff dann eben zur gewohnten Methode, bei der ich ihm zur Hand ging. Er weinte. Kein Mitleid mit den Reichen?

Am nächsten Morgen beim Frühstück, mit Blick auf winterlich verschneite Berge, war er wieder guter Dinge. In aufgeräumter Stimmung schlürfte er seinen Earl Grey Tea und sein Œuf Bénédicte, und fragte, ob es mir hier nicht auch gefalle? Ob ich nicht gern öfter mit ihm hier wäre? Oder an anderen Orten wie diesem? Er mache ja fast jedes Wochenende Ferien, und er schätze meine Begleitung durchaus. Er machte er mir ein korrumpierendes Angebot: viertausend Euro – so viel wolle er mir monatlich geben, wenn er mich exklusiv haben könnte. Jedes Wochenende, oder jedes zweite. Voraussetzung: Ich müsste mit meinem Job als Escort aufhören. Viertausend Euro täten ihm, wie gesagt, nicht weh, und für mich wäre das doch ziemlich viel Geld? Und – er dachte laut – wenn er mich mehr als zwei Nächte im Monat hätte, wäre es für ihn sogar billiger!

 

Ich habe sein Angebot abgelehnt.

 

 

Schmutziger Sex und intellektuelle Sauerei

Schmutziger Sex und intellektuelle Sauerei

 

In der „Sternstunde Philosophie“ verteidige ich mein Recht, Sex zu verkaufen.

 

 

Nein, wie war das nett, wie war das interessant! Meine erste Talkshow! Ich war eingeladen in die Edel-TV-Sendung „Sternstunde Philosophie“. Wie wunderbar, so viel Aufmerksamkeit, und welche Ehre! Eine Hure in einer Talkshow mit Philosophen, und mit der renommierten Psychologin Sandra Konrad, wie aufregend! Das Thema war, natürlich, Prostitution: Soll man Sex kaufen dürfen? Denn in der Schweiz überlegt man derzeit, das zu verbieten.

Die ganz Talkshow auf YouTube >

Immer wenn ich im Fernsehen Talkshows sehe, frage ich mich: Was tun die Leute, die sich da streiten, hinterher, wenn die Kamera aus ist? Fallen sie übereinander her? Oder lachen sie und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, wie gut sie ihre Rollen gespielt haben, denn schließlich sind sie alle in der Unterhaltungsbranche?

 

Ich kann erzählen, was nach der Aufzeichnung meiner Talkshow passiert ist.

Anders als im Theater ändert sich das Licht nicht, man merkt nicht gleich, dass die Kamera aus ist. Nur an dem Verhalten der Moderatorin und der Technikleute begreift man, dass jetzt wohl Schluss ist. Das war es also schon? Ich fragte mich bange, wie ich wohl aussah, denn vor der Kamera sieht der Mensch immer drei Mal dicker aus und irgendwie verzerrt, meine Eitelkeit machte mir zu schaffen. Und vor allem analysierte ich, was ich so für Fehler gemacht hatte, die nun nicht mehr zu korrigieren waren. Doch die Entspannung, die nach so einer öffentlichen Diskussion eintrat, tat ihre Wirkung. Die Diskussion war hitzig gewesen, aber jetzt? Jetzt konnte man ja reden! Wir verstanden uns blendend, gingen gemeinsam Essen – bis auf die Dame von der Fraueninitiative, die gegen den Straßenstrich in der schönen, sauberen Stadt Zürich kämpft. Sie sah mich tieftraurig an, und musste dann dringend gehen. Vielleicht hasst sie mich. Aber davon abgesehen waren alle nett zu mir. Sogar mit Sandra Konrad schloss ich spontan Freundschaft. Ja, Frau Konrad, die meinen Beruf gern abgeschafft sehen will, weil er angeblich unmittelbar zu psychischen Störungen führt. Ich war Objekt ihrer besorgten Zuwendung. In ihren Augen befand ich mich noch mitten in der Phase der Leugnung und Abspaltung. Konrad geht, wie viele Psychologen, von den Prostituierten aus, die bei ihr in der Praxis landen, und zieht daraus ihre Schlüsse. Klar, denn wo sonst trifft sie in ihrer Welt schon jemanden mit diesem Beruf, außer auf ihrer Couch? Sie stellte mir beim Essen alle möglichen, auch delikaten Fragen, die ich ihr genüsslich beantwortete. Frau Konrad wollte den Abend nicht vergehen lassen, ohne zumindest versucht zu haben mich zu retten.

 

Dabei waren wir uns in der Sendung auf Anhieb unsympathisch. Sandra Konrad war als meine direkte Gegenspielerin eingeladen. Ihre pathetisch-unheilschwangere Sprechweise ging mir auf den Keks, genauso wie ich ihr wahrscheinlich mit meiner Zappeligkeit.

 

Für alle Fälle hatte man aber noch zwei zwei echte Philosophen eingeladen. Der besonnene Professor Schaber, und Dominique Kuenzle, erklärter Feminist, der trotzdem Ärger mit seinen Studentinnen bekam – weil er ein Mann war, und in seiner Position doch besser eine Frau sein sollte. Der Arme!

Philosophen sind Leute, denen zu jedem Thema etwas einfällt. Sogar zum Sexkaufverbot fällt solchen Leuten etwas ein – Gründe dagegen, und Gründe dafür. Alles rein theoretisch selbstverständlich, denn wer würde den ehrenwerten Herren unterstellen, sie hätten mit Sexkauf auch nur im Entferntesten etwas zu tun?

 

Mir fällt mein größter Fehler des Abends ein: nicht vehement zu widersprechen, als man mich als Philosophin vorstellte. Ich habe Philosophie studiert, ja, und einen Abschluss habe ich auch – wenn auch bestimmt nur, weil mein Professor eine Heidenangst vor mir hatte seit meinem Titten-Attentat, das ich mir im Rahmen eines Referats im Adorno-Seminar geleistet hatte: drei Sekunden die nackten Brüste gezeigt, und fortan immer nur Note 1, bis zum Ende des Studiums. Das allein machte mich doch aber nicht zur Philosophin! Auch die anderen hier waren keine Philosophen, es waren Philosophieprofessoren. Ich würde übrigens auch nicht sagen, dass ich Hure bin – ich mache das halt manchmal, neben vielen anderen Beschäftigungen. Aber das ist ja das Elend der Philosophie, diese Definitionen! Es interessiert die Philosophen nicht, was man tut, sondern nur das Sein. Als ob es „das“ Sein gäbe! Wenn diese Begriffe nicht wären, könnte es auch solche Formulierungen wie „eine Hure ist eine Frau, die sich verkauft“, nicht geben – sie würden im spöttischen Gelächter untergehen. So, als hätte jemand gesagt, „ein Philosoph, dass ist einer, der seinen Verstand verkauft.“ Der Sex, der muss heilig und rein sein, aber beim Denken gestatten sich diese Gelehrten die größten Sauereien. Kategorienfehler!

 

Der Titel der Sendung – „Soll man Sex kaufen dürfen?“ enthielt schon das ganze geistige Elend. Der Spießbürger erschaudert vor der Unzumutbarkeit, in einer Ökonomie des warenförmigen Austausches zu existieren, in der alles, was Menschen tun, zur Ware werden kann und zur Ware wird. Dass dieser Umstand nie ein Problem ist, außer wenn Sex dabei eine Rolle spielt, verweist den Diskurs in den Biedermeier.

 

Wäre eine Welt ohne Prostitution eine bessere Welt? Sollen gesetzliche Verbote erlassen werden, weil so viele Menschen ein Problem mit der Freiheit einiger weniger haben? So viele Menschen, denen nicht nach freiem Meinungsstreit der Sinn steht, sondern nach Unterdrückung des Anderen, Auslöschung, Korrektur, aus den Augen, aus dem Sinn? Vulgärer Utilitarismus als philosophisches Programm. Ein Abgrund! Es herrschte die Tendenz. Unausgesprochene Ressentiments – oder würden Sie es etwa begrüßen, wenn Ihre eigene Tochter Prostituierte wäre? Oder ihr Sohn? Ja, was ist das denn für eine Frage, selbstverständlich nicht! Überhaupt, kann jemand überhaupt etwas freiwillig wollen, was wir alle, Sie doch auch, selbstverständlich, ablehnen? Was, Frau Balthus? Sie wollen doch nur wieder provozieren. Warum machen Sie das?

 

 

 

Schrecklich nett

 

 

Alle meinten es gut mit mir, alle wollten das Beste für mich. Am besten natürlich in einer besseren Welt, ohne Prostitution. Wie nett.

 

Aber es war nicht nett.

Ich merke, dass mir die Worte fehlen. Es schnürt mir die Luft ab. Es ist schon so weit, dass es sogar schwierig geworden ist, es zu beschreiben, was diese Talkshow eigentlich bedeutete. Was das, trotz der Höflichkeit, mit der ich behandelt wurde, für eine infame Veranstaltung war. Die Sprache ist verräterisch. Bemerkt niemand die Infamie rhetorischer Fragen wie: Kann man da wirklich von Freiwilligkeit sprechen? Da liegt etwas in der Atmosphäre, ungreifbar, aber bedrohlich, und vielleicht verstehen Sie, warum ich während der ganzen Sendung so zappelig war, und warum ich das ganze Glas Wein austrinken musste, während die anderen ihre Gläser kaum anrührten. Die anderen spürten es nicht, ich aber schon, denn für mich ging es nicht um irgendeine feuilletonistische Denkspielerei, es ging um meine Existenz. Da durfte ich mit fünf Experten diskutieren, ob es mich geben darf. Meine Freiheit stand zur Debatte. Nicht die der anderen.

 

Von mir aus darf man Prostitution unmoralisch und verwerflich finden. Man darf auch bestrebt sein, durch Kritik an ihr darauf hinzuwirken, dass kein Mann mehr Lust hat eine Hure zu bezahlen, und keine Frau mehr Lust hat Hure zu sein – viel Erfolg! Aber es besteht ein Unterschied zwischen moralischer Verurteilung und dem juristischen Verbot. Denn letzteres tötet nicht nur jede inhaltliche Auseinandersetzung, es führt zu dem Gewöhnungseffekt, mittels der Staatsgewalt alle Widersprüche und Reibungsflächen in den Untergrund zu verdammen. Wer bestimmt die moralischen Maßstäbe, wer entscheidet, an welches Ideal sich alle anzupassen haben? Das ist der Weg zum Tugendterror einer Wohlstandsklasse. Ich sage das in der Talkshow auch: es geht mir nicht nur um meinen Beruf, es geht mir um die freiheitliche Gesellschaftsordnung. Will denn niemand sehen, wie gefährlich diese Sucht nach Verboten ist? Dass sie nichts anderes vorbereitet als Hass, den Hass der Kontrollfanatiker, die ihre Bevormundung bis in unser Privatestes treiben, und als nächstes vielleicht die Freiheit der Philosophie, oder der Wissenschaft angreifen?

Doch ich konnte in der Runde nicht überzeugen. Statt sich mit mir zu solidarisieren taten die drei, als ginge sie die Sache nichts an, als sprächen wir wirklich nur über moralische Probleme der Sexarbeit.

 

Es ist vorteilhaft für das Denktraining, am Rand der Gesellschaft zu stehen. Wer im Mainstream stets unhinterfragt sein Leben lebt, spürt nie, wie kostbar Toleranz ist.

Doch ich bin halt eine schlechte Philosophin: Ich sprach über Rechts- und Staatsphilosophie, während die anderen doch auf Moralphilosophie aus waren. Ich dachte an gefährdete Bürgerrechte, die Denker waren bewegt von der Reinhaltung der Seele.

 

Natürlich waren sie alle, die Guten, gegen Stigmatisierung. Stigmatisierung gehört sich einfach nicht im linken Medien-Mainstream. Doch wer gegen Stigmatisierung von Sexarbeitern ist, muss auch dafür sein, dass Sexarbeit ausgeführt wird. Und dafür, dass diese Arbeit bezahlt werden darf. Also gegen ein Sexkaufverbot. Zumindest Herr Schaber näherte sich mir an, weil ihm als denkendem Menschen auffiel, dass das Verbot der Inanspruchnahme einer sexuellen Dienstleistung ja unweigerlich auch die stigmatisiert, die diese verbotene Früchte feilbieten. Und da traute selbst Sandra Konrad sich nicht mehr, ihre Forderung nach dem Verbot, das sie in ihrem neuen Buch „Das beherrschte Geschlecht“ propagiert, zu wiederholen. Ein Erfolg. Immerhin.

 

 

 

Hose runter!

 

 

Frau Konrad und ich blieben im Restaurant noch länger sitzen als die anderen. Auch sie beschäftigte diese Frage, was sich ändert, wenn die Kamera aus ist. Jetzt können Sie es doch sagen… Sie haben doch nicht die Wahrheit gesagt über ihren Beruf. Sie haben doch immer nur das Positive erwähnt. Seien Sie doch ehrlich, Sie würden doch auch am liebsten damit aufhören?

– Die Aufforderung also, die Hosen runter zu lassen.

 

Wenn jemand in den YouTube-Kommentaren mutmaßt, ich wäre gehirngewaschen und ferngesteuert, und vor dem Studio würde wohl mein Zuhälter auf mich warten – geschenkt. Man weiß ja, was zu halten hat von Leuten, die so viel Freizeit haben dergleichen zu schreiben. Aber das hier war eine Intellektuelle. Eine Wissenschaftlerin, die ihren frei gewählten Beruf der liberalen Gesellschaft verdankt, genau wie ich. Und die immer noch nicht verstand, dass sie auch ihre eigene Freiheit in Gefahr bringt, wenn sie mir meine abspricht.

 

Ich musste lachen. Warum, wenn ich an meiner Arbeit so leiden würde, sollte ich mich in eine Talkshow setzen, mich öffentlich als Hure outen und meine Biographie für immer damit prägen? Mir selbst jeden Weg zurück abschneiden? Wissen Sie eigentlich, wie überzeugt man von sich und seinem Tun sein muss, um den Gegenwind auszuhalten, den ich aushalte? Um sich diesem immensen Anpassungsdruck nicht zu beugen? Das schafft man nur mit echtem Enthusiasmus. Sie als Psychologin müssen das doch begreifen.

 

Das musste sie wohl – und auch ohne meinen Enthusiasmus in die Schublade des verzückten Wahnsinns zu stecken. Zu unterstellen, ich wäre debil, das wagte Frau Konrad dann doch nicht.

 

Indes, an ihren Vorbehalten änderte das nicht das Geringste:

 

Es mag ja sein, gab sie zu. Aber das ist nicht der Normalfall. Frauen wie du sind nicht der Normalfall.

Du bist eine riesen Ausnahme, wahrscheinlich bist du sogar ein Einzelfall. Du bist das falsche Beispiel. Diese Ausnahme-Prostituierten, die in Talkshows eingeladen werden, sind das falsche Beispiel.

Die Medien fragen immer die falschen. Immer wieder finden die willige Propagandistinnen des Patriarchats, die sich auf Kosten – ja, auf Kosten! – von Millionen von Frauen weltweit ein schönes Leben machen. Und darum ist es nicht zu viel verlangt, wenn du dir einfach einen anderen Beruf suchst, denn nur deinetwegen sollten nicht tausende und abertausende von Frauen und Mädchen leiden müssen. Bei uns hier im Westen leiden müssen, diese Menschen aus armen Ländern. Nicht bei uns!

 

Das sagte Frau Konrad so nicht. Ich vermische das mit den unzähligen Kommentaren im Netz.

Aber zumindest fast so sagte sie es: Zugunsten der überwältigenden Mehrheit solltest Du mit deinem Job aufhören, auch wenn er dir Spaß macht. Du kannst dir doch auch eine andere Arbeit suchen.

 

Und damit war es Sandra Konrad, die hier die Hose runter ließ.

 

PS: So sah meine Kollegin Kristina Marlen die Sendung: https://www.facebook.com/notes/kristina-marlen/fck-ich-bin-ein-gespenst-selbstgespr%C3%A4ch-einer-sexuell-selbstbestimmten-frau/1893846987331149/

Feuchte Träume der Retterlesben

Feuchte Träume der Retterlesben

Du kriegst mich nicht!

 

Gunhild Mewes, radikale Frauenschützerin, will mich als Opfer sehen – oder als Zuhälterlobbyistin, die sie bekämpft – sogar mit rechtlichen Schritten. Wer Männer hasst, hasst heimlich auch selbstbewusste Frauen

 

Man hat mich also angezeigt. Wegen Verbreitung pornografischer Schriften.

So ein Schreck, als ich den Brief vom LKA im Briefkasten fand. Meine erste Strafanzeige! Was hatte ich getan? War mit „Schriften“ etwa diese Kolumne gemeint? Oder doch meine Website, wo ich doch so aufgepasst hatte dass jugendschutztechnisch alles korrekt ist? Mir war gar nicht klar, dass Pornografie ein Straftatbestand ist? Ich lebe in einer Stadt, wo es so etwas wie die Pornceptual gibt, und in der die SPD sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob man „feministische Pornografie“ staatlich subventionieren sollte. Von der Allgegenwart von Pornos im Netz ganz zu schweigen. Vor allem: wer könnte mich angezeigt haben? Wer ist mir so feindlich gesinnt, dass er mich juristisch verfolgt? Die AfD, dachte ich sofort! Das musste ja ein Nachspiel haben, mein Text über das Date mit der AfD-Lesbierin. Oder kam es doch aus der linken Ecke, via Sahra Wagenknecht? Oder vielleicht irgendetwas Banales, ein abgelehnter Kunde, der sich rächen will? Oder eine Ehefrau? Oder Jakob Augstein? Nein, denn den hatte ich in dem einen Text über Weinstein und MeToo doch nicht mal namentlich erwähnt, das wäre ja dumm.

Mir war klar, dass ich nicht viele Freunde habe, und nicht jeder mich sympathisch findet. Aber richtige Feinde? Ein Feind, was ist das überhaupt? Das ist ja nicht nur einfach jemand, der anderer Meinung ist. Ich bin da sehr wählerisch, was Feinde angeht. Ein Feind, dass muss schon jemand sein, der mich nicht nur ablehnt, sondern auch aktiv bekämpft. Mit einer Anzeige, beispielsweise.

Zum Anwalt, Akteneinsicht beantragt.

Es war eine gewisse Gunhild Mewes. Wer ist das nun wieder? Ich musste sie erst googeln, dann erinnerte ich mich: Gunhild kämpft gegen die Vergewaltigungskultur, und das ist ihn ihren Augen auch die Prostitutionslobby, und ich eine der berühmtesten Vertreterinnen. Wenn es Leute wie mich nicht gäbe, wäre die Welt eine bessere. Ich sah Gunhild zum ersten Mal bewusst auf einer Veranstaltung eines Vereins namens Terre des Femmes. Der Titel: „Für eine Welt ohne Prostitution“. Klar, dass ich da hin musste. Ich muss mich schließlich informieren darüber, was andere Leute so denken, die meine Existenz vernichten wollen. Vielleicht haben sie ja gute Gründe, wer weiß? Ich war dort verabredet mit ein paar Kolleginnen vom Berufsverband Sexarbeit (https://berufsverband-sexarbeit.de/), die ein bisschen für ihre Grundreche demonstrierten. Wir hatten ein Transparent, trugen unsere schickste Arbeitskleidung und waren sarkastisch-vergnügt. Da näherte sich uns ein gedrungenes Wesen… eine ältliche Matrone mit Bürstenhaarschnitt und entschlossenem Gesicht. Sie sprach mich mit meinem nom de guerre an – ich fühlte mich spontan wie ein Star! Allerdings war Gunhild nicht gerade mein Fan.

 

Gunhild interessiert sich angelegentlich für die Opfer von sexueller Gewalt. Sie hat eine Organisation, die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ (IFGBS), die sich zur Aufgabe gemacht hat, den Rechtsstaat zu korrigieren, ihn unaufgefordert zu berichtigen. Das deutsche Rechtssystem ist in ihren Augen unfähig – oder unwillig –, Vergewaltiger angemessen zu bestrafen. Dazu gehören Prozessbeobachtung, Kontaktaufnahme zu den Opfern, und man sucht auch die Zusammenarbeit mit Therapeuten. Fühlt das Opfer sich gerecht behandelt? Wurde es im Prozess von den Männern fertig gemacht, als Täterin hingestellt? Hat der Richter etwa einen Deal mit dem Strafverteidiger? Geilen Sie sich an der Hilflosigkeit des Opfers auf? Missbrauchen Sie das Opfer während der Zeugenbefragung? Alles denkbar für die Kämpferinnen gegen die Vergewaltigungskultur. Eine Verschwörung der Männer, die von Natur aus alle Vergewaltiger sind, weil Sex eigentlich immer Gewalt ist, von Vergewaltigung eh kaum zu unterscheiden. Weil Frauen selbst wenn sie Ja sagen nicht wirklich Ja meinen. Weil sie von unserer Kultur darauf abgerichtet sind, Männerwünsche zu erfüllen – so weit zum Weltbild von Gunhild Mewes.

Klar, Pornografie bestätigt diese Sichtweise. Wenn man sie nicht als das sieht, was sie ist – mehr oder weniger ästhetische surrealistische Kunst – sondern sie gewissermaßen wörtlich nimmt. Glaubt, dass Menschen, die sich Gangbangpornos anschauen, dann losgehen um Frauen in echt zu vergewaltigen. Gunhild glaubt, dass so etwas dauernd passiert. Gunhild wohnt in Schwaben – da kenne ich mich nicht aus.

 

 

  1, 2, Polizei

 

Trotzdem musste Gunhild Mewes lange suchen, bis sie etwas fand, das ihr für eine Anzeige geeignet schien. Die Bilder auf meiner Website fallen nämlich nicht unter die juristische Definition von Pornografie, weil eben kein Geschlechtsakt dargestellt wird. Obwohl sie, etymologisch gesehen, genau das sind: „Pornografie“, ein Lehnwort aus dem Griechischen, aus pórnē, Hure, und gráphein, Schreiben. Also Schriften von und über Huren. Laut Wikipedia ist der einzige Beleg für den Gebrauch dieses Begriffs in der Antike eine Stelle bei Athenaios, wo von einem Pornográphos die Rede ist, worunter ein Autor einer Biografie einer berühmten Hetäre verstanden wird, oder einer, der die Hetäre malt. Das ist meine Website nun allerdings, und mein großartiger Fotograf kommt sogar von der Malerei, sieht durch seine Kamera mit dem Blick eines Künstlers. Das reicht nur leider auch in unseren modernen, prüden Zeiten nicht für eine Strafanzeige. Auf Twitter, Facebook und Instagram sorgt die Ami-Zensur ohnehin für Sittlichkeit, und ich muss mich dran halten, weil ich diese Netzwerke brauche. Das, was Gunhild Mewes über mich finden konnte – nachdem sie sämtliche Fotos und Posts und sonstige Regungen im Netz argwöhnisch verfolgt hatte – war mein privater Blog auf tumblr. Jugendgeschützt, nirgends öffentlich beworben, nicht bei Google indexiert und nur für Leute einsehbar, die selbst einen Erwachsenen-Account auf dieser Plattform haben. So einen muss sich Gunhild Mewes also zugelegt haben, um sich meine kleine, erlesene Pornosammlung anzusehen. Man stelle sich das vor: die Leiterin einer Organisation für Vergewaltigungsopfer studiert wochenlang meine Nacktfotos etc., durchforstet alle meine sozialen Netzwerke, findet irgendwo einen Hinweis auf tumblr (in grauer Schrift auf grauem Grund ganz klein, ganz hinten) legt sich dort einen Account an, der auch als anstößig markierte Inhalte zulässt – und schaut sich meine Hentai-Pornos an. Sie muss sich sehr gründlich damit beschäftigt haben. Denn als sie mir in Neukölln begegnete, wusste sie alles auswendig, sie konnte mich direkt auf bestimmte Bilder ansprechen, mich zur Rede stellen. Das wäre ja ganz schlimm was da mit Kindern gemacht wird. Ich wusste erst gar nicht, was sie meinte. Welche Kinder? Und welches Pferd?! Ich ließ sie einfach stehen. In der Veranstaltung dann wurde ich vom Podium herab beschimpft, ich sein persönlich mit Schuld an jedem als Zwangsprostituierte versklavten Mädchen. Geht´s vielleicht ne Nummer kleiner?

Wegen Gunhild mussten sich nun zwei Staatsanwaltschaften und ein Polizei-Oberkommissar auf tumblr begeben, um herauszufinden, um welche Inhalte es sich auf meinem jugendgeschützten Blog überhaupt handelte. Manga-Comics, Filmchen von Meow! Project und Filmausschnitte aus Pretty Baby (Louis Malle) oder My little princess (Eva Ionesco) – morbider Kitsch, wie ich ihn liebe, gemischt mit Holzschnitten von Hokusai und heiteren Tierfilmen – natürlich nur als Comics, Erotiken des Surrealismus. Diese seien vor allem künstlerisch und nur teilweise pornografisch, auf jeden Fall jedoch keine illegale Pornografie. Zumal nicht nachweisbar war, dass der Account jemals ohne Jugendschutz war – zum Zeitpunkt der Anzeige war er es laut Protokoll jedenfalls nicht. Das Verfahren wurde eingestellt. Liebe Leser, nun wissen Sie wenigstens, dass Ihre Steuergelder gut angelegt sind.

 

 

Feuchte Träume der Retterlesben

 

 

Die Hure hat also Recht bekommen, die juristische Männerverschwörung hat zugeschlagen. Dabei sollte ich doch wissen, dass auch ich Opfer bin. Und Frauen wie Gunhild mich am liebsten retten wollen, mich an ihren heroischen mütterlichen Busen drücken, die verlorene Tochter. Ich bin als Prostituierte eine systematisch Vergewaltigte und Missbrauchte. Selbst wenn ich mich als Zuhälterin und Lobbyprostituierte auf die Seite des Bösen geschlagen habe. Auch wenn mein sündhaft teures Luxus-Geschlechtsteil nicht dauerpenetriert wird. Ich müsste es nur zugeben. Ich müsste nur bei der IFGBSG an die Tür klopfen, mit Tränen in den Augen und zerrissenen Strümpfen, und heulen, ihr habt ja Recht! Es ist Vergewaltigung, nichts anderes, und ich habe mich all die Jahre selbst angeboten zum Vergewaltigt-werden! Und die Männer haben mir das alles angetan, die Männer sind an allem schuld! In der Organisation von Gunhild Mewes gibt doch Beratungsgruppen, denen ich mich anvertrauen kann. Hier wird dir geglaubt, hier kannst du alles sagen, alles, los, sag es! Wie war es für dich? Was haben die Schweine mit dir gemacht, wie oft, wie lange, wie hat sich das angefühlt? Männer sind so widerlich! Komm zu uns, hier hast du es besser… ich bin Expertin für gutes Kopfkino, ich wüsste schon, wie ich die anwesenden Retterlesben unterhalte mit detailverliebter Angst-Lust, mit fein moralisch verbrämten Vergewaltigungsphantasien. Das Erbauliche an Vergewaltigungsphantasien ist ja, dass frau selbst nicht mit ihrer prüden Kinderstube brechen muss, der Genuss ist ohne Schuld und ohne Reue. Natürlich finden wir das alles ganz widerlich, aber wir wollen es trotzdem immer wieder hören, das darf nicht der allein Justiz überlassen bleiben! Du weißt gar nicht, was für dich gut ist, du musst das erst langsam lernen. Wir, von der IFGBSG wir haben Geduld mit dir, komm, wir halten uns jetzt an den Händen… Ich werde auf den Prozess vorbereitet. Erst die Untersuchung bei der Ärztin ihres Vertrauens – eine Frau, selbstverständlich, nur nicht wieder einer von diesen Männern!, das psychologische Gutachten einer Spezialistin, ohne Approbation, aber mit ganz viel Einfühlungsvermögen. Und zwischendurch viele Gespräche über das Erlebte, und was es mit mir macht. Das meiste habe ich sicher verdrängt. Das Verdrängte wieder hochzuholen aus dem Unterbewusstsein, all die ekligen Details, dafür haben sie so ihre Methoden. Sie sind dabei ganz bei mir, halten mich bei den Flashbacks, die mich überfallen. Dann die Hauptverhandlung, wo es dazu kommen muss, dass ich vom bösen Herrn Verteidiger fertig gemacht werde, ein zweites Mal Opfer, die Vergewaltigung meiner intimsten Gefühle durch die Staats-Sex-Gewalt. Hinterher die betroffene Fragerunde, wie war das für dich? Willst du mit uns kämpfen? Deine Geschichte, erzähl sie uns immer wieder! – der feuchte Traum der Abolitionistinnen, in dem ich für immer und ewig vergewaltigt werde.

 

Frauen gegen Frauen

 

 

Was, wenn ich Gunhild Mewes erzählen würde von den Freuden eines guten, intensiven One-Night-Stands, von dem herrlich erschöpften Gefühl wenn im Taxi noch der Beckenboden pocht, und ich sehe die Lichter Berlins vorbeiziehen und mein Dauergrinsen im Glas des Autofensters, denn ich bin dafür auch noch gut bezahlt worden? Der Genuss, begehrt zu sein, die Melange aus Unterwerfung und Eitelkeit, Demut und Exzentrik, und Rausch und Triumph – die Macht der Verführung, die begehrte Frauen und feminine Männer, und alle Künstler kennen. Und selbst, wenn das Erlebnis nicht so berauschend war, bleibt doch immer noch der weibliche Stolz, der Stolz der siegreichen Verführerin. Und auf die eigene Unabhängigkeit. Es ist genau dieser Stolz, die schamlose laszive Weiblichkeit, vor der alle die Angst haben, die Frauen lieber als Opfer sehen wollen. Lässt das nicht tief blicken? Steckt in diesem Opferbild nicht mehr Verachtung und Machtanspruch als in jedem schlüpfrigen Herrenwitz? Wie viel mehr fürchte ich den Neid der Frauen, als die Geilheit eines Mannes. Der Hass von Frauen auf andere Frauen ist der Misogynie von Männern durchaus ebenbürtig. Die tausendjährige Unterdrückung der Frau wäre nicht möglich ohne die Zustimmung der Frauen selbst, der Hälfte der Menschheit. Und sie tun es nicht notgedrungen wegen der Männer und widerstrebend, sondern mit Eifer und Fleiß, leidenschaftlich und pflichtversessen: Mütter sind es, die ihre Töchter und Söhne ungleich behandeln. Mütter und Erzieherinnen sind es, die Mädchen die Scham anerziehen. Frauen sind es, die hämisch über gefallene Mädchen herfallen, sie schlimmer noch als jeder Mann brandmarken und ächten. Frauen waren es im alten China, die ihren kleinen Töchtern den Mittelfuß brachen und einschnürten, damit Jahre später die Schwiegermutter in spe prüfend den Kleidersaum anheben sollte – und wehe, die Goldlilienfüßchen waren nicht winzig genug. Frauen sind es heute in afrikanischen Staaten, die das mörderische Geschäft der Mädchenbeschneidung aufrecht erhalten. Auf dass die Tochter nicht eine Lust empfinde, die der Mutter verwehrt ist. Immer wieder waren und sind es (meist ältere, weniger sinnliche) Frauen, die anderen (meist jüngeren, sinnlicheren) Frauen sagen, wie sie Frau sein sollen. Die Rolle der Gouvernante, der Oberin, der Kalfaktor, der Kapo – die wäre wohl deinem Geschmack, Gunhild, mich vor mir selbst und meiner Verderbtheit zu schützen?

 

Aber du kriegst mich nicht.

Mich kriegt ihr nicht!