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Wenn ich mich in diesen langen Nächten nach dem Vögeln spät auf den Heimweg mache, habe ich sie ganz für mich, die festlich geschmückte Stadt. Vom Taxi aus bewundere ich den Ku´Damm mit seinen blühenden Lichterbäumen und dem großen kitschigen Weihnachtsbaum. Und da ist ja auch das KaDeWe, mit seinen phantastischen Schaufenstern! Und all die Werbeplakate für wohltätige Spenden! Und wenn es dann auch noch sachte schneit… Hach, Weihnachten! Das große Almosenfest, Fest des guten Herzens und schlechten Gewissens. Vergeblich kämpfe ich dagegen an, auch eine Hure wird sentimental, wenn es-weihnachtet-sehr. Und ich denke daran, was mir im vorigen Jahr zur Weihnachtszeit hier am KaDeWe geschah. An ihn. Ob er wohl dieses Weihnachten immer noch dort ist, wo ich ihn hingebracht habe: im Gefängnis?

 

Es waren seine Zähne, die mich misstrauisch machten. Elendszähne, kein schöner Anblick. So sieht kein reicher Mann aus. Er war ziemlich jung. Keine Vierzig. Blass, schlaksig. Und diese Trainingsjacke im Dezember! Das sollte mein Sugardaddy sein?

Sugardaddys, Apanache-Verhältnisse, bezahlte Arrangements: Online-Dating-Portale verkaufen gleich mehrere Illusionen: den einen den perfekten Mäzen, den man sich aus dem Katalog gut aussehender Angeber aussuchen kann. Den anderen devote Traumfrauen, die alles tun würden für ein bisschen Taschengeld oder auch nur ein schönes Dinner und ein paar Drinks. In Zeiten, in denen Männer meinen es sei Emanzipation, getrennte Rechnungen zu verlangen, verschieben sich Grenzen.

Was man stattdessen findet: in der Damenabteilung herzlose Zockerinnen, für die Männer nichts anderes sind als sprechende Geldautomaten. Die erwarten, dass ihnen alles Glitzernde auf der Welt von Natur aus zusteht und sie aber mal gar nichts dafür tun müssten. Für solche Frauen müssen die Standard-Fragen entwickelt worden sein, mit denen dort per Klick eine Unterhaltung begonnen werden kann: „Gehst du mit mir shoppen?“, „Bist du Millionär?“ , „Würdest du mir eine Schönheits-OP bezahlen?“ In solchen Portalen tummeln sich seit dem Prostituiertenschutzgesetz auch zunehmend Profis und Gelegenheitsprostituierte, die versuchen der Registrierung zu entgehen und aus Angst vor Razzien in das Internet ausweichen. Online-Dating ist der neue Strich, und Amazon-Gutscheine eine beliebte Währung.

Auf der Herrenseite jedoch findet man statt echter Millionäre meist arme Schlucker, die mit Billig-Sonnenbrillen heimlich Selfies an anderer Leute Porsches machen, um damit Opfer für Gratis-Sexting zu ködern. Oder sogar für den ein oder anderen Kennlern-Sex. Die einen spielen den reichen Mann, die anderen einen Hauch von Verliebtheit. Beide spielen, dass sie Teil einer schöneren Welt sind. Und dass es etwas anderes wäre als Prostitution.

Ich hätte meinem Instinkt folgen sollen und auf dem Absatz kehrt machen. Schnell rein in eines der Taxis, die vor dem KaDeWe kursierten. Das KaDeWe war eh geschlossen. Von wegen verkaufsoffener Sonntag! War es nur ein Irrtum? Oder hatte er einfach dreist gelogen, ein billiger Vorwand um mich live sehen zu dürfen. Na, den Spaß hatte er jetzt gehabt. Doch nun war ich schon mal da, niedlich zurecht gemacht. Vielleicht täuschte mich mein Verdacht? Man kann ja nicht in die Menschen hinein sehen. Aber man kann sehen, ob sie zumindest Geld für ein spätes Frühstück haben. Denn darauf bestand ich. Und zwar nicht irgendwo, sondern im Romanischen Café des nahen Waldorf Astoria.

 

Woran erkennt man einen Reichen?

 

Ich möge das Waldorf? Da wohne er doch. Ein beruhigender Satz! Vielleicht war mein spontaner Eindruck falsch. Ich hatte ihm geschrieben, dass ich das Honorar zu Beginn des Dates wollte, nicht erst danach. Dass ich ein Escort bin und ihm nichts vormachen werde. Was sollte also passieren? Mich übers Ohr zu hauen brauchte er gar nicht erst zu versuchen, da gab es kein Vertun. Wer sagt, dass alle Leute mit Geld auf ihr Äußeres bedacht sind? Eitel, das sind doch nur die neureichen Poser. Vielleicht hatte er einfach einen exzentrischen Tick und Angst vorm Zahnarzt, und konnte sich leisten, so auszusehen. Hatte mir nicht mal jemand erzählt, die wirklich Reichen erkennt man an der bemerkenswert nachlässigen Kleidung, mit der sie in Luxushotels einchecken?

Im Romanischen Café lenkte ich das Gespräch geschickt auf seine Herkunft, um mich zu vergewissern, dass er wirklich kein Hochstapler war. Er sei bei seiner Mutter aufgewachsen. Von der Identität seines Vaters habe er erst vor wenigen Wochen erfahren, weil der gestorben war und ihm Geld vererbt hätte. Aha! Das erklärte natürlich alles. Herzliches Beileid, wie schrecklich. Da bist du sicher ganz durcheinander. Er war tatsächlich durcheinander, und so nervös, dass er trotz der schönen Plätze auf der runden Polsterbank kaum ruhig sitzen konnte, geschweige denn mir ins Gesicht sehen. Und doch mussten wir ja irgendetwas reden, und ich brachte ihn dazu, von seiner Kindheit zu erzählen, einer Kindheit in Armut und Tristesse… je mehr ich versuche, Anteil zu nehmen, je zugewandter und liebenswürdiger ich zu ihm war, umso verlogener kam ich mir vor. Er hielt es nicht lange durch, sprang auf, ging nach draußen, um zu rauchen, um zu telefonieren. Er kam wieder, wirkte immer noch rastlos. Ob wir nicht kurz zusammen auf die Toilette…? Als ob ich es auf Toiletten treiben würde! Schon gar nicht, wenn er doch ein Zimmer hier hatte! Von Sex war übrigens nie die Rede, der Deal war dass er mich dafür bezahlt, dass ich Zeit mit ihm verbringe, mit ihm Einkaufen, bzw. Essen gehe, und alles Weitere ergibt sich spontan. Es war sein eigener Vorschlag. Und jetzt? Jetzt hatte ich Sorge, er würde mir mein Honorar nicht geben, und sagte, ja, vielleicht würde ich das mit der Toilette mal ausprobieren, es sei ja vielleicht interessant und irgendwie dirty, aber nur, wenn er mir endlich wie versprochen mein Geschenk geben würde. Er ging ein weiteres Mal nach draußen, angeblich um das Geld zu holen, das er peinlicher Weise nicht dabei hatte. Als er wieder kam, drückte er mir verlegen einen Umschlag unter dem Tisch in die Hand. Ich solle ihn schnell wegstecken. Ich öffnete ihn in aller Ruhe und fand darin ein bisschen zerknäultes weißes Papier. Ich wurde direkt. Seit über zwei Stunden saßen wir nun schon hier, zumindest diese Zeit müsse er bezahlen! Er solle sich einen Bankschalter suchen, ich würde hier warten. Ein drittes Mal.

Er ging raus und kam nicht wieder. Jetzt wurde ich nervös. Draußen dämmerte es bereits. Die Schicht im Restaurant wechselte, der Kellner bat um eine Zwischenabrechnung. Ich nannte cool die Zimmernummer, die wir auch beim Bestellen immer angegeben hatten. Die beruhigende Zahl, der Beweis, dass der komische Vogel hier im Hotel wohnte, also in diese Welt gehörte und, wenn er mich auch versucht hatte auszutricksen, doch kein kompletter Hochstapler war.

 

Der Kellner kam zurück. Es gäbe ein kleines Problem: ein Zimmer mit dieser Nummer existiere im gesamten Hotel nicht.

Sicher nicht? – Ganz sicher.

 

Ich wurde panisch. Ich sagte, ich rufe ihn an, meinen, äh, Bekannten, er muss ja gleich zurück sein! Doch er ging nicht ran. So wie er auch auf die dutzenden Nachrichten in den letzten Minuten nicht geantwortet hatte. Ich ging auf die Toilette, um die Fassung zurück zu erlangen, und um den verächtlichen Blick der Kellner nicht ertragen zu müssen. Im Gang fiel mein Blick auf den Fahrstuhl nach unten. Einfach die Fliege machen? Nein. Hier waren doch bestimmt überall Kameras. Selbst wenn ich es unbehelligt nach draußen schaffte: am Ende würde man mich erkennen wenn ich das nächste Mal wegen eines Dates hierher kam! Man würde mich verhaften! Wohlmöglich noch vor den Augen meines nächsten Kunden! Außerdem war mein Mantel noch an der Garderobe. Es war mein bester Mantel, und draußen war es kalt.

Aber was sollte ich dem Kellner sagen? Ich konnte die Rechnung nicht bezahlen. Die Summe war ein höherer dreistelliger Betrag, allein die zwei Flaschen Champagner… Ich hatte an diesem Tag vor einem Jahr so viel Geld nicht auf dem Konto. Hätte ich es gehabt, wäre ich doch nicht so verzweifelt gewesen mich in einem Dating-Forum einzuloggen!

Jetzt konnte ich nur hoffen, dass der Typ noch nicht genug hatte vom Zeit schinden und Champagner trinken, und doch nochmal wiederkam, wo er dann statt meiner zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Und zwar von der Polizei. Damit er beim Hereinkommen keinen Verdacht schöpfte, musste ich den Mantel sichtbar an der Garderobe hängen lassen, so wie jetzt, damit er dachte, ich wäre noch da. Mein Mantel sollte der Köder sein, damit die Polizei ihn an Ort und Stelle verhaftet. Alles klar? Genauso habe ich es dem Oberkellner und dem Hotelmanager erklärt. Ob sie jetzt bitte die Polizei rufen könnten? Die beiden waren von meinem so simplen wie genialen Plan anscheinend eher verwirrt, doch die Polizei riefen sie auf jeden Fall. In den Augen des Hotelpersonals gab es zwischen diesem windigen Zechpreller und mir keinen großen Unterschied. Betrüger, wir beide. Gesindel, das nicht hier hergehörte.

 

 

Angst, Wut und Sentimentalität

 

Es ist nicht erbaulich, mit fünf Polizei-Beamten in der Lobby eines Luxushotels zu stehen. Ich musste Anzeige erstatten. Der Chat, den die Beamten auf meinem Handy lasen, wurde akzeptiert Beweis für meine Unschuld. Ich durfte gehen. Dass der Typ nochmal an den Tatort zurückkehrte, erwartete niemand.

Später am Abend meldete er sich überraschenderweise doch. Er zeigte sich höchst verwundert, dass ich einfach so abgehauen war, und erwarte mich jetzt an der Bar des Ritz Carlton. Ich wählte müde die Nummer der Polizei und schickte sie zu Ritz. Ich hatte immer noch Angst, dass man am Ende mich für die Zeche zur Rechenschaft ziehen würde.

Später die Zeugenaussage auf die Polizeidienststelle. Auf dem Foto erkannte ich ihn sofort. Die schlechten Zähne. Dieselbe Trainingsjacke. Ein echtes Verbrecherfoto. Der Kerl, informierte man mich, sei polizeilich bekannt, mehrfach verurteilt wegen Betrugs und Zechprellerei in ähnlichen Fällen. An dem Tag, als er mich traf, war er gerade aus dem Gefängnis entlassen worden! Er hatte also vom Gefängnis aus mit mir gechattet! Da sei er mittlerweile auch wieder, dank mir hatte man ihn gefasst. Und nun müsse er eine ganze Weile drinbleiben. Ein Mensch ohne Zukunft. Immer wieder hatte er Profile mit falschem Namen auf Dating-Websites erstellt und damit Frauen geködert. Und sicher waren nicht alle seine Taten zur Anzeige gebracht worden. Nicht jede Frau ruft so unerschrocken nach der Polizei wie ich. Eher schämen sich die Opfer für ihre Naivität. Zum Beispiel falls es ihm gelungen ist, sie zum Sex zu überreden, den diese armen Frauen nur in der Hoffnung auf viel Geld über sich ergehen ließen mit diesem widerwärtig ungepflegten Menschen. Wut stieg in mir auf, wenn ich daran dachte.

Dann aber, als ich durch die weihnachtlich geschmückte Stadt nach Hause fuhr, vorbei an all den Lichtern, und dem warmen Fensterschein, wurde ich sentimental. Ich dachte ich an ihn in seiner Gefängniszelle. Die Trostlosigkeit des Gefängnisses im Advent. Da kam er also her, und von da wollte er direkt ins KaDeWe! Ins vorweihnachtlich dekorierte Luxusland: alle schönen Sachen der Welt sind dort aufgehäuft, und wunderbar spiegelt sich die Pracht in den glänzenden Augen schöner Frauen…

Und jetzt war er wieder weggesperrt, ohne jede Hoffnung auf Mitleid. Das hatte ich doch nicht gewollt. Er sollte doch nur die Restaurantrechnung bezahlen! Wie hätte ich denn wissen können, dass er gleich ins Gefängnis kommt? Und nun musste er da Weihnachten verbringen, wegen mir. Hätte ich das gewusst, ich hätte niemals die Polizei gerufen. Lieber hätte ich die Zeche irgendwie abbezahlt, notfalls mit Tellerwaschen. Ich will doch nicht, dass jemand wegen meiner Blödheit und meinem Egoismus eingesperrt wird!

 

 

Gute Vorsätze

 

Aber was hatte sich dieser Amateur auch dabei gedacht? Wollte er, Mensch ohne Zukunft, einfach nur mal wieder gut essen? In weiblicher Gesellschaft? Wusste er nicht, wohin nach seiner Entlassung? War er vielleicht obdachlos, hatte keinen, wo er hinkonnte, und dachte, über den Flirt mit einer Internetbekanntschaft ließe sich irgendwie ein Schlafplatz organisieren? Spekulierend darauf, dass die Frau erst mal nicht nach Geld fragte, sei es aus Geilheit, sei es aus Erbarmen? Aber da hatte er sich wirklich die Falsche ausgesucht. Ein professionelles Escort ist so ziemlich das undankbarste Opfer für so einen Plan. Wie auch immer. Hätte er, bevor wir so teuren Champagner bestellten, die Notbremse gezogen und die Karten auf den Tisch gelegt, hätte ich ihm vielleicht sogar geholfen. Darum hier mein Rat vom Profi, an alle Hochstapler da draußen:

 

Ich bin doch im Grunde nichts anderes als ihr. Ich bin doch auch ein arbeitsscheues Reh, ein gut getarnter Schmarotzer, der vom Reichtum fremder Leute lebt. Ich gehöre genauso wenig in diese Reichen-Welt wie ihr. Mein Körper mag rein und glänzend sein wie die Weinpokale in einem Sternerestaurant, doch das ändert nichts an meinem Klassenstandpunkt. Ich bin ein Parasit, Gesindel wie ihr. Doch statt die Notlage junger Frauen auszunutzen, solltet ihr das Geld da suchen, wo es zu holen ist! Der junge Hochstapler zum Beispiel hätte vielleicht mehr Glück gehabt bei einer der alten faltigen Schachteln im Romanischen Café, die da allein mit ihren selbst bezahlten Designertaschen auf ihren ungestoßenen Geschlechtsteilen saßen. Er hat doch seinen unbedingten Willen zum Vorstoß, zu Vögeln mit der ganzen Motivation einer prekären Existenz. Es fehlt nur etwas Körperpflege, ein bisschen was zum Anziehen. Verehrteste, sind Sie Millionärin? Würden Sie mir eine Zahnarzt-OP bezahlen? Gehen Sie mit mir ins KaDeWe? Genossen Parasiten: wenn ihr hier mitspielen wollt, dann dürft ihr euch nicht an Arm-aber-Sexy halten, sondern an die Reichen. Ihr alle habt eine Zukunft, denn den Reichen muss richtig was weggenommen werden, eigentlich mehr als nur 3.000 Euro für eine Nacht. Fickt die Reichen – nicht Euresgleichen!

 

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten! Und viel Glück im neuen Jahr!