Das Kanarienvögelchen

Auftaktgezwitscher

 

Im Bergwerk, unter Tage. Die harte Arbeit im Kohlenstaub, Kumpel mit rußigen Gesichtern.
Bei ihnen ist ein Kanarienvögelchen, leuchtend gelb, das munter zwitschert. In einem Käfig, aber keinem goldenen. Bis das Grubengas kommt, unsichtbar und geruchlos, die tödliche Gefahr.
Das Vögelchen stirbt als erstes. Wenn das Gezwitscher verstummt, rennen die Kumpel.
Die Hure ist das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit.

 

Kolumne im Feuilleton

 

Eine neue Kolumne, eine neue Kolumnistin in der Welt! An dieser Stelle sollte ich mich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht mal vorstellen. Einige kennen mich schon, eine Kolumnistin fällt nicht aus dem Nichts, ich habe hier in dieser Zeitung schon einzelne Sächelchen geschrieben – über Volker Kauder und Gregor Gysi, über Netzfeministinnen und zuletzt über das dumme Gequatsche im ZEIT-Podcast über Prostitution, und die Gedanken von Fachleuten dazu. Ich bin nämlich jemand vom Fach. Ich bin keine Schreibtischtäterin, keine Feuilletonistin, keine von denen, deren Beruf es ist Meinungen zu haben. Ich habe zwar auch Meinungen wie jeder Mensch, vor allem unqualifizierte, aber ich werde mich hüten, den Leser damit zu behelligen. Ich erzähle lieber aus meinem Leben. Denn ich habe einen richtigen Beruf, da draußen in der wirklichen Welt, nicht im Elfenbeinturm des Kulturbetriebs. Ich verdiene Geld mit körperlicher Arbeit. Wobei, Arbeit… ich würde das nicht direkt als Arbeit bezeichnen, auch wenn der Begriff Sexarbeit der politisch korrekte ist. Aber muss eine Hure wie ich politisch korrekt sein? Das, soviel kann ich Ihnen versprechen, werde ich wohl niemals werden.

Ich bin Prostituierte. Meine Preise finden Sie auf meiner Website, sowie Fotos mit Serviervorschlägen. Es macht mir einen Heidenspaß, und ich lebe gut davon. So gut, dass ich es mir leisten kann, nebenbei genüsslich zu kolumnieren.

Dies ist ein historischer Moment – mir ist ganz feierlich zumute. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit darf eine Prostituierte eine Kolumne haben. Das erste Mal überhaupt wird hier einer Hure, einer praktizierenden, nicht etwa ehemaligen, bereuenden, sich distanzierenden, sondern einer aktiv geschäftstätigen Hure gestattet, sich in einer der größten Zeitungen eines Landes zu verbreiten. Ich gratuliere der Welt – der WELT! – zu so viel Mut. Ist es nur Mut, oder ist es auch eine rationale Maßnahme? Vielleicht braucht eine Zeitung in diesen Tagen so ein Warn-Vögelchen wie mich?

Ich will mich der Ehre würdig erweisen, in guten wie in bösen Texten. Ich will euer enfant terrible sein und das gute Kind meiner Eltern, la putain rouge und eine Hure von Welt, das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit. Tapfer will ich zwitschern zwischen den großen Artikeln und wichtigen Meldungen. Und wenn Sie, Leser, mein naives Gezwitscher nicht mehr hören, seien Sie gewarnt vor dem Grubengas: jenem unmerklichen, antiliberalen Gift, das zuerst mich erledigt, und dann vielleicht auch Sie.

 

Warum gerade ich?

Immer nur diese Luxus-Huren… Schon wieder eine von den privilegierten Ausnahmen… Warum darf gerade so eine sich äußern, anstatt eine aus der überwältigenden Mehrheit von Elendsprosituierten, die an der Straße stehen?

Ich kenne die Kommentare meiner Kritiker. Und ich kann sie gut verstehen! Ja, warum schreibt nicht mal eine Dame von Kurfürstenstraße oder aus einem der riesigen, auch im Sinne des Prostituiertenschutzgesetzes von 2015 einwandfreien Laufhäusern, hier in dieser Zeitung? Ich würde das auch gern lesen, was sie zu sagen hat. Ich kenne ja nur meine Escort-Welt der Luxushotels und Edelrestaurants, wo ich das Spielzeug reicher Erwachsener sein darf. Und das kleine, plüschige Bordell von früher, das Bordell meines Vertrauens, das leider zumachen musste, sehr zum Leidwesen aller Kolleginnen, die ich von dort noch kenne. Den Nachbarn gingen die ewigen Kuschelrock-CDs wohl auf die Nerven, und die ständige Präsenz von Tüll-Negligés im Treppenhaus, wenn die Kinder von der Schule kommen. Doch ich schweife ab…

Ich bin keine Ausnahmeerscheinung. Ich bin es vielleicht, weil ich hier schreibe – aber ich bin es nicht in meinem Beruf. Es gibt mehr Frauen wie mich, als Sie ahnen. Auch im Bordell meines Vertrauens gab es überwiegend Mädchen wie mich, die studierten, ihr Studium finanzierten. Die Uni-Literatur lag zwischen Make-Up-Utensilien und Strap-on-Dildos auf dem Sofa in unserem Pausenraum herum. In den diversen Escort-Agenturen, in denen ich war, stieß ich auf meinesgleichen: junge Frauen in der Großstadt, die unabhängig leben wollen. Die Ausbildung, Familie, Projekte finanzieren mussten, ohne reiche Familie, die beim Crowdfunding was zuschießt. Ohne besser verdienenden Lebenspartner. Niemand hat diesen Frauen gesagt, dass es nicht reichen wird, was sie in ihrem kreativen Traumjob verdienen. Die Lüge, mit der wir Mädchen aufgewachsen sind war, dass wir alles schaffen können, wenn wir nur wollen. Dass wir nur die besten in der Schule sein müssen, in der Uni uns ganz auf den Abschluss mit Auszeichnung konzentrieren. Wenn wir dabei auch noch sozial und ökologisch engagiert, bescheiden und körperlich fit sind, dann kann uns gar nichts passieren, dann werden wir ein gutes Leben führen. Ein gutes Leben, dabei dachten wir zumindest an den Lebensstandard unsere Eltern. Auf jeden Fall aber an ein Leben ohne Existenzprobleme. Doch dafür reicht es nicht mal bei denen, die den Job haben, von dem sie geträumt haben seit ihrer Kindheit: Tänzerin. Fotografin. Freie Künstlerin. Literaturwissenschaftlerin. Journalistin. Niemand hat uns gesagt, dass man mit so einem Beruf nicht nur sehr arm ist, sondern oft gar nicht überleben kann.

Es geht heutzutage bei Prostitution nicht um Luxus. Unsere Kunden leben im Wohlstand, aber doch wir nicht. Nicht mal die teuersten Escort-Kurtisanen, so wie ich wohl eine bin. Der Anreiz ist nicht die Birkin Bag und das Sport-Cabriolet. Der Anreiz ist eine kleine Wohnung innerhalb des S-Bahn-Rings. Sie glauben mir nicht? Über meine Website Hetaera bekomme ich täglich bis zu drei Bewerbungen. Alle von gebildeten Frauen, die mehrere Sprachen sprechen, Abitur oder Universitätsausbildung haben. Sie sind ausnahmslos belesen, medienaffin, über das Weltgeschehen gut informiert. Sie stammen aus ganz normalen Familien der Mittelschicht, oder sogar aus der sogenannten besseren Gesellschaft. Sie haben hoch angesehene Day-Time-Jobs, sind politisch aktiv, oder ziehen Kinder groß. Als ich meine Hetaera-Website startete, ein abenteuerliches linkes Projekt, das ohne Provision und Profit auskommt, um die bestmöglichen Arbeitsbedingungen zu schaffen, die es in der Prostitution je gegeben hat, musste ich mich gegen einen riesigen Markt von Escort-Agenturen behaupten. Hunderte Websites mit tausenden Frauen. Wo kommen die Damen denn alle her? Selbst wenn einige von uns mehrgleisig fahren und bei verschiedenen Agenturen gelistet sind (und es ganze Freier-Foren gibt, die diese Frauen entlarven und verraten, wo die jeweilige am billigsten zu haben ist), so ist es doch klar, dass es im Internet viel mehr Platz gibt als draußen auf der Straße. Und nicht nur in professionellen Agenturen, es gibt ja auch regelrechte Massenportale, mit so ehrlichen Namen wie Kaufmich oder My Sugardaddy. Ganz zu schweigen von der im großen Stil betriebenen Zweckentfremdung von Facebook, Twitter, Tinder & Co. Versuchen Sie doch mal, so als Branchen-Neuling, Sex im Internet zu verkaufen, und beim Google-Ranking auf eine der ersten zehn Seiten zu kommen! Viel Erfolg! Das Aufziehen einer Escort-Website, das sage ich Ihnen mal ganz großspurig als schuldenfreie Start-up Unternehmerin, das ist schon etwas anderes als die Homepage eines Fahrradhändlers im Landkreis Aschaffenburg.

Die Vorteile des Internets für die Frauen sind klar, gegenüber solchen Präsenzmodellen wie dem von Razzien heimgesuchten Bordell, oder dem Straßenstrich: während 24/7 Werbung und Fotos sichtbar sind und Nachrichten diskret auf dem Zweithandy ankommen, können diese Frauen ihr bürgerliches Leben weiter führen, zu Uni und zur Arbeit gehen, ihre Freunde treffen. Die gut bezahlten, aber doch eher seltenen Exkurse mit Männern Hotel lassen sich flexibel organisieren. Kaum eine Beeinträchtigung des normalbürgerlichen Alltags, aber doch die Rettung, der Grund, warum das Überleben in der Großstadt gelingen kann. Kein noch so strenger Jugendschutz und keine Internet- Zensur aus USA kann diesem Treiben Einhalt gebieten. Der Sex und das Internet, die gehören zusammen wie der Frühling und das Ausschlagen der Bäume, es lässt sich nicht verhindern, das Leben findet einen Weg, und das Überleben findet ihn erst recht.

Ein ganzer Schwarm Kanarienvögel

Und warum auf den kleinen Nebenverdienst verzichten, selbst dann, wenn es nicht das nackte Überleben ist, das zu diesem Job treibt? Wenige Unternehmensberaterinnen oder Dolmetscherinnen gehen wohl in ihrer Freizeit kellnern oder putzen, um etwas dazu zu verdienen, aber allein ich kenne einige, die in ihrer Freizeit als Escorts unterwegs sind. Es macht anscheinend nicht nur mir einen Heidenspaß, und es würde vielleicht sogar auch Ihnen Spaß machen, verehrte Leserin – mal vorausgesetzt, Sie gehören zu den Menschen, denen Sex überhaupt Spaß macht, schierer Sex, nicht nur die Pärchen-Paarung mit romantischen Gefühlen. Dieses Sammeln von Ficks, von Schwänzen, die man hatte – traditionell ein Männer-Ding, aber auch für Frauen wie mich funktioniert es sehr gut. Der Kick, das erotische Abenteuer ohne direkte Konsequenzen, bezahlte One-Night-Stands, nur, dass man nicht vor der Clubtür anstehen und die Drinks selbst bezahlen muss. Getragen vom Zauber der Situation, die Komplizenschaft des Verruchten, wie früher als Kind beim Klingelstreiche machen, oder bei Doktorspielen. Es ist ein Rausch, ein Ego-Shooter, und zwar selbst dann, wenn der Kunde nicht so aussieht wie sich Serienheldinnen aus dem amerikanischen Privatfernsehen Mr. Right vorstellen. Man muss nicht Mutter Theresa der Escort-Branche sein und überfließen vor Selbstaufgabe, um sich der Monster zu erbarmen, die ein Escort buchen. Es sind keine Monster, es sind Männer wie Sie, verehrter Leser, bzw. es sind Ihre Männer, verehrte Leserinnen.

Sie denken, ich bin nicht normal? Ich aber schwöre Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, jeder von Ihnen, der in einer größeren Stadt unterwegs ist, trifft dort täglich mehrere von meiner Sorte. Sie sitzen neben Prostituierten in der U-Bahn, stehen mit ihnen an der Supermarktkasse, sitzen im Theater oder im Wartezimmer beim Arzt neben Prostituierten. Nur dass es uns in keinster Weise anzusehen ist. Bei jeder Frau, egal, wie hübsch, wie jung, wie gut gekleidet, dürfen Sie sich heute fragen, ob sie einen Nebenjob als Prostituierte hat. Meistens ist es übrigens gerade die, der man es am wenigsten zutraut. Die Studentin, die tagsüber ungeschminkt und leger gekleidet herumläuft. Das Nerd-Mädchen mit dem Buch. Die akkurate Geschäftsdame mit den kleinen Lachfältchen. Die beim Training neben Ihnen an der Ballett-Stange. Die unscheinbare Person in der Drogerie, die drei verschiedene Größen Kondome kauft.

Und abends, in Restaurants und Hotelbars, werden Sie das Escort selbst im Einsatz wahrscheinlich nicht erkennen. Eher werden Sie uns mit den russischen oder saudischen Ehefrauen verwechseln, die mit ihren Gatten in solchen Hotels absteigen. Wir sind unsichtbar, für den Uneingeweihten. Aber wir sind da, und wir sind viele, viele, viele!

Prostitution ist längst keine Randerscheinung mehr. Sie ist ein Massenphänomen, und zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Wir, das sind: eure Bekannten, eure Nachbarn, eure Kolleginnen, eure Angestellten und eure Chefinnen. Eure Yogalehrerinnen, eure Therapeutinnen und eure Trauzeuginnen. Eure besten Freundinnen. Eure Schwestern. Eure Töchter. Eure Mütter. Eure Geliebten.

Entweder wisst ihr es – oder ihr wisst es nicht, weil wir es euch verheimlichen müssen.
Wenn ihr es wissen wollt, dann zeigt zuerst Toleranz.
Beweist, dass ihr uns achtet, als Menschen und Mitbürger in einer wahrhaft liberalen Gesellschaft.

Und sei es nur um eurer selbst willen: weil das Verstummen der Kanarienvögel nichts Gutes verheißt.