Ein lieber Stammkunde wollte mich nach Basel einladen, zur Eröffnung einer großen Balthus-Retrospektive. Soll ich hingehen? Das letzte Mal sah ich seine Bilder vorigen Herbst in New York. Was macht eine Berliner Luxus-Hure in Amerika? Arbeiten natürlich! Verreisen mit einem großzügigen Kavalier. Das Metropolitan stand auf seiner Sightseeing-Liste. Ich war schon fast erschlagen von all dem too much dieses gigantischen Sammelsuriums europäischer Kunst, als ich plötzlich vor einer alten Bekannten stand: Thérèse, träumend. Balthus – hier?! Vor den Augen von Familien beim Sonntags-Ausflug? Unbegreiflich, dass es nicht schon längst einen Aufstand gegeben hat, und nur mit der Abgestumpftheit der Leute zu erklären, die einfach nicht in der Lage sind, zu sehen, in dieser Masse von Kunstwerken. Mich wunderte kaum, dass kurz danach eine groß angelegte Petition forderte, dieses Bild abzuhängen.

Balthus-Ausstellungen sind selten genug. 2014 wurde vom Museum Folkwang eine Schau abgesagt, in der allerdings die Polaroids seiner halbwüchsigen Modelle zu sehen sein sollten – verblödete Annahme der Kuratoren, man könnte das Archiv und die Werkstatt von Balthus ebenso kulturbetrieblich ausschlachten wie bei anderen Künstlern.

Damals hieß es, dass diese Fotos, anders als die Ölgemälde, die man noch gelten ließen als Meisterwerke, grenzüberschreitend, pädophil seien. Nun stellt der Spiegel die Frage, ob dies nicht auch gelte für die Gemälde. Ulrike Knöfel mutmaßt, Balthus habe in seinen Modellen nichts anderes gesehen als „laszives Material“. Dass er ein überragender Künstler gewesen sei, nennt sie eine bloße Behauptung. Nun, mag sein – allzu viele Bilder sind wirklich ganz schöner Kitsch. Doch es geht hier nicht um Stilfragen, sondern um Moral. Knöfel fordert nicht, die Bilder zu verbannen, oder der Ausstellung fern zu bleiben, wenn man von dem süßlichen Kitsch keinen Zuckerschock bekommen will. Sie sollten vielmehr „als das ausgestellt werden, was sie sind“, nämlich das 20. Jahrhundert und die böse „Das wird man doch noch zeigen dürfen“-Mentalität. Eine Ausstellung, aber als Pranger. Das hatten wir doch schon mal? Ach ja: Entartete Kunst. 20. Jahrhundert.

Wird man Balthus Bilder überhaupt noch anders sehen können denn als Werbung für Pädophilie?

 

In Basel verteidigt der Direktor Samuel Keller sein gewagtes Unterfangen, diese Bilder nun doch, trotz der Pädophilie-Vorwürfe, auszustellen mit den Worten, Kunst sei dazu da, gesehen zu werden, und wenn einem bestimmte Kunstwerke nicht gefielen, könne man ja wegschauen. Vernünftige Ansicht, nur leider hoffnungslos naiv in Zeiten des Bildersturms, des Neo-Biedermeier, die sich selbst für progressiv hält. Werden Medien und Öffentlichkeit jetzt ein großes Geschrei anfangen, auf dass man Balthus auf immer verdamme? Nach dem Skandal in New York damals sprang auch die deutsche ZEIT auf den Zug auf, so wie am 2. Januar 2018 in einem Text von Julia Pelta Feldman: der ganze Kanon gehöre überprüft. Da sei ganz schön viel Sexismus und Rassismus in und um die Kunst! Der weiße, männliche Künstler war´s, das Schwein.

Der Standpunkt ist nicht neu: alles, auch die Kunst, habe sich den Gesetzen der geltenden Moral unterzuordnen. Das Nicht-verstehen: wozu es Kunst denn geben sollte, wenn nicht zur Steigerung der Moral? Die Feindschaft gegen die Kunst als solche: Wenn sie schon eine so vage Daseinsberechtigung hat, soll sie zumindest politisch korrekt sein. Neu ist diese Lösung für das Problem Kunst: tausende Täfelchen, unter allen Kunstwerken aller Museen, mit Trigger-Warning. Na dann! Kein Scheiterhaufen immerhin, das ist ein zivilisatorischer Fortschritt.

Ich rufe Flori an, Florian Havemann (ja, der), auch er ein Maler. Ich besuche ihn in der Erich-Weinert-Straße, in der Hütte, seiner Galerie und Werkstatt. Schließlich war es Havemann, der mir Balthus nahe gebracht hat. Und Havemann kannte die Bilder des so lange nahezu unbekannten Balthus durch seinen Freund Christos Joachimides, der Grieche, letzten Dezember mit 85 Jahren in Athen gestorben – als Ausstellungsmacher ein Innovateur, der den Beruf des Kurators quasi erfand, also zu dem gemacht hat, was er heute bedeutet. Und er war auch der Erste, der Bilder von Balthus in einer großen Kunstausstellung in London, A new spirit in painting, zeigte. Die beiden ungleichen Freunde, der schlaksig-feminine Havemann und der bärige Joachimides, irgendwann in den späten 70ern des vorigen Jahrhunderts in Paris: sie besuchen eine Galerie in der Nähe der Champs-Élysées, in den Räumen vorne hängen drittklassige, gut verkäufliche Surrealisten, hinten jedoch gibt es einen kleinen Raum mit Oberlicht, an den Wänden nicht mehr als vielleicht 14, 15 Bilder von Balthus. Er selbst, Balthasar Kłossowski de Rola, hatte den kleinen Raum gemietet, um die dort ausgewählte Werke zum Verkauf anzubieten, für den Käufer, den Entdecker. Er war auf den Verkauf nicht finanziell angewiesen. Er war ja Direktor der Villa Medici in Rom, dank André Malraux, dem Schriftsteller, Filmemacher, dem Salon-Kommunisten, Weltreisenden und Abenteurer, den Charles de Gaulles 1959 zu seinem Kulturminister gemacht hat. Balthus saß in Rom, malte hin wieder ein bisschen, und wartete. Jahrelang. Er ging nicht mit den Preisen herunter. Angeblich wollte er für ein Bild Hundertausend-irgendwas, Havemann erinnert sich nicht mehr ob Dollar, Franc, Pfund oder Deutsche Mark. Jedenfalls eine damals schier unfassbare Summe, attemmberaubend, keuchte Christos Joachimides. Und irgendwann kamen die Käufer, die Sammler, und bezahlten den verlangten Preis.

Was sagt Havemann zum Streit um Balthus?

„Ab ins Depot!“, sagt er.

„Das Museum ist ein Ort, den man als Künstler fürchten sollte!”

Ich bin erstaunt. Jeder Künstler wünscht sich doch, im Museum zu hängen. Jedenfalls dachte ich das. Doch Havemann sieht es anders: Museen sind gefährliche Orte für die Kunst. Die Werke, die als Entartete Kunst denunziert wurden, sind sämtlich in Museen aufgegriffen worden, herausgeholt aus öffentlichen Sammlungen. Auch die DDR-Kunst verschwand direkt nach der Wende aus den Museen. Nach dem 20. Jahrhundert sollte man das Schicksal, ins Museum zu kommen fürchten. Und was Balthus angeht, wer bewahrt das Bild vor den Attacken einer fanatischen Kinderschützerin, die mit dem Messer auf Thérèse losgeht, um sie vor dem Missbrauch durch den Maler Balthus zu retten?

„Museumsleute wie die in New York haben die Verpflichtung, das Bild zu schützen! Und dieser Direktor mit dem passenden Namen Keller sollte derzeit auf eine solche Ausstellung verzichten!“

Ich stimme das Lied der Kunstfreiheit an, dass die Banausen sich nicht durchsetzen dürfen: können die nicht Pädophilie von Kunst unterscheiden?

„Schon wieder falsch!“ Havemann durchbricht meine Verteidigungslinie, die ich mir so fleißig im Feuilleton angelesen hatte.

„Es ist Kunst UND Pädophilie. Große, pädophile Kunst.“

Wenn Havemann so etwas sagt, dann begleitet von einer vagen, unnachahmlichen Geste, die wohl besagen soll: was weiß ich, ob´s große Kunst ist, es ist Kunst, das muss reichen.

 

Große, pädophile Kunst

 

Es sei schon bei der Ausstellung in London klar gewesen, Balthus passt nicht mit anderen Kunstwerken zusammen. Wenn es bei einem Picasso um die brutale Verzerrung der menschlichen Gestalt geht, ist das eben eine bestimmte gedankliche Operation, die vom Betrachter gefordert wird. Die Bilder von Balthus erfordern eine ganz andere Denkoperation. Thérèse, träumend ist ganz konventionell gemalt, kein Stil-Experiment, und fällt schon daher ganz aus dem Zusammenhang der Bilder, zwischen denen es präsentiert wird. Es gehört zum Konzept des Bildes, konventionell erscheinen zu wollen. Es will nicht auf den ersten Blick überwältigen. Man soll sich arglos darauf einlassen – wenn nur der zweite Blick nicht wäre. Wo aber ein Balthus neben Picasso hängt, werden diese so verschiedenen Gedankenoperationen übergangslos abverlangt, ohne jede Chance, die spontane Voreingenommenheit zu überwinden.

Es gibt in Museen unzählige Darstellungen von Morden und drastischer Gewalt. Anders bei Balthus. Die Pose von Thérèse, das aufgestellte Bein, das die Unterhose sehen lässt, ist absolut unschuldig. Kommt so millionenfach jeden Tag bei Kindern vor. Es ist keine Missbrauchsszene. Trotzdem provoziert diese Darstellung mehr als eine Salomé mit dem abgeschlagenen Kopf von Johannes dem Täufer.

Havemann schlägt ein Gedankenexperiment vor: „Stell dir eine erwachsene Frau vor, die so posiert wie Thérèse!“ – klar, dann wäre es nicht unschuldig, sondern eine wissend-aufreizende Pose, vielleicht sogar obszön. Bei einem Kind von 12 Jahren aber, das nicht weiß, was es auslöst, ist die Pose unschuldig. Pädophil ist nicht das Dargestellte, sondern das Bild selber, bzw. nur der Blick des Betrachters, den es evoziert. Es ist unser Blick, und auch der Blick der aufgebrachten Moralisten, der den Missbrauch ergänzend hinzufügt. Er sieht die Erotik in der Pose, erkennt sie als aufreizend, ist folglich von ihr erregt – Hanno Rauterberg benutzte in der ZEIT vom 16. 12. 2017 diese Vokabel. Anstatt den Missbrauch zu malen, irgendeine Szene, in der ein kleines Mädchen von einem Unhold belästigt wird, geschieht dieser Missbrauch bei dem Bild von Balthus im Kopf des Betrachters, und nur dort. Die Frage, ob es schon Missbrauch wäre, ein Kind so posieren zu lassen, verrät den pädophilen Blick. Sie gehört in den Bereich der Justiz, nicht der Kunst. Menschen, die pädophile Kunst mit Pädophilie gleichsetzen, wissen nicht, was Sublimierung bedeutet. Sie sollten gar nicht ins Museum gehen. Und Menschen, die Pädophilie nicht von Kindesmissbrauch unterscheiden, sind schlecht informiert: die meisten Kinderschänder sind eben nicht Pädophile. Sie lieben die Kinder nicht in der ihnen eigenen Sexualität, sondern wollen einfach nur Macht ausüben, die sie über Erwachsene nicht haben können. Etwas im Kopf mit sich auszumachen, ein Leiden, eine Passion, kann die Tat sogar verhindern, überflüssig machen. Kann.

Havemann schlägt mir ein weiteres Gedankenexperiment vor: wäre es nun aber weder ein Kind, noch irgendeine Frau auf einem Gemälde, sondern ich selbst, die Hure, die ich mich von meinem Fotografen in dieser Pose fotografieren lasse, in den selben Kleidern, im selben Interieur, um mit den Bildern für meine Dienste zu werben – was wäre es dann? Es wäre Pornografie. Und damit mein Geschäft. Schließlich habe ich mir nicht ohne Grund den Namen Salomé Balthus zu Prostitutionszwecken ausgesucht. Mit 158 cm Körpergröße musste ich mir etwas einfallen lassen, um meine Petite-Vorteile auszuspielen. Und es ist ja auch nur ein Spiel, ein Spiel auf geistiger Ebene. Kopfkino. Sublimierung, sage ich nur! Aber ich will ja hier nicht aus meinem kleinen Nähkästchen plaudern.