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Sagen wir Du, Schwester?

 

 

Du verstehst: es war eine Frage der Zeit, dass ich dir schreiben musste. Du bist unumgänglich, bist die Königin der deutschen Frauenbewegung, bist in Deutschland sozusagen die Monopolistin des Feminismus – wenn auch nicht mehr ganz unangefochten. Aber ich möchte nicht über dich schreiben, sondern an dich. Ein öffentlicher Brief. Ach was: ein Dankschreiben.

 

 

 

Alice Schwarzer – Auf und Ab einer Ikone

 

 

Ich musste erst lernen, wie bedeutend du bist – wir Ossis hinken da ja ein bisschen hinterher, was die Relevanz des Feminismus angeht, wir dachten, das wären Probleme aus den Zwanziger Jahren. Aber spätestens, als nach der Wende Abtreibungen plötzlich wieder illegal waren, und einige Sparkassen Briefe an die neuen Mitbürger schickten, ob sie denn auch wüssten und damit einverstanden seien, dass die eigene Ehefrau ein Girokonto bei Ihnen eröffnen will – da wachten sie auf, wenn auch ungläubig. Meine Bewunderung hast du für deine frühen Jahre, und daher auch mein Bedauern über deinen Abstieg. Von tiefgründigen Gesprächen mit Menschen wie Simone de Beauvoir oder Romy Schneider bis zu Tiefpunkten der Selbstherrlichkeit wie… ach, was soll´s, ich muss da jetzt nicht noch meinen Senf dazu geben: zu Schwarzgeld, Rassismus und Kachelmann, oder dazu, wie du deine lesbische Identität jahrelang verheimlicht hast, statt dich dafür politisch stark zu machen – das Private, es muss nicht immer politisch sein. Nicht mal deine Haltung zur Prostitution muss ich kommentieren, denn auch das haben andere vor mir getan. Meinetwegen kannst du sie behalten. Du kannst gern gegen Prostitution sein. Es ist dein gutes Recht. Niemand muss meine Arbeit mögen, schon gar nicht, wenn sie unter ekligen Bedingungen oder gar Zwang ausgeführt wird. Ich mache den Job ja auch nur, weil ich ihn ganz anders mache als die anderen. Der Vorwurf, ich sei die große Ausnahme, trifft mich nicht, denn genau das wollte ich immer sein. Ob der Vorwurf sachlich richtig ist, weiß ich nicht – was meinst du? Du hast dazu sicher eine Meinung. Und deine Meinung, die zählt. Viel mehr als meine. Und eigentlich hätte ich mir diesen ganzen Absatz sparen können. Ich habe ihn nur vorsichtshalber geschrieben, falls jemand, der in hundert Jahren diesen Text hier liest, nicht mehr weiß, wer du warst.

 

Alice Schwarzer, meine Freundin ?

 

 

Gestern habe ich von dir geträumt – was, verrate ich nicht, weil zu privat. Beim Erwachen fragte ich mich: warum hast du mich eigentlich noch nicht fertig gemacht? Warum war ich noch nie Pascha des Monats, oder kann man das bei dir als Frau nicht werden? Hast du etwa nicht gemerkt, dass es mich gibt, mich, die Hure vom Dienst im deutschen Feuilleton? Nein, du hast sicher mal beiläufig von mir gehört. Vielleicht glaubst du, dass ich nicht wichtig genug bin? Aber dann wurde es mir plötzlich klar! Der Grund, warum du mich noch nie angegriffen hast, muss ein völlig anderer sein:

 

Du magst mich!  Warum bloß immer so negativ? Du findest mich OK, meinst mich nicht mit deinem Kriegszug gegen Prostitution: mich, die Ausnahme – ergo, Prostitution, wie ich sie mache, hat den Segen von Alice Schwarzer, und alle Feministinnen sollten mich als positives Beispiel hervor heben, wie es sein sollte: die gute Prostitution. Prostitution mit menschlichem Antlitz.

Also ist Alice Schwarzer nicht generell gegen Prostitution! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie diese Erkenntnis die Feministin in mir beruhigt. Ach, was bin ich erleichtert, bei Alice Gnade gefunden zu haben. Schließlich verdankt meine Generation von Frauen dir alles – auch, dass ich so leben kann, wie ich lebe. Mein Leben als High Class Escort wäre ohne Alice Schwarzer und die Befreiung der Frau undenkbar! Danke, Schwester!

 

 

 

AKK und Kapitalismuskritik

 

…aber, entre nous, was ich da gelesen habe: deine Freundin AKK, Annegret Kramp-Karrenbauer bei dir in der EMMA: Der Mensch ist keine Ware – Donnerwetter, AKK will den Kapitalismus abschaffen, das find ich großartig!

Aber nein, AKK meinte damit nur wieder die Prostitution, meinen Beruf. Tja, es gibt den Fetischcharakter der Ware, und es gibt den Warencharakter des Fetischs – Scherz beiseite. Bringen wir doch mal ein bisschen Klarheit in die Sache, für den Kopf:

– Ware – Substantiv, ein Gegentand, den man zum Kauf anbietet. Wenn man von der Ware Arbeitskraft spricht, dann ist dies eine begriffliche Übertragung, von einem Gegenstand auf eine Tätigkeit. Nicht auf den, der sie ausführt. Menschen als Ware sind Sklaven. 

– Warenförmig – Adjektiv, der sprachliche Ausdruck dieser Übertragung. Die deutsche Sprache kann so was, sie bietet sich dazu an. 

– Als Ware anbieten, öffentlich ausstellen, feil bieten, auf lateinisch übrigens: prostituere: das ist das Verb.

Bezogen auf die Prostitution, sprechen wir also von der Arbeitskraft eines Menschen mit Körpereinsatz, auch dem der Sexualorgane. Aber eine Hure bietet nicht ihre Sexualorgane wareförmig an, sondern Sex. Erotik. Sie verkauft also nicht ihren Körper, sondern etwas, das sie mit ihrem Körper macht. Wer arbeitet, seine Arbeitskraft verkauft, er verkauft dabei nicht seinen Körper, weil sich Arbeit nämlich nur von lebenden, ihr Gehirn benutzenden Menschen ausführen lässt. Einen Körper verkaufen, sowas geht nicht, bzw. nur, wenn es sich um eine Leiche handelt.

Was immer zur Ware gemacht werden kann, also verkauft werden, warenförmigen Charakter annehmen kann, das ist eine Ware. Was keine Ware ist, das entscheiden nicht Politiker oder Demagogen, sondern der Markt. Die Leute, die kaufen, und die, die verkaufen, auf eine Nachfrage reagieren, oder auch auf eine ausbleibende Nachfrage, oder neue Nachfragen provozieren. Dirigistische Eingriffe in dieses System führen zum Schwarzmarkt, zu für Steuerbehörden nicht mehr fassbaren Schwarzhandel. Schlechte Ware für überzogene Preise (siehe Prohibition), bzw.: miese Arbeitsbedingungen mit unmenschlich hohen Abgaben an Gangster. Vor allem aber führen solche Verbote von etwas, das davor täglich von so vielen Millionen Menschen (wie du ja selbst so hartnäckig behauptest) selbstverständlich in Anspruch genommen wurde, zu einer raumgreifenden Uneinigkeit mit dem Gesetzgeber. Wenn das Grundeinverständnis mit dem Treiben des Staates fehlt, zerstört dies den Respekt des Bürgers vor dem Staat, in dem er lebt. Vor allen Dingen, wenn dieser Staat dann nicht mal in der Lage ist, seine unsinnigen neuen Gesetze auch durchzusetzen. Die Strafe, das Ertappen im Flagranti, würde ja eh eine Ausnahme bleiben, was dem Charakter einer Willkürjustiz Vorschub leistet. Ein Staat sei vorsichtig und sparsam mit den Verboten, die er erlässt – sonst kann er seine Autorität bald nur noch mit Gewalt durchsetzen, was ihm auf Dauer noch weniger gut bekommt.

Das intellektuelle Rüstzeug, die Denkmittel sind also vorhanden. Ganz neue zu erschaffen, wann immer die Wirklichkeit auf das Feld der Mittel trifft, das kann man nicht von jedem erwarten. Sind sie aber vorhanden, so ist von Menschen eines bestimmten Niveaus zu erwarten, dass sie auch angewandt werden. Können sie es nicht, können sie schlichtweg nicht denken, jedenfalls nicht in Begriffen, nicht über die Phrase hinaus, so muss man sie eben bezeichnen als – dumm. Das ist keine Diffamierung, ich will niemanden verunglimpfen. Auch der Dumme hat ein Recht auf Rechte in der Demokratie, auf Freiheit und Glück, und auch auf Meinungsäußerung, sogar auf das passive Wahlrecht, auf dass er andere Dumme finde, die ihn wählen. Und ich bin dafür, dass den Dummen, keine unvermeidlichen Nachteile aus ihrer Dummheit erwachsen. Es hat sich ja keiner selber gemacht. Doch du bist nicht dumm. Du tust nur so. Und das, wie alle klugen Menschen, aus Gründen.

 

 

 

Freiwillig ? Alice Schwarzer entscheidet !

 

 

Gerade weil ihr euch dumm stellt, versteht man euch gut. Es ist so schön klar, was ihr wollt: Ihr wollt keine Kopftuchmädchen und keine Nutten auf der Straße – dass ihr sie nicht abschaffen könnt, wisst ihr schon, die Frau mit Kopftuch wird nun halt seltener die Sphäre der Öffentlichkeit betreten und wieder hübsch zu Hause am Herd bleiben. Und die Huren, die werden ausweichen in dunkle Ecken, wenn sie nicht ganz aufgeben, und sich brav einem Ehepartner zuordnen, mit dem sie gefälligst umsonst Sex haben, wenn sie nicht nach den vielen Stunden Maloche im Billiglohnsektor zu faul sind.

Und durchgreifen soll sie endlich wieder dürfen, die Polizei in SEK-Uniformen bei den Mädchen im Puff, immer feste durchgreifen, dass die Mäuschen Angst haben und anfangen einander zu verpfeifen, wer da etwa ohne Aufenthaltsgenehmigung unterwegs ist, sich frech an unseren deutschen Männern bereichern will, bevor sie das Schwarzgeld dem Zuhälter gibt oder gleich ins Ausland schickt, und ich meine hier nicht die Schweiz: ja, und wenn da nun so eine dumme Schlampe einfach behauptet, sie mache den Job doch freiwillig, da kann man zur Zeit einfach nichts machen, sie nicht zwingen, aufzuhören. Wenn nun aber Prostitution, auch die sogenannte freiwillige, verboten wäre? Dann erst, ja dann erst könnte Wirksames gegen die Prostitution getan werden, und ich sehe schon den nächsten EMMA-Titel: eine Reihe tapfererer BeamtInnen, die täglich anlasslose Razzien in Bordellen durchstehen müssen, die Gesicht zeigen zu dem Slogan: Wir haben abgeschoben.

 

Aber ich sage nicht meine Meinung zu alledem. Es geht bei der Debatte nicht um mich, ich werde verschont. Ich freue mich und bin dankbar, weil ich die Ausnahme bin und dein stillschweigendes Wohlwollen genieße. Ich, die Prostituierte mit dem Segen von Alice Schwarzer.

 

 

 

Großes Lob und Dank! Du musst nicht antworten.

Deine demütig ergebene

 

Salomé Balthus