Die Diskretion wird gewahrt

 

Wenn ich in dieser Kolumne über meine Kunden schreibe, dann nie aus Geschwätzigkeit. Es muss schon einen guten Grund geben. Nach den Kommentaren zu meinen Lolita-Text möchte ich mit dieser Story hier etwas zeigen, eine Realität enthüllen, statt nur schnöden Voyeurismus zu befriedigen.

Ein Jurist. Strafrecht. Ich sage nicht, ob Richter oder Staatsanwalt. Name: vergessen Sie´s. Herkunft: irgendeine westdeutsche Großstadt. Persönliche Details tun nichts zur Sache. Beim Dinner in dem schummrigen Restaurant irgendeines Berliner Luxushotels war er zunächst recht steif, und darum tastete ich mich langsam vor. Ich meine nicht meine Hand unter dem Tisch, nicht meinen Fuß im Nylonstrumpf, sondern das Gespräch. Über was mit ihm reden, wie einen Draht zu ihm bekommen? Hol die Leute da ab, wo sie sind! Welche besonders harten Fälle er denn so…? Und welche Verbrechen das denn…? Es funktionierte, er wurde gesprächig. Es war ihm offenbar wichtig, sich von Anfang an korrekt darzustellen: Natürlich verabscheue er am meisten die Leute, die sich an Kindern vergreifen. Er könne nicht nachvollziehen, was da im Kopf mit denen los ist. Er sorge dafür, dass die richtig lange hinter Gitter kommen.

 

 

Moral und Doppelmoral

 

Verabscheuen – der Jurist gebrauchte dieses so wenig sachliche Wort, das Wort für ein Gefühl, das in seinem Amt seinen Platz allein im Ermessensspielraum behaupten darf. Warum hat er gerade mich ausgewählt? In der Puff-Prosa auf meiner Website bewerbe ich mit einem gewissen Nischen-Fetisch, dem der mädchenhaft wirkenden Kindfrau. Sie werden sich jetzt beeilen zu sagen, für Sie wäre das ja nichts, Sie sind schließlich nicht pervers, aber, glauben Sie mir, ich habe meine Kunden. So wie diesen hier. Der jedoch gerade betont hatte, jegliche Affinität zu diesem Fetisch ginge ihm völlig ab. Hatte er etwa ein moralisches Problem mit seinem eigenen Fetisch? War das die Erklärung für seine Angespanntheit? Meine Aufgabe war es jedenfalls nicht, ihn auf innere Widersprüche zu stoßen. Sondern das Gespräch in einer Weise zu lenken, dass es eine allseits genussvolle erotische Erfahrung einleitete. Ich versuchte also, seine moralischen Bedenken zu zerstreuen: Tatsache sei doch, dass die meisten Kinderschänder ja eben nicht pädophil seien. Sondern nur auf Kinder zurückgreifen, weil sie sich nicht an erwachsene Opfer heran trauen. Eine Tatsache, die über den Horizont der populistischen Hetzer geht, die schon bei Verdacht auf pädophile Neigungen zum Lynch-Mob aufhetzen. Dabei tun die meisten Pädophilen niemals irgendetwas strafrechtlich Relevantes. Er stieg darauf ein: Die Täter, das seien in seinen Augen einfach Verklemmte. Psychische Wracks am untersten Ende der sozialen Treppe. Menschlicher Müll, zu dumm und zu arm, um eine gesunde Beziehung aufzubauen. Als er so sprach, musste ich an ein Erlebnis in meiner Schreibwerkstatt bei Sybille Lewitscharoff denken, die uns anregte, doch mal eine Gerichtsreportage zu schreiben. Ich begab mich also ins Landgericht Moabit. Auf der Anklagebank saß, stumm, mit in den Händen versenktem Kopf, ein Koloss von einem Menschen, mit allen körperlichen Indizien der Verwahrlosung. Er rührte sich nicht, hob nie den Blick, nicht einmal wenn er angesprochen war. Kein Häufchen Elend: ein Berg davon. Er war angeklagt, sich zum wiederholten Mal an Kindern seiner Nachbarschaft sexuell vergangen zu haben. Er hatte für ähnliche Delikte bereits einige Jahre im Gefängnis gesessen. Und jetzt würde er wieder hinter Gitter müssen, für eine sehr lange Zeit. Was ihm vorgeworfen wurde war alles sehr widerwärtig. Und doch versuchte ich, weil ich ja über ihn schreiben wollte, mich in diesen Menschen einzufühlen und mir sein Leben vorzustellen, das er mit kurzen Unterbrechungen fast nur im Gefängnis verbracht hatte und verbringen würde.

Ja, sagte mein Kunde, und tupfte sich mit der schweren Leinenserviette den Mund ab, das war ein Sittich. So heißen die im Knast. Ganz unten in der Hierarchie. Der Sittich hat keine Freunde. Der muss Scheiße fressen. Und ich bin stolz darauf, dass ich persönlich dafür gesorgt habe, dass einige das sehr lange tun. Mein Prinzip: so lange einsperren wie nur möglich, am besten lebenslänglich. Das ist das richtige Signal an die Gesellschaft, die sogenannte Generalprävention: eine abschreckende Maßnahme, um ein Exempel zu statuieren. Dem Sittich geht es ganz dreckig, seine Mitgefangenen bestrafen ihn so, wie das Gericht das nie dürfte. Das ist kein Geheimnis, denn genau darin besteht ja die Abschreckung. So sprach kein Schließer, kein JVA-Beamter, der von Missständen spricht, die außerhalb seines Einflussbereiches liegen. Sondern jemand, der die Macht hatte, solche Menschen zu besonders langen Haftstrafen zu verurteilen. Ließ er sich von Gefühlen leiten? War er ein Sadist? Nein, durchaus nicht, er hielt es für gerecht. Es waren seine Prinzipien, die aus ihm, wie er sicher glaubte, einen besseren Menschen machten als die, die er verurteilte.

Ich musste auf der Hut sein, ihn diplomatisch aus seiner verurteilenden Rolle lösen, ohne Streit anzufangen. Schließlich waren wir schon fertig mit dem Hauptgang, wir hatten nur noch zwei Stunden, und irgendwie mussten wir demnächst die Kurve kriegen zu einer erotischeren Stimmung.

 

 

Phantasie und Wirklichkeit

 

Es gäbe doch zwei Arten erotischer Phantasien: solche, die man verwirklichen würde, wenn man kann (wie z.B. Sex zu dritt, oder Sex mit einer Prostituierten) – und solche, die man eben nicht verwirklichen will. Weil sie in der Realität schrecklich wären und nicht mit der Fantasie zu vergleichen. Vergewaltigungsphantasien, Sodomie, und dieses japanische Zeug mit grotesken Phantasie-Monstern. (Ich will niemanden in Versuchung führen, der Kenner wird schon wissen, was ich meine.) Es ist eine eigene Welt. Doch wer sich mit solchen Phantasien vergnügen kann, wird darum nicht den Wunsch haben, realiter z.B. vergewaltigt zu werden, gar von japanischen Manga-Monstern aus dem Weltraum, die es gar nicht gibt – ich verwende dieses Beispiel nur, um deutlich zumachen, wie absurd das wäre. Die interessante Frage ist, warum uns diese Phantasien dennoch so sehr erregen. Unser Wissen um die Undurchführbarkeit macht sie nicht obsolet, im Gegenteil. Es kann gar nicht extrem genug zugehen in unserem Köpfen. Das Kopfkino ist vielleicht ein wesentliches Merkmal menschlicher Erotik, im Unterschied zum bloß Sexuellen. Dabei kann man auch durchaus gender-mäßig unterscheiden, Frauenphantasien sind angeblich meist mehr oder weniger gewaltorientiert, es geht um Unterwerfung, um die eigene Unschuld an dem perversen Geschehen. Beim Mann gemischter, da geht es weniger um die Selbstwahrnehmung in der eigenen Fantasie, sondern um ein Objekt der Begierde, ein paar Brüste oder Beine, eine bestimmte Frau, oder eben ein Kind – was nicht heißt, dass nicht auch Frauen typische Männerphantasien hätten, und umgekehrt. Aber das Machtgefälle ist sehr oft ein Faktor. Es geht immer um Macht, um Überwältigung. Darum ist Political Correctness oft so ein Stimmungskiller. Erotik will nicht politisch korrekt sein, und was eine feministische Erotik wäre, muss mir bitte jemand erläutern. Die Trennung zwischen der Sphäre der Erotik und der Sphäre persönlicher Verantwortung ist mir jedoch klar: das eine bleibt Phantasie, das andere greift über. Doch loswerden kann man die Phantasien nicht. Wir suchen sie uns auch nicht aus, sie kommen über uns, können durch die alltäglichsten Eindrücke angeregt werden. Und gerade der Anblick von Kindern ist etwas Alltägliches. Die Zwänge und Betörungen lassen sich nicht unterdrücken, wird dies getan, werden sie eher stärker. Es gibt keine Freiheit im Bereich der Erotik, keine „sexuelle Freiheit“, es sei denn, dies wäre im Wortsinne die Freiheit vom Sexuellen. Wir haben, ob es uns nun gefällt oder nicht, von gewissen Tatsachen auszugehen. Das westliche Schönheitsideal, so politisch unkorrekt es auch sein mag, ist geprägt vom Kindchen-Schema. Wenn etwas einerseits mit dem nur denkbar mächtigsten Tabu belegt ist, es andrerseits aber als der Inbegriff des Begehrenswerten gilt, kann es kaum verwundern, wenn die Grenze überschritten wird. Latente Pädophilie ist keine seltene Krankheit, sie ist ganz einfach eine Frage des Zeitgeschmacks. Zum Glück gibt es ja die Phantasie als Ausweg, das Kopfkino, das meist, hoffentlich, reicht.

Mein Tischpartner war verwirrt und verärgert. Er wies mich streng darauf hin, dass es in der Realität sehr wohl Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch gäbe, genau damit habe er sich beruflich zu befassen. Und das sei gar nicht erotisch, auch nicht in der Phantasie. Ich sei wohl ein bisschen krank im Kopf. Das müsste ja ein ganz übles Gesindel sein, meine Kunden.

Es gelang mir, nicht zu grinsen, indem ich schnell den letzten Schluck Wein trank.

Das Dinner war vorbei, er hatte schon gezahlt, er wollte mit mir nach oben – trotz allem, und vielleicht erwartete er Dankbarkeit für seine Nachsicht mit mir. Ihm Fahrstuhl legte er die Hand um meinen Nacken.

Sind Sie sicher, dass Sie weiter lesen wollen? Es geht nämlich gleich zur Sache. Im Gegensatz zu mir müssen Sie nicht mit aufs Zimmer. Sie könnten sich einfach zurückziehen, mit dem Fahrstuhl nach unten und durch die Drehtür nach draußen – ich komme später nach. Sie sind noch da? Inzwischen hat er sich ausgezogen. Nacktheit verändert alles, der Mensch ist nackt viel weniger würdig und streng. Seine Richter-Rolle, er hatte sie mit der Kleidung abgelegt. Er wurde verspielt. Auch er hätte so seine Phantasien, sagt er. Ach, wirklich? So einige, sagt er. Heute sei sein Wunscherfüllungstag. Ich verrate Ihnen eine Binsenweisheit: Wo es fest gemauerte Prinzipien gibt, gibt es auch entsprechend tiefe, gefährliche Abgründe. Das Gesetz der Doppelmoral. Ich verrate Ihnen präziser, dass ich auch bei ihm das Kopfkino angeworfen habe in der Art, die mir entspricht. Nur die wenigsten Kunden lehnen meine quasi-pädophilen Rollenspiele ab, wenn ich sie von mir aus anbiete; auch er nicht. Und ich verrate Ihnen, ohne ins Detail zu gehen, auch noch so viel: die 13-jährige Lolita, die wollte er nicht von mir. Für ihn durfte ich höchstens Neun sein. Doch ich widersprach ihm nicht, als er hinterher, völlig verausgabt von den im Bett verbrachten zwei Stunden, die Sache moralisch für sich einordnete: ich hatte ihn benutzt, es waren mein Teufelswerk, nicht seins. Er sei mir und meinen Suggestionen hilflos ausgeliefert gewesen, ich sei ja versiert darin, und er schließlich auch nur ein Mensch. Du musst dir keine Vorwürfe machen, sagte ich. Jedenfalls nicht für das, was du mit mir gemacht hast. Das hier ist nicht dein Gerichtsaal. Dort kannst du dann ja alles wieder kompensieren mit Höchststrafen für andere, wie hieß das noch? Generalprävention.