Subjektiver Beitrag zur Literaturkritik

 

Schreibende Frauen sind Monster. Ich fühle mich wie ein Monster, wenn ich schreibe, nicht wie eine Frau. Doch ich muss als Frau schreiben, denn Frauen sollen die Literatur erobern. Das ist ein Auftrag. Erteilt hat ihn Iris Radisch. Iris Radisch ist eine der Allgewaltigen der deutschen Feuilletons. Und wenn Radisch in der Literaturbeilage der ZEIT, in der Messebeilage, einen Leitartikel schreibt, dann ist das so etwas wie das Hochamt des Literaturbetriebs.

 

Und warum erteilt Frau Radisch diesen Auftrag?

Halten Sie sich fest: Männer haben Frauen jahrhundertelang unterdrückt. Und halten Sie sich noch fester: die gemeinsten Feinde der Frau, die wirklichen Verhinderer, die den Keim der Freiheit und Unabhängigkeit der Frau am wirksamsten abtöteten, erraten Sie, wer das war?

Die Schriftsteller! Mit ihrer männlichen Sprache haben sie die Entwicklung einer weiblichen Selbstfindung in Sprachform verhindert. So Radisch ihrem Artikel „Lieber peinlich als männlich“:

 

Es gibt also weibliche und männliche Schriftsteller, und es soll auch männliches und weibliches Schreiben geben, wobei letzteres aber erst noch erfunden werden müsste. Ob es außer dem Geschlecht übrigens noch andere Unterschiede zwischen Autoren gibt, z.B. arme und reiche, privilegierte und unterdrückte, spielt keine Rolle. In diesen unübersichtlichen Zeiten ist nur eins sicher, nämlich was man zwischen den Beinen hat. Männer hätten demnach nicht über Frauen schreiben sollen. Denn das „gelang nachweislich nicht besonders gut“, war eben „reine Männerphantasie“.

Madame Bovary, eine Männerphantasie? Anna Karenina, nachweislich nicht besonders gut gelungen?

 

 

 

Zur Erinnerung

 

Ich muss mir hier provisorisch behelfen mit männlichem, analytischem Denken. Was sind die historischen Tatsachen? Frauen wurden unterdrückt, klar, auch in ihrer Selbstverwirklichung in der Kunst. Künste für Frauen, das waren jahrhundertelang Sticken und Weben, alles mit Textilien, außer die Mode, wo es darum ging, Maß am nackten Männerkörper zu nehmen. An musikalischen Künsten natürlich Singen, Tanzen, das Spielen auf einem Instrument (wenn nur nicht zu ambitioniert, siehe Clara Schumann!) – Harfe am besten, Blasinstrumente hingegen waren gefährlich, unmöglich Trompete oder Tuba. Keinesfalls aber sollte sie selbst komponieren (Fanny Mendelssohn). Oder das Malen zarter Aquarelle – natürlich von Blumen, nicht von Menschen oder Tieren, das war sehr gefährlich, die nackten Geschlechtsorgane! Dass Blumen genau genommen auch nackte Geschlechtsorgane sind, erwähnen wir lieber nicht. Das Malen von Menschen hingegen, oder Bildhauerei, galt als so unweiblich und unnatürlich, dass es direkt in die Irrenanstalt führen konnte, wie das Monster Camille Claudel. Und auch das Schreiben war hoch problematisch, vielleicht mehr als alles andere, denn es ist eine Denktätigkeit, und denkende Frauen galten als vermännlicht, wie in jeder anderen intellektuellen Berufung; unweiblich, unfraulich, möglicherweise sogar unfruchtbar, eben als Monster.

 

Doch nicht nur Frauen wurden unterdrückt in dieser Passion, Männer doch auch. Ein Heine, ein Kleist, ein Büchner oder ein Kafka wurde doch nicht in seiner Schriftsteller-Karriere gefördert, nur weil er ein Mann war! Im Gegenteil. Schriftsteller: das war kein Beruf, das war ein Laster. Noch Thomas Mann litt unter dem Stigma des Gauklers „auf dem grünen Wagen“, des Bajazzo. Ausnahmen waren nur Balzac und Oscar Wilde, die wirklich vom Schreiben lebten. Der schreibende Mann galt als unmännlich, schwächlich und verweiblicht, ja: weibisch! Doch der Akt, sich durchzusetzen mit etwas, das man will, obwohl andere es nicht wollen, ist wiederum etwas, das lange, wenn überhaupt, nur Männern zugestanden wurde, als männlich-energisches Verhalten. Was die schreibende Frau zum Monster machte: sie hatte nicht nur die widernatürliche Art, zu schreiben, sondern auch noch die Schamlosigkeit, darauf zu beharren und die Menschen in ihrem Umfeld mit ihrem Eigensinn „zu beleidigen“. Männer konnten sich unabhängig machen, für sich selbst sorgen. Denn im 19. und frühen 20. Jahrhundert, der Epoche, die in Radischs Betrachtung als Vergleichsrahmen fungiert, in der „all die berühmten Romane“ entstanden, musste man für diese Extravaganzen Geld auftreiben, wenn man kein Adliger war wie Tolstoi. Goethe, der am Ende seines Lebens als erster einen Verlagsvertrag unterzeichnete, war eine Ausnahme. Gelebt hat er von seinem Posten als Geheimrat. Schiller war Professor. Kleist war Beamter, bis er es nicht mehr aushielt. Hölderin verdingte sich als Hauslehrer, bis er wahnsinnig wurde. Flaubert rettete die Epilepsie vor dem Jurastudium, er lebte bei seiner Mutter. Büchner war Präparator. Heine schnorrte sich durch. Baudelaire verschleuderte erst sein Erbe und verdingte sich dann als Übersetzer Poes. Poe kam bei der US Army unter. Joyce arbeitete als Englischlehrer in Triest. Kafka arbeitete in der Versicherung, bis er es nicht mehr aushielt. Schreibende Frauen hingegen mussten hoffen, dass ihre Familie oder ihr Ehemann ihnen das Schreiben erlaubte, oder sie hatten einen Adelstitel, wie Droste-Hülshoff, oder reich geerbt. Ausnahme sind die Kurtisanen, Céleste Mogador z.B., deren Werke aber kaum Beachtung fanden, sicherlich aufgrund ihrer Profession.

Geld verdienen zu dürfen, um das Schreiben zu finanzieren, fiel für Frauen in die Zeit, als Schriftsteller bereits ein Beruf zu werden begann, von dem man leben konnte. In der Moderne sind Künstler allgemein sexy, der Poet ist keine Memme oder Schwuchtel mehr, sondern ein Mädchenschwarm, vor allem wenn er die Gitarre dabei hat. Mit der Anerkennung kommt der Kommerz: Schriftsteller sind in, so sehr, dass Medienstars nahe gelegt wird, ein Buch zu schreiben. Keine vollkommene Medienkarriere ohne Buch! Und wenn sie keinen Roman schaffen, keine Geschichte zu erzählen haben, dann eben was Persönliches, was zur aktuellen Debatte, zu Feminismus am Besten.

 

 

Identity politics

 

Was ich gerade so anschaulich historisch belegt habe, ist für Iris Radisch platter Gleichheitsfeminismus.

Sie sympathisiert mehr mit den Differenzfeminismus: Frauen sind demnach völlig andere Wesen als Männer, und haben darum weniger Affinität zu der von Männern besetzten Sprache. Männer haben die Sprache an sich gerissen, sie für sich in Anspruch genommen. Darum müssen Frauen sich jetzt erst mühsam eine neue buchstabieren. Radisch findet dafür Bilder wie das suchende Tappen in einer „frisch verschneiten Landschaft“, ohne „ein Landgut, einen uralten Herrensitz, in dem sie ganz selbstverständlich ihr Leben leben könnten.“

 

Irritierend ist, Radisch in ihrem Großartikel über neue feministische Prosa gerade mal drei Werke vorstellt, und dabei Belletristik und Sachbuch in einen Topf wirft. Einem so eigensinnigen Roman wie „M.“, wo es um die Selbstbehauptung einer Frau in der Berliner Kunstszene qua Fake-Homoerotik geht, zusammen mit „Sexuell verfügbar“, ein auf Aktualität hin geschriebenes Debattenbuch der Journalistin Caroline Rosales über das Aufwachsen als Mädchen im westdeutschen Kleinbürgermilieu – das ist schon eine exzentrische Mischung. Radisch interessiert allein, dass in beiden Werken um den Umgang der Frau mit ihrer Sexualität geht, das heißeste Thema zur Zeit.

Was meint Radisch mit dieser eigenen weiblichen Sprache, der écriture féminine? Wörter und Wendungen für den weiblichen Körper, die von den Frauen selbst erfunden werden müssen?

Das Problem, dass Sprache schon da ist, immer zuerst die Sprache der anderen ist, hat jeder Autor. Es ist der entscheidende Teil des zum-Schreiben-kommens, um einen eigenen künstlerischen Ausdruck zu ringen.

Oder meint Radisch die Perspektive, aus der geschrieben wird? Dass Frauen, die schreiben wollen, ein Problem damit haben, dass weibliche Figuren als Männerphantasien in Texten vorkommen, mit denen sie sich entweder identifizieren, oder eben nicht?

Auch die männlichen Figuren in Texten von Männern sind Männerphantasien. All die Helden und Schurken, Krieger und Könige, die Macher und Liebenden, auch die Arbeiter und Soldaten: es sind Bildnisse von Menschen, die selbst nicht geschrieben haben. Weil sie anderes zu tun hatten, weil sie es nicht nötig hatten, weil sie vielleicht „männlicher“, tatkräftiger waren als diese weichen, weibischen Schreibtischtäter.

 

Kann, ja darf man nur über das schreiben, was man selbst ist? Ach, das ist schwer, Frau Radisch, und das sage ich ihnen als Autorin, die anscheinend nur über sich selbst schreibt, aber meist doch über sich selbst als Kunstfigur Salomé Balthus, das Kanarienvögelchen, statt über mein kleines Monster-Ich als Autorin. Kann man überhaupt über das schreiben, was man selbst ist? Kennen wir uns selbst nicht am schlechtesten?

Wenn Caroline Rosales in „Sexuell verfügbar“ die Behauptung voranstellt, sie sei eine ganz normale Durchschnittsfrau, und daher habe alles, was sie schreibt, universelle Relevanz, so ist das entweder hoffnungslos naiv, oder ein taktisches Manöver, um das eigene Ich aus der Schusslinie zu bringen. Doch niemand ist wie alle anderen. Selbst das vermeintlich Vertraute, die eigene Zeit und das eigene Milieu, verführen zu fatalen Fehlschlüssen, wenn man so einfach für sich in Anspruch nimmt, die eigene Sicht wäre allgemeingültig. Sie sagt Wir, weil sie das Ich-sagen nicht wagt, doch dieses Wir gibt es nicht.

Noch nicht mal ein Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, unvergleichlich wissenschaftlicher und gründlicher als „Sexuell verfügbar“, genügt dem Anspruch, die Autorin sei mit ihrem Gegenstand identisch: denn die Frauen, die de Beauvoir in dem Buch beschreibt, waren doch, trotz der Fülle der Beispiele offensichtlich so ganz, ganz anders als sie selbst: die brillante, unkonventionelle Denkerin, die mit Sartre im Café Flore herumsaß. Ohne Frage ein Monster, aber sehr mondän.

 

 

 

Lingua franca

 

Hier irre ich durch die verschneite Landschaft, ohne Herrensitz, und am Ende muss ich wohl hoffen, dass ich mich ein Herr zu seinem Herrensitz mitnimmt, im Damensitz wenn nötig. Da benutze ich dann eine Sprache, die, wie ich zur Kenntnis nehme, nicht meine ist, obwohl Muttersprache. Warum heißt es eigentlich nicht Vatersprache?

 

Schon der Begriff „Sprache“ meint ja nicht die ursprüngliche Bedeutung: der mit der Zunge, lingua, geformte Klang, sondern etwas anderes, Abstraktes. Es geht ja nicht um die Sprache, die sehr gut dazu geeignet ist, Sätze zu bilden wie „Komm her!“ oder „Gib mir Wasser!“, sondern um eine Sprache von Sätzen wie „Frauen ein Bild von Frauen entwerfen zu lassen, das so wenig wie möglich mit dem zu tun hat, was in den Archiven des Patriarchats bereits vorformuliert ist“.

„Weltbeschreibung“ oder „Denkmittel“ wäre richtiger.

Was Radisch verlangt, wenn sie die Notwendigkeit einer weiblichen Sprache beschwört, das ist ein Werkzeug, um sich die Macht über das Denken zu sichern. Das Denken geht vom Körper aus, von den Sinnen, und ergreift dann eigene Begriffe, um die Welt für sich zu begreifen. Doch diese ganze Operation: tabula rasa machen, um dann einer frisch beschneiten, jungfräulichen Welt die eigenen Spuren aufzuprägen, seine Markierung setzen, sich ein eigenes Revier schaffen, die Zeugung einer eigenen Tradition, die Eroberung der Literatur – ist selbst zutiefst: männlich!