Du kriegst mich nicht!

 

Gunhild Mewes, radikale Frauenschützerin, will mich als Opfer sehen – oder als Zuhälterlobbyistin, die sie bekämpft – sogar mit rechtlichen Schritten. Wer Männer hasst, hasst heimlich auch selbstbewusste Frauen

 

Man hat mich also angezeigt. Wegen Verbreitung pornografischer Schriften.

So ein Schreck, als ich den Brief vom LKA im Briefkasten fand. Meine erste Strafanzeige! Was hatte ich getan? War mit „Schriften“ etwa diese Kolumne gemeint? Oder doch meine Website, wo ich doch so aufgepasst hatte dass jugendschutztechnisch alles korrekt ist? Mir war gar nicht klar, dass Pornografie ein Straftatbestand ist? Ich lebe in einer Stadt, wo es so etwas wie die Pornceptual gibt, und in der die SPD sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob man „feministische Pornografie“ staatlich subventionieren sollte. Von der Allgegenwart von Pornos im Netz ganz zu schweigen. Vor allem: wer könnte mich angezeigt haben? Wer ist mir so feindlich gesinnt, dass er mich juristisch verfolgt? Die AfD, dachte ich sofort! Das musste ja ein Nachspiel haben, mein Text über das Date mit der AfD-Lesbierin. Oder kam es doch aus der linken Ecke, via Sahra Wagenknecht? Oder vielleicht irgendetwas Banales, ein abgelehnter Kunde, der sich rächen will? Oder eine Ehefrau? Oder Jakob Augstein? Nein, denn den hatte ich in dem einen Text über Weinstein und MeToo doch nicht mal namentlich erwähnt, das wäre ja dumm.

Mir war klar, dass ich nicht viele Freunde habe, und nicht jeder mich sympathisch findet. Aber richtige Feinde? Ein Feind, was ist das überhaupt? Das ist ja nicht nur einfach jemand, der anderer Meinung ist. Ich bin da sehr wählerisch, was Feinde angeht. Ein Feind, dass muss schon jemand sein, der mich nicht nur ablehnt, sondern auch aktiv bekämpft. Mit einer Anzeige, beispielsweise.

Zum Anwalt, Akteneinsicht beantragt.

Es war eine gewisse Gunhild Mewes. Wer ist das nun wieder? Ich musste sie erst googeln, dann erinnerte ich mich: Gunhild kämpft gegen die Vergewaltigungskultur, und das ist ihn ihren Augen auch die Prostitutionslobby, und ich eine der berühmtesten Vertreterinnen. Wenn es Leute wie mich nicht gäbe, wäre die Welt eine bessere. Ich sah Gunhild zum ersten Mal bewusst auf einer Veranstaltung eines Vereins namens Terre des Femmes. Der Titel: „Für eine Welt ohne Prostitution“. Klar, dass ich da hin musste. Ich muss mich schließlich informieren darüber, was andere Leute so denken, die meine Existenz vernichten wollen. Vielleicht haben sie ja gute Gründe, wer weiß? Ich war dort verabredet mit ein paar Kolleginnen vom Berufsverband Sexarbeit (https://berufsverband-sexarbeit.de/), die ein bisschen für ihre Grundreche demonstrierten. Wir hatten ein Transparent, trugen unsere schickste Arbeitskleidung und waren sarkastisch-vergnügt. Da näherte sich uns ein gedrungenes Wesen… eine ältliche Matrone mit Bürstenhaarschnitt und entschlossenem Gesicht. Sie sprach mich mit meinem nom de guerre an – ich fühlte mich spontan wie ein Star! Allerdings war Gunhild nicht gerade mein Fan.

 

Gunhild interessiert sich angelegentlich für die Opfer von sexueller Gewalt. Sie hat eine Organisation, die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ (IFGBS), die sich zur Aufgabe gemacht hat, den Rechtsstaat zu korrigieren, ihn unaufgefordert zu berichtigen. Das deutsche Rechtssystem ist in ihren Augen unfähig – oder unwillig –, Vergewaltiger angemessen zu bestrafen. Dazu gehören Prozessbeobachtung, Kontaktaufnahme zu den Opfern, und man sucht auch die Zusammenarbeit mit Therapeuten. Fühlt das Opfer sich gerecht behandelt? Wurde es im Prozess von den Männern fertig gemacht, als Täterin hingestellt? Hat der Richter etwa einen Deal mit dem Strafverteidiger? Geilen Sie sich an der Hilflosigkeit des Opfers auf? Missbrauchen Sie das Opfer während der Zeugenbefragung? Alles denkbar für die Kämpferinnen gegen die Vergewaltigungskultur. Eine Verschwörung der Männer, die von Natur aus alle Vergewaltiger sind, weil Sex eigentlich immer Gewalt ist, von Vergewaltigung eh kaum zu unterscheiden. Weil Frauen selbst wenn sie Ja sagen nicht wirklich Ja meinen. Weil sie von unserer Kultur darauf abgerichtet sind, Männerwünsche zu erfüllen – so weit zum Weltbild von Gunhild Mewes.

Klar, Pornografie bestätigt diese Sichtweise. Wenn man sie nicht als das sieht, was sie ist – mehr oder weniger ästhetische surrealistische Kunst – sondern sie gewissermaßen wörtlich nimmt. Glaubt, dass Menschen, die sich Gangbangpornos anschauen, dann losgehen um Frauen in echt zu vergewaltigen. Gunhild glaubt, dass so etwas dauernd passiert. Gunhild wohnt in Schwaben – da kenne ich mich nicht aus.

 

 

  1, 2, Polizei

 

Trotzdem musste Gunhild Mewes lange suchen, bis sie etwas fand, das ihr für eine Anzeige geeignet schien. Die Bilder auf meiner Website fallen nämlich nicht unter die juristische Definition von Pornografie, weil eben kein Geschlechtsakt dargestellt wird. Obwohl sie, etymologisch gesehen, genau das sind: „Pornografie“, ein Lehnwort aus dem Griechischen, aus pórnē, Hure, und gráphein, Schreiben. Also Schriften von und über Huren. Laut Wikipedia ist der einzige Beleg für den Gebrauch dieses Begriffs in der Antike eine Stelle bei Athenaios, wo von einem Pornográphos die Rede ist, worunter ein Autor einer Biografie einer berühmten Hetäre verstanden wird, oder einer, der die Hetäre malt. Das ist meine Website nun allerdings, und mein großartiger Fotograf kommt sogar von der Malerei, sieht durch seine Kamera mit dem Blick eines Künstlers. Das reicht nur leider auch in unseren modernen, prüden Zeiten nicht für eine Strafanzeige. Auf Twitter, Facebook und Instagram sorgt die Ami-Zensur ohnehin für Sittlichkeit, und ich muss mich dran halten, weil ich diese Netzwerke brauche. Das, was Gunhild Mewes über mich finden konnte – nachdem sie sämtliche Fotos und Posts und sonstige Regungen im Netz argwöhnisch verfolgt hatte – war mein privater Blog auf tumblr. Jugendgeschützt, nirgends öffentlich beworben, nicht bei Google indexiert und nur für Leute einsehbar, die selbst einen Erwachsenen-Account auf dieser Plattform haben. So einen muss sich Gunhild Mewes also zugelegt haben, um sich meine kleine, erlesene Pornosammlung anzusehen. Man stelle sich das vor: die Leiterin einer Organisation für Vergewaltigungsopfer studiert wochenlang meine Nacktfotos etc., durchforstet alle meine sozialen Netzwerke, findet irgendwo einen Hinweis auf tumblr (in grauer Schrift auf grauem Grund ganz klein, ganz hinten) legt sich dort einen Account an, der auch als anstößig markierte Inhalte zulässt – und schaut sich meine Hentai-Pornos an. Sie muss sich sehr gründlich damit beschäftigt haben. Denn als sie mir in Neukölln begegnete, wusste sie alles auswendig, sie konnte mich direkt auf bestimmte Bilder ansprechen, mich zur Rede stellen. Das wäre ja ganz schlimm was da mit Kindern gemacht wird. Ich wusste erst gar nicht, was sie meinte. Welche Kinder? Und welches Pferd?! Ich ließ sie einfach stehen. In der Veranstaltung dann wurde ich vom Podium herab beschimpft, ich sein persönlich mit Schuld an jedem als Zwangsprostituierte versklavten Mädchen. Geht´s vielleicht ne Nummer kleiner?

Wegen Gunhild mussten sich nun zwei Staatsanwaltschaften und ein Polizei-Oberkommissar auf tumblr begeben, um herauszufinden, um welche Inhalte es sich auf meinem jugendgeschützten Blog überhaupt handelte. Manga-Comics, Filmchen von Meow! Project und Filmausschnitte aus Pretty Baby (Louis Malle) oder My little princess (Eva Ionesco) – morbider Kitsch, wie ich ihn liebe, gemischt mit Holzschnitten von Hokusai und heiteren Tierfilmen – natürlich nur als Comics, Erotiken des Surrealismus. Diese seien vor allem künstlerisch und nur teilweise pornografisch, auf jeden Fall jedoch keine illegale Pornografie. Zumal nicht nachweisbar war, dass der Account jemals ohne Jugendschutz war – zum Zeitpunkt der Anzeige war er es laut Protokoll jedenfalls nicht. Das Verfahren wurde eingestellt. Liebe Leser, nun wissen Sie wenigstens, dass Ihre Steuergelder gut angelegt sind.

 

 

Feuchte Träume der Retterlesben

 

 

Die Hure hat also Recht bekommen, die juristische Männerverschwörung hat zugeschlagen. Dabei sollte ich doch wissen, dass auch ich Opfer bin. Und Frauen wie Gunhild mich am liebsten retten wollen, mich an ihren heroischen mütterlichen Busen drücken, die verlorene Tochter. Ich bin als Prostituierte eine systematisch Vergewaltigte und Missbrauchte. Selbst wenn ich mich als Zuhälterin und Lobbyprostituierte auf die Seite des Bösen geschlagen habe. Auch wenn mein sündhaft teures Luxus-Geschlechtsteil nicht dauerpenetriert wird. Ich müsste es nur zugeben. Ich müsste nur bei der IFGBSG an die Tür klopfen, mit Tränen in den Augen und zerrissenen Strümpfen, und heulen, ihr habt ja Recht! Es ist Vergewaltigung, nichts anderes, und ich habe mich all die Jahre selbst angeboten zum Vergewaltigt-werden! Und die Männer haben mir das alles angetan, die Männer sind an allem schuld! In der Organisation von Gunhild Mewes gibt doch Beratungsgruppen, denen ich mich anvertrauen kann. Hier wird dir geglaubt, hier kannst du alles sagen, alles, los, sag es! Wie war es für dich? Was haben die Schweine mit dir gemacht, wie oft, wie lange, wie hat sich das angefühlt? Männer sind so widerlich! Komm zu uns, hier hast du es besser… ich bin Expertin für gutes Kopfkino, ich wüsste schon, wie ich die anwesenden Retterlesben unterhalte mit detailverliebter Angst-Lust, mit fein moralisch verbrämten Vergewaltigungsphantasien. Das Erbauliche an Vergewaltigungsphantasien ist ja, dass frau selbst nicht mit ihrer prüden Kinderstube brechen muss, der Genuss ist ohne Schuld und ohne Reue. Natürlich finden wir das alles ganz widerlich, aber wir wollen es trotzdem immer wieder hören, das darf nicht der allein Justiz überlassen bleiben! Du weißt gar nicht, was für dich gut ist, du musst das erst langsam lernen. Wir, von der IFGBSG wir haben Geduld mit dir, komm, wir halten uns jetzt an den Händen… Ich werde auf den Prozess vorbereitet. Erst die Untersuchung bei der Ärztin ihres Vertrauens – eine Frau, selbstverständlich, nur nicht wieder einer von diesen Männern!, das psychologische Gutachten einer Spezialistin, ohne Approbation, aber mit ganz viel Einfühlungsvermögen. Und zwischendurch viele Gespräche über das Erlebte, und was es mit mir macht. Das meiste habe ich sicher verdrängt. Das Verdrängte wieder hochzuholen aus dem Unterbewusstsein, all die ekligen Details, dafür haben sie so ihre Methoden. Sie sind dabei ganz bei mir, halten mich bei den Flashbacks, die mich überfallen. Dann die Hauptverhandlung, wo es dazu kommen muss, dass ich vom bösen Herrn Verteidiger fertig gemacht werde, ein zweites Mal Opfer, die Vergewaltigung meiner intimsten Gefühle durch die Staats-Sex-Gewalt. Hinterher die betroffene Fragerunde, wie war das für dich? Willst du mit uns kämpfen? Deine Geschichte, erzähl sie uns immer wieder! – der feuchte Traum der Abolitionistinnen, in dem ich für immer und ewig vergewaltigt werde.

 

Frauen gegen Frauen

 

 

Was, wenn ich Gunhild Mewes erzählen würde von den Freuden eines guten, intensiven One-Night-Stands, von dem herrlich erschöpften Gefühl wenn im Taxi noch der Beckenboden pocht, und ich sehe die Lichter Berlins vorbeiziehen und mein Dauergrinsen im Glas des Autofensters, denn ich bin dafür auch noch gut bezahlt worden? Der Genuss, begehrt zu sein, die Melange aus Unterwerfung und Eitelkeit, Demut und Exzentrik, und Rausch und Triumph – die Macht der Verführung, die begehrte Frauen und feminine Männer, und alle Künstler kennen. Und selbst, wenn das Erlebnis nicht so berauschend war, bleibt doch immer noch der weibliche Stolz, der Stolz der siegreichen Verführerin. Und auf die eigene Unabhängigkeit. Es ist genau dieser Stolz, die schamlose laszive Weiblichkeit, vor der alle die Angst haben, die Frauen lieber als Opfer sehen wollen. Lässt das nicht tief blicken? Steckt in diesem Opferbild nicht mehr Verachtung und Machtanspruch als in jedem schlüpfrigen Herrenwitz? Wie viel mehr fürchte ich den Neid der Frauen, als die Geilheit eines Mannes. Der Hass von Frauen auf andere Frauen ist der Misogynie von Männern durchaus ebenbürtig. Die tausendjährige Unterdrückung der Frau wäre nicht möglich ohne die Zustimmung der Frauen selbst, der Hälfte der Menschheit. Und sie tun es nicht notgedrungen wegen der Männer und widerstrebend, sondern mit Eifer und Fleiß, leidenschaftlich und pflichtversessen: Mütter sind es, die ihre Töchter und Söhne ungleich behandeln. Mütter und Erzieherinnen sind es, die Mädchen die Scham anerziehen. Frauen sind es, die hämisch über gefallene Mädchen herfallen, sie schlimmer noch als jeder Mann brandmarken und ächten. Frauen waren es im alten China, die ihren kleinen Töchtern den Mittelfuß brachen und einschnürten, damit Jahre später die Schwiegermutter in spe prüfend den Kleidersaum anheben sollte – und wehe, die Goldlilienfüßchen waren nicht winzig genug. Frauen sind es heute in afrikanischen Staaten, die das mörderische Geschäft der Mädchenbeschneidung aufrecht erhalten. Auf dass die Tochter nicht eine Lust empfinde, die der Mutter verwehrt ist. Immer wieder waren und sind es (meist ältere, weniger sinnliche) Frauen, die anderen (meist jüngeren, sinnlicheren) Frauen sagen, wie sie Frau sein sollen. Die Rolle der Gouvernante, der Oberin, der Kalfaktor, der Kapo – die wäre wohl deinem Geschmack, Gunhild, mich vor mir selbst und meiner Verderbtheit zu schützen?

 

Aber du kriegst mich nicht.

Mich kriegt ihr nicht!