Die Geister, die ich rief

 

Das hat man davon! Kaum habe ich durch meinen Sex-Sells-Artikel über mein Bettgeflüster mit Feministinnen ewigen Ruhm erlangt, bin ich wieder ganz klein mit Hut. Warum war ich bloß so vorlaut, auf Twitter zu posten, dass ich AfD-Mitglieder als Kunden ausschließe? Und sie erkennen könnte?

Ich wollte ja nur meinen linken Ruf als Putain Rouge retten, jetzt, da mich böse Zungen die Hure der Springerpresse schimpfen. Aber klar, dass jetzt ein paar mehr Leute meine Posts lesen als nur meine Bekannten. Da draußen ist ein Geisterheer, das mich beobachtet, so wie ich es mir in meiner schönsten Neurose nicht vorstellte. Die Geister, die ich rief…

Sie lachte mich aus. „Schreib das ruhig in der WELT!“, verhöhnte sie mich. So siegessicher wie die ganze verdammte Partei. Da habe ich den Mund aber auch voll genommen. Genau wie mein Lieblingslokal, das Nobelhart&Schmutzig, das auch keine Waffen, Hunde und AfD reinlassen will – mittels Aufklebern an der Tür. Woran hätte ich auch erkennen sollen, dass sie bei der AfD ist, kenne doch gerade mal Petri, Weidel und Storch! Gegoogelt habe ich die Kundin vorher auch nicht. Hätte auch nichts genützt, sie hat natürlich unter falschem Namen gebucht. Und dabei war ich so stolz: schon wieder eine weibliche Kundin, es läuft! Ich hatte doch bei meiner Absage an AfD-Kunden gar nicht an Frauen gedacht! Unglaublich, was für attraktive Frauen in der AfD sind! Nie im Leben hätte ich dieser eleganten Fee zugetraut, dass sie ein Nazi ist. Eine Nazi-Schlampe.

Nach einer kalten Dusche, mit nassen Haaren und unsicher, ob ich sofort die Fliege machen sollte mit meinem Honorar, obwohl die Zeit noch nicht um war, ziemlich verwirrt, ziemlich verstört, ließ ich mir von ihr einen dieser dicken Hotel-Bademäntel überhängen. Der schwere Flausch zog meine Schultern nach unten. Sie öffnete den Chateau-Neuf du Pape aus der Schublade – Rotwein, sehr witzig! Aber den Champagner hatten wir schon ausgetrunken. Und mir war allerdings nach mehr Alkohol, obwohl wir von dem Champagner auch schon ein paar Drinks an der Hotelbar hatten – Meine Güte, in aller Öffentlichkeit, ich als ehrenwerte Prostituierte mit einer AfD-Frau! Her mit dem Rotwein. Mit dem Toast „Auf den Feminismus“ bannte sie mich auf die Sitzgruppe.

„Ich habe dich gebucht, damit du etwas schreibst über uns Frauen in der AfD“, sagte sie. Was?! Warum suchte sie sich nicht einen Profi-Journalisten? Wollte sie sich berauschen an ihren Triumph über mich?

Sie wollte eine Botschaft verbreiten, und sicher sein, dass ihre Identität geheim blieb. Sie vertraute auf meine Diskretionspflicht als Escort – diese zu verletzen wäre eine Straftat, es würde mich meine Existenz kosten. Darum hatte sie mich ausgewählt. Die Hure mit Draht zur Presse.

Immerhin, es könnte ja jemand behaupten, dass ich hier Dinge bloß erfinde, die Unwahrheit sage. Vielleicht wäre das sogar besser, wenn meine Texte als reine Fiktion gelten könnten. Leider habe ich gar nicht so viel Phantasie. Ich kann nur erzählen, was ich erlebt habe. Ich kenne mich in den meisten Lebensbereichen nicht gut genug aus, würde mich nur blamieren. Vielleicht habe ich mich deshalb für so einen spannenden Nebenjob wie die Prostitution entschieden – wer nichts erfinden kann, muss halt selbst etwas erleben.

Ich beschränke mich also darauf, ihre Suada möglichst wörtlich wiederzugeben. Ich behaupte nicht, dass es eine große journalistische Leistung wäre.

„Es gibt nur einen Feminismus – den, der gegen die Unterdrückung von Frauen kämpft, egal wo sie passiert, oder durch wen. Diejenigen, die Frauen am massivsten unterdrückten, bis hin zu Mord, sind heute dieselben, die auch gegen Homosexuelle, Transsexuelle und gegen Juden sind. Es sind die Männer, die in unser Land strömten, und uns alle zurück ins Mittelalter bringen wollen.

Klar kann man nicht verallgemeinern. Nicht alle Ausländer sind so. Es sind die männlichen Türken, Araber und Nafris. Ich würde keine Frauen abweisen, die Schutz nötig haben. Schutz vor Gewalt, Zwangsverheiratung, Beschneidung… für die sollten wir unsere Grenzen öffnen. Wir sollten nur die weiblichen Flüchtlinge ins Land lassen und nicht zugleich deren männliche Peiniger. Es ist doch niemandem geholfen, wenn wir die Gewalt, vor der sie fliehen, ebenfalls hereinholen.

Das links-grüne Milieu, das so viel für uns getan hat, schützt uns nicht mehr. Sie weigern sich, die unangenehme Wahrheit zu sehen. Sie schützen gewalttätige Chauvis, die mit ihrem Hippie-Weltbild aber auch gar nichts gemein haben. Die sie auslachen als Schwächlinge.

Die Optimisten glauben, dass ausgerechnet jetzt der Zeitpunkt wäre, mit der Emanzipation große Schritte voran zu machen – ich sage nur Gender-Sprache! Dabei geht es vor allem darum, das Erreichte überhaupt zu bewahren! Wenn das Haus brennt, hängt man keine frischen Gardinen auf.

Feminismus, der kann heute nicht anders, als rechts zu sein. Im gesellschaftlichen Mainstream darf er sich nicht äußern. Aber wir AfD-Frauen scheuen uns nicht davor! Dann sind wir eben rechts!“

Warum erzählt sie mir das? Will sie Anerkennung, weil sie auch Feministin ist?

 

 

AfD – Geisterbahn

 

„Uns ist klar, dass es in der AfD sehr viele Männer gibt, die unsere moderne Art ablehnen. Die waren für uns zunächst aber das kleinere Übel – wir dachten, diese Opis und Fahrschullehrer, die stecken wir in die Tasche. Sie werden am Ende nur dazu beigetragen haben, die liberale Gesellschaft zu schützen, und damit die Freiheit für Frauen, für Schwule und Lesben und alle, die diese Herren so verachten. Nur können wir Feminismus halt nicht zum offiziellen Programm machen, denn wir brauchen ja all die nützlichen Idioten. Die für uns einzuspannen, das war die Strategie, schon seit der Frauke-Zeit, und auch Alice glaubt daran. Aber was, wenn wir uns geirrt haben?

Hast du dir die Typen mal angesehen, die da plötzlich im Parlament sitzen? Die reinste Geisterbahn. Sie sehen aus, als würden sie am liebsten gemeinsam jemanden erschlagen. Was, wenn diese bösen alten Männer und feisten Bluthunde die Führung übernehmen?

Frauen sind in der AfD doch nur geduldet. Die Frage ist, wie lange noch. Wir haben zwar formell die selben Rechte, aber die Männer in der Fraktion kochen vor Wut. Petri war schon eine Provokation, die ihnen ständig unter die Nase rieb, dass sie fickt, dass sie noch schnell ein Kind bekommt, und trotzdem Karriere, und nix Ehefrauchen. Und um die loszuwerden, müssen sie jetzt die Lesbe ertragen. Eine Zumutung! Und Alice weiß das doch. Sie darf sich keine Schwäche erlauben. Sie muss immer vorne weg marschieren, stramm rechts, bloß nicht weich werden. Hast du sie mal beobachtet, wenn sie ihre Reden hält, in der Redeordnung gleich nach der Merkel? Wie künstlich das alles ist. Schrill und künstlich, auch der Hass. Ihr Hass ist aufgesetzt, ein künstlich hochgespulter Hass, sie trägt ihn vor sich her wie ein Schild. Sie muss das jetzt durchziehen. Ich will sie gar nicht als Opfer darstellen, versteht mich nicht falsch. Aber irgendwie haben wir alle den Augenblick verpasst, die Bewegung zu steuern. Jetzt kann es nur noch darum gehen, Schritt zu halten und nicht überrollt zu werden von dem Tempo, mit dem die AfD voran stürmt. Frechheit siegt – oder meinetwegen Dreistigkeit, wenn du es so nennen willst. Aber eben nur die siegt, die AfD lebt vom Tabubruch. Aber welche Tabus brechen wir?

Was machen denn Parteien wie unsere in anderen Ländern, z.B. Polen? Sie können wenig ausrichten für Sicherheit und Wohlstand. Und um den Wähler abzulenken, greifen sie die Kultur an, alles Alternative, Andersseiende. Sexarbeiterinnen wie dich. Die liberale Gesellschaft. Den Rechtsstaat. Haben wir unseren Unterdrückern zur Macht verholfen?

Aber es gibt kein Zurück. Wer zögert, hat verloren. Weil die Basis scharf ist. Die AfD-Basis auf den Dörfern – eine Welt, von der ich nichts ahnte. Diese trostlosen Vorstädte. Was da im Hinterland gärt! Ich war bei Wahlveranstaltung, in Bayern, in Sachsen. Da wurde mir himmelangst. Da ist es, das Mittelalter – unser Mittelalter! Ein wütender Mob, der jederzeit mit Begeisterung einen Pranger errichten würde, oder einen Scheiterhaufen. Es ist nicht so, dass es eine Männerwelt ist, das trifft es nicht. Dort machen mir sogar die Frauen Angst. Was erwarten diese Leute von uns? Was wollen die? Was müssen wir denen liefern, um sie zu befriedigen? Salomé, wie die aussehen, wenn sie brüllen. Die Gesichter! Die Zähne! Diese gräuliche Rohheit… Salomé… die stinken richtig!“

Warum erzählte sie mir das? War es der Rausch? Eine fatale Lust am Untergang, und ich, Femme fatale, soll ihn aufhalten? Bei den letzten Worten war sie fahrig, ihr panischer Blick an mich geheftet.

 

Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten“, Brecht-zitierte ich.

Sie kannte Brecht nicht.

„Ich kenne nur den Zauberlehrling: Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los!

Mir fiel noch ein: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – das kannte sie auch nicht, aber sie fand es anscheinend ordinär. Der Ekel stand ihr ins Gesicht geschrieben. Das Grauen.

 

1 Comment

  1. Hannes

    Denk ich an Deutschland in der Nacht …
    Aber nicht nur Heinrich Heine, auch Volker Kutscher beschreibt derlei Sorgen und vor allem „Anfänge“ in seinen Romanen.
    Schade, was Ihnen da widerfährt – aber auch gut… weil damit ein mir unbekannter Aspekt beleuchtet wird…

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