von Salomé Balthus

 

Es folgt die Schilderung eines denkwürdigen Abends. Eine wahre Geschichte, die reine, wirklich wahre Wahrheit – natürlich anonymisiert. Diskretion: für eine Hure das A und O, was sollen meine FreierInnen sonst sagen. Sehen Sie, ich gendere! Ich habe nämlich auch weibliche Kundinnen. Lesbische Prostitution ist sehr im Kommen! (Haha, Kalauer…) Es lebe die Gleichberechtigung!

Weibliche Kundinnen sind anders als Männer. Sie sind nicht unbedingt zärtlicher. Oft sind sie sogar fast brutal, vor allem, wenn sie schon Kinder geboren haben und zu wissen glauben, was dem weiblichen Körper so zuzumuten ist. Ihre Sexualität ist zielloser und ausschweifender als die von Männern. Ein Orgasmus ist nicht das Ende, nach dem ich Feierabend habe, sondern erst der Anfang. Sie sind sehr fordernd, aber dafür umso leidenschaftlicher, und in jeglicher Hinsicht extremer. Zum Beispiel sind sie im Stande, sich für die schreckliche Unordnung im Hotelzimmer zu entschuldigen – kein Mann in meinen siebenjährigen Prostituierten-Karriere hat das je getan!

Mit gleich zwei solcher weiblichen FreierInnen hatte ich jüngst ein Date. Frauen machen sowas, wie so vieles, lieber gemeinsam. Die eine kannte ich schon, aus einer anderen Ménage-à-trois. Die andere war neu, die erste hatte sie mitgebracht. Die eine arbeitet in einem Verlag, die andere beim Rundfunk. Das Verhältnis zwischen den beiden steht in einem größeren Zusammenhang, den ich hier nur andeuten darf.

 

 

Weibliche Solidarität existiert

 

 

Frauen, die mich buchen, sind höchst emanzipiert – wie sonst sollten sie es sich erlauben, FreierIn zu sein. Und wie könnten sie es sich auch leisten, wenn sie nicht, trotz Gender Pay Gap, ausreichend vermögend wären, um sich neben einem gewissen Lebensstandard auch solche kleinen Extras wie meinen Körper zu leisten.

Diese Frauen – es sind ungefähr eine Handvoll, die mittlerweile meine Stammkundinnen sind – kennen sich untereinander, und ich verdanke sie alle der Empfehlung der jeweils anderen. Sie sind alle schon etwas älter. Frauen müssen wohl ein gewisses Alter erreicht haben, um den Körper einer Jüngeren so zu schätzen, dass sie dafür bezahlen. Und auch, um so viel innere Freiheit besitzen, sich nicht durch dumme Körper-Vergleiche um die eigene Lust zu bringen.

Natürlich führe ich insbesondere mit meinen weiblichen KundInnen auch intensive Gespräche. Im Zuge des sich über Stunden hinziehenden Liebesspiels brauchen wir Pausen. Dann trinken wir Süßwein und sprechen über Politik. Ich muss wohl nicht betonen, dass diese Frauen zur kulturellen Elite gehören. Mehr darf ich nicht sagen. Nur so viel: da gibt es ein richtiges Frauen-Netzwerk, zu dem kein Mann je Zugang erhält. Mit Frauen aus Presse, Kultur und Politik. Entstanden aus Notwehr gegen die Männerzirkel dieser Branchen. Dass es das Netzwerk gibt ist ein Beweis, dass weibliche Solidarität doch existiert.

Meine FreierInnen hatten die Zeitungsartikel über mich in der ZEIT gelesen, und sogar in der Libération die mir den Titel Putain Rouge verleiht. Die Artikel waren der Grund, warum die Neue mich kennenlernen wollte. Angestachelt von ihrer Freundin, die ihr riet, dass man mit mir besser nicht über das Feuilleton schwadronierte, sondern lieber Spaß hatte im Bett. Und den hatten wir auch!

Aber in einer Atempause unserer sapphischen Orgie, die sie mir gönnten, weil ich ziemlich in den Seilen hing (buchstäblich), konnte ich mich nicht beherrschen. Ich verbreitete meine privaten Ansichten darüber, warum ich den Feminismus nicht ernst nehmen kann.

Die Queerfeministinnen mit ihrem Dogmatismus erzeugen außerhalb ihrer Uni-Ghettokreise nur Hohn und geben dem Feminismus der Lächerlichkeit preis. Und die Emma-Veteraninnen haben durch Vergewaltigungsphantasien á la Bordell Europas bewiesen, dass sie ein schlimmeres Problem haben als Geltungssucht. Prostitution ist das Thema, an dem sich die Geister scheiden, es bringt jüngere Feministinnen dazu, sich gegen den die Monopolstellung von Schwarzer abzugrenzen. Sie wollen sich nicht von Mama Alice vereinnahmen lassen.

Wenn die Alt-Feministinnen ein Problem hatten mit ihren Vätern, so haben die jüngeren eins mit ihren prüden 68er-Müttern, die ihnen ständig erzählen, dass sie die größeren Schlachten geschlagen hätten. Dabei wird heute ja so gekämpft: Frau Doktor Barbara Kuchler brandmarkt weibliche Schönheits-Ambitionen von Diät bis Lidstrich.

Reicht heute um emanzipiert zu sein schon ein Mangel an Selbstbeherrschung? Sind Aktfotos nur mit Körperhaaren und viel Fett politisch korrekt? Oder ist es mutig, wenn eine Frau sich schminkt, und trotzdem für Frauenrechte ist? Ist Make-up in Zukunft nur noch für Transvestiten erlaubt? Dieser ganze Feuchtgebiete-Ekelstreik, der nicht aufhören will.

 

 

Mehr Verbote, mehr Arbeit für die Frauen

 

 

Auch Komplimente sollen wir nicht mehr bekommen. Die Kerle sind vom #aufschrei so verunsichert, dass sie es lieber lassen. Anne Wizorek findet das gut. Falsch geflirtet ist halb vergewaltigt. Die Initiative beim Flirt müssen wir Frauen jetzt auch noch ergreifen, weil gerade die besseren Männer sich das nicht mehr trauen. Was hat die Frau vom Feminismus? Mehr Verbote, mehr Arbeit!

Margarete Stokowski greift Svenja Flaßpöhler an, die nichts weiter sagt, als dass Frauen sich ganz allgemein den Genuss am Sex holen sollten anstatt passiv leiden. (So wie meine Freierinnen!) Margarete Stokowski will von der Rolligkeit gewisser Frauen nichts wissen, denn es gehe um Vergewaltigung, und da sei das Thema Lust in der Öffentlichkeit ja wohl unpassend.

Mit Margarete habe ich gemeinsam studiert. Mehrmals hatte ich sogar die Ehre, von ihr in ausgesuchter Höflichkeit auf meine schlechten Manieren hingewiesen zu werden. Wegen der politisch unkorrekten Witze, die ich im Seminar machte. Mit politisch unkorrektem Spaß hat sie ein Problem. Kein Problem hat sie hingegen damit, wenn der Staat seine Bürger vor dem Sex zu einer ausdrücklichen Einwilligung gesetzlich zu verpflichtet. Nur ja heißt ja – wer auf Nummer sicher gehen will, wiederholt da Ja mechanisch bei jedem Stoß, Jajaja, und zwar beide, unisono. Wer zu erst verstummt, kann den anderen wegen Vergewaltigung anzeigen.

Lächerlich, diese Revolution mit dem einzigen Ziel des Wohlfühlens im eigenen Körper. Kleinbürgerliche Selbstbespiegelung im Eifer des Geschlechts!

Aber dann verging mir das Lachen. Ich traue diesen Moralapostelinnen nicht. Vielleicht entdeckt die #MeToo-Bewegung ihre nächsten Lieblingsfeinde ja in Huren wie mir? Erfüllungsgehilfinnen von Männerwünschen, die jede Strategie untergraben, Männer durch Sexentzug zu gängeln. Wo man BHs verbrennt, verbrennt man auch am Ende Hurenrechte?

Meine Freierinnen grinsen süffisant. „Nimm das doch nicht ernst! Das läuft super! Aber vielleicht fehlt dir da die Medien-Insider-Perspektive. Frauenemanzipation, das ist nun mal das einzige Thema für diese unerfahrenen Uni-Mädchen, zu dem sie etwas zu sagen haben. Wo sie Männern keine Konkurrenz machen. Die Themen sind das Private, Liebe, Beziehungen: klassische Frauenthemen halt. Mädels wie Stokowski, Anne Wizorek, Barbara Kuchler und Jacinta Nandi machen einen tollen Job! Self-Marketing unter dem Label Netzfeministin, der frechen, aber moralischen Frau. Eine ganz neue Gattung feministischer Starlets im Internet. Nur dass sie, anders als echte Starlets, ohne den Hauch einer künstlerischen Begabung auskommen. Eine starke Meinung reicht, und viel Selbstvertrauen. Ihr Kampfplatz ist zugleich ihr Platz in der Gesellschaft. Es geht um einen Stand auf dem Meinungsmarkt. Die Währung ist Aufmerksamkeit: der Kurs darf nicht fallen. Aber nicht etwa aus eitler Rechthaberei, die du ihnen unterstellst. Es geschieht aus demselben Grund, aus dem du mit uns in diesem Zimmer bist: wir alle müssen uns verkaufen. Sie müssen aus sich eine Ware machen, so wie du. Es wächst der Druck im System. Jobchancen! Karriere! Führungspositionen! Wir spielen Reise-nach-Jerusalem, und jede Runde muss jemand ausscheiden. Verschwinden im Nichts. Hartz 4.“

 

 

Die Brigittisierung der deutschen Presse

 

 

Die andere rief vom Klo aus (es plätscherte): „Neu ist, die Frau beginnt zu spielen! Sie liefern einander Steilvorlagen, halten sich gegenseitig im Gespräch. Sie machen sich gegenseitig bekannter, denn sie wollen ja ihre Bücher verkaufen. Auch die Redaktionen von Emma und Missymagazin sind aufeinander eingespielt, sie spielen sich die Bälle zu, ein Schlagabtausch, der beiden ein Publikum garantiert, so dass beide ihre Zeitung verkaufen können. Die ätzende Emma und die bissige Missy. Haupt-Nebeneffekt: Die Brigittisierung der deutschen Presse.“

Meine Reaktion: Soll mir Recht sein! Je mehr Männern von Frauen verboten wird, je unklarer ist, was man(n) noch darf, umso sicherer wenden sie sich an Frauen wie mich. Ich bin glücklich im geistigen Exil meiner Escort-Welt. In ihr lerne ich Menschen kennen, die ich als

Journalistin nie kennengelernt hätte. Schon gar nicht so intim!

Meine Freierinnen brachen in Gelächter aus.Anschließend brachten sie zum Ausdruck, dass sie für den Rest des Abends weniger Bla und mehr Action wollten.

Und während ich meinen Körper wieder für die Lust einspannen ließ, dachte ich an meine Altersgenossinnen, die ihr Geld nicht mit Action verdienen sondern mit dem Bla. Ständig gezwungen, Neues zu schreiben. Immer dezidiertere, radikalere Ansichten. Ein hartes Brot: Geld verdienen damit, Meinungen zu haben. Viel schwieriger, als sich mit anderer Leute Geschlecht zu beschäftigen, in der Praxis, meine ich.

Schon deshalb bin auch ich Feministin. Aus Solidarität.

 

 

 

 

 

 

2 Comments

  1. MS

    – Für eine Anekdote fehlt mir zwar die Pointe, aber vielleicht habe ich die ja nur nicht mitbekommen.
    – Was sind das für Kerle, die von #aufschrei so verunsichert sind, dass sie lieber keine Komplimente mehr machen?
    – Warum sind die, die sich nicht mehr trauen, (Frauen) Komplimente zu machen, die besseren Männer?
    – Der Schlussfolgerung, die in den letzten beiden Sätzen des Beitrags formuliert ist („Schon deshalb bin auch ich Feministin. Aus Solidarität.“), kann ich nicht folgen.
    – Trotz Wahrung der Diskretion finde ich den Beitrag wieder bezwingend ungezwungen. So etwas lese ich gern.

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  2. La Belle Chocolatière

    Sehr geehrte Salomé,

    da ich nicht Ihren Körper begehre und somit auch nicht in Versuchung gerate, über nicht vorhandene Liquidität zu hadern, jedoch bei Ihnen das gratis bekomme, was ich an Ihnen sehr schätze – Geist in Form von Text – will ich mich erkenntlich zeigen mit einem Fundstück, in Form von Text (und Bild).

    „ALLE konsten die men Mechanique* noemt, worden gheoeffent ende ghehanteert, niet soo seer uyt lust, als om de schamele kost te verdienen: want armoedt, behoeftigheydt, en honghers noot, zijn Vinders en Baermoeders van alle nutte konsten.“

    Deutsche Übersetzung des niederländischen Textes aus dem Jahr 1614, s.o.:
    Alle Künste, die man die mechanischen Künste (Handwerk) nennt, wurden begonnen und betrieben, nicht so sehr aus Lust, als um eine schmale Kost zu verdienen: Denn Armut, Bedürftigkeit und Hungersnot sind die Erfinder und Gebärmütter von allen nützlichen Künsten ( Nutten-Künsten) (im Niederländischen „nutten konsten“)

    Das Emblem, dessen Bild sich hier leider nicht einfügen lässt und einen Hund beim „Agility-Training“ zeigt, stammt vom Amsterdamer Reeder und Kaufman Roemer Visscher, aus seinem Emblem-Buch „Sinnepoppen“, 1614 verfasst. (Er war auch Poet.) Vielleicht nutzt es Ihnen, wenn einer Ihrer zahlenden Kunden sich als (Change-)Manager erweist. http://www.dbnl.org/tekst/viss004sinn01_01/viss004sinn01_01_0078.php

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