Irina war als Teenager Geheimagentin und Edelprostituierte in der DDR. Geschichte einer Frau, die nichts bereut

 

 

Text: Salomé Balthus

 

 

Bei meinem Escortservice bewerben sich ungefähr drei Bewerberinnen pro Woche. Meist junge Frauen, am Anfang ihrer akademischen Laufbahn, die nach zusätzlichen Einkommensmöglichkeiten suchen, um ihr Leben in deutschen Großstädten zu finanzieren ohne reiche Eltern und ohne reichen Freund.

Doch manche Bewerberinnen sind anders. Zum Beispiel, weil sie etwas älter sind, ihrem Platz in der Arbeitswelt bereits gefunden haben und nicht vorwiegend aus finanziellen Gründen interessiert daran sind, mit meiner Hilfe Prostituierte zu werden. Und manchmal sind diese Frauen bereits Prostituierte – oder ehemalige Prostituierte. Die wieder einsteigen wollen. Aber erst ein einziges Mal kam eine solche ehemalige Prostituierte aus der ehemaligen DDR. Und war Prosituierte in Ostberlin: Irina Elias.

 

 

Prostitution in der DDR: Existenz im Geheimen

 

Ich weiß fast nichts über Prostitution in der DDR. Ich weiß, dass es nicht legalisiert war, aber z.B. den Straßenstrich an der Oranienburger Straße gab. Auch in anderen großen Städten soll es Treffpunkte für Insider gegeben haben, in einem Dresdener Cafés z.B., oder an der Küste, im Hotel Neptun in Warnemünde. Es war nicht die Elendsprostitution von heute – in der DDR musste man ja wohl nicht anschaffen gehen, weil man Geldsorgen hatte. Es waren eher Westgeldsorgen. Das Bedürfnis nach dem bescheidensten Luxus, und vielleicht ein bisschen Abenteuer. Über die Frauen, die an der Oranienburger Straße standen, erzählte mir eine Freundin, die damals dort wohnte, und sich angefreundet hatte mit zwei von ihnen: die hatten einen familiären Rotlichthintergrund, wohl mehrerer Generationen, und wurden staatlicherseits ungern gesehen, bzw., es wurde absichtlich weggesehen, vielleicht gegen Bestechung, denn legal war Prostitution in der DDR nicht. Es handelte sich widerspenstige Subjekte, die sich der Produktivität entzogen und etwas Subversives an sich hatten. Oder einfach um Arbeiterinnen auf der Jagd nach ein paar Nebeneinkünften, in Form von Westgeld von Touristen. Und dann gab es wohl noch, wie immer, die höhere Kaste der Edelhuren, feine Damen, die in den Interhotels, vor allem in Berlin und auf der Leipziger Messe, diskret mit westlichen Geschäftsreisenden anbandelten – nicht etwa subversiv auf eigene Faust, sondern in staatlichem Auftrag. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

 

Der IM von nebenan

 

Ich bin ein Kind ostdeutscher Eltern. Über die Stasi habe ich sehr verschiedenes in meinem engsten Umfeld gelernt. In meinem erweiterten Bekanntenkreis gibt es dutzende Fälle von Opfern und Tätern, oder Leuten, die ohne es zu wissen, beides gleichzeitig waren. Oder erst das eine, dann das andere. Das bleibt nicht aus in der kleinen Welt der DDR-Künstlerszene, wo alle sich irgendwie kannten und sich zueinander verhalten mussten. All diese kleinen IMs, deren Entdeckung die Menschen im Osten entzweite, nachdem ihr Staat untergegangen war, der manchen von ihnen das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Ich erlebte in meinem familiären Umfeld eine Überempfindlichkeit gegen westdeutsche Selbstgerechtigkeit. Siegermentalität, nannte man es bei uns. So wird vielleicht verständlich, wer in Ex-DDR- Kreisen am allermeisten gehasst wurde, nämlich, wer nach der Wende zum Berufsopfer mutierte und versuchte, so viele Vorteile wie möglich aus seiner Opfergeschichte heraus zu holen unter der neuen Herrschaft der Westdeutschen. Die – wie ihm klar sein musste – diese Geschichte gar nicht einordnen und verstehen konnten. Die sie benutzten als ideologische Munition, gegen andere Ostdeutsche, die keine Opfergeschichte ausbreiten konnten oder wollten, selbst wenn sie durchaus eine hatten. Es war widerlich, es war opportunistisch, und vor allem peinlich, weil da jemand auf die Dummheit der Sieger spekulierte, während er selbst es eigentlich besser wusste. Immerhin hatte er verstanden, wie sich der Wind gedreht hatte, und dass nun jeder sich selbst der nächste war.

Wenn ich darüber heute mit meinen Freunden rede, deren Eltern Westdeutsche sind, finden sie es einfach nur absurd: sie  und ihre Eltern als „Sieger“ des kalten Krieges? Ostdeutsche als Besiegte? Von Westdeutschen? Alle Ostdeutsche von allen Westdeutschen? Vielleicht finden sie es so schräg, weil die allermeisten Westdeutschen ja kaum Vorteile von dem Anschluss der neuen Bundesländer hatten, und übrigens auch gar nicht gefragt wurden von ihrem Kanzler. Es waren ja doch nur einige wenige, die sich am Osten bereicherten. Meine Freunde würden wohl sagen, dass der kalte Krieg weder ein Sieg, noch eine Niederlage, sondern ein Unentschieden war. Man kann sich keine niceren Sieger vorstellen!

Ich entzog mich endlich meiner ostdeutschen Herkunft, indem ich mich für einen Beruf entschied, in dem mein Name und meine Eltern so gar nichts zählten. In diesem Beruf habe ich viele böse Kapitalisten aus intimster Nähe kennengelernt, und was soll ich sagen: das sind auch Menschen.

 

 

 

Die Erotik der Ambivalenz

 

Mein Verhältnis zu der Firma war also ambivalent genug, um Irina, die beim Bewerbungsgespräch sofort zugab, was sie da in den Interhotels gemacht hatte außer bloß Sex, nicht pauschal zu verurteilen. Ich sah die Sache sehr nüchtern und, in meiner Rolle als Betreiberin eines Escort Service, pragmatisch: Denn neuerdings sind nicht mehr ganz so junge Frauen sehr gefragt, Kategorie MILF, und zwar von immer jüngeren Kunden, alles die westdeutsche Erbengeneration, Mitglieder bei der Jungen Union. Und ich fresse einen Besen, wenn sich diesen kleinen Burschenschaftlern nicht die Schwänzchen aufstellen angesichts der Möglichkeit, dass eine echte ehemalige Stasi-Agentin sie in den Mund nimmt!

Im Fall meiner neuen Kollegin war es nun so, dass sie eine jugendliche Delinquentin war, eine Schulschwänzerin, eine Ausreißerin, die am liebsten mit den Punks auf dem Alexanderplatz abhing (sie benutzte sicher ein anderes Wort). Die weder Geld noch Adresse brachte, denn irgendwer nahm sie nachts immer mit in sein Bett. Auf meine Frage, ob sie Angst gehabt hätte, auf der Straße schlafen zu müssen, sagte sie, das sei niemals passiert. Aber die Polizei, mit der bekam sie Ärger, und Berlinverbot auch, und als sie mehrmals dagegen verstoßen hatte, wurde sie ins Gefängnis gesteckt. Als sie Monate später wieder entlassen wurde, bot sich ihr die Möglichkeit, trotzdem weiterhin in Berlin zu weilen. Sogar unter luxuriösen Bedingungen, in den für die Normalbevölkerung unzugänglichen Interhotels – unter der Bedingung, dass sie ihre Erfahrungen mit westdeutschen Geschäftsleuten dort nicht für sich allein behielt. Sie war nicht naiv, sie wusste so ungefähr, was von ihr erwartet wurde. Sie erzählt davon mit heiterer Nonchalance, denn angeblich war das, was sie zu berichten hatte, geradezu lächerlich banal. Völlig unergiebig. Ein Witz, im Vergleich zu dem betriebenen Aufwand. Dies Stasi sah Feinde und Bedrohung, wo keine war. Ich denke, das Ärgste, was diese schmierigen Handelsreisenden den Menschen in der DDR antaten, war Sex mit einem Teenager in den Verstrickungen einer Diktatur – und da hatte die Stasi ja nun selber eine Aktie, bzw. eine Akte dran.

Das Täter-Opfer-Verhältnis ist auf einmal gar nicht mehr so klar. Wer ist hier gut, und wer ist böse? Die schwer erziehbare Jugendliche, die der Langeweile der DDR-Provinz entgehen will, und ausgerechnet durch die Autoritäten des Staates eine Möglichkeit dazu bekommt, die ihre Jugend und ihren Lebenshunger skrupellos ausnutzten? Oder der feine Westdeutsche, der zu Hause im Siegerland vielleicht nur ein Durschnitts-Kleinbürger war, im Osten aber – so stelle ich es mir vor – durch das Interhotel spazierte wie ein VIP in seinem West-Anzug, seinen West-Schuhen und mit seinem West-Rasierwasser und dem Westgeld in der Tasche. Der um seinen Status wie um die politischen Verhältnisse wusste, auch wusste, dass es die Stasi gab. Der ein sicher rührend übertrieben aufgebretzeltes – vielleicht sogar in West-Feinstrumpfhosen – blutjunges Mädchen, das ihn werktags, abends, in einer der für normale Bevölkerung unzugänglichen Interhotel-Lobby ansprach, mit auf sein Hotelzimmer nahm. Und der sich trotz seines Informationsvorsprungs durch westliche Medien doch bei diesem Mädchen aus Ostberlin nicht sicher sein konnte, wie frei sie in ihren Entscheidungen war. Oder, wie es auf westdeutsch so schön heißt: Nicht wirklich. Und er bekam mutmaßlich einen Ständer vor Freude, wenn der umrechnete, wie billig dieses Vergnügen hier war. Fun fact: Für den Westdeutschen war Geld ja viel wichtiger als für die junge DDR-Bürgerin, die ihrer Tätigkeit aus reiner Abenteuerlust nachging, und nicht, weil sie sonst in der DDR etwa verhungert wäre, oder von Obdachlosigkeit bedroht wegen Mietschulden, wie unsereins heute.

Ist das Stasi-Stigma erledigt? Es ist wohl eine Frage der Generation und der biografischen Prägung. Doch Erotik findet nicht auf der Ebene der Moral statt. Sie ist ihr gegenläufig: das Verruchte, Verbotene ist geboten! Und bei uns im Angebot.

 

 

Keine Sorge: Irina wird über Sie keinen Geheimdienstbericht verfassen. Stattdessen hat sie mit ihrem Vertrag bei HETAERA BERLIN die obligatorische Datenschutzerklärung unterzeichnet – und beschränkt sich nun auf den angenehmen Teil unseres verruchten Gewerbes. Einfach zum Vergnügen. Es lebe die Freiheit!

 

 

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