Do you dare to dance ?

 

Wie ich mal mit Judith Butler tanzte

 

 

Judith Butler in Berlin! Heute Abend! Ich wollte hingehen. Sehen, wie es Judith Butler geht. Natürlich war die Veranstaltung innerhalb der ersten Sekunde komplett ausverkauft, von der gewaltigen Fan-Base, die Butler in dieser Stadt hat, vorwiegend unter StudentInnen der Genderstudies und den Zöglingen von Rahel Jaeggi. Uni-Ghetto-Kreise, die mal meine waren. Zu denen ich mich hätte zugehörig fühlen sollen. Aber ich konnte es nicht.

 

Bevor ich an die Uni kam wusste ich nicht, was Gender bedeutet. Doch das Wissen um die Existenz der Genderstudies und Gender-Studis wurde mir nicht lange vorenthalten. Ich nahm sie nicht ernst. Ich lernte erst allmählich, dass die Gender-Front, die sich selbst politisch links einordnete, eine unhintergehbare Macht darstellte an amerikanischen Elite-Universitäten – und somit in der ganzen wissenschaftlichen Welt. Ich hatte davon keinen Schimmer, ich war die erste in meiner Familie, die studierte – meine Eltern sind Ost-Berliner Künstler, die seit der Wende das Interesse am Feuilleton verloren haben, in dem sie nicht mehr vorkommen. In Philosophie-Seminaren machten die Gender-Studis mit Furor wett, was ihnen an intellektueller Belastbarkeit abging. Ich fand die Fragen um Gleichberechtigung der Geschlechter im 21 Jahrhundert ziemlich überflüssig, hielt sie für längst erledigt.

 

Es war die Lust an Kuriositäten, als ich 2010 die Chance nutzte, Judith Butler live zu sehen. Eine Denkerin, die weiter geht als irgendjemand vor ihr. Es reicht ihr nicht, zu unterscheiden zwischen dem sozialen Geschlecht (gender), und dem biologischen Geschlecht (sex). Nach Butlers Theorie ist sogar letzteres nur ein Ergebnis von Zuschreibungen durch die Gesellschaft. Klar? Ein Schwanz ist kein Schwanz, sondern ein allgemeiner Klitoris-Penis-Schwellkörper. Wenn er für uns auch eindeutig nach Schwanz aussieht – reine Interpretation! Dass wir die Menschen in männlich und weiblich unterscheiden, liegt nur an unseren Jahrtausende alten Vorurteilen, nach denen wir die unsere Körper einem bestimmten Bild anpassen wollen, um besonders weiblich oder männlich auszusehen und ins Bild zu passen. Und was nicht passt, wird passend gemacht, oder abgelehnt.

 

Der Vortrag war damals in der Volksbühne. Im Hintergrund noch das Bühnenbild von Pollesch. Butler hielt ihren Vortrag frei, in exzellentem Deutsch. Ich war beeindruckt: Wie gut beobachtet Butlers performatives Modell der Geschlechter ist! Wie nötig wir die Erkenntnis haben, dass es nur Sprechakte sind, die unser Geschlecht definieren! Wie hat Judith Butler das geschafft, auf diese Ideen zu kommen, welche Erlebnisse haben diese Beobachtungsgabe geschärft? Ich sie an, diese knabenhafte Person, und konnte nicht anders als mir vorzustellen, dass es eigene Erlebnisse waren, in ihrer Kindheit vielleicht. Die Frage: Are you a girl or a boy? Und da die Tochter jüdischer Intellektueller schon mit jungen Jahren in philosophischen Kategorien dachte, begriff sie, im Wortsinne, was sie da erlebte. Und konnte es formulieren.

 

Doch wenn wir nun keine Worte für Geschlechter hätten, würden wir uns dann anders verhalten? Die Arbeitsbiene, arbeitet die nur, weil sie so heißt? Letztendlich ist es doch eine sophistische Banalität, wie jeder Streit um Worte. Die meisten Leute sind sich ziemlich sicher, was Männlein und was Weiblein ist, auch in Bezug auf das Tierreich ist es common sense, dass Weiblichkeit bedeutet, schwanger werden zu können. Für eine gewisse Zeit. Falls nichts kaputt ist. Den Zusammenhang zu klären, dieses komplizierte Wechselverhältnis von Gesellschaft, Bewusstsein und Körper, ist bislang noch nicht gelungen.

 

Hinterher wollte ich noch zu der Party im Roten Salon mit Judith Butler und dem Berliner Travestie-Sternchen Gloria Viagra als DJane. Als ich die Toilette aufsuchte, um mich frisch zu machen, dachte ich, ich hätte mich in der Tür geirrt. Die Uniformen der Gender-Studies – im Zuschauerraum waren sie mir nicht aufgefallen: Hosen mit Hosenträgern, Herrenhemden oder Feinrippshirts zu Sackos, Krawatten und Fliegen, festes Schuhwerk, Jungs-Haarschnitte und natürlich kein Make-up. Der Tomboy-Look. Ich trug ein schulterfreies schwarzes Cocktailkleid – was ich eben so anziehe, wenn ich abends ins Theater gehe. Die Tomboy-Girls, respektive Boys, grinsten. Jemand pfiff. Ich sah mich im Spiegel in meiner weiblichen Absolutheit, die plötzlich so provokant war, und zog mir die Lippen nach. Die Tomboys in der Schlange starrten meinen Lippenstift an, als wäre er eine Handgranate. Sie waren offenbar empört darüber, wie ich aussah. Jungs, alles gut, sagte ich in Richtung Spiegel. Ihr wisst ja, eine Frau: so etwas gibt´s gar nicht. Als ich hinaus stöckelte, konnte ich das Rot auf meinen Lippen förmlich spüren. Aber nochmal zurück zu gehen um den eben aufgetragenen Lippenstift wieder abzuwischen, hätte mir nur noch mehr Hohn eingehandelt.

Wäre ich doch lieber auf die Herrentoilette gegangen!

 

 

Die Party: Die Tanzfläche voll mit Leuten, die allerdings nicht tanzten, sondern debattierten – eine Intellektuellen-Party. Vorn auf dem Podium Judith Butler, die geduldig auf die Fragen ihrer Anhänger antwortete. Zwischen den Tomboys fiel ich auf wie ein bunter Hund. Alle starrten belustigt diese Idiotin an. Hier stand die Welt Kopf, hier war ich, das hetero-normative Mädchen-Mädchen, die Unperson. Die mit dem nicht lebbaren Körper, deplatziert, unmöglich. Eine einzige Provokation.

 

Am DJ-Pult die turmhohe Transe Gloria Viagra, die mir zuzwinkerte. Sie war außer mir die einzige im Rock. Ihr Outfit war sogar extrem in Punkto performative Weiblichkeit: Pailletten-Minikleid, pinke Perücke und schwindelerregende Plateau-Heels. Sie/er durfte das aber. Und zwar nur, weil er/sie keine biologische Frau war. Ha, erwischt: es gibt sie also doch, die biologische Frau! Wenn man bei Kleidung schon von Dürfen und Nicht-Dürfen redet, ist das Zwangssystem perfekt.

In solchen Situationen bin ich mir meiner selbst so sicher wie nirgends sonst.

 

Ich stellte mich mit in die Schlange vor Butlers Podium. Als ich an der Reihe war, fragte ich sie nicht etwa nach ihren Theorien. Ich fragte sie: Do you dare to dance?

Ein zauberhaft verlegenes Lächeln flog über ihr Gesicht. Da seien doch noch so viele in der Reihe hinter mir… ich solle doch alleine tanzen. It´s a party, isn´t it?

Was für eine diplomatische Antwort. Mein Gefühl: sie hatte Schiss. Es muss eine böse Überraschung gewesen sein für sie, zu begreifen, was hier los war: Der Feind führte sie in Versuchung. Ich war die Vertreterin performativer Weiblichkeit, eine Hure der Geschlechterdualität, die absichtlich einem falschen Frauenbild entspricht, zur Befriedigung falscher Bedürfnisse! Das ging halt nicht, in Berlin als bekennende Lesbe einfach mal mit einer Frau zu tanzen. Ich tanzte also allein. Ich blieb die einzige auf der Tanzfläche. Ich tanzte in meinem wunderschönen Kleid direkt vor ihrem Pult, und warf ihr zärtliche, provozierende Blicke zu.

 

Und dann geschah das Unglaubliche. Bei einem langsamen Titel, – ich glaube, es war Stand by me – kam Judith Butler zu mir auf die Tanzfläche.

 

Sie blieb ganz dicht vor mir stehen. In meinen Highheels war ich ein bisschen größer als sie. Um uns herum atemloses Schweigen. Bei ihrem Vortrag erschien sie mir als das wandelnde Beispiel ihrer eigenen Theorie: ein androgynes Wesen undefinierbaren Geschlechts, irgendetwas zwischen Dandy und verschmitzter Elfe. Als weibliches Wesen interpretiert, hatte sie für mich etwas Zauberhaftes, einen unbeschreiblichen Charme. Als Mann wäre sie ein schmächtiges Männchen mit schmalen Lippen, die Sorte unsicherer Gymnasiallehrer mit Fistelstimme. Wenn mir als bei einem Blind-Date so einer entgegen käme, ich sendete ein Stoßgebet zur Venus: Bitte, bitte nicht der! Dann brauchte mir keiner mehr was zu erzählen vom Unbehagen der Geschlechter.

 

I hope, tomorrow this wont be in the ZEIT or the Tagesspiegel, kicherte sie gequält. Ich hatte mich also nicht getäuscht, sie hatte Angst, eine Heidenangst vor ihrer eigenen Fan-Basis. Ich hielt sie im Arm, die kleine zerbrechliche Judith Butler. Ihr kluger Kopf lag an meiner nackten Schulter. Sie war der Versuchung erlegen. Vor den Augen ihrer Parteisoldaten. Skandal! Judith Butler, zitternd vor Scheu und Scham! Die Party war für mich beendet.

 

2 Comments

  1. StefanF

    Großartige Geschichte!
    Ich gehöre auch zu den Männern, die verstehen wollen, was es mit dem Genderdings und diesem „konstruierten Geschlecht“ nun genau auf sich hat – und welche konkreten Folgen es nun für mich hätte – wenn ich es denn verstünde. Und ich habe mich SEHR SEHR SEHR bemüht, es zu verstehen. Viel von Butler gelesen, auch die Emma. Endlose Diskussionen mit diversen Emmas und Alices. An der Uni, auf FB. Auch die Auseinandersetzung Schwarzer – Butler in der ZEIT verfolgt. Soll keiner sagen, dass ich micht nicht bemüht habe. … Und ich bin ratlos ob dieser … Ignoranz.
    Martenstein hat es für mich treffend herausgearbeitet:
    https://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede
    PS: Ich mag Deine Texte!
    Gruß Stefan

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  2. Martin Semkat

    Fast unglaublich und trotzdem glaubwürdig finde ich diese Geschichte. Denn so eine Geschichte will ich eben glauben! Und es ist auch nicht schwer, da Sie konsequent Ihr subjektives Erleben schildern und sich beim Schreiben anscheinend wenig damit beschäftigen, was der Leser über das Geschriebene denken wird. Das finde ich gut. Und vermutlich liegt dieser Einstellung dieselbe Eigenschaft zu Grunde, die Sie zum eigentlichen Star jenes Abends machte.

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