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Kanarienvögelchen, bitte wieder eine Geschichte! Nicht wieder so selbstreferentielles politisches Zeug!

Eine Geschichte, aber ja. Das hatte ich Ihnen doch versprochen. Vielleicht etwas zum Thema Brexit? Scherz beiseite, es ist eine Geschichte für den feinsinnigen Leser dieser Zeitung, für den Gentleman-Leser. Voilà:

 

 

Be well prepared

 

Vielleicht wissen Sie nicht, wie eine klassische Anfrage eines Kunden bei einer Escort-Agentur aussieht. Vielleicht glauben Sie, es wäre ganz normal, dass die Herren da sehr detaillierte Vorstellungen haben, von den Services bis hin zu meinem Outfit und wie ich mich für den Abend style. Nun ehrlich gesagt, so etwas ist eher selten. Seriöse Kunden schreiben so knapp wie möglich und sind klug genug, einer gewissen Spontanität Raum zu geben. Wer hingegen mit dutzenden Mails im Vorfeld nervt, erregt Verdacht, ein sogenannter Wichser zu sein, also jemand, der gar nicht wirklich ein Date will, sondern sich die Befriedigung allein in dieser Kommunikation holt. Umso erstaunlicher, dass ein gewisser Kunde bei meiner damaligen Agentur überhaupt ernst genommen wurde. Dieser Mann hatte nämlich ein regelrechtes Drehbuch für den Abend mit mir und meiner Kollegin geschrieben. Inklusive Dialoge!

Er war ein sehr dicker und wahrscheinlich sehr reicher Londoner Logistik-Unternehmer. Ein Berg aus rosafarbenem Fett, richtig chubby. Ein wabbliges Monster, aber liebenswert. Das ist kein Fatshaming, so etwas kratzt nicht die Würde des Tory, die Würde der westlichen Bürgersfrau hingegen auf Lebenszeit. Er wohnte in einer Suite im Ritz Carlton. Soweit ich mich erinnere, hatte gerade eines seiner Unternehmen an die Deutsche Post verkauft und wollte das auf seine Weise feiern. Bitte, fragen Sie mich nicht nach Details! Aber ich schwöre, das Bisschen, was ich noch weiß, das habe ich so erlebt, diese Geschichte ist wie alle meine Kolumnen hier nicht erfunden, sondern wirklich passiert. Nageln Sie mich nicht fest! Es ist schon Jahre her, ich war noch ganz unerfahren, und noch nicht so geübt, auf die richtigen Details zu achten, an denen man Menschen lesen kann. Er hatte zwar erzählt, dass er ein Tory war, und sich selbst durchaus als typischen Tory betrachtete: er sprach Tory-Englisch, lebte in einer Stadtvilla in einer Tory-Gegend, und war Mitglied in einigen typischen Tory-Clubs mit seinen Tory-Freunden, die er noch von Oxford her kannte. Aber ich erinnere mich nicht an ein Uni-Abzeichen auf seinem Sweater und an den Namen des Schneiders seines teuren Savile-Row-Maßanzugs. Sollte er Namen oder Infos fallengelassen haben, an denen jemand Schlaueres als ich ihn eindeutig hätte identifizieren können, sie gingen mir da-rein-da-raus. Aber woran ich mich erinnere ist: Er hatte keine Prostata mehr. Krebs – er war glücklich, überlebt zu haben. Ohne dieses Organ, mit auf den Kopf gestelltem Hormonhaushalt, war aus ihm ein weiches, vergnügtes Babyface geworden. Was wollte dieser Mann ohne Männlichkeit mit zwei Luxus-Huren die ganze Nacht anstellen? Der Preis für den Spaß war für uns beide insgesamt immerhin sechstausend Euro für ein bisschen fun. Aber wie gesagt, der Mann war niemand, für den solche Summen eine große Rollen spielten. Er überreichte jeder von uns ihren dicken Umschlag mit sichtlicher Begeisterung, als wäre es ein Weihnachtsgeschenk.

Was das Tory-Ferkel wollte? Er wollte meine kurvige blonde Kollegin Alicia und mich für ein Spanking-Szenario. Falls Sie das Wort nicht kennen, Spanking, das sind Schläge auf den Po, den Arsch voll, den Hintern versohlt kriegen. Ein Fetisch, von dem man in meiner Branche weiß, dass er bei auf den Britischen Inseln geborenen, insbesondere bei Engländern, überdurchschnittlich häufig auftritt. (Zusatzinfo: in Deutschland ist der häufigste Fetisch mit großem Abstand Analsex, was wohl mit unserer Geschichte zu tun hat.)

Also schrieb dieser vielbeschäftigte Großunternehmer ein detailliertes Szenario für den Ablauf des Dates, inklusive Text, den wir zwei auswendig zu lernen hatten. College-Girls in kurzen Röckchen und er als Direktor, wir waren ja so ungezogen – das übliche Klischee, das kennen Sie doch aus Pornofilmen.

Doch dann entpuppte er sich als überraschend unangestrengt. Er hatte schon ganz vergessen, was er der Agentur geschrieben hatte, und dachte überhaupt nicht mehr an irgendein konkretes Szenario, seriously not. Stattdessen nahm er neben uns albernen Gören in Schulmädchenlook auf dem Sofa der Suite platz und machte den Märchenonkel. Er erzählte uns, wie er persönlich zum Spanking kam. Wir hingen an seinen Lippen! Und ich erzähle diese Geschichte jetzt weiter. Alle Angaben ohne Gewähr! Woher soll ich wissen, ob der Mann uns gegenüber die Wahrheit gesagt hat? Aber ich erzähle es so, wie er es erzählte, nach bestem Wissen und Gewissen.

 

 

Anita

 

Anita, das Wunderkind. Frisch von der Uni, gut aussehend und nicht nur leicht eingebildet. In seinen Augen ein Fehler, solchen Kids, die eben noch im Hörsaal saßen, gleich eine leitende Stellung in einem börsendotierten Unternehmen anzuvertrauen, das für tausende Jobs zuständig ist. Karrieregeile Streber ohne jede Erfahrung, ohne eine Spur von Gespür für die gesellschaftliche Verantwortung ihrer Entscheidungen auch. Ohne Besonnenheit und Maß, nur auf schnellen Aufstieg aus. Zocker. Anita machte sich am Anfang sehr gut – reines Glück, selbstverständlich – und es verdross ihn schon, morgens in die Firma zu kommen, und das erste, was ihm begeisterte Kollegen sagten war Do you know what Anita did? Es vergällte ihm sogar das geliebte Ritual der Tea and Scones in der Firmenlounge. Er selbst stand nicht auf die südländische, sportlich durchtrainierte Anita, und sah darum umso klarer, dass es vor allem an ihrem Äußeren liegen musste, mit dem sie die andren Typen umgarnte. Es war eine Frage der Zeit, bis sie einen Fehler machte. Der Erfolg, und die Unsummen, die diese unter-25-jährige verdiente, stiegen ihr schnell zu Kopf.

Die Katastrophe kam. Auf irgendeiner Konferenz (Bitte, keine Fragen!) did Anita spread some news too early, hatte sie wohl irgendwelche Firmengeheimnisse zu früh verraten. Was in dieser Geld-Welt (fragen Sie mich bitte nicht wie) zu einem Fall der Aktie ins Bodenlose führte, ein Milliardenverlust, und allein Anita war schuld. Selbst für ihre Fans und Förderer hätte es keine Alternative gegeben als sie umgehend zu feuern. Anita weilte zu diesem Zeitpunkt in Fernost – ich glaube es war Singapur, sagen wir Singapur? Er hielt es für besser, sie persönlich aufzusuchen und ihr die Kündigung persönlich mitzuteilen. So macht man das in diesen Kreisen, man fliegt halt mal kurz um die halbe Welt. Vielleicht wollte er ihr auch einen Laptop mit Firmendaten abnehmen oder ähnliches, dafür sorgen, dass sie nicht in einer Kurzschluss-Reaktion Rache nahm und dabei mal eben ein paar tausend Jobs in der Logistikbranche vernichtete? Aber woher soll ich das wissen! Was ich noch weiß, ist die Szene, die er in dem Luxus-Hotel in Singapur(?) beschrieb. Ihre Tränen. Ein hysterischer Anfall in der Lobby. Er, peinlich berührt, bittet den Concierge, die Dame in ihr Zimmer zu bringen und ihm ausrichten zu lassen, wenn sie ansprechbar wäre, er hasst hysterische Frauen. Dann, oben in ihrer Luxus-Suite, ist die Kleine immer noch außer sich. Sie heult und bettelt, ihren Job wieder zu bekommen. Sie wird doch nie wieder einen so gut bezahlten Job in der Branche kriegen wenn alle erfahren was sie gemacht hat! Und sie hat sich doch gerade eine Eigentumswohnung in der City gekauft, wie soll sie die jetzt abbezahlen? Und was soll sie nur ihren Eltern sagen?

Entsetzt über so viel egozentrische Dummheit, diesen Abgrund an Unreife und Verantwortungslosigkeit, der seine schlimmsten Vermutungen noch übertraf, sagte er – etwas – einen Satz – neun magische Worte, einen unbekannten Code, eine hogwards´sche Zauberformel:

What shall I do to deal with your failure?

 

 

Deal with your failure

 

Diese Formel löste in Anita einen Reflex aus. Ihr Heulen verstummte schlagartig, sie riss sich den Rock hoch, den Slip herunter, und warft sich bäuchlings über seinen Schoß.

– Sir, I deserve to be beaten hard for my failure!

 

Stellen Sie sich den Schock, die Konsterniertheit dieses Börsenmannes mit weltumspannenden Problemen vor. Heftig stieß er sie weg. Auf dem Boden kam sie zu sich: sie war jetzt völlig ruhig. Ihre Schande hatte jedes menschliche Maß überschritten. Sie erzählte sachlich, was mit ihr los war, wie es zu dieser Reaktion hatte kommen können. Es war weiß Gott kein Zeichen von Respektlosigkeit, sondern eine Übersprungshandlung. Ihr Professor an der Uni, er hatte das immer so zu ihr gesagt, genau diesen Satz, rituell: What shall I do to deal with your failure, das war die Einleitung, und sie hatte dann zu tun, was sie eben getan hatte. Ein pawlowscher Reflex, ausgelöst durch die Nervenkrise.

 

Ja, und dann? Was habt ihr dann gemacht – fragten wir, die beiden Schulmädchen auf dem Sofa der Suite, mit lasterhafter Neugierde. Er hingegen überging diesen Part… Am nächsten Morgen mit ihr beim Hotelfrühstück, nun ja, sie hat ihren Job dann behalten. Es war der Beginn einer besseren, von ihm als Mentor betreuten Zusammenarbeit. Und ihrer Spanking-Beziehung. Er nahm gewissermaßen die Rolle ein, die ihr Uni-Prof gehabt hatte, und die sie offenbar dringend nötig hatte um ihr seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Sie hat nach einem Jahr sowieso gekündigt, wegen Heirat eines superreichen Ober-Bosses. Ich habe vergessen, welche Branche, doch, halt, warten Sie, aus der Führungsetage von Rolls-Royce UK („Drive or be driven?“) – fragen Sie nicht welche Position genau, es war wohl eine gute Partie. Am Tag vor der Hochzeit klopft sie nochmal an seiner Bürotür. Sie will es, ein letztes Mal. Er ist konsterniert. Die Striemen würde man in der Hochzeitsnacht sehen. Sie solle so etwas nur noch mit ihrem zukünftigen Ehemann tun, es sei vorbei. Sie sagt, sie traut sich nicht, ihrem Verlobten davon zu erzählen, wolle ihn nicht verlieren. Er solle es tun, es sei vielleicht das letzte Mal! Er weigert sich. Sie müsse ihrem Mann von ihrer Neigung erzählen, sonst würde sie sich sehr unglücklich machen.

Jahre später trifft er sie wieder. Ihr Mann war es, der ihn einlud zu einer Party. Einer special party. Einer BDSM-Party der upper-upper-upper class, und was er dort sollte, war der Schlagmeister sein für die gute Anita. Offenbar hatte Anita sich doch getraut, sich ihrem Gatten zu offenbaren. Vielleicht war es ihr auch unabsichtlich passiert, vielleicht weil sie einen Porzellanteller zerbrochen oder das Haus in Brand gesteckt hatte, und der Mann reagiert hatte mit What shall I do to deal with your failure? Aber woher zum Teufel soll gerade ich das wissen! Der Ehemann war offenbar sehr einverstanden mit Anitas Neigung. Und diese Partys, die gäbe es wohl regelmäßig, und er, der Londoner Tory, war fortan Teil dieser Welt.

Und nach dieser langen Geschichte mussten wir direkt zum Dinner! Was aber danach geschah, das ist zu pervers für diese Zeitung. Bis zum nächsten Mal!

Das Kanarienvögelchen

 

 

 

Extra:

 

 

Oder doch nicht? Der Abend endete selbstredend nicht mit dem Dinner. Wir waren zwei Highclass-Escorts, er war bestens gelaunt, und selbstverständlich gab es vor dem Schlafengehen nicht nur Milk&Cookies. Es gehört eigentlich nicht zu der Geschichte, aber ist doch ein bemerkenswerter Zusatz, um diesen liebenswerten Typus Mann zu verstehen. Es ging ihm offenbar nicht nur um die harte Gangart, sondern um das dazugehörige Äquivalent, dass hierzulande oft nicht mitgedacht wird: Zum Schlagen gehört auch Streicheln und Kitzeln, Tickling, forciertes, quälendes Kitzeln, das liebte er, er war überaus ticklish. Und wir staunten, weil wir das bei einem Mann noch nie erlebt hatten: mangels Prostata und Samenerguss vermochte die Natur ihn mehr als zu entschädigen mit multiplen Orgasmen! Wie bei einer Frau! Ohne Pause, einer nach dem anderen! Jeder auf feminine Weise heftig, das ganze dicke Wabbeltier wabbelte und wand sich in lustvollen Zuckungen, es stieß kieksige Laute aus! Und nach nur wenigen Sekunden wiederholte sich das, fast eine halbe Stunde lang, bis zur totalen Erschöpfung. Zum neidisch werden.

Männer, geht in euch: wenn ihr eure Prostata nach vernünftiger Abwägung nicht mehr braucht, dann nichts wie raus damit! Ich kann es nur empfehlen. Aber fragen Sie vorsichtshalber ihren Arzt – was weiß ich schon. Ich kann unmöglich dafür bürgen, dass meine Erinnerung mir keinen Streich spielt. Ich bin doch nur ein kleines Kanarienvögelchen.