Einer der wirklich unschätzbaren Vorteile meines Jobs ist, dass ich so interessante Leute kennenlerne. Menschen, die ich sonst nie und nimmer treffen würde. Schon gar nicht in solchen Situationen…

 

There was a boy…

Da war so ein junger Mann. Jung, damit meine ich: ein Mitglied meiner eigenen Generation. Nur ein paar Monate früher geboren als ich. Das selbe Land, die selbe Zeit. Der Unterschied: ich bin Sexarbeiterin, er kann sich Sexarbeit leisten. Die Machtverteilung ist klar. Oder nicht?

Man könnte es doch auch so sehen: ich bekomme Geld für Sex, während er für Sex bezahlen muss. Ich habe die Macht, ihm zu geben, was er braucht. Ich brauche ihn nicht unbedingt, er ist ja nicht mein einziger Kunde. Er hat mich ausgewählt, obwohl man Dienste wie meinen auch viel günstiger haben kann, und mit mehr garantierten Serviceleistungen. Ich garantiere gar nichts: nicht mal, dass es überhaupt zu Sex kommt. Doch, eine einzige Sache garantiere ich schon: dass es zum Sex kommt weil ich es will – und nur dann. Einvernehmlichkeit. Und gerade bei jungen Kunden mache ich mir da gewisse Sorgen: sind die nicht nur auf sich selbst fixiert? Haben die überhaupt genug Erfahrung, um sich auch für die Lust der Frau zu interessieren, die so viel interessanter ist als ihre eigene, männliche? Wissen junge Männer überhaupt, wie schön der Körper einer jungen Frau ist? Nicht umsonst schätze ich Männer über 50, auch im Privatleben. Ich strebe nicht nach knackigen Bodys, ich möchte Lebenserfahrung und versierte Technik.

Aber ein ganzes Wochenende in St. Moritz? Es war einfach zu lukrativ!

Außerdem war ich neugierig, warum so ein junger Mann Kunde wird. Findet er in dem Alter denn keine Gratis-One-Night-Stands? Er war durchschnittlich gutaussehend. Und reich! Da musste es doch jede Menge Ehe-Anwärterinnen geben, die sich richtig reinknieten um für ihn die romantische Liebe zu performen?

 

Aber genau daran lag es. An seiner Angst, Frauen würden ihm etwas vormachen, um an sein Geld zu kommen. Das zog ihn paradoxer Weise zum Paysex, zu einer Frau also, der es aus ganz prinzipiellen Gründen um sein Geld ging, und die er genau dafür bezahlte, dass sie ihm etwas vormachte. Zumindest stellte er sich das so vor. Dieses Verhältnis hatte für ihn den Vorzug der Klarheit, ein beruhigendes Gefühl von Kontrolle. Er will keine falschen Erwartungen wecken. Eine gute Freundin für ein Wochenende auf eine Reise einzuladen, die er nicht liebt, sondern nur nett ficken will, das ginge halt nicht. Nicht in der ländlichen Gegend bei Hannover, wo er herkam. Und ein Tinder-Date schon gar nicht, da wäre er um seine Sicherheit besorgt, falls sie den berühmten Namen seiner Familie (den ich noch nie gehört hatte) erführe… Escort ist die Lösung. Und finanziell täten im vier-fünftausend Euro zusätzlich für ein Wochenende nicht weh.

 

Woher er so viel Geld hatte? Es war Geld der Eltern. Die hatte dafür aber hart gearbeitet, wie er sich beeilte mir zu erklären, obwohl ich gar nichts erwidert hatte, härter als andere, und überhaupt, warum man sich in Deutschland immer für seinen Erfolg rechtfertigen müsse? Die erste Million ist immer die schwerste, sagte ich. Er verstand den Witz nicht. Ich richtete mich in einer lakonischen Stimmung ein, während die Landschaft draußen bergiger zu wurde, je weiter wir uns entfernten vom Züricher Flughafen, wo er mich abgeholt hatte mit einem Mietwagen, irgend so ein flaches Matchbox-Ding.

Friedrich Merz im  Larvenstadium

Er hatte wenig erlebt, aber zu allem eine Meinung. Unterwegs redet wir über sein Lieblingsthema, Reichtum und Erfolg. Meine Firma Hetaera imponierte ihm, mein Unternehmergeist als Selfmade-Muschi. Er wollte mich mit einer ihm bekannten Holding in Irland verbinden. Irland, das Steuerparadies, so niedrige Unternehmenssteuer! Ich erklärte ihm, dass ich keine Unternehmenssteuern sparen müsste. Weil Hetaera nicht kommerziell ist. Weil ich nichts damit verdiene, absichtlich nicht. Wenn meine Kolleginnen über unsere Website einen Kunden bekommen, will ich keine Provision. Ich lebe genau wie meine Kolleginnen dort nur von meinen eigenen Dates, nicht von denen der anderen.

Er war fassungslos. Dass könne ich doch nicht machen! Das sei doch das völlig falsche Signal. Wenn du nichts kostest, bist du nichts wert.

Er gab mir einen Crash-Kurs im Reichwerden – völlig gratis, übrigens. Mit dem Reichwerden sei es ganz einfach: man müsse nur immer mehr einnehmen als ausgeben. Wobei er sich jetzt nicht nur wegen ein paar Millionen pro Jahr nicht gleich als „reich“ bezeichnen würde. Als wohlhabend, vielleicht, als Leistungsträger. Das größte Problem: der Neid. Deutschland, sagte er verschwörerisch, ist fast ein sozialistisches Regime! Beispiel Erbschaftssteuer. Warum wolle der Staat ihm wegnehmen, was seine Eltern ein Leben lang hart für ihn erarbeitet hatten? Das Geld sei doch schon versteuert! Warum sollte er es jetzt nochmal versteuern? Es fühle sich für ihn so an, als neidete ihm der Staat die Liebe seiner Eltern. Aber zum Glück hätten seine Eltern sich etwas einfallen lassen, ein Modell mit einem Anwalt, hier in der Schweiz.

 

Was er mal werden wollte? Er sei derzeit in einer Orientierungsphase. Studieren? Höchstens Wirtschaft, aber da sei er doch eh allen überlegen, mit dem, was er von zu Hause mitbrachte. Warum sollte er sich einem Professor unterordnen, der noch nie selbst ein Unternehmen geführt hatte, sondern sich vom Staat aushalten ließ? Auch die Wehrpflicht habe er abgelehnt, weil er vor keinem sadistischen Loser im Dreck liegen wollte, zusammen mit menschlichem Müll aus dem Bodensatz der Gesellschaft. Aber ebenso wenig wollte er Zivildienst machen wie ein Linker. Also habe er sich ein Attest besorgt, über einen Arzt, einen Freund seines Vaters. Er fand es im Nachhinein nur noch schlimm, dass er sich überhaupt die Mühe machen musste, nur weil der Staat ihn gängeln wollte wie einen Strafgefangen. Und das, sagte er, sei es auch eigentlich, was ihn interessiere. Staat und Gesellschaft. Politik. Zum Beispiel: Wie könne ein Staat den besseren Teil seiner Bürger zwingen, sich von den schlechteren ausbeuten zu lassen? Harz-4-Empfänger seien doch tatsächlich entweder dumm, faul oder einfach überflüssig, sie nützten die Leistung von Leuten wie ihm, bzw. seinen Eltern, aus. Meinungsstärke – das sei eine seiner Qualitäten. Er sei kein Ignorant, der anderen die Entscheidung überlassen wollte, wie er lebt.

Er sah zu mir herüber. Feierlich erklärte er: Du bist die Erste, der ich es sage, aber ich kann mir eine Karriere in der Politik vorstellen.

Das hier war ein Lehrbeispiel, das, was uns vielleicht alle erwartet, gewissermaßen im Larvenstadium: Leute ohne jede soziale Kompetenz, die es in die Politik zieht.

War seine Meinungsstärke etwas Authentisches, oder gab er doch nur die Meinung seiner Eltern wieder? Eine müßige Frage. Er war hermetisch isoliert in seiner Welt, unfähig, sie in der Außenansicht zu betrachten. Das machte ihn so rührend zutraulich. Er war ganz ohne Arg: er wiederholte unzensiert, was seine Eltern wohl nur im engsten Familienkreis aussprachen, niemals jedoch öffentlich. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es nötig sein könnte, gewisse Überzeugungen unausgesprochen zu lassen. So wie diese hier:

„Es sind die Armen, die sich rechtfertigen müssen, nicht die Reichen. Wer reich ist, ist das ganz bestimmt nicht aus Blödheit.“

Ich dachte, hört, hört. So reden die also über uns. Uns Nicht-Millionäre. Unter sich, wenn sie glauben, dass nichts nach außen dringt. Und in diesem Moment war mir klar, dass ich es aufschreiben musste. Und jetzt erfährt es durch mich die WELT!

Man beachte: das alles hörte ich mir an in einem rasenden Sportwagen auf einem einsamen Alpenpass im Engadin, bereits jenseits der Baumgrenze. Hätte er das alles in einem Berliner Taxi erzählt, wäre ich wahrscheinlich ausgestiegen. Mit der vollen Solidarität des Taxifahrers. Aber hier mitten im Hochgebirge das Date abbrechen? Es wurde dunkel, es war weit und breit kein anderes Auto auf der Straße. Der Flughafen Zürich über zwei Stunden entfernt. Sollte ich mich hier an den Straßenrand stellen und ein Taxi rufen? Die Taxifahrt nach Zürich hätte mich mehr als die gesamte Anzahlung gekostet, ganz zu schweigen von der Umbuchung Rückflugs oder einem Hotelzimmer dort. Und dann der Verdienstausfall… das wollte ich ihm nicht gönnen. Dafür hatte ich eine bessere Idee: ich könnte doch hier endlich Mal von meinem Recht auf Sexverweigerung Gebrauch machen. Stichwort Einvernehmlichkeit. Leistung muss sich lohnen!

Das sexuelle Elend, auf höchstem finanziellen Niveau

Am ersten Abend hielt ich es durch. In der Nacht spürte ich an der Vibration der Matratze, dass er heimlich onanierte, anstatt mich zu seiner Befriedigung aufzuwecken. Na also! Ich stellte mich weiter schlafend.

Doch am nächsten Tag stand ein Ausflug auf dem Programm. Wir wollen nach Davos, wegen dem Zauberberg. Doch der schicke Rennwagen erwies sich als unzulänglich für das Hochgebirge, wir gerieten in einen Schneesturm, der völlig unvermittelt losbrach. Der Wagen geriet ins Schlingern. Die Wut und Entschlossenheit meines Kunden führten nur dazu, dass das jämmerlich heulende Gefährt mit durchdrehenden Rädern gefährlich nahe an den Abgrund rutschte. Hilfe rufen ging nicht, wir hatten kein Netz. Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf den Schneepflug zu warten, der, hoffentlich, irgendwann kommen würde. Direkt unter meinem Fenster gähnte die Schlucht, soweit ich das in dem Schneetreiben erkennen konnte. Die Schneewehen fegten die Straße entlang, die in den wenigen Minuten schon völlig zugeschneit war. Ich trug Sandalen. Im Radio gab es nur einen einzigen Sender, auf Räteromanisch. Was machte ich hier? Was war mit meinem Leben passiert? Ich bekam außergewöhnlich schlechte Laune. Und plötzlich Mitleid mit ihm: er hat sich das Wochenende mit einer Luxuskurtisane sicher auch anders vorgestellt. Irgendwann schaltete er die Scheibenwischer aus. Eine blauweiße Schicht verdunkelte das Wageninnere. Seine Hand näherte sich meinem Schenkel – doch er griff nur nach der Wasserflasche. Vielleicht hatte er mein Zucken bemerkt, er lächelte verlegen. Und plötzlich fing er an zu erzählen, aber anders als am Vortag. Der Reichtum seiner Eltern… seine ganze Kindheit verbrachte er in Angst vor einer Entführung. Er sei bis heute übervorsichtig, bis zum Verfolgungswahn. Er meide Menschenansammlungen. Sorglos feiern auf öffentlichen Partys – ausgeschlossen. Alle seine Bekanntschaften stammten noch aus der Schulzeit. Einfach so auf Leute zugegen, das konnte er nicht. Er gestand mir, dass er noch Jungfrau war, und wie sehr er darunter litt. Ich sollte ihn also entjungfern!

Mitleid siegt. Als die Lichter des Schneepfluges auftauchten, hatte ich den Entschluss gefasst, mich seiner zu erbarmen, nach einem heißen Bad und einer Flasche Chateau Margaux in dem herrlichen Hotelzimmer.

Aber er konnte es nicht, konnte es einfach nicht – obwohl sein ganzer Körper zitterte vor Sehnsucht. Er war zu schwach, schlicht unfähig zu der üblichen Stoßbewegung des Beckens. Etwas von dem ich angenommen hatte, es gehöre zu den angeborenen Fähigkeiten jedes Mannes. Doch wie es trainieren, wenn man immer nur die Hand benutzt? Oh junge Elite, du bist lendenschwach! Er griff dann eben zur gewohnten Methode, bei der ich ihm zur Hand ging. Er weinte. Kein Mitleid mit den Reichen?

Am nächsten Morgen beim Frühstück, mit Blick auf winterlich verschneite Berge, war er wieder guter Dinge. In aufgeräumter Stimmung schlürfte er seinen Earl Grey Tea und sein Œuf Bénédicte, und fragte, ob es mir hier nicht auch gefalle? Ob ich nicht gern öfter mit ihm hier wäre? Oder an anderen Orten wie diesem? Er mache ja fast jedes Wochenende Ferien, und er schätze meine Begleitung durchaus. Er machte er mir ein korrumpierendes Angebot: viertausend Euro – so viel wolle er mir monatlich geben, wenn er mich exklusiv haben könnte. Jedes Wochenende, oder jedes zweite. Voraussetzung: Ich müsste mit meinem Job als Escort aufhören. Viertausend Euro täten ihm, wie gesagt, nicht weh, und für mich wäre das doch ziemlich viel Geld? Und – er dachte laut – wenn er mich mehr als zwei Nächte im Monat hätte, wäre es für ihn sogar billiger!

 

Ich habe sein Angebot abgelehnt.