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Das Geschäft mit der Lust in der Coronakrise

 

Wie ist es? Wie geht es dir, wie geht es euch in Berlin? Wie läuft das Geschäft? Das Geschäft mit der Lust, in der Coronakrise.

Ach, ich sitze allein in meiner Wohnung. Meine winzige Wohnung: ich bewohne sie seit 10 Jahren, seit ich bei meinen Eltern auszog, und in meinem zweiten Monat hier suchte ich mir endlich einen richtigen Job, als Sexarbeiterin nämlich, und bezahlte sie mit Hurengeld.

28qm! Mehr brauchte ich nie. In diesen glorreichen zehn Jahren war sie doch nur meine Start- und Landeplattform, meinen Basis für Ausschweifungen in den glitzernden Nächten, in den lauten, grell strahlenden Nächten dieser Stadt. Der Ort, an den ich mich zurückzog, wie ein Springteufelchen in die Schachtel.

Ich bin privilegiert. Ich sitze in einer warmen Wohnung, bin wahrscheinlich gesund, und trinke die Schaumweinvorräte für geplante Rendezvous leer, allein, und höre dazu Monteverdi, Lamento della ninfa. Ich bin so privilegiert, ich darf Interviews geben, Texte schreiben. Die Menschen fragen mich, wie es mir geht, mir, dem Freudenmädchen.

Es geht mir nicht schlecht. Nicht so schlecht wie den Obdachlosen ein paar hundert Meter weiter, unten am Kottbusser Tor. Gestern Nacht war ich dort und habe ihnen ein halbes Brot gebracht, weil ich sowieso kein ganzes Brot schaffe, bevor es hart wird. Und ich dachte dann, warum nur das Brot, warum nicht auch Butter oder Käse dazu, oder Wein, oder Paracetamol, und warum nur gestern? Warum erst gestern? Warum nicht jeden Tag? Du könntest ihr Leben retten.

Wir wollen Leben retten.

Wir können nicht alle retten.

Rette sich wer kann.

 

 

Ich habe nur noch Todesküsse zu verkaufen

 

Was ist geschehen mit unserer Welt, unserer irgendwie immer prekären, aber doch getrosten, mutwilligen Welt, unserer rücksichtslosen Gegenwart im Noch-nicht-Postkapitalismus? Vor dem Klimakollaps? Vor einem neuen Faschismus? Was für Probleme wir hatten. Und noch haben. Aber so unmittelbar getroffen, als Kollektiv, jeder einzelne, ob arm, ob reich, ob DAX-Vorstand, ob Prostituiere, die den DAX-Vorstand mit ihren süßen Lippen küsst, ob oben, ob unten – das waren wir zuletzt vor ein paar Jahrhunderten. Totentänze in Kapellen zeugen davon. König und Bettler, Priester und Hure, Hand in Hand mit den Knochenmännern. Ich bin eine ehrwürdige Berliner Hure, und ich habe nur noch Todesküsse zu verkaufen.

Ich bin privilegiert. Ich muss keine Todesküsse verkaufen, ich kann warten, zwei Monate oder drei. Erst dann.

Was dann?

Dann.

Die unheilvolle Kurve wird nur verschoben, und wir kriegen sie doch nicht flach, nicht flach genug. Es sind dies nicht die Tage von Corona, es ist dies das Jahr von Corona, die Jahre, vielleicht. Es ist das Zeitalter der Viren-Angst, dem Schrecken der Massen. In einem Abendland, das sich heute so hohe ethische Maßstäbe setzt, und jedes Menschenleben retten will – vorausgesetzt, es ist ein Mensch mit den passenden Papieren, und nicht etwa schmutzige Bettler oder Geflüchtete, die können elend verrecken, nicht dass sie uns noch anstecken. Infizieren mit der Armut, die so ansteckend ist. Wärst du nicht arm, wär ich nicht reich. Trockenes Brot hatte ich für sie, ich.

Hohe ethische Maßstäbe, denen wir nicht gerecht können. Nicht mit privatisierten Krankenhausunternehmen. Einer dieser Krankenhausunternehmer war dereinst mein Freier, er gab der Putzfrau hinterher hundert Euro Trinkgeld. Mehr sage ich nicht. Ich hätte ihn fragen sollen, ob die Putzfrauen seiner Kliniken auch so einen Stundenlohn haben. Aber ich sagte nichts. Ich wollte meine eigenen hundert Euro Trinkgeld behalten. Die Putzfrau und ich, wir sahen uns nicht an.

 

 

Berliner Nachtleben, fragiles Biotop

 

Sie wollen uns retten. Uns Trinkgeld geben. Geld für den DAX-Konzern und Geld die Angestellten, Geld für die Selbstständigen und Geld die Künstler und die Gastwirte und die Schönen der Nacht. Für meine Welt, aus der ich stamme, mein Berlin. Arm, aber sexy, aber sexy ist verboten jetzt, also nur arm.

Sie haben es versprochen. Aber können sie es halten? Wie lange können sie es halten? Wie lange wird halten, was jetzt schon kaum hält? Der Dschungel des Berliner Nachtlebens, der Sumpf mit den schillernden Sumpfblüten, er ist ein fragiles Biotop. Ein Biotop, dem das Wasser abgegraben wird, rettet man nicht mit einer Gießkanne. Die Katastrophe wird nur verschoben. Eine Monat, zwei. Fünftausend Euro, Zehntausend. Lass stecken den Kredit. Die Schäden sind irreparabel. Diese 20er Jahre müsst ihr verzichten auf Schwof und auf Swing, auf Talmi und Flitter und Tingeltangel und die grüne Fee Absinth, oder Tinkerbell, Peter Pans Gefährtin im Land der Kindsköpfe. Für jedes „Aber dafür hat man doch Rücklagen“ fällt irgendwo eine Fee tot um. Oder eine migrierte Prostituierte. Und so manche schwäbische Mutterkuh im Bundestag kann ihre Häme nicht verbergen.

 

 

Die Grille und die Ameise

 

Wohl dem, der bieder vorgesorgt hat, der kleine Mann mit zwergenhaften Argwohn. Der schlaue Deutsche, der den Samstagvormittag damit verbringt, Preise in Discounterkatalogen zu vergleichen, und immer weiß, wann bei Aldi Nackensteaks im Angebot sind. Der, der sowas ja immer schon hat kommen sehen. Der mit dem Metro-Ausweis, der schon drei Tage vorher mit dem geliehenen Transporter vorfuhr, um dann das ganze Zeug im Netz zu verkaufen. Der sein Scherflein im Trockenen hat. Der Konsument von Unterhaltungskunst, der nicht fragt, wer diese Kunst eigentlich macht, und was nötig ist, an Lebensentwürfen, damit es sie geben kann. Zur Zerstreuung und Erbauung seiner Seele.

Ich muss an die Fontaine´sche Fabel denken: Die Grille und die Ameise. Die Menschen aus meiner Welt sind ein zirpendes Grillenvolk. Unsere Biosphäre, unsere Orte und Räume, ohnehin bedroht durch Gentrifizierung, sind bereits verloren. Unsere geliebte Stadt gehört nicht uns, nicht auf dem Papier jedenfalls. Und Papier ist geduldiger als wir. Der Faktor Zeit ist auch für uns der entscheidende. Drei Monate, zwei.

Vieles wird nicht zu retten sein.

Das Ganze wird nicht zu retten sein.  

Die Atmosphäre wird vergehen mit uns, der Sommer vergeht mit seinen Grillen. Berlin bleibt nicht Berlin.