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Dieser Artikel erschien im Dezember 2020 in der Berliner Zeitung. Bei der Veröffentlichung hier am 6.1. 2021 hatten gerade bewaffnete Anhänger Trumps den US-Senat gestürmt.

 

Trump, Koks und Impotenz

Ob das legal war, war Auslegungssache. Hart an der Grenze, und vernünftig sowieso nicht. Aber Vernunft konnte ich mir gerade nicht leisten. Ich hatte immer noch kein anderes Einkommen als das Geld, das Leute mir geben, damit ich mit ihnen ins Hotel gehe. Natürlich war das auch für die Gegenseite nicht gerade weise in Zeiten von Corona, und so waren die Kunden eher spärlich dieses Jahr. Es hieß, alles mitzunehmen, was man kriegen konnte. Hotels waren noch offen außer für Touristen und Treffen mit Mitgliedern zweier Haushalte erlaubt. Und ob es sich bei diesem Treffen um Prostitution handelte, musste mir erstmal jemand nachweisen.

 

 

We are all looking very good all over the country

Also rein durch die Drehtür des Luxusschuppens! Dasselbe Spiel wie immer: welcher ist es? Man tut so, als wüsste man, mit wem man verabredet ist, aber man muss abwarten, bis man erkannt wird, bis klar ist, der da, der direkt auf mich zusteuert, der kann es wohl nur sein. Der? Oh nein, bitte nicht, bitte nicht der, bitte … Hallo Prinzessin!  – Oh, sehr erfreut! Er war eigentlich ganz passabel. Mir machen unattraktive Typen ja Spaß, da fühle ich mich so heroisch. Er war stattlich, schrankförmig, so ein rotblonder Typ mit Quadratschädel … an wen erinnerte er mich? Herrje, an Ex-Präsident Trump!

Er bewegte sich auch so. Abgehackt und wuchtig. Unbeweglich und mechanisch. Und er sprach und dachte auch so. Da war nicht die übliche charmante Verlegenheit meiner neuen Kunden. Dieser hier nannte mich zwar Prinzessin, aber er wusste nicht, wie man eine Prinzessin behandelt. Bei einer Prinzessin überschreitet man nicht schon im Fahrstuhl den Mindestabstand to grab her by the pussy. Und vor allem unterbricht man sie nicht mit unflätigen Obszönitäten der ordinärsten Art, die einzig bei einem Patienten mit Tourettesyndrom zu tolerieren wären.

Hatten Sie eine gute Anreise in Berlin? – Du kleine Schlampe ich würde dir jetzt am liebsten ins Gesicht spritzen!  – Oh. Charmant. Vielleicht später … Möchten Sie ein Glas Champagner? – Ich fick dich gleich so richtig durch, du geiles Stück! Ich liebe dich! Hatte der arme Mann etwa wirklich Tourette? Man stelle sich vor, er wäre gefangen in diesen Zwängen, die es ihm unmöglich machten, eine unkomplizierte Bekanntschaft zu Frauen einzugehen! Wie ergreifend! Nein, er war bloß ein Kokser. Es wurde mir klar, als er das dritte Mal zur Toilette ging und schniefend zurück kam. Er war high. So musste es sein! Ich habe zu wenig Erfahrung mit Kokain, nehme es ja selbst nicht und weiß nie so genau, was es bei Menschen auslöst. Angeblich soll es Selbstunsicherheit und Hemmungen abbauen. Gnade mir Gott, an den ich nicht glaube.

Wenn man, wie ich, immer nur gute Erfahrungen mit Freiern gemacht hat, kann man nicht an eine Gefahr glauben, bis es zu spät ist. Gewiss: Er war ein Trottel, ein Grobianus, und zugekokst obendrein, aber das heißt doch noch lange nicht, dass jemand gewalttätig wird. Ich sah in ihm einen harmlosen Tatzelbär. Selbst als er handgreiflich wurde, konnte ich die Bedrohung noch nicht ernst nehmen. Angesichts seines Rausches, und seiner wahrscheinlich sehr mäßigen Intelligenz, wertete ich es eher als einen Akt spontaner Begeisterung, als er mir mein viel zu raffiniertes Etepetete-Seidenkimonokleid vom Leibe riss und sich dann kurzerhand mit mir aufs Bett schmiss.

Da wären wir also schon mal, dachte ich. Hemmungen abbauen muss ich bei ihm wirklich nicht. Ich war schlechterdings ziemlich unglücklich gelandet, rücklings auf meinem angewinkelten Arm, und auf den anderen stützte er sich auf mit seinem ganzen Gewicht, während er sich glückstrahlend auf mich wälzte. Ich konnte nur mit den Beinen strampeln, was den Koloss auf mir nicht anfocht, der, spielerisch, seine freie Hand um meinen Hals legte. Er will mich bestimmt nur streicheln, hoffte ich. Aber vergeblich. Er spielte ein kleines Würgespielchen mit mir, so wie auch ein Löwenbaby mit dem Dompteur nur spielen will, wenn der einen Moment nicht aufpasst.

Das Riesenbaby hatte wirklich eine gewisse Ähnlichkeit mit Donald Trump, vor allem sein dümmliches Lächeln. Verdammt, das war mein Kehlkopf da unter seinem Daumen, wenn er den in meine Lufthöhle drückte und sie zerquetschte! Es war ein fieser Winkel, es war verflucht gefährlich! Gelegentlich tausche ich mich mit Kolleginnen darüber aus, wie wir uns gegen Gewalt von Kunden schützen – oder von Männern im Allgemeinen. Männliche Gewalt ist ja nicht nur ein Problem für Huren, im Gegenteil: Wir haben zumindest den Schutz der Anonymität, und der vergleichsweise sicheren Location der 5-Sterne-Hotels mit Kameras auf den Fluren. Da muss jemand schon sehr verrückt sein, um eine Leiche zu hinterlassen. Sehr verrückt, oder sehr auf Droge.

Völlig sicher kann eine Frau auf dieser Welt sowieso niemals sein. Einige von uns sind Fans der kleinen Pfefferspraydöschen, die sie dann nie benutzen, und die irgendwann in der Handtasche auslaufen. Andere wollten sich schon ewig mal zum Selbstverteidigungskurs anmelden (aber dann kam Corona …). Ich persönlich hüte mich, Waffen bei mir zu tragen, die mir ein Bösewicht im Zweifelsfall entwenden könnte. Und auch, was den Nahkampf angeht, überschätze ich nicht meine physische Konstitution. Mein etwas verschrobener Plan war immer, den Gegner zu verwirren, durch Rezitieren von klassischer Lyrik, Schillerballaden wie die „Bürgschaft“ z.B., Was wolltest du mit dem Dolche, sprich? Die Stadt vom Tyrannen befreien!

Sei’s drum, ich konnte meinen Plan nicht ausprobieren, denn ich konnte weder sprechen, noch mich auf andere Art bemerkbar machen. Ich konnte nicht mal atmen. Bestimmt wurde mir gleich schwarz vor Augen! Jetzt bloß keine Panik. Merkt er überhaupt, was er tut? Nein, er ist zu high, zu sehr auf Droge. Er wird sich furchtbar erschrecken, sobald er begreift, dass er mich umgebracht hat. Ich dachte dies, und mehr als denken konnte ich auch nicht. Ich kann Ihnen verraten, dass man in solchen Momenten so richtig schön Zeit zum Denken hat. Sie sind nämlich lang.

 

 

What is this all about

Es sind genau diese Sorte dumm-brutaler Männer, dachte ich, die so gefährlich sind! Ihre blinde Rohheit und Gewalt! In den letzten Zuckungen des fossilen Patriachats der fossilen Brennstoffe. Verstärkt durch die Drogen der Selbstsucht: Kokain bzw. Twitter. So wie Donald Trump, der Ober-Gorilla, dieses Vieh, dieses Monster, und fast die Hälfte der Amerikaner will ihn. Halb Amerika will einen Faschisten, der mehrmals täglich mit Tourette-Tweets den Kick sucht, vor über 80 Millionen Followern! Er berauscht sich an der Hybris, dass diese Follower jederzeit zu den Waffen greifen für ihn, natürlich aus naiver Begeisterung, aus kindlichem Patriotismus, was sind sie doch für ein herrlich offenherziges Volk!

America First, Amis, Amis über alles, die Geschichte wiederholt sich. Ein hemmungsloser Mob wie auf Droge betet zu dem phallischen Trumptower, der alles plattwalzt, so wie dieser schwere Klotz über mir! Der auch noch so ekelhaft schwitzt. Er schwitzte nämlich wie ein Schwein vor Anstrengung. Ja, Anstrengung. Er war für einen brutalen Lustmörder ganz schön träge. Und vor allem fehlte ihm etwas, das wirklich das Key-Piece jeder ordentlichen Vergewaltigung ist, nämlich eine Erektion. Nicht mal das kriegt er hin, dachte ich, jetzt hat er mich schon und dann das! Wie typisch.

Trump war ja dieser Tage auch ein Ausbund von Unfähigkeit. Diese schwammige Rede, was sollte das heißen, man hätte die Wahl am Wahlabend „praktisch“ gewonnen, statt den bewaffneten Republikaner-Mob zur Gewalt aufzurufen, die Wahlbüros zu erstürmen, Wahlhelfer abzuknallen, Chaos, Krawalle, Zerstörung der Geschäfte von Farbigen, unter Beifall der Polizei, später Militär in den Straßen, Besetzung von Redaktionen, Übernahme von Radio-und Fernsehanstalten, Verhaftung oder Verschleppung von Linken politischen Gegnern, Todeslisten, Erschießungen … das übliche Programm. Trump hatte seinen Moment, er hatte ihn immer noch, während ich unter meinem leidenschaftlichen Verehrer röchelte, aber er ließ ihn verstreichen.

Donald kann es einfach nicht. Hätte man wohl auch alles viel besser vorbereiten müssen, so einen Putsch, mit treu ergebener SA-Style-Schlägertruppe, und auch mit dem Militär hätte er sich vielleicht besser stellen müssen, die Generäle einschwören, aber die mögen ihn wohl nicht so, liegt mutmaßlich daran, dass er zu wenig Kriege im Ausland angezettelt hat. Stattdessen ruft NYC-Boy die Anwälte um Hilfe. Donald Trump ist sogar zum Faschismus zu unfähig.

Die Geschichte wiederholt sich, alles geschieht zweimal, einmal als Drama, und einmal als Farce! Was soll man auch von jemandem halten, der als Herrscher des reichsten Landes nicht mal in der Lage ist, eine lächerliche Grenzmauer hochzuziehen innerhalb von vier Jahren? Ja, Twittern tut er und glaubt dann, er hätte etwas getan, so wie auch ein Kokser glaubt, er wäre der Größte, er wäre so ein harter Stecher, dass er sich die ganze Girlreihe des Friedrichstadtpalasts auffädeln könnte, aber das ist eine Selbsttäuschung durch die Droge, hier Kokain, dort Social Media, der Effekt ist derselbe, folgenlose Hybris, Impotenz!

 

 

Stop the count!

Sein Schwitzen war meine Rettung, ich glitt unter ihm weg, stürzte auf allen Vieren Richtung Tür. Er folgte mir, tapsig, verspielt. Ich locke ihn auf den Flur, schlüpfte hinter ihm zurück und sperre ihn aus. Prinzessin, mach auf, ich liebe dich!  – Du hast mich fast erwürgt, du Idiot! Wenn du Krach machst, rufe ich die Rezeption!  Ich duschte ausgiebig, um mich zu fassen. Sammelte meine Sachen ein, auch das Geld. Dann wagte ich mich zur Tür, hinter der er saß, nackt und wahrscheinlich rasend vor Wut. Ich überlegte erst, ganz schnell an ihm vorbei Richtung Fahrstuhl zu rennen, aber was, wenn er schneller war und mich niederschlug? Mich blitzartig im Bad verbarrikadieren, sobald ich die Hotelzimmertür ganz, ganz vorsichtig geöffnet hätte, und von da drinnen die Rezeption anrufen? Aber, was, wenn er, der zahlende Gast, mich beschuldigte, ihn bestohlen zu haben?

Ich entschied mich, einfach ganz gelassen aus der Tür zu gehen, als wäre nichts gewesen. Bewaffnet mit 26 Strophen von Schillers „Bürgschaft“. Da saß er, wie ein dicker Welpe, und schaute zu mir hinauf. Prinzessin, ich liebe dich doch!  – Loser! Im Fahrstuhlspiegel bewunderte ich den Bluterguss an meiner Kehle. Das war knapp.