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Wie mich der Schweizer Talkmaster Roger #Schawinski in seiner Late-Night-Show in meine Einzelteile zerlegen wollte – ohne Plan, wie man mich danach wieder richtig zusammensetzt.

Es geht um Missbrauch.

 

Das ist ein Text in eigener Sache. Nein, das ist kein Text in eigener Sache. Ich kann nur für mich selbst sprechen. Aber vielleicht gerade dadurch auch für andere. Der Missbrauch, um den es hier geht, betrifft nicht nur mich.

 

 

Die härteste Talkshow der Schweiz

 

Roger Schawinski hat seine Show jeden Montag Abend im Schweizer Hauptprogramm SRF1. Die Titelmelodie der Sendung ist so theatralisch wie die eines US-amerikanischen Nachrichtenspecials zum Super Bowl. Schawinski lädt meist einen einzelnen Gast ein, den er sich gegenüber platziert, an einem spacig geschwungenen Studiomöbel. Er stellt dem Gast eine halbe Stunde lang Fragen, in der Manier eines Advokatus Diaboli, eines Provokateurs oder Picaro und Torero in einer Person. Schawinski bezeichnet sich selbst als den härtesten Talkmaster der Schweiz.

 

Na was denn, der Schweiz ja bloß, und das ist doch ein Land mit außerordentlich höflichen Menschen, ganz anders als die bösen Deutschen – was soll schon passieren? Und die Leute im Team scheinen so nett. Überhaupt, was für eine Ehre, ich in eine Late-Night-Show, und dann noch als Solistin! Ganz zu schweigen von dem Who-is-who der Liste von Gästen, die schon beim Schawi waren – so nennen ihn meine Schweizer Stammkunden, die ich ausfrage, zu dieser Show, die einem hierzulande nichts sagt. Sie hingegen sind beeindruckt, dass ich dort eingeladen bin. Sie warnen mich auch. Ich sage zu.

 

 

Cut!

 

Es ist wie ein tiefer Schnitt mit einem scharfen Messer, der später erst anfängt zu schmerzen. Dafür dann umso heftiger.

Auf dem Monitor erscheint ein Bild meines Vaters. Ich wusste ja, es würde auch um meine Herkunft gehen, meine DDR-Künstler-Eltern – mein Exotenstatus hier im Westen, erst Recht in der Schweiz. Jener Tage mussten Freunde meiner Eltern, die in der Schweiz lebten, diese Freundschaft geheim halten, denn ihr Einbürgerungsverfahren lief, und ein persönlicher Kontakt zu DDR-Bürgern hätte verhindert, dass sie Bürger dieses wunderbaren toleranten Staates werden können. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ein Bild meines Vaters im Schweizer Fernsehen zu sehen war. Und das kurz vor seinem sechsten Todestag.

Schawinski möchte von mir wissen, was mich am meisten schmerzt wenn ich an meinen Vater denke. Es fällt mir nicht leicht, es in Worte zu fassen, zumindest mündlich, so spontan. Ich hatte die Fragen nicht im Vorfeld vorgelegt bekommen, konnte mich also nicht auf sie vorbereiten. Inzwischen habe ich es für mich formuliert: am meisten schmerzt mich, dass mein Vater nie erfahren hat, wer ich wirklich bin. Dass wir uns eigentlich nie wahrhaftig kennengerlernt haben. Wir kannten uns als Vater und Tochter, aber nicht als der Komponist Lacky-Lakomy und die Autorin und Prostituierte Hanna Lakomy, alias Salomé Balthus. Schuld daran bin ich, weil ich es ihm zu lange verheimlicht habe. Oder er, weil er so früh starb, weil er zwei Schachteln Zigaretten pro Tag rauchte. Je nachdem. Aber das zu formulieren, überhaupt richtig darüber nachzudenken, dazu kam ich in der Talkshow nicht, denn ich wurde mitten im Satz unterbrochen. Und zwar von einem Alice Schwarzer-Clip, der jetzt auf dem Monitor eingespielt wurde. Alice Schwarzer sitzt im deutschen Fernsehen und erklärt, nahezu alle Prostituierten seien schon als Kinder sexuell missbraucht worden. Und kaum, dass man diese Aussage richtig verarbeiten könnte, auch ihre Absurdität erkennen, stoppt der Clip, und Schawinski stellt mir seine nächste Frage: ob auch ich als Kind missbraucht worden sei. Und: Ob ich mich vielleicht bloß nicht daran erinnere.

 

 

Wut, Ohnmacht, Scham

 

Im Nachhinein erstaunt es mich, wie ruhig ich blieb. Dass ich nicht ausrastete, nicht den Faden verlor, nicht Herrn Schawinski mein Wasserglas ins Gesicht schüttete. Dass ich nicht aufstand und die Sendung verließ. Ich glaube, ich wurde noch nicht mal unhöflich. Ich antwortete irgendetwas schrecklich Eloquentes, machte weiter mit… aber dabei spürte ich bereits ein wachsendes Gefühl von Scham. Scham und Schuld gegenüber meinem Papa. Denn natürlich assoziierte die Frage ihn, den berühmten Mann, dessen Tochter ich bin. Wurde nun ihm, ausgerechnet ihm unterstellt, ein Kinderschänder zu sein? Ausgerechnet ihm, dem Komplizen aller Kinder, dem konsequenten Verteidiger der Kinderseele, selber ein Kindskopf. Von dem ich mir gerade jetzt wünschte, er würde noch leben und diesen selbstgefälligen Idioten von einem Talkmaster mit seiner herrlichen rauen Stimme niederbrüllen – während ich gleichzeitig heilfroh war, dass er das alles nicht mehr erleben muss.

Aber was konnte der arme Herr Schawinski schon dafür: er hatte den Namen Lakomy das erste Mal gehört, als die Praktikantin mich der Redaktion als Gast vorschlug. Er hatte in seinem vielbeschäftigten Leben wohl kaum Zeit, die Lieder meines Vaters, seine Musik zur Kenntnis zu nehmen, gar noch zu recherchieren über die Persönlichkeit irgend eines DDR-Künstlers. Er hatte wahrlich genug zu tun gehabt, stattdessen meinen Twitter-Account Salome_herself auf skandalträchtiges Material abzugrasen. Immerhin hatte er mich zu Beginn der Sendung noch rasch gefragt, wie man den Namen Lakomy richtig ausspricht.

Aber er hatte kein Problem damit, bei diesem ihm völlig gleichgültigen Mann in Betracht zu ziehen, dass er seine Tochter vergewaltigt hätte. Und warum? Weil diese Tochter Prostituierte ist. Das ist also Grund genug.

 

Was wollte er eigentlich für seine Sendung mit so einer Frage erreichen? Spielen wir doch kurz mal die verschiedenen Szenarien durch, je nachdem, wie ich geantwortet hätte.

Logisch möglich sind folgende Antworten: Entweder Ja oder Nein, wobei das „Nein“ natürlich auch bedeuten kann „Nein, ich erinnere mich nicht.“

Was wäre gewesen, wenn ich mit Ja geantwortet hätte? Hielt er das auch nur ansatzweise für möglich, nachdem er alle meine öffentlichen Äußerungen, bis in meinen tiefsten Twitter-Thread, gelesen hatte, sich also überzeugen konnte, dass da nichts zu finden ist über eine etwaige Missbrauchsgeschichte? Hielt er also für möglich, dass ich mich also in dieser Talkshow outen könnte, ganz spontan, so à la „Oh, Herr Schawinski, wenn Sie mich so fragen, ja, da war was! Wollen Sie die Details?“

Oder aber, dass ich nicht so locker plaudere, sondern einen Schock erleide, einen Flashback wohlmöglich, und weinend auf dem Talkshow-Möbel zusammenbreche? War das der Plan? Und dass, während die Kameras weiter laufen, Herr Schawinski mich tröstet, ganz väterlich, und dann kommt der tränenreiche Skandal-Offenbarungseid, hot stuff, und die Boulevard-Schlagzeilen, und die teuren Bildrechte vom SRF! Aber hätten sie das überhaupt bringen dürfen? Würde da nicht irgendeine staatliche Aufsichtsbehörde davor sein, oder auch die Angst, dass ich, sobald ich mir die Wimpern frisch getuscht habe, eine einstweilige Verfügung erwirke?

 

Variante drei: ich verneine die Frage, und werde laut, möglicherweise hysterisch. Ich breche die Sendung ab. Ich bin dabei wohlmöglich unglaubwürdig und mein Abgang ist sehr dramatisch, durchaus wert gesendet zu werden, durchaus mit Skandalpotential für die Sendung. Aber: die Show lief zu diesem Zeitpunkt erst ein paar Minuten. Es wäre ein ziemlich jähes Ende. Kann man aus so einem Kurz-Dreh noch eine Sendung machen?

 

Variante vier – die, die tatsächlich passierte: ich verneine und bleibe sachlich, nehme auch schon vorweg, dass man mir als nächstes unterstellen könnte, ich hätte den Missbrauch vielleicht nur verdrängt, oder ich würde lügen. Das muss ich halt aushalten, ich kann mir ja keine Erinnerungen einfach ausdenken, nur um ins Klischeebild der verhaltensgestörten Hure zu passen.

 

 

Gestört

 

Was wäre aber, wenn ich nun tatsächlich ein Opfern von Missbrauch wäre? Ob als Kind oder als Erwachsene, durch meinem Vater oder jemand anderen?

Ich kenne Kolleginnen, denen das passiert ist. Kein Wunder, Missbrauch ist leider sehr häufig, er geschieht sehr, sehr vielen Menschen. Allerdings werden nicht alle deswegen zu Huren. Dann hätten wir nämlich mehrere Millionen Prostituierte in Deutschland. Einige aber entscheiden sich eben für den Beruf der Sexarbeit – so wie sich auch andere für diesen Beruf entscheiden, die nie ein Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, so wie ich. Und wie nun weiter? Will man den Opfern, weil sie Opfer sind, die Berufsfreiheit absprechen? Sind sie wegen des Missbrauchs nicht mehr in der Lage, zu entscheiden, welche Art von Sexualität die Richtige für sie ist? Wird man als Opfer unmündig? Wer immer beurteilen will, was einem nach dieser Erfahrung von Ohnmacht hilft, ich wage es nicht. Doch ich vermute, noch einmal zu erleben, wie eine äußere Gewalt über den eigenen Körper bestimmt, in Form der Staatsmacht und der sozialen Kontrolle: das kann keine Hilfe sein.

 

Durch Schawinskis speziellen Stil, seine Gäste nie ganz ausreden zu lassen, bevor er ihnen schon die nächste, provozierende, thematisch aber völlig anders gelagerte Frage an den Kopf wirft, konnten wir uns leider nicht weiter bei dem Thema aufhalten. Ich hatte gar keine Zeit, mich darüber aufzuregen, ich musste mich sofort auf neue Angriffe konzentrieren.

Erst auf dem Rückweg zum Flughafen wurde mir bewusst, was da passiert war: ein Fernsehmoderator fragt eine Frau, vor laufender Kamera, ob sie von ihrem prominenten Vater vergewaltigt worden ist. Und zwar ohne, dass diese Frau, oder irgendjemand sonst, dergleichen je öffentlich geäußert hätte. Geschweige denn, dass ein entsprechender Verdacht bei einer Staatsanwaltschaft aktenkundig geworden wäre. Und vor allem, ohne diese Frau vor der Sendung zu informieren, dass ihr diese Frage gestellt werden wird. Als Überrumpelungstaktik also. Ein einzigartiger Vorfall im deutschsprachigen Fernsehen? Mir jedenfalls fällt kein vergleichbarer Fall ein. Aber vielleicht schaue ich zu wenig Fernsehen.

 

Vielleicht ist alles eine Frage der Disposition. Wie wird man, der man ist? Muss man krank sein, um sich freiwillig zu prostituieren? Bei welchen anderen Existenzen wird einem sonst eigentlich unterstellt, man müsse als Disposition eine psychische Störung wie das Trauma eines unverarbeiteten sexuellen Missbrauchs haben, außer in der Sexarbeit?

Bis vor kurzem noch bei Künstlern, insbesondere Schriftstellern: die hielt man allgemein für abnormal und gestört, aber man nahm es hin, mit Hinblick auf das Produkt. Niemand hält aber z.B. einen Fernsehmitarbeiter für krank, nur weil er in der TV-Branche arbeitet. Dasselbe gilt im Grunde für jeden Beruf, für jede Art von Erwerbstätigkeit, sogar für illegale Wege, an Geld zu kommen. Nicht mal einen Bankräuber oder Dieb hält man für psychisch krank. Wir halten Diebe nicht für mehrheitlich pathologische Kleptomanen. Auch Dealer und Auftragskiller werden nicht pauschal pathologisiert. Aber Prostituierte. Und Porno-Darstellerinnen – männliche Pornodarsteller nicht. Auch nymphomane Frauen galten lange als gestört und wurden weggesperrt. Und Homosexuellen und Transvestiten wird es bisweilen noch heute unterstellt, ihre Form der Sexualität wäre therapiebedürftig – eine perfide Form der Diskriminierung, die sich als Caritas tarnt. Alles, was nicht so ist, wie das Familienbild des Patriarchats es vorschreibt, zieht den Verdacht der Krankhaftigkeit auf sich, der nur ein maskierter Vernichtungswille der Normalen gegen die Andersseienden ist.

 

Ich könnte jetzt mit der Retourkutsche fahren und fragen: Was für eine Art Mensch muss man sein, Gäste vor laufender Kamera vernichten zu wollen? Auf diese Art die eigene Macht als Talkmaster auszuspielen, ohne jede Verantwortung für die Folgen? Ist es eine Form von Sadismus? Ist es schon krankhaft? Kommt es vielleicht daher, dass er, Schawinski, als Kind missbraucht wurde, oder gemobbt, unterdrückt, jedenfalls Gewalt angetan bekam? Oder ist es die Arbeit im Boulevard-TV, die einen so werden lässt, die Fernseh-Matrix, ein geschlossenes System, als solches schon eine Form psychologischer Gewalt? Geht es um die Angst zu versagen, die Sucht nach Aufmerksamkeit, die nicht ohne Folgen bleiben kann für die, die im System Fernsehen arbeiten, in dieser Mühle der Quote? In der die Menschen entweder sofort untergehen, oder ihre Menschlichkeit verlieren, sich abgrenzen, so wie alle Gewaltopfer. Ich könnte auch mal eine Zahl frei erfinden: 99% aller Fernsehüberlebenden ertragen diesen Seelenmord nur mit harten Drogen wie Alkohol und Kokain. Hatte Roger Schawinski nicht so gewirkt, als hätte er sich kurz vor der Sendung in seiner Garderobe noch eine Line gezogen? So knallwach, federnd und überdreht?

Ich meine das natürlich nur im Spaß. Er hingegen meinte es ernst. So wie viele andere es auch ernst meinen, wenn sie über Prostituierte reden. Nicht nur in der höflichen, kultivierten Schweiz.

Meinen Rückflug habe ich übrigens verpasst, weil ich mich auf dem Züricher Flughafen zielstrebig betrunken habe. Eindeutig ein Symptom für ein Missbrauchs-Trauma. Aber nicht gerade durch meinen Vater, sondern durch Schawinskis Late-Night-Show.

 

 

Zur Sendung: https://www.srf.ch/play/tv/schawinski/video/salome-balthus-bei-schawinski?id=11c78ed4-ab66-47e9-b8f5-314363796536

 

 

Nachtrag

Interview mit der Schweizer BLICK am Sonntag, 29.9. 2019

 

Wie war ihre erste Reaktion, als sie gelesen haben, dass die Sendung von Roger Schawinski abgesetzt wird? Was war ihr erster Gedanke?

Ich erfuhr es von meiner Schweizer Freundin Valerie Zaslawski, die gerade einen bemerkenswerten Artikel in der NZZ veröffentlicht hat, in dem ich vorkomme: https://www.nzz.ch/wochenende/gesellschaft/weibliche-sexualitaet-bei-der-emanzipation-hilft-die-prostitution-ld.1478056
Ich war, zugegeben, überrascht. Nie hätte ich gedacht, dass ein so etablierter Medienmann mit so einem billigen – und, wie es aussieht – Scheinargument vom Sockel gehoben werden kann. Seine Sendung war legendär in der Schweiz, die Einschaltquoten trotz oder sogar wegen der Kritik hoch, und der Mann alles andere als müde: ein hellwacher, hoch motivierter Profi, stets bestens vorbereitet – auch in meinen Falle. Wirklich erstaunlich, dass der SRF auf so einen qualifizierten Mann verzichtet. Es wird langweiliger werden im SRF. Ich finde es wirklich schade, weil er mir sehr imponiert hat und ich selten so ein aufregendes Interview erleben durfte, das mich persönlich so herausgefordert hat. 
 
 
Der offizielle Grund von Seiten SRF für Absetzung lautet „sparen“. Warum glauben Sie, fällt gerade diese Sendung dem „Sparhammer“ zum Opfer? Im Vergleich zu anderen Produktionen ist sie recht günstig? 
 
 
Wahrscheinlicher ist doch, dass die Redaktion ihn nach zahlreichen Kontroversen nich mehr zumutbar fand. Auch der Wirbel um mich und meine Kolumne, den er ja zugegebener Weise selbst mitverursacht hat, und der dann bis zum Einschalten eines Ombudsmannes ging, mag ein Faktor gewesen sein. Eine feige Entscheidung – auch, ihm dies nicht so direkt mitzuteilen, obwohl klar ist, dass alle Medien es so deuten würden, auch Ihre Zeitung. Auf diese Weise nimmt man dem Mann die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Dabei war Schawinski eine erfrischende Abwechslung zu all den Wohlfühl-Talkshows, ein Typ, der angreift, das ist doch toll! Ich finde übrigens, und das wird Sie vielleicht überraschen, dass er mit mir ganz richtig umgegangen ist. Ich bin nicht so empfindlich. Ich lebe als geoutete Prostituierte in Zeiten des konservativen Rollbacks, ich weiß was Alice Schwarzer von meinesgleichen hält, mein Vater war ein Prominenter, ich gehe in die Arena der Medien, ich erwarte nichts anderes, als angegriffen zu werden. Schawinski hat seine Arbeit gemacht, er ist, genau wie ich, in der Unterhaltungsbranche. Nur dass er dann auf meine Kolumne darüber, die auch nichts weiter als Arbeit, politische Arbeit war, so empfindlich reagiert hat, erstaunte mich dann doch. Dabei wollte ich eigentlich gegen Alice Schwarzer argumentieren und nicht gegen ihn, der doch nur fremde Argumente wiederholt hat, und gar keine eigene Meinung zu mir und meiner Arbeit äußerte. 
 
 
Ihr Auftritt bei Schawinski sorgte für hohe Wellen. Wie geht es Ihnen heute damit? 
 
 
Ob ich ihn wirklich so falsch zitiert habe, oder ob dieses eine Zitat, um das es ging, vielleicht herausgeschnitten wurde, wie gewisse Zeugen, auch schriftlich und gegenüber der WELT-Redaktion behauptet haben, kann ich nicht beweisen. Alles weitere war ein Problem der WELT-Chefredaktion, und  der Dynamik des Netzfeminismus. Ich habe mich nicht zu beschweren. Auch nicht über den Verlust meiner Kolumne, auf die ich kein Recht hatte, es gibt schließlich kein Menschenrecht auf Kolumnen. Ich muss dankbar sein über die Bekanntheit, die mir die Sache eingebracht hat, und die zugleich ein differenzierteres Bild von Prostitution in der Öffentlichkeit erzeugt hat. Auch, dass ich bei der WELT auf so spektakuläre Weise rausgeflogen bin, war ein unschätzbares Glück für mich. So einfach ist es ja nicht, als WELT-Kolumnist gefeuert zu werden, wie man an Henrik M. Broder sieht, der nach der AfD-Knutschrei im Bundestag, nebst Shitstorm immer noch seine Meinung zu diesem und jenem verbreiten darf. Indes, ich habe ich es die ganze Zeit auf den Rauswurf angelegt: eine linke junge Frau in einem Reservat alter rechter Männer, das musste und sollte aus meiner Sicht nicht lange gut gehen! Ich habe Texte geschrieben wie „Fickt die Reichen“ oder diesen bösen Liebesbrief an Alice Schwarzer, die immerhin eine private Freundin von Friede Springer ist. Und meine Kolumne hieß ja bösartiger Weise auch „Das Kanarienvögelchen“, weil ich mich als Canary in a colememine, als das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit stilisiert habe: wenn das Grubengas der Intoleranz kommt, höre ich als erstes auf zu zwitschern, und dann alle anderen. Und dieses Kanarienvögelchen wurde nun erledigt – was für eine Pointe! Besser als Sparzwänge, würde ich sagen. Eine Kolumne bekommen ist eine Sache, sie geschickt wieder loswerden ist das andere.
 

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Zeit nach Ihrem Schawinski-Auftritt zurück?

 
Ich hatte endlich wieder Zeit. Ich konnte meinen Roman schreiben – und dies nun mit einer echten Chance auf Veröffentlichung, wie ich hoffe! Das war nicht so, als ich nur Prostituierte war. Ich muss der WELT-Redaktion und Schawinski also wirklich dankbar sein. Für den Hass, für den Rauswurf, für die Droge Aufmerksamkeit.  
 
 
Ist es eine Art Genugtuung für sie, dass Schawinski abgesetzt wird?
 
 
Absolut nicht. Ich finde es feige und kleinlich, ich mag die bunten Farben, die unangepassten Stimmen, und so eine war er!  Hätte er doch nur verstanden, dass ich ihm mit meiner Kolumne gar nicht persönlich angreifen wollte! So wie er ja auch mich gar nicht persönlich angreifen wollte mit seinen fiesen Fragen, über die sich mein Freundinnen von der Feminstinnen-Front so echauffierten. Er wird fehlen. Es gibt solche Menschen nicht mehr heute, das sind doch alles Langweiler, langweilig aussehende Langweiler! 
 
 
Haben Sie etwas aus ihrem Auftritt damals gelernt / mitgenommen?
 
 
Ja, dass es die Möglichkeit gibt, sich Talk-Sendungen vor der Ausstrahlung transkribieren zu lassen. Und dass Ulf Poschardt anscheinend ein Tom-Kummer-Trauma hat, der Arme.
 
 
Würden Sie wieder in einer von Schawinskis Sendungen auftreten?
 
 
Dies Frage ist kontrafaktisch, oder? Aber selbst wenn es weiter ginge mit seiner Sendung: wir hatten doch unseren gemeinsamen Akt, dem ist nichts hinzuzufügen. Ich würde lieber einen guten Drink mit ihm nehmen an der Bar vom Dolder oder meiner Lieblingsbar in Berlin, der Freundschaft. Ich denke, er, Simone Meier und ich hätten einen ganz überraschend tollen Abend. 
 
 
Welchen Rat haben sie an Roger Schawinski für die Zukunft?
 
 
Eine alte Weisheit : Halte dich von den Siegern fern. Und ich hoffe sehr, dass auch mich niemand in dieser Angelegenheit als Siegerin sieht. Schawinski ist nicht mein Feind. Da fallen mir ganz andere ein.