Erschienen in der WELT am 07.01. 2019

 

Moralische Prinzipien einer unmoralischen Frau

 

Was glaubt die, wer sie ist? Was interessieren uns die Anekdoten einer Nutte, die von der Springerpresse als Clickbait-Sexpüppchen gegen sinkende Abonnentenzahlen eingesetzt wird? So etwas lesen wir nicht, schon gar nicht hinter der Paywall!

Also ist hier ausnahmsweise mal ein Text ohne Bezahlschranke. Damit wir uns mal unverbindlich kennenlernen. Sie vergeben sich nichts, lesen Sie nur. Niemand wird davon erfahren.

Ich glaube, ich weiß, wer ich bin. Ich bin ein Parvenu, ein Eindringling. Ich gehöre nicht in den Kulturbetrieb, der mich in seiner müßigen Langeweile zufällig entdeckt hat. Ebenso wenig wie ich ins Rotlichtmilieu gehöre, mit meinen literarischen Ambitionen – eine Luxus-Kurtisane mit Sinn für Höheres. Auch zu den StudentInnen an der HU gehörte ich nicht, ich war eine Außenseiterin, die sich nicht dafür interessierte, wie man eine akademische Karriere plant, und am Ende des Studiums da stand mit nichts außer einem Abschlusszeugnis, und dem Job als Escort, mit dem ich mein Studium finanziert hatte. Den habe ich behalten. Ich gehörte nie irgendwo dazu. Das bedeutet, jeder darf mich angreifen. Mich erledigen ohne Angst haben zu müssen sich selbst damit zu schaden. Ich bin vogelfrei, ein schräger Vogel, das Kanarienvögelchen. Ich genieße das Licht der Öffentlichkeit sehr, aber ich weiß, dass es damit jeden Tag vorbei sein kann. Ich habe nicht nur Freunde, auch in der Redaktion meiner Zeitung nicht. Und es hätte keine Folgen, diese Kolumne höheren Interessen zu opfern. Ich hoffe nur, wenn es passiert, habe ich nicht mein Gesicht verloren, habe nie etwas geschrieben, nur um mich anzubiedern. Immer nur das, was mir am Herzen liegt.

 

 

Provokation auf der Grundlage eingefleischten Misstrauens

 

Rousseau wurde, als seine Schriften bekannt wurden, in den Salons von Paris herum gereicht. Er glaubte, das sei der Beginn seiner philosophischen Wirkung, aber eigentlich war es die reinste Niedertracht – er war eine Kuriosität, über die sich die dekadenten Salonmitglieder lustig machten, der Bär, wurde er genannt. Ein Tanzbär, den man vorführte. Ich vermute, das geht mir ähnlich. Wobei ich mich nicht anmaßen will, meine Texte mit denen von Rousseau zu vergleichen. Außerdem weiß ich, im Gegensatz zu ihm, wie mir geschieht. Und habe nichts dagegen. Mir liegt nichts an einer Karriere um jeden Preis. Ich will nur heil aus der Sache heraus kommen, mit heilem Rückgrat. Es kann eh nicht lange dauern. Ich habe Balzacs Verlorene Illusionen gelesen und bin gewarnt.

Ich will nicht dazu gehören. Ich will keinen Respekt. Ich will nicht akzeptiert werden, nicht korrekt sein, nicht passen. Ich will das Ressentiment, den Hass aller, die von sich selbst sagen, sie seinen normal. Ablehnung erfüllt mich mit tiefer, innerer Ruhe: nie bin ich meiner selbst so gewiss wie in einem Raum voller Leute, die ich gegen mich aufgebracht habe. Darum versuche ich das immer wieder. Bei jeder Party, auf die ich eingeladen werde. Denn die Ablehnung beruht auf Gegenseitigkeit. Die Normalen sind mir zutiefst suspekt. Diese Leute, von denen man nie weiß, ob sie wirklich so leben wollen, wie sie leben, oder ob sie es nur aus Feigheit tun, um nicht ausgegrenzt zu werden. Und damit die Verhältnisse bestätigen, denen sie sich beugen.

Lieber sind mir da die lächerlichen Existenzen, die provozieren bloß aus Prinzip, obwohl sie vielleicht ihr provokantes Dasein insgeheim gar nicht so richtig mögen und verkappte Spießer sind – aber eben um keinen Preis mit Leuten verwechselt werden wollen, die sich an die Mehrheit anpassen aus Mangel an Rückgrat, an Haltung.

 

Denn die Mehrheit ist verdächtig. Man hüte sich davor, bei etwas mitzumachen, nur weil alle anderen mitmachen. Eigentlich eine banale Einsicht, alles andere als originell, die Moral jedes zweiten großen Romans. Jeder stirbt für sich allein. Und trotzdem, es geht den Leuten nicht in den Kopf, dass sie allein sind, transzendental einsam und allein, und sich nicht rausreden können damit, dass sie nur tun was alle tun, dass sie sich den Verhältnissen anpassen. Kann sich vielleicht ein Stasi-Spitzel rausreden damit, das hätten viele getan, er hätte sich nur den Verhältnissen angepasst? Der Vergleich liegt mir nahe, mein Vater und mein Freund wurden von der Stasi überwacht, allerdings ohne die Täter alle in einen Topf zu werfen. Nur die Verachtung bleibt für die Angepassten, die Feiglinge, die versagen in den Momenten, in denen man sich verhalten muss. Wer das einmal erlebt hat, sieht es überall, auch heute. Ich bin mit diesem Blick aufgewachsen. Ja, ja, die Welt ändert sich schneller als man denkt, und am Ende ist man allein mit seinen Taten, das Umfeld, wo es passte, wo es gar belohnt wurde, ist weg.

 

 

Ein Geigerzähler für Konformitätsbedürfnisse

 

Darum bin ich so alarmiert, wenn es um die Angepasstheit geht. Wenn ich sage, ich bin Prostituierte geworden, weil ich gern provoziere, dann ist hier der Zusammenhang. Mein Job ist ein Geigerzähler für Konformitätsbedürfnisse. Denn es gibt ja eigentlich keine Gründe, sich an meiner selbstbestimmten Tätigkeit als Prostituierter zu stören. Jedenfalls nicht für einen aufgeklärten Menschen ohne doktrinäre Sperren im Kopf: ich tue es ausgesprochen gern, und selbst wenn dem nicht so wäre, wäre es immer noch meine eigene Entscheidung. Niemanden geht es etwas an, wen ich mit meinem Körper und meiner sexuellen Energie erfreue, in aller Diskretion und aus welchen persönlichen Gründen auch immer. Es ist mein Körper, er ist nicht bloß geliehen. Genauso wie kein Zuhälter mich ausbeuten darf, dürfen mir auch keine Sittenwächter diese Existenzmöglichkeit verweigern. Alle Argumente gegen Prostitution als solche sind Scheinargumente, Lügen, um ein überkommenes religiöses Weltbild zu restaurieren, gern unter dem willkommenen Vorwand eines männerfeindlichen Feminismus. Es ist nämlich absolut irre, Sexualität und Nacktheit aus der Öffentlichkeit zu verbannen, als handle es sich dabei um etwas Verletzendes. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, dass jemand von der Schönheit nackter Körper verletzt sein sollte. Nur wer uns so etwas einreden will, verletzt unsere Menschenwürde. Nicht weibliche Brüste sind eine Gefahr für die Gesellschaft, sondern das Verbot sie zu zeigen. Wer sich also an Sex oder Sexarbeit stört, obwohl es keinen vernünftigen Grund gibt, sich daran zu stören – außer eben die Rücksicht auf die allgemeine Moral – ist für mich entlarvt.

Es gibt leider keine Neutralität: wer nicht gegen die Diskriminierung ist, ist für sie. Diese Indikator-Funktion macht mir meinen Job noch einmal mehr lieb. Er zeigt mir, auf wen Verlass ist. Denn wenn die Leute nicht mal für Respekt vor gesetzlich erlaubter Sexarbeit einstehen können, wie soll man dann von ihnen erwarten, dass sie gar den Rahmen des gesetzlich Erlaubten überschreiten, um mutig gegen eine Diktatur kämpfen? Wenn Menschen in einer Demokratie schon in vorauseilendem Konformismus das Privatleben anderer reglementieren wollen, wozu sind diese Menschen dann erst bereit in einem totalitären Regime?

Eigentlich sollte allein die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts zeigen, wie schnell alle Werte und Dogmen mit einem Schlag entwertet werden können, wie Reiche und Republiken fallen, und am Ende nichts bleibt als das nackte Gewissen: Warum hast du mitgemacht?

 

Selbstredend ist das Beispiel der Prostitution beliebig, meine Stellung teile ich mit allen diskriminierten Randgruppen und Randgestalten. Für Diskriminierung von Andersseienden gibt es schließlich nie gute Argumente, nur den einen Anlass: alle tun es. Dass da jemand nicht normal ist, nicht dazu gehört, ist die Erlaubnis, den ganzen Hass an ihm auszulassen, diesen grundlosen, unerschöpflichen, immer schwelenden Hass, den die Angepassten in sich haben, und der durch den ständigen Anpassungsdruck entsteht. Diese Sucht, immer das zu vernichten, was sie erlösen könnte.

 

Übrigens, es gibt keinen Grund sich Sorgen um mich zu machen. Sie sollen wissen dass ich immer recht guter Dinge bin in meinem arroganten Abseits. Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut. Sagte Perikles – erklärter Liebhaber einer Prostituierten.

 

 

 

PS Beim nächsten Mal gibt es wieder eine spannende Geschichte.