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Zukunftsangst im Swingerclub

 

 

Silvester hatte ich ein Date: Ein Kunde wollte mit mir auf einer Sex-Party in das neue Jahr tanzen. Aufmerksame Leser werden jetzt vielleicht stutzig, über diesen Irrsinn: mich zu bezahlen, damit andere gratis mit mir Sex haben!

Das ist sehr wohl bemerkt. Dennoch haben meine Kunden sehr gute Gründe, mich für solche Gelegenheiten in Anspruch zu nehmen. Schon weil die meisten gar nicht wissen, wohin gehen, auf welche Party von den vielen in Berlin? Außerdem würden sie sich niemals allein auf so eine Veranstaltung trauen, dazu brauchen Sie eine kundige Führerin, so wie Dante im Inferno.

Jemand will Milieu schnuppern, gern richtig schmuddelig und rotlicht-mäßig. Es ist anders als bei einem Date im Hotel, wirklich der Flirt mit der Gosse. Als Alibi bin ich dann die notorisch dauergeile Kleine an seinem Arm, die solche Orte gern aufsucht, meine Welt, er ist nur der Beobachter. Der, der sich nicht auszieht. Und das ohne in den Verdacht zu kommen, ein Spanner zu sein – denn er ist ja in Begleitung. Auf den meisten dieser Partys weiß man Bescheid, wie man mich und meine Gäste einzuordnen hat, und freut sich, wenn ich jemand Neues mitbringe. Besser als immer nur die üblichen Verdächtigen, die Clique der Stammgäste. Einer, der den teuren Champagner an der Bar bestellt den sich sonst keiner leistet. Einer, der neu hier ist und noch zu beeindrucken: Irgendwer muss doch die geilen Latexhauben bestaunen, vor einer Spanking-Session Respekt haben, irgendwer muss doch noch ein bisschen zu schocken sein mit dem Karneval der Fetische, die derjenige vielleicht in Pornos, aber nie am lebenden Beispiel gesehen hat.

Ach, Sie wollen das alles auch mal miterleben, liebe Leserinnen und Leser, und zwar vom sicheren Beobachterposten? Folgen Sie mir!

 

 

 

Kleine Swinger-Typologie

 

 

Als erstes eine kleine Einführung in die üblichen Rollen auf so einer Party:

Da hätten wir zunächst das furchtsame Pärchen, schüchterne Neulinge wie Sie. Die beiden sind wahrscheinlich hier, weil sie ihre Ehe wiederbeleben wollen – aber wehe, Er schaut andere Frauen zu viel an. Darum sitzen sie meist händchenhaltend in der Ecke, in ihren nagelneuen Latex-und-Leder-Outfits, und man kann sich vorstellen, dass diese Typen tagsüber am Bankschalter oder an der Baumarktkasse sitzen.

Der Gegenpart ist das sehr offene Pärchen – sie laden jeden zum Dreier ein, ganz egal ob Interesse besteht oder nicht, aber oft retten sie eine unterkühlte Stimmung und sind unverzichtbar als Eisbrecher.

Die extrem Belastbare: Man findet sie in einem Nebenraum, im wie auch immer genannten Folterkeller oder Kerker, und sieht als erstes ihren glühenden Arsch, den sie ihrem Peiniger hinstreckt. Harte Schläge, von denen ein einziger bei mir einen Nervenzusammenbruch auslösen würde, erträgt sie stoisch mit einem dumpfen Muhen. Vielleicht muss man, um so viel Schmerz zu lieben, seinen Körper auch ein bisschen hassen? Denn oft sind es die außerordentlichen Körper, die extrem Übergewichtigen oder extrem Mageren, die sich so behandeln lassen. Es sei dir eine Lehre, geschockter Beobachter: die Menschen sind verschieden.

In ihrer Nähe treibt sich ein weiteres typisches Rollenpaar herum, der Pseudo-Dominus mit seiner unentschlossenen Sklavin. Der PseuDom blamiert sich immer ein wenig: entweder, weil er seine Sub dauernd überfordern will, und dann von den empörten Zuschauern wenig ehrerbietig an die SM-Etikette erinnert wird – oder weil er genau das vermeiden will, und seine sogenannte Sklavin eher langweilt, weil er ihr so lächerlich wenig aufgibt.

Auf der Tanzfläche, aber auch auf den Sofas ist das Revier des Esoterikers, für den das Ganze ein spirituelles Ereignis ist, und der sich gern ganz viel Zeit für eine Person nimmt, die er sehr, sehr langsam, achtsam berührt, bzw. ihren Astralleib.

Dann gibt es natürlich die eitlen Schönen, die mit sich allein tanzen, ihre schönen Körper vorführen, aber dann doch mit keinem weiter gehen wollen.

Sie sind nicht zu verwechseln mit den anderen Schönen, die erstaunlich bereitwillig sind. Das sind meistens Profi-Prostituierte, die vom Club für alle Fälle eingeladen und honoriert werden. Was sich durchaus lohnen kann, wenn man die Honorare im Puff gewöhnt ist. Heute komme ich lieber mit einem einzelnen Kunden her, der mich für alle anderen bezahlt hat.

Manchmal gibt es auch Künstler, die eine Show machen, Bodypainting oder japanische Shibari-Fesselkunst, wo Körper dann wie pralle Säcke zusammengeschnürt unter der Decke baumeln. Gelegentlich auch den Dominus vom Dienst, einen versierten Sadisten, der beispringt, falls eine einsame Devote ohne Partner auf der Party ist, oder assistiert, wenn Paare etwas ausprobieren wollen. Hinzu kommen die guten Geister, die an der Bar arbeiten, Kondome verteilen, Spielsachen ausleihen und zwischendurch diskret sauber machen.

All das selbstredend mit Gender-Identitäten jeder Art, es gibt schwule, lesbische und hetero-Paare. Und dann gibt es noch die Transen, die meinst ganz schüchtern und kokett sind, im stillen Selbstgenuss an ihrer Verweiblichung. Die sind immer unglaublich süß und begeistert, wenn ich als hetero-Frau mit ihnen lesbisch-nicht-lesbisch anbandele, und ihre tollen Beine bewundere, ihre schöne Wäsche, und was da noch so alles unter dem Rock ist. Meist sind es die einzigen Wesen, mit denen ich von mir aus zu flirten anfange, weil ich dann nicht befürchten muss, dass mein Kunde eifersüchtig reagiert, aber auch nicht seine Aufmerksamkeit auf eine andere Frau lenke, die er dann vielleicht lieber mag als mich, und nicht mal bezahlen muss. Das wäre unfair der anderen Frau gegenüber.

Aber die Hauptrolle hat natürlich die Conférenciere, die Veranstalterin, eine Frau üblicherweise – die besten Swingerclubs werden alle von Frauen geführt, würde ich mal behaupten – meist eine Domina, oder in diesem Stil sich kleidend, die alle Gäste herzlich begrüßt, die Namen wie die Neigungen kennt, die Geheimnisse, die ihr die Partner wechselseitig anvertrauen, und für die gute Stimmung sorgt. Wer hat ein Problem, das nicht bloßgestellt werden sollte? Wer ist schüchtern, möchte aber heimlich mehr im Mittelpunkt stehen? Wer braucht seine Ruhe und muss ein bisschen abgeschirmt werden? Eine durchaus komplexe diplomatische Verantwortung, die soziale Intelligenz und politisches Geschick verlangt, und es überraschte mich nicht, eine dieser Party-Veranstalterinnen bei der LINKEN im Bundestag wiederzusehen. Dieselbe Person, von der ich Zeuge wurde, wie sie als Conférenciere Julietta auf einer ihrer großen Partys ausgewählte Herren ansprach: da gäbe es so eine Ehefrau, etwas älter, voller Komplexe wegen ihrer Figur, deren Geburtstagswunsch es wäre, einmal im Leben Gangbang-Sex auf dem Gynäkologischen Stuhl zu haben – und verständlicherweise wäre es gut, wenn da ein paar Freiwillige bereit stünden damit es für die Ärmste nicht zur Demütigung wurde… Am Ende fand sie fünf Freiwillige, und die Beschenkte fuhr hinterher selig mit ihrem Mann nach Hause.

Ich muss wohl nicht betonen, wie großartig ich es finde, dass so eine Frau, ein wahrhafter Mensch, in die Politik geht. Sie weiß wirklich, was Empathie und Courage bedeutet, und wenn es nur einen Grund für mich gäbe, die Linke wiederzuwählen, dann diese Frau.

 

 

 

Dekadenz des Paradieses

 

 

Wenn Sie nun diese bunte Versammlung nun nicht gerade erotisch finden, in all ihren kleinen Drolligkeiten, ihrer Bizarrheit, so ist sie doch unbezweifelbar ergreifend aus menschlicher Sicht. Hier können diese Menschen sich zeigen wie sie sind, so etwas schafft Gemeinschaft. Und Menschen im Zustand der sexuellen Erregung sind auf anrührende Art schön. Erotik macht die Hässlichen schön. Sie ist die Negation der Hässlichkeit, es gibt keine Hässlichkeit in der Erotik, alles kann erregen, Teil der allgemeinen Erregung werden. Eine spontane, nicht verordnete Gleichheit, in der liebevollen Anerkennung aller Unterschiede. Gelebte Utopie. Um das mit einem Beispiel zu illustrieren: einmal sah ich, wie ein Zwerg, ein Kleinwüchsiger, da tanzte, er trug Lederstiefelchen in Kindergröße und war ansonsten nackt, sein Glied, welches bei Kleinwüchsigen bekanntlich ganz normal groß ist, war steif und reichte ihm bis zur Wade. Da hob ihn eine große Blondine anstandslos auf einen Tisch und nahm ihn sich, benutzte den kleinen Körper ganz nach ihrem Willen, und ich glaube, auch nach seinem, der ihren schönen Busen dabei auf Augenhöhe hatte. Solche Bilder sieht man auf solchen Festen überall, wohin man auch schaut!

Schon beim ersten Mal war mir klar, dass ich mich in Zukunft auf jeder normalen Party langweilen werde: wozu all das Flirten, wenn man dann den Ort wechseln muss, nur um Sex zu haben? Am Ende in eine versiffte Junggesellenbude? Direkt auf der Party, und hinterher gleich nochmal mit jemand anderem, das ist das Paradies!  

Mein Blick auf dieses Paradies hat sich in den letzten Jahren verändert. Früher betrachtete ich es mit naiver Begeisterung, als Offenbarung einer Welt, zu der ich bis zu Rest meines Lebens gehören wollte. Inzwischen scheint mir das alles andere als sicher. Auch dieses Paradies ist, wie alle Paradiese, bedroht. Bedroht von den Einmischungen illeberaler Politik, vom Verbotswahn des Neobiedermeiers. Diese Zensoren können nicht unterscheiden zwischen Spiel und Ernst, sie sind so beschränkt wie der Algorithmus von Facebook. Einen Menschen in Ketten zu legen oder an Seilen an der Decke aufzuhängen, in auszupeitschen oder seiner Sinne zu berauben zum Zwecke der gegenseitigen Lust, wird so angesehen, als wäre es echte Folter! Ganz egal, wie der Betroffene es empfindet: es genügt schon, dass es in der Außenwirkung „ein falsches Bild“ abgibt, die Jugend verdirbt – das klassische Philister-Argument. Man fragt sich, ist es der Zynismus hasserfüllter Philister, oder grenzenlose Dummheit?

Über uns Hedonisten ziehen sich bedrohliche Wolken zusammen, der dumpfe, christlich-heuchlerische Muff von politischer Korrektheit, angeblichem Gemeinwohl und dem geheiligten Bild der Frau als keuscher Mutter Maria. Auf einen Gynäkologischen Stuhl soll die Frau nur, um den wünschenswerten Fortschritt ihrer Schwangerschaft zu begutachten, nicht aber um sich von fünf Männern nacheinander vögeln zu lassen und dabei wohlmöglich ein Eis am Stiel (Flutschfinger!) zu schlecken.

Das Verbot dieses Karnevals bedeutet ja nicht Vernichtung der Erotik. Nur ihre Enddemokratisierung. Es ist wieder wie im 18. Jahrhundert, die herrschende Klasse beansprucht nicht nur allen Glamour und Glanz ganz für sich allein, sondern auch den Schmutz unserer Seele. Wir sollen arbeiten und nicht die ganze Zeit ficken. Wir sollen nicht der Gleichheit und Klassenlosigkeit in der Orgie leben, sondern der Steigerung des Brutto-Sozialproduktes.

Nicht, dass uns diese Bedrohung die Lust nehmen würde, im Gegenteil, der Tanz auf dem Vulkan wird immer wilder, je heißer der Boden wird, Lust ist immer auch die Lust am Untergang.

 

 

 

Was die Stunde geschlagen hat

 

 

Mitternacht! Der Countdown, dann Jubel, wir rennen so wie wir sind, halbnackt raus auf die Straße, um das Feuerwerk zu sehen, allgemeine Umarmung, Sekt und Gekreische und sich an der Luft plötzlich abkühlender Schweiß. Es entstand eine komische Pause, leichte Beklommenheit: wir waren gar nicht so viele, die nach draußen gerannt waren, ein Dutzend nackter Verrückter. So kam es mir vor: ein kurzer heller Moment stummer Panik, weil in diesem Jahr, 2019, vielleicht nichts so bleibt wie es war. Und meinen Kunden hatte ich auch drinnen vergessen, was für ein Faux-Pas! Doch dann rief uns die Garderoben-Studentin wieder herein: Die Conférenciere hielt ihre Neujahrsansprache! Drinnen stand sie bereits auf dem kleinen Podium, und in der Menge davor fand ich auch meinen Kunden wieder. Die Rede hatte ich halb verpasst, sie war wie zu erwarten kalauernd, nicht allzu tiefsinnig. Vielleicht bin ich ungerecht gegen die Conférenciere, weil sie nicht meine Julietta ist. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. Und es zeigt mir, dass ich diese Leute trotz aller Sympathie doch immer von oben herab betrachtet habe, in meinem intellektuellen Dünkel, ich dumme Philosophin!

Es waren gelbe Westen. Gelbwesten. Gesponsert von unserem Otti von der Tanke, der hier seinen Nieten-Lendenschurz trug und nickte. Schon streifte er sich die erste Weste über. Eine Geste, die auf bezwingende Weise ansteckend war, im Nu verteilten sich die neongelben Dinger in der Menge, Cellophan raschelte. Nur mein Kunde runzelte die Stirn, sagte, wir sollten das lassen. Aber ich wollte unbedingt dieses Ding, das mir ausgerechnet mein Lieblings-Transi des Abends so charmant reichte. Ich ließ mich also mitreißen, winkte ihm noch begeistert zu, als er sich, dezent in seinem schwarzen Anzug, aus dieser Gemeinschaft entfernte, zu der er nicht gehörte. Die Gemeinschaft von Leuten mit Existenzängsten, mit Angst vor der Zukunft, die nicht nur von der Ächtung ihres perversen Privatlebens bedroht waren, sondern noch ganz andere, existentielle Sorgen hatten. Auf einmal waren sie nicht mehr der versaute Haufen, sondern ganz nüchterne, arbeitende Menschen, Angestellte, Kleinselbstständige, Leute, die nicht ganz arm waren, sonst könnten sie sich den Eintritt zu solchen Partys nicht leisten, aber eben auch nicht reich, unterer Mittelstand, Kleinbürger, die ein bisschen was zu verlieren haben, aber wenn sie dieses Bisschen verlieren, sind sie ganz schnell wirklich arm. Und es gab nichts, womit sie sich vor dem Abstieg schützen konnten. Keine Hoffnung, auf die sie setzen konnten, keinen Trost. 2019 – kein Grund zum Feien. Also feierten wir. Es war ja gerade erst Mitternacht, früh für Berliner Verhältnisse, es war ja noch so früh, so früh in diesem neuen Jahr, noch gar nichts war geschehen!