Krieg den Hütten

Krieg den Hütten

 

Einer der wirklich unschätzbaren Vorteile meines Jobs ist, dass ich so interessante Leute kennenlerne. Menschen, die ich sonst nie und nimmer treffen würde. Schon gar nicht in solchen Situationen…

 

There was a boy…

Da war so ein junger Mann. Jung, damit meine ich: ein Mitglied meiner eigenen Generation. Nur ein paar Monate früher geboren als ich. Das selbe Land, die selbe Zeit. Der Unterschied: ich bin Sexarbeiterin, er kann sich Sexarbeit leisten. Die Machtverteilung ist klar. Oder nicht?

Man könnte es doch auch so sehen: ich bekomme Geld für Sex, während er für Sex bezahlen muss. Ich habe die Macht, ihm zu geben, was er braucht. Ich brauche ihn nicht unbedingt, er ist ja nicht mein einziger Kunde. Er hat mich ausgewählt, obwohl man Dienste wie meinen auch viel günstiger haben kann, und mit mehr garantierten Serviceleistungen. Ich garantiere gar nichts: nicht mal, dass es überhaupt zu Sex kommt. Doch, eine einzige Sache garantiere ich schon: dass es zum Sex kommt weil ich es will – und nur dann. Einvernehmlichkeit. Und gerade bei jungen Kunden mache ich mir da gewisse Sorgen: sind die nicht nur auf sich selbst fixiert? Haben die überhaupt genug Erfahrung, um sich auch für die Lust der Frau zu interessieren, die so viel interessanter ist als ihre eigene, männliche? Wissen junge Männer überhaupt, wie schön der Körper einer jungen Frau ist? Nicht umsonst schätze ich Männer über 50, auch im Privatleben. Ich strebe nicht nach knackigen Bodys, ich möchte Lebenserfahrung und versierte Technik.

Aber ein ganzes Wochenende in St. Moritz? Es war einfach zu lukrativ!

Außerdem war ich neugierig, warum so ein junger Mann Kunde wird. Findet er in dem Alter denn keine Gratis-One-Night-Stands? Er war durchschnittlich gutaussehend. Und reich! Da musste es doch jede Menge Ehe-Anwärterinnen geben, die sich richtig reinknieten um für ihn die romantische Liebe zu performen?

 

Aber genau daran lag es. An seiner Angst, Frauen würden ihm etwas vormachen, um an sein Geld zu kommen. Das zog ihn paradoxer Weise zum Paysex, zu einer Frau also, der es aus ganz prinzipiellen Gründen um sein Geld ging, und die er genau dafür bezahlte, dass sie ihm etwas vormachte. Zumindest stellte er sich das so vor. Dieses Verhältnis hatte für ihn den Vorzug der Klarheit, ein beruhigendes Gefühl von Kontrolle. Er will keine falschen Erwartungen wecken. Eine gute Freundin für ein Wochenende auf eine Reise einzuladen, die er nicht liebt, sondern nur nett ficken will, das ginge halt nicht. Nicht in der ländlichen Gegend bei Hannover, wo er herkam. Und ein Tinder-Date schon gar nicht, da wäre er um seine Sicherheit besorgt, falls sie den berühmten Namen seiner Familie (den ich noch nie gehört hatte) erführe… Escort ist die Lösung. Und finanziell täten im vier-fünftausend Euro zusätzlich für ein Wochenende nicht weh.

 

Woher er so viel Geld hatte? Es war Geld der Eltern. Die hatte dafür aber hart gearbeitet, wie er sich beeilte mir zu erklären, obwohl ich gar nichts erwidert hatte, härter als andere, und überhaupt, warum man sich in Deutschland immer für seinen Erfolg rechtfertigen müsse? Die erste Million ist immer die schwerste, sagte ich. Er verstand den Witz nicht. Ich richtete mich in einer lakonischen Stimmung ein, während die Landschaft draußen bergiger zu wurde, je weiter wir uns entfernten vom Züricher Flughafen, wo er mich abgeholt hatte mit einem Mietwagen, irgend so ein flaches Matchbox-Ding.

Friedrich Merz im  Larvenstadium

Er hatte wenig erlebt, aber zu allem eine Meinung. Unterwegs redet wir über sein Lieblingsthema, Reichtum und Erfolg. Meine Firma Hetaera imponierte ihm, mein Unternehmergeist als Selfmade-Muschi. Er wollte mich mit einer ihm bekannten Holding in Irland verbinden. Irland, das Steuerparadies, so niedrige Unternehmenssteuer! Ich erklärte ihm, dass ich keine Unternehmenssteuern sparen müsste. Weil Hetaera nicht kommerziell ist. Weil ich nichts damit verdiene, absichtlich nicht. Wenn meine Kolleginnen über unsere Website einen Kunden bekommen, will ich keine Provision. Ich lebe genau wie meine Kolleginnen dort nur von meinen eigenen Dates, nicht von denen der anderen.

Er war fassungslos. Dass könne ich doch nicht machen! Das sei doch das völlig falsche Signal. Wenn du nichts kostest, bist du nichts wert.

Er gab mir einen Crash-Kurs im Reichwerden – völlig gratis, übrigens. Mit dem Reichwerden sei es ganz einfach: man müsse nur immer mehr einnehmen als ausgeben. Wobei er sich jetzt nicht nur wegen ein paar Millionen pro Jahr nicht gleich als „reich“ bezeichnen würde. Als wohlhabend, vielleicht, als Leistungsträger. Das größte Problem: der Neid. Deutschland, sagte er verschwörerisch, ist fast ein sozialistisches Regime! Beispiel Erbschaftssteuer. Warum wolle der Staat ihm wegnehmen, was seine Eltern ein Leben lang hart für ihn erarbeitet hatten? Das Geld sei doch schon versteuert! Warum sollte er es jetzt nochmal versteuern? Es fühle sich für ihn so an, als neidete ihm der Staat die Liebe seiner Eltern. Aber zum Glück hätten seine Eltern sich etwas einfallen lassen, ein Modell mit einem Anwalt, hier in der Schweiz.

 

Was er mal werden wollte? Er sei derzeit in einer Orientierungsphase. Studieren? Höchstens Wirtschaft, aber da sei er doch eh allen überlegen, mit dem, was er von zu Hause mitbrachte. Warum sollte er sich einem Professor unterordnen, der noch nie selbst ein Unternehmen geführt hatte, sondern sich vom Staat aushalten ließ? Auch die Wehrpflicht habe er abgelehnt, weil er vor keinem sadistischen Loser im Dreck liegen wollte, zusammen mit menschlichem Müll aus dem Bodensatz der Gesellschaft. Aber ebenso wenig wollte er Zivildienst machen wie ein Linker. Also habe er sich ein Attest besorgt, über einen Arzt, einen Freund seines Vaters. Er fand es im Nachhinein nur noch schlimm, dass er sich überhaupt die Mühe machen musste, nur weil der Staat ihn gängeln wollte wie einen Strafgefangen. Und das, sagte er, sei es auch eigentlich, was ihn interessiere. Staat und Gesellschaft. Politik. Zum Beispiel: Wie könne ein Staat den besseren Teil seiner Bürger zwingen, sich von den schlechteren ausbeuten zu lassen? Harz-4-Empfänger seien doch tatsächlich entweder dumm, faul oder einfach überflüssig, sie nützten die Leistung von Leuten wie ihm, bzw. seinen Eltern, aus. Meinungsstärke – das sei eine seiner Qualitäten. Er sei kein Ignorant, der anderen die Entscheidung überlassen wollte, wie er lebt.

Er sah zu mir herüber. Feierlich erklärte er: Du bist die Erste, der ich es sage, aber ich kann mir eine Karriere in der Politik vorstellen.

Das hier war ein Lehrbeispiel, das, was uns vielleicht alle erwartet, gewissermaßen im Larvenstadium: Leute ohne jede soziale Kompetenz, die es in die Politik zieht.

War seine Meinungsstärke etwas Authentisches, oder gab er doch nur die Meinung seiner Eltern wieder? Eine müßige Frage. Er war hermetisch isoliert in seiner Welt, unfähig, sie in der Außenansicht zu betrachten. Das machte ihn so rührend zutraulich. Er war ganz ohne Arg: er wiederholte unzensiert, was seine Eltern wohl nur im engsten Familienkreis aussprachen, niemals jedoch öffentlich. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es nötig sein könnte, gewisse Überzeugungen unausgesprochen zu lassen. So wie diese hier:

„Es sind die Armen, die sich rechtfertigen müssen, nicht die Reichen. Wer reich ist, ist das ganz bestimmt nicht aus Blödheit.“

Ich dachte, hört, hört. So reden die also über uns. Uns Nicht-Millionäre. Unter sich, wenn sie glauben, dass nichts nach außen dringt. Und in diesem Moment war mir klar, dass ich es aufschreiben musste. Und jetzt erfährt es durch mich die WELT!

Man beachte: das alles hörte ich mir an in einem rasenden Sportwagen auf einem einsamen Alpenpass im Engadin, bereits jenseits der Baumgrenze. Hätte er das alles in einem Berliner Taxi erzählt, wäre ich wahrscheinlich ausgestiegen. Mit der vollen Solidarität des Taxifahrers. Aber hier mitten im Hochgebirge das Date abbrechen? Es wurde dunkel, es war weit und breit kein anderes Auto auf der Straße. Der Flughafen Zürich über zwei Stunden entfernt. Sollte ich mich hier an den Straßenrand stellen und ein Taxi rufen? Die Taxifahrt nach Zürich hätte mich mehr als die gesamte Anzahlung gekostet, ganz zu schweigen von der Umbuchung Rückflugs oder einem Hotelzimmer dort. Und dann der Verdienstausfall… das wollte ich ihm nicht gönnen. Dafür hatte ich eine bessere Idee: ich könnte doch hier endlich Mal von meinem Recht auf Sexverweigerung Gebrauch machen. Stichwort Einvernehmlichkeit. Leistung muss sich lohnen!

Das sexuelle Elend, auf höchstem finanziellen Niveau

Am ersten Abend hielt ich es durch. In der Nacht spürte ich an der Vibration der Matratze, dass er heimlich onanierte, anstatt mich zu seiner Befriedigung aufzuwecken. Na also! Ich stellte mich weiter schlafend.

Doch am nächsten Tag stand ein Ausflug auf dem Programm. Wir wollen nach Davos, wegen dem Zauberberg. Doch der schicke Rennwagen erwies sich als unzulänglich für das Hochgebirge, wir gerieten in einen Schneesturm, der völlig unvermittelt losbrach. Der Wagen geriet ins Schlingern. Die Wut und Entschlossenheit meines Kunden führten nur dazu, dass das jämmerlich heulende Gefährt mit durchdrehenden Rädern gefährlich nahe an den Abgrund rutschte. Hilfe rufen ging nicht, wir hatten kein Netz. Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf den Schneepflug zu warten, der, hoffentlich, irgendwann kommen würde. Direkt unter meinem Fenster gähnte die Schlucht, soweit ich das in dem Schneetreiben erkennen konnte. Die Schneewehen fegten die Straße entlang, die in den wenigen Minuten schon völlig zugeschneit war. Ich trug Sandalen. Im Radio gab es nur einen einzigen Sender, auf Räteromanisch. Was machte ich hier? Was war mit meinem Leben passiert? Ich bekam außergewöhnlich schlechte Laune. Und plötzlich Mitleid mit ihm: er hat sich das Wochenende mit einer Luxuskurtisane sicher auch anders vorgestellt. Irgendwann schaltete er die Scheibenwischer aus. Eine blauweiße Schicht verdunkelte das Wageninnere. Seine Hand näherte sich meinem Schenkel – doch er griff nur nach der Wasserflasche. Vielleicht hatte er mein Zucken bemerkt, er lächelte verlegen. Und plötzlich fing er an zu erzählen, aber anders als am Vortag. Der Reichtum seiner Eltern… seine ganze Kindheit verbrachte er in Angst vor einer Entführung. Er sei bis heute übervorsichtig, bis zum Verfolgungswahn. Er meide Menschenansammlungen. Sorglos feiern auf öffentlichen Partys – ausgeschlossen. Alle seine Bekanntschaften stammten noch aus der Schulzeit. Einfach so auf Leute zugegen, das konnte er nicht. Er gestand mir, dass er noch Jungfrau war, und wie sehr er darunter litt. Ich sollte ihn also entjungfern!

Mitleid siegt. Als die Lichter des Schneepfluges auftauchten, hatte ich den Entschluss gefasst, mich seiner zu erbarmen, nach einem heißen Bad und einer Flasche Chateau Margaux in dem herrlichen Hotelzimmer.

Aber er konnte es nicht, konnte es einfach nicht – obwohl sein ganzer Körper zitterte vor Sehnsucht. Er war zu schwach, schlicht unfähig zu der üblichen Stoßbewegung des Beckens. Etwas von dem ich angenommen hatte, es gehöre zu den angeborenen Fähigkeiten jedes Mannes. Doch wie es trainieren, wenn man immer nur die Hand benutzt? Oh junge Elite, du bist lendenschwach! Er griff dann eben zur gewohnten Methode, bei der ich ihm zur Hand ging. Er weinte. Kein Mitleid mit den Reichen?

Am nächsten Morgen beim Frühstück, mit Blick auf winterlich verschneite Berge, war er wieder guter Dinge. In aufgeräumter Stimmung schlürfte er seinen Earl Grey Tea und sein Œuf Bénédicte, und fragte, ob es mir hier nicht auch gefalle? Ob ich nicht gern öfter mit ihm hier wäre? Oder an anderen Orten wie diesem? Er mache ja fast jedes Wochenende Ferien, und er schätze meine Begleitung durchaus. Er machte er mir ein korrumpierendes Angebot: viertausend Euro – so viel wolle er mir monatlich geben, wenn er mich exklusiv haben könnte. Jedes Wochenende, oder jedes zweite. Voraussetzung: Ich müsste mit meinem Job als Escort aufhören. Viertausend Euro täten ihm, wie gesagt, nicht weh, und für mich wäre das doch ziemlich viel Geld? Und – er dachte laut – wenn er mich mehr als zwei Nächte im Monat hätte, wäre es für ihn sogar billiger!

 

Ich habe sein Angebot abgelehnt.

 

 

Schmutziger Sex und intellektuelle Sauerei

Schmutziger Sex und intellektuelle Sauerei

 

In der „Sternstunde Philosophie“ verteidige ich mein Recht, Sex zu verkaufen.

 

 

Nein, wie war das nett, wie war das interessant! Meine erste Talkshow! Ich war eingeladen in die Edel-TV-Sendung „Sternstunde Philosophie“. Wie wunderbar, so viel Aufmerksamkeit, und welche Ehre! Eine Hure in einer Talkshow mit Philosophen, und mit der renommierten Psychologin Sandra Konrad, wie aufregend! Das Thema war, natürlich, Prostitution: Soll man Sex kaufen dürfen? Denn in der Schweiz überlegt man derzeit, das zu verbieten.

Die ganz Talkshow auf YouTube >

Immer wenn ich im Fernsehen Talkshows sehe, frage ich mich: Was tun die Leute, die sich da streiten, hinterher, wenn die Kamera aus ist? Fallen sie übereinander her? Oder lachen sie und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, wie gut sie ihre Rollen gespielt haben, denn schließlich sind sie alle in der Unterhaltungsbranche?

 

Ich kann erzählen, was nach der Aufzeichnung meiner Talkshow passiert ist.

Anders als im Theater ändert sich das Licht nicht, man merkt nicht gleich, dass die Kamera aus ist. Nur an dem Verhalten der Moderatorin und der Technikleute begreift man, dass jetzt wohl Schluss ist. Das war es also schon? Ich fragte mich bange, wie ich wohl aussah, denn vor der Kamera sieht der Mensch immer drei Mal dicker aus und irgendwie verzerrt, meine Eitelkeit machte mir zu schaffen. Und vor allem analysierte ich, was ich so für Fehler gemacht hatte, die nun nicht mehr zu korrigieren waren. Doch die Entspannung, die nach so einer öffentlichen Diskussion eintrat, tat ihre Wirkung. Die Diskussion war hitzig gewesen, aber jetzt? Jetzt konnte man ja reden! Wir verstanden uns blendend, gingen gemeinsam Essen – bis auf die Dame von der Fraueninitiative, die gegen den Straßenstrich in der schönen, sauberen Stadt Zürich kämpft. Sie sah mich tieftraurig an, und musste dann dringend gehen. Vielleicht hasst sie mich. Aber davon abgesehen waren alle nett zu mir. Sogar mit Sandra Konrad schloss ich spontan Freundschaft. Ja, Frau Konrad, die meinen Beruf gern abgeschafft sehen will, weil er angeblich unmittelbar zu psychischen Störungen führt. Ich war Objekt ihrer besorgten Zuwendung. In ihren Augen befand ich mich noch mitten in der Phase der Leugnung und Abspaltung. Konrad geht, wie viele Psychologen, von den Prostituierten aus, die bei ihr in der Praxis landen, und zieht daraus ihre Schlüsse. Klar, denn wo sonst trifft sie in ihrer Welt schon jemanden mit diesem Beruf, außer auf ihrer Couch? Sie stellte mir beim Essen alle möglichen, auch delikaten Fragen, die ich ihr genüsslich beantwortete. Frau Konrad wollte den Abend nicht vergehen lassen, ohne zumindest versucht zu haben mich zu retten.

 

Dabei waren wir uns in der Sendung auf Anhieb unsympathisch. Sandra Konrad war als meine direkte Gegenspielerin eingeladen. Ihre pathetisch-unheilschwangere Sprechweise ging mir auf den Keks, genauso wie ich ihr wahrscheinlich mit meiner Zappeligkeit.

 

Für alle Fälle hatte man aber noch zwei zwei echte Philosophen eingeladen. Der besonnene Professor Schaber, und Dominique Kuenzle, erklärter Feminist, der trotzdem Ärger mit seinen Studentinnen bekam – weil er ein Mann war, und in seiner Position doch besser eine Frau sein sollte. Der Arme!

Philosophen sind Leute, denen zu jedem Thema etwas einfällt. Sogar zum Sexkaufverbot fällt solchen Leuten etwas ein – Gründe dagegen, und Gründe dafür. Alles rein theoretisch selbstverständlich, denn wer würde den ehrenwerten Herren unterstellen, sie hätten mit Sexkauf auch nur im Entferntesten etwas zu tun?

 

Mir fällt mein größter Fehler des Abends ein: nicht vehement zu widersprechen, als man mich als Philosophin vorstellte. Ich habe Philosophie studiert, ja, und einen Abschluss habe ich auch – wenn auch bestimmt nur, weil mein Professor eine Heidenangst vor mir hatte seit meinem Titten-Attentat, das ich mir im Rahmen eines Referats im Adorno-Seminar geleistet hatte: drei Sekunden die nackten Brüste gezeigt, und fortan immer nur Note 1, bis zum Ende des Studiums. Das allein machte mich doch aber nicht zur Philosophin! Auch die anderen hier waren keine Philosophen, es waren Philosophieprofessoren. Ich würde übrigens auch nicht sagen, dass ich Hure bin – ich mache das halt manchmal, neben vielen anderen Beschäftigungen. Aber das ist ja das Elend der Philosophie, diese Definitionen! Es interessiert die Philosophen nicht, was man tut, sondern nur das Sein. Als ob es „das“ Sein gäbe! Wenn diese Begriffe nicht wären, könnte es auch solche Formulierungen wie „eine Hure ist eine Frau, die sich verkauft“, nicht geben – sie würden im spöttischen Gelächter untergehen. So, als hätte jemand gesagt, „ein Philosoph, dass ist einer, der seinen Verstand verkauft.“ Der Sex, der muss heilig und rein sein, aber beim Denken gestatten sich diese Gelehrten die größten Sauereien. Kategorienfehler!

 

Der Titel der Sendung – „Soll man Sex kaufen dürfen?“ enthielt schon das ganze geistige Elend. Der Spießbürger erschaudert vor der Unzumutbarkeit, in einer Ökonomie des warenförmigen Austausches zu existieren, in der alles, was Menschen tun, zur Ware werden kann und zur Ware wird. Dass dieser Umstand nie ein Problem ist, außer wenn Sex dabei eine Rolle spielt, verweist den Diskurs in den Biedermeier.

 

Wäre eine Welt ohne Prostitution eine bessere Welt? Sollen gesetzliche Verbote erlassen werden, weil so viele Menschen ein Problem mit der Freiheit einiger weniger haben? So viele Menschen, denen nicht nach freiem Meinungsstreit der Sinn steht, sondern nach Unterdrückung des Anderen, Auslöschung, Korrektur, aus den Augen, aus dem Sinn? Vulgärer Utilitarismus als philosophisches Programm. Ein Abgrund! Es herrschte die Tendenz. Unausgesprochene Ressentiments – oder würden Sie es etwa begrüßen, wenn Ihre eigene Tochter Prostituierte wäre? Oder ihr Sohn? Ja, was ist das denn für eine Frage, selbstverständlich nicht! Überhaupt, kann jemand überhaupt etwas freiwillig wollen, was wir alle, Sie doch auch, selbstverständlich, ablehnen? Was, Frau Balthus? Sie wollen doch nur wieder provozieren. Warum machen Sie das?

 

 

 

Schrecklich nett

 

 

Alle meinten es gut mit mir, alle wollten das Beste für mich. Am besten natürlich in einer besseren Welt, ohne Prostitution. Wie nett.

 

Aber es war nicht nett.

Ich merke, dass mir die Worte fehlen. Es schnürt mir die Luft ab. Es ist schon so weit, dass es sogar schwierig geworden ist, es zu beschreiben, was diese Talkshow eigentlich bedeutete. Was das, trotz der Höflichkeit, mit der ich behandelt wurde, für eine infame Veranstaltung war. Die Sprache ist verräterisch. Bemerkt niemand die Infamie rhetorischer Fragen wie: Kann man da wirklich von Freiwilligkeit sprechen? Da liegt etwas in der Atmosphäre, ungreifbar, aber bedrohlich, und vielleicht verstehen Sie, warum ich während der ganzen Sendung so zappelig war, und warum ich das ganze Glas Wein austrinken musste, während die anderen ihre Gläser kaum anrührten. Die anderen spürten es nicht, ich aber schon, denn für mich ging es nicht um irgendeine feuilletonistische Denkspielerei, es ging um meine Existenz. Da durfte ich mit fünf Experten diskutieren, ob es mich geben darf. Meine Freiheit stand zur Debatte. Nicht die der anderen.

 

Von mir aus darf man Prostitution unmoralisch und verwerflich finden. Man darf auch bestrebt sein, durch Kritik an ihr darauf hinzuwirken, dass kein Mann mehr Lust hat eine Hure zu bezahlen, und keine Frau mehr Lust hat Hure zu sein – viel Erfolg! Aber es besteht ein Unterschied zwischen moralischer Verurteilung und dem juristischen Verbot. Denn letzteres tötet nicht nur jede inhaltliche Auseinandersetzung, es führt zu dem Gewöhnungseffekt, mittels der Staatsgewalt alle Widersprüche und Reibungsflächen in den Untergrund zu verdammen. Wer bestimmt die moralischen Maßstäbe, wer entscheidet, an welches Ideal sich alle anzupassen haben? Das ist der Weg zum Tugendterror einer Wohlstandsklasse. Ich sage das in der Talkshow auch: es geht mir nicht nur um meinen Beruf, es geht mir um die freiheitliche Gesellschaftsordnung. Will denn niemand sehen, wie gefährlich diese Sucht nach Verboten ist? Dass sie nichts anderes vorbereitet als Hass, den Hass der Kontrollfanatiker, die ihre Bevormundung bis in unser Privatestes treiben, und als nächstes vielleicht die Freiheit der Philosophie, oder der Wissenschaft angreifen?

Doch ich konnte in der Runde nicht überzeugen. Statt sich mit mir zu solidarisieren taten die drei, als ginge sie die Sache nichts an, als sprächen wir wirklich nur über moralische Probleme der Sexarbeit.

 

Es ist vorteilhaft für das Denktraining, am Rand der Gesellschaft zu stehen. Wer im Mainstream stets unhinterfragt sein Leben lebt, spürt nie, wie kostbar Toleranz ist.

Doch ich bin halt eine schlechte Philosophin: Ich sprach über Rechts- und Staatsphilosophie, während die anderen doch auf Moralphilosophie aus waren. Ich dachte an gefährdete Bürgerrechte, die Denker waren bewegt von der Reinhaltung der Seele.

 

Natürlich waren sie alle, die Guten, gegen Stigmatisierung. Stigmatisierung gehört sich einfach nicht im linken Medien-Mainstream. Doch wer gegen Stigmatisierung von Sexarbeitern ist, muss auch dafür sein, dass Sexarbeit ausgeführt wird. Und dafür, dass diese Arbeit bezahlt werden darf. Also gegen ein Sexkaufverbot. Zumindest Herr Schaber näherte sich mir an, weil ihm als denkendem Menschen auffiel, dass das Verbot der Inanspruchnahme einer sexuellen Dienstleistung ja unweigerlich auch die stigmatisiert, die diese verbotene Früchte feilbieten. Und da traute selbst Sandra Konrad sich nicht mehr, ihre Forderung nach dem Verbot, das sie in ihrem neuen Buch „Das beherrschte Geschlecht“ propagiert, zu wiederholen. Ein Erfolg. Immerhin.

 

 

 

Hose runter!

 

 

Frau Konrad und ich blieben im Restaurant noch länger sitzen als die anderen. Auch sie beschäftigte diese Frage, was sich ändert, wenn die Kamera aus ist. Jetzt können Sie es doch sagen… Sie haben doch nicht die Wahrheit gesagt über ihren Beruf. Sie haben doch immer nur das Positive erwähnt. Seien Sie doch ehrlich, Sie würden doch auch am liebsten damit aufhören?

– Die Aufforderung also, die Hosen runter zu lassen.

 

Wenn jemand in den YouTube-Kommentaren mutmaßt, ich wäre gehirngewaschen und ferngesteuert, und vor dem Studio würde wohl mein Zuhälter auf mich warten – geschenkt. Man weiß ja, was zu halten hat von Leuten, die so viel Freizeit haben dergleichen zu schreiben. Aber das hier war eine Intellektuelle. Eine Wissenschaftlerin, die ihren frei gewählten Beruf der liberalen Gesellschaft verdankt, genau wie ich. Und die immer noch nicht verstand, dass sie auch ihre eigene Freiheit in Gefahr bringt, wenn sie mir meine abspricht.

 

Ich musste lachen. Warum, wenn ich an meiner Arbeit so leiden würde, sollte ich mich in eine Talkshow setzen, mich öffentlich als Hure outen und meine Biographie für immer damit prägen? Mir selbst jeden Weg zurück abschneiden? Wissen Sie eigentlich, wie überzeugt man von sich und seinem Tun sein muss, um den Gegenwind auszuhalten, den ich aushalte? Um sich diesem immensen Anpassungsdruck nicht zu beugen? Das schafft man nur mit echtem Enthusiasmus. Sie als Psychologin müssen das doch begreifen.

 

Das musste sie wohl – und auch ohne meinen Enthusiasmus in die Schublade des verzückten Wahnsinns zu stecken. Zu unterstellen, ich wäre debil, das wagte Frau Konrad dann doch nicht.

 

Indes, an ihren Vorbehalten änderte das nicht das Geringste:

 

Es mag ja sein, gab sie zu. Aber das ist nicht der Normalfall. Frauen wie du sind nicht der Normalfall.

Du bist eine riesen Ausnahme, wahrscheinlich bist du sogar ein Einzelfall. Du bist das falsche Beispiel. Diese Ausnahme-Prostituierten, die in Talkshows eingeladen werden, sind das falsche Beispiel.

Die Medien fragen immer die falschen. Immer wieder finden die willige Propagandistinnen des Patriarchats, die sich auf Kosten – ja, auf Kosten! – von Millionen von Frauen weltweit ein schönes Leben machen. Und darum ist es nicht zu viel verlangt, wenn du dir einfach einen anderen Beruf suchst, denn nur deinetwegen sollten nicht tausende und abertausende von Frauen und Mädchen leiden müssen. Bei uns hier im Westen leiden müssen, diese Menschen aus armen Ländern. Nicht bei uns!

 

Das sagte Frau Konrad so nicht. Ich vermische das mit den unzähligen Kommentaren im Netz.

Aber zumindest fast so sagte sie es: Zugunsten der überwältigenden Mehrheit solltest Du mit deinem Job aufhören, auch wenn er dir Spaß macht. Du kannst dir doch auch eine andere Arbeit suchen.

 

Und damit war es Sandra Konrad, die hier die Hose runter ließ.

 

PS: So sah meine Kollegin Kristina Marlen die Sendung: https://www.facebook.com/notes/kristina-marlen/fck-ich-bin-ein-gespenst-selbstgespr%C3%A4ch-einer-sexuell-selbstbestimmten-frau/1893846987331149/

Feuchte Träume der Retterlesben

Feuchte Träume der Retterlesben

Du kriegst mich nicht!

 

Gunhild Mewes, radikale Frauenschützerin, will mich als Opfer sehen – oder als Zuhälterlobbyistin, die sie bekämpft – sogar mit rechtlichen Schritten. Wer Männer hasst, hasst heimlich auch selbstbewusste Frauen

 

Man hat mich also angezeigt. Wegen Verbreitung pornografischer Schriften.

So ein Schreck, als ich den Brief vom LKA im Briefkasten fand. Meine erste Strafanzeige! Was hatte ich getan? War mit „Schriften“ etwa diese Kolumne gemeint? Oder doch meine Website, wo ich doch so aufgepasst hatte dass jugendschutztechnisch alles korrekt ist? Mir war gar nicht klar, dass Pornografie ein Straftatbestand ist? Ich lebe in einer Stadt, wo es so etwas wie die Pornceptual gibt, und in der die SPD sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob man „feministische Pornografie“ staatlich subventionieren sollte. Von der Allgegenwart von Pornos im Netz ganz zu schweigen. Vor allem: wer könnte mich angezeigt haben? Wer ist mir so feindlich gesinnt, dass er mich juristisch verfolgt? Die AfD, dachte ich sofort! Das musste ja ein Nachspiel haben, mein Text über das Date mit der AfD-Lesbierin. Oder kam es doch aus der linken Ecke, via Sahra Wagenknecht? Oder vielleicht irgendetwas Banales, ein abgelehnter Kunde, der sich rächen will? Oder eine Ehefrau? Oder Jakob Augstein? Nein, denn den hatte ich in dem einen Text über Weinstein und MeToo doch nicht mal namentlich erwähnt, das wäre ja dumm.

Mir war klar, dass ich nicht viele Freunde habe, und nicht jeder mich sympathisch findet. Aber richtige Feinde? Ein Feind, was ist das überhaupt? Das ist ja nicht nur einfach jemand, der anderer Meinung ist. Ich bin da sehr wählerisch, was Feinde angeht. Ein Feind, dass muss schon jemand sein, der mich nicht nur ablehnt, sondern auch aktiv bekämpft. Mit einer Anzeige, beispielsweise.

Zum Anwalt, Akteneinsicht beantragt.

Es war eine gewisse Gunhild Mewes. Wer ist das nun wieder? Ich musste sie erst googeln, dann erinnerte ich mich: Gunhild kämpft gegen die Vergewaltigungskultur, und das ist ihn ihren Augen auch die Prostitutionslobby, und ich eine der berühmtesten Vertreterinnen. Wenn es Leute wie mich nicht gäbe, wäre die Welt eine bessere. Ich sah Gunhild zum ersten Mal bewusst auf einer Veranstaltung eines Vereins namens Terre des Femmes. Der Titel: „Für eine Welt ohne Prostitution“. Klar, dass ich da hin musste. Ich muss mich schließlich informieren darüber, was andere Leute so denken, die meine Existenz vernichten wollen. Vielleicht haben sie ja gute Gründe, wer weiß? Ich war dort verabredet mit ein paar Kolleginnen vom Berufsverband Sexarbeit (https://berufsverband-sexarbeit.de/), die ein bisschen für ihre Grundreche demonstrierten. Wir hatten ein Transparent, trugen unsere schickste Arbeitskleidung und waren sarkastisch-vergnügt. Da näherte sich uns ein gedrungenes Wesen… eine ältliche Matrone mit Bürstenhaarschnitt und entschlossenem Gesicht. Sie sprach mich mit meinem nom de guerre an – ich fühlte mich spontan wie ein Star! Allerdings war Gunhild nicht gerade mein Fan.

 

Gunhild interessiert sich angelegentlich für die Opfer von sexueller Gewalt. Sie hat eine Organisation, die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ (IFGBS), die sich zur Aufgabe gemacht hat, den Rechtsstaat zu korrigieren, ihn unaufgefordert zu berichtigen. Das deutsche Rechtssystem ist in ihren Augen unfähig – oder unwillig –, Vergewaltiger angemessen zu bestrafen. Dazu gehören Prozessbeobachtung, Kontaktaufnahme zu den Opfern, und man sucht auch die Zusammenarbeit mit Therapeuten. Fühlt das Opfer sich gerecht behandelt? Wurde es im Prozess von den Männern fertig gemacht, als Täterin hingestellt? Hat der Richter etwa einen Deal mit dem Strafverteidiger? Geilen Sie sich an der Hilflosigkeit des Opfers auf? Missbrauchen Sie das Opfer während der Zeugenbefragung? Alles denkbar für die Kämpferinnen gegen die Vergewaltigungskultur. Eine Verschwörung der Männer, die von Natur aus alle Vergewaltiger sind, weil Sex eigentlich immer Gewalt ist, von Vergewaltigung eh kaum zu unterscheiden. Weil Frauen selbst wenn sie Ja sagen nicht wirklich Ja meinen. Weil sie von unserer Kultur darauf abgerichtet sind, Männerwünsche zu erfüllen – so weit zum Weltbild von Gunhild Mewes.

Klar, Pornografie bestätigt diese Sichtweise. Wenn man sie nicht als das sieht, was sie ist – mehr oder weniger ästhetische surrealistische Kunst – sondern sie gewissermaßen wörtlich nimmt. Glaubt, dass Menschen, die sich Gangbangpornos anschauen, dann losgehen um Frauen in echt zu vergewaltigen. Gunhild glaubt, dass so etwas dauernd passiert. Gunhild wohnt in Schwaben – da kenne ich mich nicht aus.

 

 

  1, 2, Polizei

 

Trotzdem musste Gunhild Mewes lange suchen, bis sie etwas fand, das ihr für eine Anzeige geeignet schien. Die Bilder auf meiner Website fallen nämlich nicht unter die juristische Definition von Pornografie, weil eben kein Geschlechtsakt dargestellt wird. Obwohl sie, etymologisch gesehen, genau das sind: „Pornografie“, ein Lehnwort aus dem Griechischen, aus pórnē, Hure, und gráphein, Schreiben. Also Schriften von und über Huren. Laut Wikipedia ist der einzige Beleg für den Gebrauch dieses Begriffs in der Antike eine Stelle bei Athenaios, wo von einem Pornográphos die Rede ist, worunter ein Autor einer Biografie einer berühmten Hetäre verstanden wird, oder einer, der die Hetäre malt. Das ist meine Website nun allerdings, und mein großartiger Fotograf kommt sogar von der Malerei, sieht durch seine Kamera mit dem Blick eines Künstlers. Das reicht nur leider auch in unseren modernen, prüden Zeiten nicht für eine Strafanzeige. Auf Twitter, Facebook und Instagram sorgt die Ami-Zensur ohnehin für Sittlichkeit, und ich muss mich dran halten, weil ich diese Netzwerke brauche. Das, was Gunhild Mewes über mich finden konnte – nachdem sie sämtliche Fotos und Posts und sonstige Regungen im Netz argwöhnisch verfolgt hatte – war mein privater Blog auf tumblr. Jugendgeschützt, nirgends öffentlich beworben, nicht bei Google indexiert und nur für Leute einsehbar, die selbst einen Erwachsenen-Account auf dieser Plattform haben. So einen muss sich Gunhild Mewes also zugelegt haben, um sich meine kleine, erlesene Pornosammlung anzusehen. Man stelle sich das vor: die Leiterin einer Organisation für Vergewaltigungsopfer studiert wochenlang meine Nacktfotos etc., durchforstet alle meine sozialen Netzwerke, findet irgendwo einen Hinweis auf tumblr (in grauer Schrift auf grauem Grund ganz klein, ganz hinten) legt sich dort einen Account an, der auch als anstößig markierte Inhalte zulässt – und schaut sich meine Hentai-Pornos an. Sie muss sich sehr gründlich damit beschäftigt haben. Denn als sie mir in Neukölln begegnete, wusste sie alles auswendig, sie konnte mich direkt auf bestimmte Bilder ansprechen, mich zur Rede stellen. Das wäre ja ganz schlimm was da mit Kindern gemacht wird. Ich wusste erst gar nicht, was sie meinte. Welche Kinder? Und welches Pferd?! Ich ließ sie einfach stehen. In der Veranstaltung dann wurde ich vom Podium herab beschimpft, ich sein persönlich mit Schuld an jedem als Zwangsprostituierte versklavten Mädchen. Geht´s vielleicht ne Nummer kleiner?

Wegen Gunhild mussten sich nun zwei Staatsanwaltschaften und ein Polizei-Oberkommissar auf tumblr begeben, um herauszufinden, um welche Inhalte es sich auf meinem jugendgeschützten Blog überhaupt handelte. Manga-Comics, Filmchen von Meow! Project und Filmausschnitte aus Pretty Baby (Louis Malle) oder My little princess (Eva Ionesco) – morbider Kitsch, wie ich ihn liebe, gemischt mit Holzschnitten von Hokusai und heiteren Tierfilmen – natürlich nur als Comics, Erotiken des Surrealismus. Diese seien vor allem künstlerisch und nur teilweise pornografisch, auf jeden Fall jedoch keine illegale Pornografie. Zumal nicht nachweisbar war, dass der Account jemals ohne Jugendschutz war – zum Zeitpunkt der Anzeige war er es laut Protokoll jedenfalls nicht. Das Verfahren wurde eingestellt. Liebe Leser, nun wissen Sie wenigstens, dass Ihre Steuergelder gut angelegt sind.

 

 

Feuchte Träume der Retterlesben

 

 

Die Hure hat also Recht bekommen, die juristische Männerverschwörung hat zugeschlagen. Dabei sollte ich doch wissen, dass auch ich Opfer bin. Und Frauen wie Gunhild mich am liebsten retten wollen, mich an ihren heroischen mütterlichen Busen drücken, die verlorene Tochter. Ich bin als Prostituierte eine systematisch Vergewaltigte und Missbrauchte. Selbst wenn ich mich als Zuhälterin und Lobbyprostituierte auf die Seite des Bösen geschlagen habe. Auch wenn mein sündhaft teures Luxus-Geschlechtsteil nicht dauerpenetriert wird. Ich müsste es nur zugeben. Ich müsste nur bei der IFGBSG an die Tür klopfen, mit Tränen in den Augen und zerrissenen Strümpfen, und heulen, ihr habt ja Recht! Es ist Vergewaltigung, nichts anderes, und ich habe mich all die Jahre selbst angeboten zum Vergewaltigt-werden! Und die Männer haben mir das alles angetan, die Männer sind an allem schuld! In der Organisation von Gunhild Mewes gibt doch Beratungsgruppen, denen ich mich anvertrauen kann. Hier wird dir geglaubt, hier kannst du alles sagen, alles, los, sag es! Wie war es für dich? Was haben die Schweine mit dir gemacht, wie oft, wie lange, wie hat sich das angefühlt? Männer sind so widerlich! Komm zu uns, hier hast du es besser… ich bin Expertin für gutes Kopfkino, ich wüsste schon, wie ich die anwesenden Retterlesben unterhalte mit detailverliebter Angst-Lust, mit fein moralisch verbrämten Vergewaltigungsphantasien. Das Erbauliche an Vergewaltigungsphantasien ist ja, dass frau selbst nicht mit ihrer prüden Kinderstube brechen muss, der Genuss ist ohne Schuld und ohne Reue. Natürlich finden wir das alles ganz widerlich, aber wir wollen es trotzdem immer wieder hören, das darf nicht der allein Justiz überlassen bleiben! Du weißt gar nicht, was für dich gut ist, du musst das erst langsam lernen. Wir, von der IFGBSG wir haben Geduld mit dir, komm, wir halten uns jetzt an den Händen… Ich werde auf den Prozess vorbereitet. Erst die Untersuchung bei der Ärztin ihres Vertrauens – eine Frau, selbstverständlich, nur nicht wieder einer von diesen Männern!, das psychologische Gutachten einer Spezialistin, ohne Approbation, aber mit ganz viel Einfühlungsvermögen. Und zwischendurch viele Gespräche über das Erlebte, und was es mit mir macht. Das meiste habe ich sicher verdrängt. Das Verdrängte wieder hochzuholen aus dem Unterbewusstsein, all die ekligen Details, dafür haben sie so ihre Methoden. Sie sind dabei ganz bei mir, halten mich bei den Flashbacks, die mich überfallen. Dann die Hauptverhandlung, wo es dazu kommen muss, dass ich vom bösen Herrn Verteidiger fertig gemacht werde, ein zweites Mal Opfer, die Vergewaltigung meiner intimsten Gefühle durch die Staats-Sex-Gewalt. Hinterher die betroffene Fragerunde, wie war das für dich? Willst du mit uns kämpfen? Deine Geschichte, erzähl sie uns immer wieder! – der feuchte Traum der Abolitionistinnen, in dem ich für immer und ewig vergewaltigt werde.

 

Frauen gegen Frauen

 

 

Was, wenn ich Gunhild Mewes erzählen würde von den Freuden eines guten, intensiven One-Night-Stands, von dem herrlich erschöpften Gefühl wenn im Taxi noch der Beckenboden pocht, und ich sehe die Lichter Berlins vorbeiziehen und mein Dauergrinsen im Glas des Autofensters, denn ich bin dafür auch noch gut bezahlt worden? Der Genuss, begehrt zu sein, die Melange aus Unterwerfung und Eitelkeit, Demut und Exzentrik, und Rausch und Triumph – die Macht der Verführung, die begehrte Frauen und feminine Männer, und alle Künstler kennen. Und selbst, wenn das Erlebnis nicht so berauschend war, bleibt doch immer noch der weibliche Stolz, der Stolz der siegreichen Verführerin. Und auf die eigene Unabhängigkeit. Es ist genau dieser Stolz, die schamlose laszive Weiblichkeit, vor der alle die Angst haben, die Frauen lieber als Opfer sehen wollen. Lässt das nicht tief blicken? Steckt in diesem Opferbild nicht mehr Verachtung und Machtanspruch als in jedem schlüpfrigen Herrenwitz? Wie viel mehr fürchte ich den Neid der Frauen, als die Geilheit eines Mannes. Der Hass von Frauen auf andere Frauen ist der Misogynie von Männern durchaus ebenbürtig. Die tausendjährige Unterdrückung der Frau wäre nicht möglich ohne die Zustimmung der Frauen selbst, der Hälfte der Menschheit. Und sie tun es nicht notgedrungen wegen der Männer und widerstrebend, sondern mit Eifer und Fleiß, leidenschaftlich und pflichtversessen: Mütter sind es, die ihre Töchter und Söhne ungleich behandeln. Mütter und Erzieherinnen sind es, die Mädchen die Scham anerziehen. Frauen sind es, die hämisch über gefallene Mädchen herfallen, sie schlimmer noch als jeder Mann brandmarken und ächten. Frauen waren es im alten China, die ihren kleinen Töchtern den Mittelfuß brachen und einschnürten, damit Jahre später die Schwiegermutter in spe prüfend den Kleidersaum anheben sollte – und wehe, die Goldlilienfüßchen waren nicht winzig genug. Frauen sind es heute in afrikanischen Staaten, die das mörderische Geschäft der Mädchenbeschneidung aufrecht erhalten. Auf dass die Tochter nicht eine Lust empfinde, die der Mutter verwehrt ist. Immer wieder waren und sind es (meist ältere, weniger sinnliche) Frauen, die anderen (meist jüngeren, sinnlicheren) Frauen sagen, wie sie Frau sein sollen. Die Rolle der Gouvernante, der Oberin, der Kalfaktor, der Kapo – die wäre wohl deinem Geschmack, Gunhild, mich vor mir selbst und meiner Verderbtheit zu schützen?

 

Aber du kriegst mich nicht.

Mich kriegt ihr nicht!

 

Mit Fachkräften reden

Mit Fachkräften reden

 

 

Manchmal kann man nur mit Fachkräften reden. Meine Kollegin Miranda, eine Fachkraft, will sich mit mir austauschen:
– Grauenvoller Podcast bei ZEITonline! Ich hab dir grad nen Link geschickt. Musst du dir anhören! Die ZEIT ist jetzt auch schon gekapert von den Abolitionistinnen! Nach deinem Outing müssen die wohl beweisen, dass sie die guten Sitten einhalten.

Abolitionismus

In der WELT vom 13. August 2018

 

Ich höre also rein in den ZEIT-Sexpodcast, mit dem Oh-my-god-haften Titel „Ist das normal?“
Da geht es um alles, was nach Ansicht der Macher eben nicht normal ist. Der Podcast könnte also ruhig Anti-Sex-Podcast heißen.
Bei dem Format handelt es sich übrigens um das, was wir Philosophie-Studenten als „sokratischen“ Dialog gepriesen bekamen. Das bedeutet, es ist eigentlich gar kein echter Dialog, sondern der eine Dialogpartner liefert die unumstößlichen Fakten, der andere sagt, wie krass er die findet, und dann sagt wieder der erste, auch er fände das krass. Krass!
In gleich zwei Folgen geht es um meinen Beruf: „Blowjob auf Bestellung“ und „Der hohe Preis von käuflichem Sex“. Titel, so wertfrei wie das Abi-Zeugnis, das die Tatort-Klischee-Prostituierte nicht hat. Mich interessiert ja die Meinung Außenstehender zu meinem Beruf immer sehr. Erfahrungen habe ich ja selber. Vorurteile hingegen kann man sich nicht ausdenken, und sie sagen so viel über die Leute, die sie haben, und die Gesellschaft als Ganzes, und überhaupt!

Miranda ruft wieder an, mit Grabesstimme:

Ist es normal, für Sex zu bezahlen?

Mir fällt als Antwort auf die Frage spontan ein: Na klar – wenn er Geld kostet?

Ich finde es wunderbar, dass man mich für einen Service, den ich gegen Entgelt anbiete, sogar bezahlt. Aber Miranda regt sich weiter auf: In was für einer Gesellschaft wollen leben? Ist es zumutbar in der Bahn neben einem Typen zu sitzen, der vielleicht schon mal Oralsex hatte, und diesen wohlmöglich gar im Internet bestellt hat? Und das sollen total viele sein, allein in Deutschland! Über eine Million am Tag!
So viele? Ein Wahnsinn. Wozu müssen wir uns eigentlich noch in einer Huren-Kartei registrieren lassen, wenn doch unsere Zahl und unser Umsatz so genau erfasst sind? Aber was mich wirklich wundert, wie schafft man es eigentlich, an solche Zahlen zu kommen? Das müssen die Macher dieser dubiosen Studie aber ganz gefickt eingeschädelt haben! Warum klagen dann alle, dass sie nicht genug Kunden haben, und investieren Unmengen Zeit in SEO und Marketing?
Tja, sagt Miranda: der typische Freier geht halt nicht zu so priwilligierten Zicken wie uns! Das sind Typen, die auf echte Erniedrigung stehen, Frauenhasser, Perverse, Looser! Denen sind wir nicht Opfer-mäßig genug. Da haben sie übrigens was gemeinsam mit den Abolitionistinnen! Die wollen uns doch auch ausschließlich als Opfer sehen. Die meinen, Prostituierte wird man nicht freiwillig, sondern durch Missbrauch in der Kindheit, Not und Elend, einen Dachschaden… Vor allem die zweite Podcast-Folge! Prostitution gleich Gewalt. Vergewaltigungen am laufenden Band, ein Leben als rechtelose Sexpuppen für die bösen Männer mit ihren ekligen Körpern und ihren brutalen Verhaltensweisen. Hast du die Stelle gehört mit den ausgekugelten Gelenken und Knochenbrüchen?

– Hach, immer diese Knochenbrüche!

Miranda doziert: Verständlich, dass wir alle über kurz oder lang verrückt werden. Ich meine, wir waren es ja vorher schon, sonst wären wir keine Prostituierten geworden. Aber spätestens nach den ersten Tagen im Puff werden wir vraiment gaga! 2 von 3 Prostituierten leiden angeblich unter posttraumatischem Belastungssyndrom. Das ist das, was KZ-Überlebende und Kriegsheimkehrer haben. Diese Flash-Backs und ständigen Alpträume, wie nach einem schweren psychischen Schock. 2 von 3! Also entweder du, Salomé, oder ich. Oder sogar wir beide.

– Wie bitte? So was soll ich haben? Das würde mir doch auffallen!

– Als Symptome gelten schon häufige Müdigkeit und Stressanfälligkeit, und der regelmäßige Konsum von harten Drogen wie Alkohol, vor allem während der Arbeit, um das alles zu ertragen.

– Harte Drogen wie Schlampagner?

– Im Ernst: Das ist doch bizarr! Glaubt die ZEIT diese Gräuel-Propaganda? Hat die keine Angst vor Fake News? Tag für Tag Geschlechtsverkehr mit 40 Männern und mehr! Das sind doch Porno- Phantasien schlecht gefickter Aboli-Lesben!

– Mäßigen Sie Ihren Ton, Frau Kollegin!

Solche Stories, denke ich mir, berichten halt die, die in die Therapeutinnen-Finger von Sexualpsychologinnen wie der in dem Podcast geraten. Während ich hingegen niemals den Fuß in eine psychologische Praxis setzen würde, solange ich noch einigermaßen alle beisammen habe.

Nun also auch die ZEIT, sage ich. Ist eben eine christliche, anti-liberale Zeitung. Was ist nur aus dem guten, soliden Journalismus geworden. Heiße Luft! Lass sie reden. Lass sie schreiben.

Wir müssen was tun, sagt Miranda.

Was sollen wir denn tun? Das ist eine wahrhaft philosophische Frage! Hättest du mit mir als Philosophie-Studentin in der Uni gesessen, in einem stickigen Seminarraum, hätte ich folgende Wortmeldung an dich adressiert: Dass eine Gesellschaft Normen aufstellt, ist – normal. Doch erst wo das Wohlanständige, die Norm, die Langeweile aufhören, beginnt Erotik. Sie ist stets ein Skandal. Stets provokant, aufregend, reizend. Niemals jedoch ist sie OK. Wer okayen Sex haben will, kultiviert nicht den erotischen Reiz, er beseitigt ihn. Erotik, diese Nachtseite des Menschlichen, kann nicht OK sein. Sonst wäre sie alberne Wellness, ohne dunkles Geheimnis, eben nicht: erotisch. Also ist es doch gut, dass man von uns Huren sagt, wir seien nicht normal? Wer möchte schon normal sein? Der Normalo ist der Feind des Besonderen. Jeder wäre doch gern etwas Besonderes!

Das denkst auch nur du, sagt Miranda. Weil nämlich alle denken, sie wären gern etwas Besonderes, ist dieses Besondere gar nichts Besonderes. Wenn dann aber einer wirklich so ist – besonders – dann ist er zu besonders.

 

Rette sich wer kann!

 

Und dann legte Miranda richtig los, Kraft ihrer Fachkraft: Merkst du eigentlich nicht, wie ernst das ist? Die meinen direkt uns. Besser gesagt dich, Salomé. Sie unterscheiden Huren in nur zwei Typen: Solche, die den Kunden vormachen, es ginge ihnen gut: um die Kunden nicht zu verschrecken, oder weil irgendein Zuhälter es befiehlt. Und solche, die sich selbst vormachen, es ginge ihnen gut: scheinbar selbstbestimmte Opfer von schweren psycho-sozialen Defekten, denen die Fähigkeit fehlt ihre eigene Lage mündig zu beurteilen. Die nicht wissen, was für sie OK ist. Insbesondere jene, die sich politisch für Sexarbeit in der Öffentlichkeit einsetzen. Damit bist auch du gemeint!

Das Verleugnen der Krankheit gehört zum Krankheitsbild – Lieblings-Tool der Psychologen-Zunft. Der Zirkelschluss ist, dass als Beweis für die psychische Krankheit einer Hure schon genügt, dass sie Hure ist. Ob freiwillig oder nicht, wird Makulatur. Der Mythos der Freiwilligkeit. Wording made by Alice Schwarzer! Jetzt heißt es auf der Hut sein: Noch ein paar weitere Umdrehungen des rechts- konservativen Rollbacks, und wir dürfen nicht mehr den Kopf zu weit rausstrecken, oder sie kommen und holen uns. Nicht die Sittenpolizei wie früher, sondern die mit der Zwangsjacke! Verstehst du, das ist nicht nur beinahe Nazi-Sprech. Das Framing des Anders-Seienden als krank, als zu eliminieren, ist faschistische Rhetorik par excellence!

– Musst du gleich die Nazi-Keule schwingen?
– Wenn ́s doch passt, in diesen Zeiten? Wir müssten sie bloßstellen, ein für alle mal!                                                                                    – Ach was. Hör lieber auf Nina Hagen.
– Nina Hagen?!

Es ist gut, dass es Nina Hagen gibt. Und auch die Initiative zur Patientenverfügung, für die Nina als Schirmherrin sogar in einem Video Werbung macht. Ich schicke Miranda den Link.
Vielleicht wäre es wirklich gut, eine Patientenverfügung zu unterschreiben. Damit wären wir davor geschützt, zwangseingewiesen zu werden. Oder, wie Nina es formuliert: „Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung!“

Aber Miranda zieht ihre eigenen Konsequenzen:
Weißt du was? Wenn es bei mir irgendwann nicht mehr läuft, ich keine Kunden mehr kriege, werde ich halt Berufsopfer. Ich steige aus und erzähle überall in den Medien wie ferngesteuert und gemindfucked ich war. Ich erkläre super tiefgründig, wie ich dauervergewaltigt wurde von der Gesellschaft, der Vergewaltigungskultur und solchen Lobby-Prostituierten wie dir. Dann beginnt meine zweite Karriere als Prostitutionsüberlebende. Damit kriege ich richtig Aufmerksamkeit. Und dann komme ich auch mal in die Zeitung, so wie du! Vielleicht tingele ich sogar durch TV-Sendungen! Geile Details fallen mir dann schon ein. Denn weißt du schon das Neueste? Sex sells!

Den Rest unseres Gespräches lasse ich unerwähnt – zu viel Fach-Chinesisch, als dass der Otto- Normal-Leser es verstünde. Manchmal kann man halt nur mit Fachkräften reden.

 

Das Gesetz der Doppelmoral

Das Gesetz der Doppelmoral

 

Die Diskretion wird gewahrt

 

Wenn ich in dieser Kolumne über meine Kunden schreibe, dann nie aus Geschwätzigkeit. Es muss schon einen guten Grund geben. Nach den Kommentaren zu meinen Lolita-Text möchte ich mit dieser Story hier etwas zeigen, eine Realität enthüllen, statt nur schnöden Voyeurismus zu befriedigen.

Ein Jurist. Strafrecht. Ich sage nicht, ob Richter oder Staatsanwalt. Name: vergessen Sie´s. Herkunft: irgendeine westdeutsche Großstadt. Persönliche Details tun nichts zur Sache. Beim Dinner in dem schummrigen Restaurant irgendeines Berliner Luxushotels war er zunächst recht steif, und darum tastete ich mich langsam vor. Ich meine nicht meine Hand unter dem Tisch, nicht meinen Fuß im Nylonstrumpf, sondern das Gespräch. Über was mit ihm reden, wie einen Draht zu ihm bekommen? Hol die Leute da ab, wo sie sind! Welche besonders harten Fälle er denn so…? Und welche Verbrechen das denn…? Es funktionierte, er wurde gesprächig. Es war ihm offenbar wichtig, sich von Anfang an korrekt darzustellen: Natürlich verabscheue er am meisten die Leute, die sich an Kindern vergreifen. Er könne nicht nachvollziehen, was da im Kopf mit denen los ist. Er sorge dafür, dass die richtig lange hinter Gitter kommen.

 

 

Moral und Doppelmoral

 

Verabscheuen – der Jurist gebrauchte dieses so wenig sachliche Wort, das Wort für ein Gefühl, das in seinem Amt seinen Platz allein im Ermessensspielraum behaupten darf. Warum hat er gerade mich ausgewählt? In der Puff-Prosa auf meiner Website bewerbe ich mit einem gewissen Nischen-Fetisch, dem der mädchenhaft wirkenden Kindfrau. Sie werden sich jetzt beeilen zu sagen, für Sie wäre das ja nichts, Sie sind schließlich nicht pervers, aber, glauben Sie mir, ich habe meine Kunden. So wie diesen hier. Der jedoch gerade betont hatte, jegliche Affinität zu diesem Fetisch ginge ihm völlig ab. Hatte er etwa ein moralisches Problem mit seinem eigenen Fetisch? War das die Erklärung für seine Angespanntheit? Meine Aufgabe war es jedenfalls nicht, ihn auf innere Widersprüche zu stoßen. Sondern das Gespräch in einer Weise zu lenken, dass es eine allseits genussvolle erotische Erfahrung einleitete. Ich versuchte also, seine moralischen Bedenken zu zerstreuen: Tatsache sei doch, dass die meisten Kinderschänder ja eben nicht pädophil seien. Sondern nur auf Kinder zurückgreifen, weil sie sich nicht an erwachsene Opfer heran trauen. Eine Tatsache, die über den Horizont der populistischen Hetzer geht, die schon bei Verdacht auf pädophile Neigungen zum Lynch-Mob aufhetzen. Dabei tun die meisten Pädophilen niemals irgendetwas strafrechtlich Relevantes. Er stieg darauf ein: Die Täter, das seien in seinen Augen einfach Verklemmte. Psychische Wracks am untersten Ende der sozialen Treppe. Menschlicher Müll, zu dumm und zu arm, um eine gesunde Beziehung aufzubauen. Als er so sprach, musste ich an ein Erlebnis in meiner Schreibwerkstatt bei Sybille Lewitscharoff denken, die uns anregte, doch mal eine Gerichtsreportage zu schreiben. Ich begab mich also ins Landgericht Moabit. Auf der Anklagebank saß, stumm, mit in den Händen versenktem Kopf, ein Koloss von einem Menschen, mit allen körperlichen Indizien der Verwahrlosung. Er rührte sich nicht, hob nie den Blick, nicht einmal wenn er angesprochen war. Kein Häufchen Elend: ein Berg davon. Er war angeklagt, sich zum wiederholten Mal an Kindern seiner Nachbarschaft sexuell vergangen zu haben. Er hatte für ähnliche Delikte bereits einige Jahre im Gefängnis gesessen. Und jetzt würde er wieder hinter Gitter müssen, für eine sehr lange Zeit. Was ihm vorgeworfen wurde war alles sehr widerwärtig. Und doch versuchte ich, weil ich ja über ihn schreiben wollte, mich in diesen Menschen einzufühlen und mir sein Leben vorzustellen, das er mit kurzen Unterbrechungen fast nur im Gefängnis verbracht hatte und verbringen würde.

Ja, sagte mein Kunde, und tupfte sich mit der schweren Leinenserviette den Mund ab, das war ein Sittich. So heißen die im Knast. Ganz unten in der Hierarchie. Der Sittich hat keine Freunde. Der muss Scheiße fressen. Und ich bin stolz darauf, dass ich persönlich dafür gesorgt habe, dass einige das sehr lange tun. Mein Prinzip: so lange einsperren wie nur möglich, am besten lebenslänglich. Das ist das richtige Signal an die Gesellschaft, die sogenannte Generalprävention: eine abschreckende Maßnahme, um ein Exempel zu statuieren. Dem Sittich geht es ganz dreckig, seine Mitgefangenen bestrafen ihn so, wie das Gericht das nie dürfte. Das ist kein Geheimnis, denn genau darin besteht ja die Abschreckung. So sprach kein Schließer, kein JVA-Beamter, der von Missständen spricht, die außerhalb seines Einflussbereiches liegen. Sondern jemand, der die Macht hatte, solche Menschen zu besonders langen Haftstrafen zu verurteilen. Ließ er sich von Gefühlen leiten? War er ein Sadist? Nein, durchaus nicht, er hielt es für gerecht. Es waren seine Prinzipien, die aus ihm, wie er sicher glaubte, einen besseren Menschen machten als die, die er verurteilte.

Ich musste auf der Hut sein, ihn diplomatisch aus seiner verurteilenden Rolle lösen, ohne Streit anzufangen. Schließlich waren wir schon fertig mit dem Hauptgang, wir hatten nur noch zwei Stunden, und irgendwie mussten wir demnächst die Kurve kriegen zu einer erotischeren Stimmung.

 

 

Phantasie und Wirklichkeit

 

Es gäbe doch zwei Arten erotischer Phantasien: solche, die man verwirklichen würde, wenn man kann (wie z.B. Sex zu dritt, oder Sex mit einer Prostituierten) – und solche, die man eben nicht verwirklichen will. Weil sie in der Realität schrecklich wären und nicht mit der Fantasie zu vergleichen. Vergewaltigungsphantasien, Sodomie, und dieses japanische Zeug mit grotesken Phantasie-Monstern. (Ich will niemanden in Versuchung führen, der Kenner wird schon wissen, was ich meine.) Es ist eine eigene Welt. Doch wer sich mit solchen Phantasien vergnügen kann, wird darum nicht den Wunsch haben, realiter z.B. vergewaltigt zu werden, gar von japanischen Manga-Monstern aus dem Weltraum, die es gar nicht gibt – ich verwende dieses Beispiel nur, um deutlich zumachen, wie absurd das wäre. Die interessante Frage ist, warum uns diese Phantasien dennoch so sehr erregen. Unser Wissen um die Undurchführbarkeit macht sie nicht obsolet, im Gegenteil. Es kann gar nicht extrem genug zugehen in unserem Köpfen. Das Kopfkino ist vielleicht ein wesentliches Merkmal menschlicher Erotik, im Unterschied zum bloß Sexuellen. Dabei kann man auch durchaus gender-mäßig unterscheiden, Frauenphantasien sind angeblich meist mehr oder weniger gewaltorientiert, es geht um Unterwerfung, um die eigene Unschuld an dem perversen Geschehen. Beim Mann gemischter, da geht es weniger um die Selbstwahrnehmung in der eigenen Fantasie, sondern um ein Objekt der Begierde, ein paar Brüste oder Beine, eine bestimmte Frau, oder eben ein Kind – was nicht heißt, dass nicht auch Frauen typische Männerphantasien hätten, und umgekehrt. Aber das Machtgefälle ist sehr oft ein Faktor. Es geht immer um Macht, um Überwältigung. Darum ist Political Correctness oft so ein Stimmungskiller. Erotik will nicht politisch korrekt sein, und was eine feministische Erotik wäre, muss mir bitte jemand erläutern. Die Trennung zwischen der Sphäre der Erotik und der Sphäre persönlicher Verantwortung ist mir jedoch klar: das eine bleibt Phantasie, das andere greift über. Doch loswerden kann man die Phantasien nicht. Wir suchen sie uns auch nicht aus, sie kommen über uns, können durch die alltäglichsten Eindrücke angeregt werden. Und gerade der Anblick von Kindern ist etwas Alltägliches. Die Zwänge und Betörungen lassen sich nicht unterdrücken, wird dies getan, werden sie eher stärker. Es gibt keine Freiheit im Bereich der Erotik, keine „sexuelle Freiheit“, es sei denn, dies wäre im Wortsinne die Freiheit vom Sexuellen. Wir haben, ob es uns nun gefällt oder nicht, von gewissen Tatsachen auszugehen. Das westliche Schönheitsideal, so politisch unkorrekt es auch sein mag, ist geprägt vom Kindchen-Schema. Wenn etwas einerseits mit dem nur denkbar mächtigsten Tabu belegt ist, es andrerseits aber als der Inbegriff des Begehrenswerten gilt, kann es kaum verwundern, wenn die Grenze überschritten wird. Latente Pädophilie ist keine seltene Krankheit, sie ist ganz einfach eine Frage des Zeitgeschmacks. Zum Glück gibt es ja die Phantasie als Ausweg, das Kopfkino, das meist, hoffentlich, reicht.

Mein Tischpartner war verwirrt und verärgert. Er wies mich streng darauf hin, dass es in der Realität sehr wohl Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch gäbe, genau damit habe er sich beruflich zu befassen. Und das sei gar nicht erotisch, auch nicht in der Phantasie. Ich sei wohl ein bisschen krank im Kopf. Das müsste ja ein ganz übles Gesindel sein, meine Kunden.

Es gelang mir, nicht zu grinsen, indem ich schnell den letzten Schluck Wein trank.

Das Dinner war vorbei, er hatte schon gezahlt, er wollte mit mir nach oben – trotz allem, und vielleicht erwartete er Dankbarkeit für seine Nachsicht mit mir. Ihm Fahrstuhl legte er die Hand um meinen Nacken.

Sind Sie sicher, dass Sie weiter lesen wollen? Es geht nämlich gleich zur Sache. Im Gegensatz zu mir müssen Sie nicht mit aufs Zimmer. Sie könnten sich einfach zurückziehen, mit dem Fahrstuhl nach unten und durch die Drehtür nach draußen – ich komme später nach. Sie sind noch da? Inzwischen hat er sich ausgezogen. Nacktheit verändert alles, der Mensch ist nackt viel weniger würdig und streng. Seine Richter-Rolle, er hatte sie mit der Kleidung abgelegt. Er wurde verspielt. Auch er hätte so seine Phantasien, sagt er. Ach, wirklich? So einige, sagt er. Heute sei sein Wunscherfüllungstag. Ich verrate Ihnen eine Binsenweisheit: Wo es fest gemauerte Prinzipien gibt, gibt es auch entsprechend tiefe, gefährliche Abgründe. Das Gesetz der Doppelmoral. Ich verrate Ihnen präziser, dass ich auch bei ihm das Kopfkino angeworfen habe in der Art, die mir entspricht. Nur die wenigsten Kunden lehnen meine quasi-pädophilen Rollenspiele ab, wenn ich sie von mir aus anbiete; auch er nicht. Und ich verrate Ihnen, ohne ins Detail zu gehen, auch noch so viel: die 13-jährige Lolita, die wollte er nicht von mir. Für ihn durfte ich höchstens Neun sein. Doch ich widersprach ihm nicht, als er hinterher, völlig verausgabt von den im Bett verbrachten zwei Stunden, die Sache moralisch für sich einordnete: ich hatte ihn benutzt, es waren mein Teufelswerk, nicht seins. Er sei mir und meinen Suggestionen hilflos ausgeliefert gewesen, ich sei ja versiert darin, und er schließlich auch nur ein Mensch. Du musst dir keine Vorwürfe machen, sagte ich. Jedenfalls nicht für das, was du mit mir gemacht hast. Das hier ist nicht dein Gerichtsaal. Dort kannst du dann ja alles wieder kompensieren mit Höchststrafen für andere, wie hieß das noch? Generalprävention.

 

Lolita, revisited

Lolita, revisited

Meine Lieblingskunden bleiben mir treu. Einer, den ich besonders mag, ist sogar einverstanden, in einem meiner Texte vorzukommen – anonym, selbstverständlich. Darum nenne ich ihn NN. Das sind keine Initialen: NN hat mir nie seinen Nachnamen gesagt, auch nicht, was für einen Beruf er hat, damit ich ihn nicht google. Aber ich bin sicher, es ist irgendetwas Künstlerisches. Irgendwann wird mir sein Gesicht aus einem Magazin entgegenblicken, und ich werde es diskret übergehen.

NN ist hoch gebildet, melancholisch-witzig, und auf verschwenderische Weise gut aussehend – schlank, groß und leicht feminin, ein Mädchenschwarm. Warum gibt jemand wie NN Geld für Sex mit mir aus? NN wählt mich, weil ich seinem Beuteschema entspreche, dem Kindchen-Schema. Und nur halb so groß bin wie er. Und gut darin bin, für ihn das Kind zu spielen. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass ich nur ein Surrogat bin.

Als ich neulich wieder bei ihm lag und er an meinem Nacken flüsterte, in was für einem Text ich ihn denn vorkommen lassen wollte, sagte ich: in einer Buchkritik! Er – ein Fragenzeichen, ich –sagte, dass eben das, was uns verband, unsere Age Play-Spiele, meine Lolita-Rolle, mich darauf gebracht hatte. Ich wollte eine Eloge auf Lolita schreiben, aus quasi-kindfraulicher Sicht.

 

 

Lolita – der Roman

 

2018 jährt sich die Erscheinung der amerikanischen Erstausgabe zum 60. Mal – die Veröffentlichung bei G. P. Putnam’s Sons bedeutete den Durchbruch für das von Vladimir Nabokov bereits 1953 fertig gestellte, in Frankreich und England unterdrückte Werk. Lolita erreichte binnen Wochen Platz 1 auf US-Bestsellerlisten, und behauptete ihn monatelang. Innerhalb von drei Wochen wurden mehr als 100.000 Exemplare verkauft. Der Roman beruht wohlmöglich auf einer wahren Geschichte, die kriminologisch allerdings kein Einzelfall gewesen sein dürfte. Genaueres hierzu wurde dieser Zeitung schon besprochen.

Die Veröffentlichung von Lolita fiel auf einen entscheidenden Moment der Rechtsgeschichte: in den USA war der Maßstab für Pornografie in der Kunst da nicht mehr die Meinung des „gewöhnlichen Mannes von der Straße“, sondern nur noch die von Leuten mit fachlicher Kompetenz. Ein Kunstwerkt konnte von Richtern nicht mehr nach bloßem Ermessen verboten werden, sondern nur mit guten Gründen unter Einbeziehung von Expertisen.

Ich mag die Sprache, dieser süchtig-machenden Tonfall, der die Waage hält zwischen zynischer Lakonie und süffigem Kitsch. Und ich eignete mir viele von den Allüren an, die der Autor seiner Hauptfigur andichtete.

Überraschung: NN mag das Buch überhaupt nicht. Auf meine Bestürzung reagiert er mit einem seltsamen Lächeln. Dann, zögernd: Nabokov wisse nicht, was das ist: eine Lolita. Als er sieht, dass ich jetzt wirklich sprachlos bin, erklärt er: Der grenzenlos dumme Humbert-Nabokov glaubt, eine Lolita sei auch nur eine gebrauchsfertige Fickmatratze wie du.

 

 

Lolita – die Realität

 

Nun ja – ein sachliches Problem war mir auch aufgefallen: ist das überhaupt möglich eine 12-14 Jährige zu penetrieren, ohne dass sie gesundheitlich stark davon beeinträchtig wäre? Mehrmals am Tag? Ich selbst bin eine Frau, die man nicht fisten kann, und weiß, wie unerfreulich sich ein zu großer Penis anfühlt. Aber ich bin da wohl eine Ausnahme. Manche meiner Kolleginnen hatten schon in der siebten Klasse Affären, mit älteren Jungs. Ich nie. Ich hatte panische Angst vor Sex, bis ich an die Uni kam und mich in alle diese schlaksigen Philosophie-Studenten verliebte, die Marx zitierten und ein bisschen rochen… Aber solange der Sex nicht physisch ausgeschlossen ist – was ich bereit bin, im Falle von Lolita hinzunehmen – hatte ich keinen Zweifel an Nabokovs Sachlichkeit. Bis NN kam, der Experte.

Nach NNs Meinung geht die „Nymphettenliebe“ von Humbert am Wesen ihres fetischisierten Objekts vorbei. Lolita, der unsterbliche Dämon, verkleidet als weibliches Kind ist für ihn nichts anderes als eine erwachsene Verführerin in einem sehr juvenilen Körper. Das, was ihn an Lolita reizt, ist rein äußerlich: das schmale Becken, die schlanken Beine, die er gegen die Särge aus grobem Frauenfleisch von College-Studentinnen stellt.

These von NN: Humbert sei eigentlich gar kein Liebhaber von Nymphetten. Er sei vielmehr ein Nymphetten-Verächter, weil ihm das Wesen der Nymphette fremd ist.

Und was ist das Wesen einer Nymphette, einer Lolita? NN will sich nicht definitorisch vergreifen an etwas, was gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass es sich nicht definieren lässt: weil es ständig im Wandel begriffen ist, ein Übergangsstadium. Auch wenn Nabokov sich einbilde, mit seinem Bild einer Lolita einen solchen Schmetterling aufgespießt zu haben. Eine Nymphette: ein kleines oder vorpubertäres Mädchen, das sich Männern gegenüber wie eine Frau gibt, das man aber darum noch lange nicht wie eine Frau behandeln dürfe – weil man es dadurch, dass man es wie eine gebrauchsfertige Frau gebraucht, zerstört. Die Absicht der Nymphette, zu gefallen, sei diffus, sie wisse nicht so genau, was dabei bei einem Mann körperlich ausgelöst wird. Sie will es herausfinden, aber im nächsten Moment will sie es auch wieder nicht mehr herausfinden, sondern interessiert sich für etwas ganz anderes. Nymphetten verfolgen nicht systematisch ein bestimmtes Ziel. Sie spielen. Sie spielen mit den Erwachsenen, und erwarten, dass auch die Erwachsenen nur spielen.

Die Sexualität von Kindern und Erwachsenen sind zwei gegensätzliche Sphären, von denen die eine reich, originell, narzisstisch ist; die andere von Komplexen geplagt, schamvoll, durch und durch epigonal.

 

Das pädophile Genie

 

Es gibt den Typus des pädophilen Genies, und NN entspricht diesem Typus. Es macht NN sicher nervös, als ich ihn Genie nenne, er hasst den Begriff. Dabei finde ich es richtig: Genie bedeutet „Schutzgeist“. Ein Genie beschützt, davor, Fehler zu machen. Das pädophile Genie macht eben nicht den Fehler, Befriedigung zu verlangen. Es gibt solche Menschen, die wie NN scharenweise Kinder in sich verliebt machen, die ihm dann nachlaufen, ihn in seiner Wohnung heimsuchen, wie NN manchmal erzählt. Nymphette und pädophiles Genie ziehen sich gegenseitig an. Dabei spielt eine Rolle, dass das pädophile Genie eben kein richtiger Mann sein darf, mit männlichem Verlangen und dieser typischen temporären Erektionsdemenz. Sondern selbstbeherrscht und effeminiert, ein ungefährliches Versuchsobjekt für die Wirkung der weiblichen Reize. Und zugleich hat er ein Geheimnis, das neugierig macht. Er ist nicht wie die langweiligen, unaufmerksamen Eltern der Mädchen. NN sagt, dass die Mütter selbst ihre Töchter zu ihm bringen, damit er ihnen Nachhilfe gibt oder sie einen Nachmittag beschäftigt – er ist doch so ein harmloser, kultivierter Mann. Ich selbst habe beobachtet, wie pubertierende Mädchen, die mit ihren Eltern im selben Restaurant saßen wie wir, ihm flirtende Blicke zuwarfen. Eines Morgens, nach einer Nacht mit ihm im Soho-House, war ich Zeuge, wie im Fahrstuhl ein Vorschulkind, zum Schock seiner Hipster-Eltern, das Röckchen hob und NN anstrahlte.

NN ist ein Leidender. Aber er ist auch ein pädophiles Genie. Eines, das sich eben nicht an Kindern vergreift. Ein pädophiles Genie muss wissen, wie man mit solchen kleinen Wesen, die unendlich kapriziös sind, umgeht. Er muss auch wissen, wie er sie nach sich verrückt macht, nämlich, indem er nur ihren sprunghaften, launischen Neigungen folgt, und niemals, absolut niemals, seinen eigenen. Die Nymphette darf nie damit konfrontiert werden. Nur ihr Wille gilt. Das pädophile Genie ist ein Sklave, ein Tanzbär, das Spielzeug eines überdrehten Prinzesschens.

Greift ein Grobian, weil es ihm an Genie mangelt, zur Gewalt, dann ist die Nymphette zerstört. Dann ist sie keine Nymphette mehr, kein kokettes Persönchen, sondern das Gegenteil: eine Person, die Bescheid weiß. Desillusioniert und desinteressiert. Ein Opfer, traumatisiert, verschlossen.

Immerhin hat Nabokov selbst gemerkt, wie wenig fit er in dem Stoff ist. Um den Platz zu füllen, schreibt er ausufernd über die drittklassigen Hotels, in denen der Sex dieses Roadmovies sich dann abspielt. In einem Roman, in dem sogar die Konsistenz von Papierservietten genauestens beschrieben wird, gibt es keine einzige Beschreibung eines Koitus im Vollzug! Nicht einmal beim ersten Mal. Immer gibt es eine Flut von Details, und dann eine knappe Metapher für etwas, das wohl Sex war: „Die Operation“, „Séance“, „Die Morgenpflicht erfüllen“ – im Vertrauen dass der Leser, der über die Hotelzimmermöbel informiert ist, sich den Rest schon wird denken können.

Es rächt es sich, wenn ein Schriftsteller über etwas schreibt, wovon er keine eigene Anschauung hat. Fehler sind unvermeidlich.

 

 

Lolita als gesellschaftliches Phänomen

 

Und doch  ist Lolita, trotz gravierender Fehler, Weltliteratur. Es hat ein historisch neues Phänomen in die Literatur eingeführt und zum Inbegriff gemacht. Den Begriff der Lolita – Nymphette hat sich nicht durchgesetzt, war wohl zu intellektuell-abgehoben. Lolita steht für ganze Generationen von Mittelschichts-Kindern, die nicht mehr behütet sind. Nicht mehr in bürgerlichen Haushalten und Internaten dem Blick entzogen, nicht mehr ständig überwacht. Dass Kinder aus der Unterschicht missbraucht und misshandelt werden, war immer der Fall. Die tugendhaften Bürger aber, die jahrhundertelang nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Töchter jungfräulich und im Zustand märchengläubiger Naivität unter die Haube zu bringen, waren unter dem Druck der modernen Arbeitswelt erodiert. Nicht ohne Grund ist Lolitas Mutter alleinerziehend, und die Charakterstudien von Charlotte Haze sind die stärksten Passagen des Buches. Lolitas Mutter ist alles andere als eine liebende Glucke, sie hasst ihre Tochter, sieht in ihr eine Rivalin, und treibt sie dadurch erst dazu, Humbert zu umgarnen. Dass die Mutter bei diesem „Triumph“ bereits tot ist, und Humbert dies wohlweislich verschweigt, ist ein infamer Streich. Auch das ganze Umfeld um ist treffend beobachtet: Verwandte, Lehrer, Betreuer, Ärzte und Eltern von Mitschülern sind alles, nur nicht an Lolitas Schicksal interessiert.

Und noch etwas ist richtig gesehen: manche Kinder sind hinreißend begabte Verführerinnen. Es sind nicht unbedingt die hübschesten. Es sind die, die herausfinden, dass sie durch ein bestimmtes, aufreizendes Verhalten die Beachtung bestimmter Erwachsener bekommen. Kinder sind gezwungen, die Bedürfnisse Erwachsener zu erraten. Die Beachtung der Erwachsenen ist von der ersten Lebenssekunde an überlebensnotwendig. Man sichert sie sich erst durch Schreien, dann entweder durch Ungehorsam oder durch Exzellenz: beste Schulnoten, häuslichen Fleiß, durch Unterhaltsamkeit, oder durch scheinbares Interesse für das Hobby der Eltern, z.B. Fliegenfischen. Und die Erwachsenen verstehen es immer wieder falsch und glauben, es ginge dem Kind wirklich ums Fliegenfischen oder um den Schulstoff, und sie merken nicht, dass es eigentlich um die Beachtung allein geht. Warum quälen sich Kinder durch schmerzhaften Ballettunterricht, warum machen sie stundenlang Klavierübungen, warum wollen sie die Mathe-Olympiade gewinnen? Es ist immer konditioniert durch die Beachtung der Erwachsenen. Ohne diese Konditionierung wachsen wir nicht in die Gesellschaft hinein. Der Mechanismus ist derselbe, der auch aus einem Mädchen eine Lolita macht. Das Diktum „Ich liebe dich, wenn du mir Gründe dafür gibst“ lehrt das Kind, dass es durchaus nicht bloß um seiner selbst willen geliebt werden kann. Und darin, nicht in der Pädophilie, besteht der Missbrauch.

Fucking AfD

Fucking AfD

Das hat man davon! Kaum habe ich durch meine Sex-Sells-Kolumnen ewigen Ruhm erlangt, bin ich wieder ganz klein mit Hut. Warum war ich bloß so vorlaut, auf Twitter zu posten, dass ich AfD-Mitglieder als Kunden ausschließe? Und sie erkennen könnte?

 

Ich wollte ja nur meinen linken Ruf als Putain Rouge retten, jetzt, da mich böse Zungen die Hure der Springerpresse schimpfen. Aber klar, dass jetzt ein paar mehr Leute meine Tweets lesen als nur Don Alphonso. Da draußen ist ein Geisterheer, das mich beobachtet, so wie ich es mir in meiner schönsten Neurose nicht vorstellte. Die Geister, die ich rief…

Sie lachte mich aus. „Schreib das ruhig in der Welt!“, verhöhnte sie mich. So siegessicher wie die ganze verdammte Partei. Da habe ich den Mund aber auch voll genommen. Genau wie mein Lieblingslokal, das Nobelhart&Schmutzig, das auch keine Waffen, Hunde und AfD reinlassen will – mittels Aufklebern an der Tür. Woran hätte ich auch erkennen sollen, dass sie bei der AfD ist, kenne doch gerade mal Petri, Weidel und Storch! Gegoogelt habe ich die Kundin vorher auch nicht. Hätte auch nichts genützt, sie hat natürlich unter falschem Namen gebucht. Und dabei war ich so stolz: schon wieder eine weibliche Kundin, es läuft! Ich hatte doch bei meiner Absage an AfD-Kunden gar nicht an Frauen gedacht! Unglaublich, was für attraktive Frauen in der AfD sind! Nie im Leben hätte ich das dieser eleganten Fee zugetraut, Sie, ein Nazi, nein, das war sie nicht, so großzügig verwende ich den Begriff nicht. Und eine Nazi-Schlampe, wie meine linken Freunde sie vielleicht nennen würden, das wäre denn ja wohl eher ich. Nach dem Sex mit ihr.

Einer kalte Dusche später, mit nassen Haaren und unsicher, ob ich sofort die Fliege machen sollte mit meinem Honorar, obwohl die bezahlte Zeit noch nicht um war, ziemlich verwirrt, ziemlich verstört, ließ ich mir von ihr einen dieser blütenweißen Hotel-Bademäntel überhängen. Der schwere Flausch zog meine Schultern nach unten. Sie öffnete den Chateau-Neuf du Pape aus der Schublade – Rotwein, sehr witzig! Aber den Champagner hatten wir schon ausgetrunken. Und mir war allerdings nach mehr Alkohol, obwohl wir von dem Champagner auch schon ein paar Drinks an der Hotelbar hatten – Meine Güte, in aller Öffentlichkeit, ich als ehrenwerte Prostituierte mit einer AfD-Frau! Her mit dem Rotwein. Mit dem Toast „Auf den Feminismus“ bannte sie mich auf die Sitzgruppe.

 

 

Auftrag

 

„Ich habe dich gebucht, damit du etwas schreibst über uns Frauen in der AfD“, sagte sie. Was?! Warum suchte sie sich nicht einen Profi-Journalisten? Wollte sie sich berauschen an ihren Triumph über mich?

Sie wollte eine Botschaft verbreiten, und sicher sein, dass ihre Identität geheim blieb. Sie vertraute auf meine Diskretionspflicht als Escort – diese zu verletzen wäre eine Straftat, es würde mich meine Existenz kosten. Darum hatte sie mich ausgewählt. Die Hure mit Draht zur Presse.

Immerhin, es könnte ja jemand behaupten, dass ich hier Dinge bloß erfinde, die Unwahrheit sage. Vielleicht wäre das sogar besser, wenn meine Texte als reine Fiktion gelten könnten. Leider habe ich gar nicht so viel Phantasie. Ich kann nur erzählen, was ich erlebt habe. Ich kenne mich in den meisten Lebensbereichen nicht gut genug aus, würde mich nur blamieren. Vielleicht habe ich mich deshalb für so einen spannenden Nebenjob wie die Prostitution entschieden – wer nichts erfinden kann, muss halt selbst etwas erleben.

 

Ich beschränke mich also darauf, ihre Suada möglichst wörtlich wiederzugeben. Ich behaupte nicht, dass es eine große journalistische Leistung wäre.

 

„Es gibt nur einen Feminismus – den, der gegen die Unterdrückung von Frauen kämpft, egal wo sie passiert, oder durch wen. Diejenigen, die Frauen am massivsten unterdrückten, bis hin zu Mord, sind heute dieselben, die auch gegen Homosexuelle, Transsexuelle und gegen Juden sind. Es sind die Männer, die in unser Land strömten, und uns alle zurück ins Mittelalter bringen wollen.

Klar kann man nicht verallgemeinern. Nicht alle Ausländer sind so. Es sind die männlichen Türken, Araber und Nafris. Ich würde keine Frauen abweisen, die Schutz nötig haben. Schutz vor Gewalt, Zwangsverheiratung, Beschneidung… für die sollten wir unsere Grenzen öffnen. Wir sollten nur die weiblichen Flüchtlinge ins Land lassen und nicht zugleich deren männliche Peiniger. Es ist doch niemandem geholfen, wenn wir die Gewalt, vor der sie fliehen, ebenfalls hereinholen.

Das links-grüne Milieu, das so viel für uns getan hat, schützt uns nicht mehr. Sie weigern sich, die unangenehme Wahrheit zu sehen. Sie schützen gewalttätige Chauvis, die mit ihrem Hippie-Weltbild aber auch gar nichts gemein haben. Die sie auslachen als Schwächlinge.

Die Optimisten glauben, dass ausgerechnet jetzt der Zeitpunkt wäre, mit der Emanzipation große Schritte voran zu machen – ich sage nur Gender-Sprache! Dabei geht es vor allem darum, das Erreichte überhaupt zu bewahren! Wenn das Haus brennt, hängt man keine frischen Gardinen auf.

Feminismus, der kann heute nicht anders, als rechts zu sein. Im gesellschaftlichen Mainstream darf er sich nicht äußern. Aber wir AfD-Frauen scheuen uns nicht davor! Dann sind wir eben rechts!“

 

Warum erzählt sie mir das? Will sie Anerkennung, weil sie auch Feministin ist?

 

 

Geisterbahn

 

 

„Uns ist klar, dass es in der AfD sehr viele Männer gibt, die unsere moderne Art ablehnen. Die waren für uns zunächst aber das kleinere Übel – wir dachten, diese Opis und Fahrschullehrer, die stecken wir in die Tasche. Sie werden am Ende nur dazu beigetragen haben, die liberale Gesellschaft zu schützen, und damit die Freiheit für Frauen, für Schwule und Lesben und alle, die diese Herren so verachten. Nur können wir Feminismus halt nicht zum offiziellen Programm machen, denn wir brauchen ja all die nützlichen Idioten. Die für uns einzuspannen, das war die Strategie, schon seit der Frauke-Zeit, und auch Alice glaubt daran. Aber was, wenn wir uns geirrt haben?

Hast du dir die Typen mal angesehen, die da plötzlich im Parlament sitzen? Die reinste Geisterbahn. Sie sehen aus, als würden sie am liebsten gemeinsam jemanden erschlagen. Was, wenn diese bösen alten Männer und feisten Bluthunde die Führung übernehmen?

Frauen sind in der AfD doch nur geduldet. Die Frage ist, wie lange noch. Wir haben zwar formell die selben Rechte, aber die Männer in der Fraktion kochen vor Wut. Petri war schon eine Provokation, die ihnen ständig unter die Nase rieb, dass sie fickt, dass sie noch schnell ein Kind bekommt, und trotzdem Karriere, und nix Ehefrauchen. Und um die loszuwerden, müssen sie jetzt die Lesbe ertragen. Eine Zumutung! Und Alice weiß das doch. Sie darf sich keine Schwäche erlauben. Sie muss immer vorne weg marschieren, stramm rechts, bloß nicht weich werden. Hast du sie mal beobachtet, wenn sie ihre Reden hält, in der Redeordnung gleich nach der Merkel? Wie künstlich das alles ist. Schrill und künstlich, auch der Hass. Ihr Hass ist aufgesetzt, ein künstlich hochgespulter Hass, sie trägt ihn vor sich her wie ein Schild. Sie muss das jetzt durchziehen. Ich will sie gar nicht als Opfer darstellen, versteht mich nicht falsch. Aber irgendwie haben wir alle den Augenblick verpasst, die Bewegung zu steuern. Jetzt kann es nur noch darum gehen, Schritt zu halten und nicht überrollt zu werden von dem Tempo, mit dem die AfD voran stürmt. Frechheit siegt – oder meinetwegen Dreistigkeit, wenn du es so nennen willst. Aber eben nur die siegt, die AfD lebt vom Tabubruch. Aber welche Tabus brechen wir?

Was machen denn Parteien wie unsere in anderen Ländern, z.B. Polen? Sie können wenig ausrichten für Sicherheit und Wohlstand. Und um den Wähler abzulenken, greifen sie die Kultur an, alles Alternative, Anders-Seiende. Sexarbeiterinnen wie dich. Die liberale Gesellschaft. Den Rechtsstaat. Haben wir unseren Unterdrückern zur Macht verholfen?

Aber es gibt kein Zurück. Wer zögert, hat verloren. Weil die Basis scharf ist. Die AfD-Basis auf den Dörfern – eine Welt, von der ich nichts ahnte. Diese trostlosen Vorstädte. Was da im Hinterland gärt! Ich war bei Wahlveranstaltung, in Bayern, in Sachsen. Da wurde mir himmelangst. Da ist es, das Mittelalter – unser Mittelalter! Ein wütender Mob, der jederzeit mit Begeisterung einen Pranger errichten würde, oder einen Scheiterhaufen. Es ist nicht so, dass es eine Männerwelt ist, das trifft es nicht. Dort machen mir sogar die Frauen Angst. Was erwarten diese Leute von uns? Was wollen die? Was müssen wir denen liefern, um sie zu befriedigen? Salomé, wie die aussehen, wenn sie brüllen. Die Gesichter! Die Zähne! Diese gräuliche Rohheit… Salomé… die stinken richtig!“

 

Warum erzählte sie mir das? War es der Rausch? Eine fatale Lust am Untergang, und ich, Femme fatale, soll ihn aufhalten? Bei den letzten Worten war sie fahrig, ihr panischer Blick an mich geheftet.

 

Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten“, Brecht-zitierte ich.

Sie kannte Brecht nicht.

„Ich kenne nur den Zauberlehrling: Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los!

Mir fiel noch ein: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – das kannte sie auch nicht, aber sie fand es anscheinend ordinär. Der Ekel stand ihr ins Gesicht geschrieben. Das Grauen.

 

Balthus – ab ins Depot!

Balthus – ab ins Depot!

Ein lieber Stammkunde wollte mich nach Basel einladen, zur Eröffnung einer großen Balthus-Retrospektive. Soll ich hingehen? Das letzte Mal sah ich seine Bilder vorigen Herbst in New York. Was macht eine Berliner Luxus-Hure in Amerika? Arbeiten natürlich! Verreisen mit einem großzügigen Kavalier. Das Metropolitan stand auf seiner Sightseeing-Liste. Ich war schon fast erschlagen von all dem too much dieses gigantischen Sammelsuriums europäischer Kunst, als ich plötzlich vor einer alten Bekannten stand: Thérèse, träumend. Balthus – hier?! Vor den Augen von Familien beim Sonntags-Ausflug? Unbegreiflich, dass es nicht schon längst einen Aufstand gegeben hat, und nur mit der Abgestumpftheit der Leute zu erklären, die einfach nicht in der Lage sind, zu sehen, in dieser Masse von Kunstwerken. Mich wunderte kaum, dass kurz danach eine groß angelegte Petition forderte, dieses Bild abzuhängen.

Balthus-Ausstellungen sind selten genug. 2014 wurde vom Museum Folkwang eine Schau abgesagt, in der allerdings die Polaroids seiner halbwüchsigen Modelle zu sehen sein sollten – verblödete Annahme der Kuratoren, man könnte das Archiv und die Werkstatt von Balthus ebenso kulturbetrieblich ausschlachten wie bei anderen Künstlern.

Damals hieß es, dass diese Fotos, anders als die Ölgemälde, die man noch gelten ließen als Meisterwerke, grenzüberschreitend, pädophil seien. Nun stellt der Spiegel die Frage, ob dies nicht auch gelte für die Gemälde. Ulrike Knöfel mutmaßt, Balthus habe in seinen Modellen nichts anderes gesehen als „laszives Material“. Dass er ein überragender Künstler gewesen sei, nennt sie eine bloße Behauptung. Nun, mag sein – allzu viele Bilder sind wirklich ganz schöner Kitsch. Doch es geht hier nicht um Stilfragen, sondern um Moral. Knöfel fordert nicht, die Bilder zu verbannen, oder der Ausstellung fern zu bleiben, wenn man von dem süßlichen Kitsch keinen Zuckerschock bekommen will. Sie sollten vielmehr „als das ausgestellt werden, was sie sind“, nämlich das 20. Jahrhundert und die böse „Das wird man doch noch zeigen dürfen“-Mentalität. Eine Ausstellung, aber als Pranger. Das hatten wir doch schon mal? Ach ja: Entartete Kunst. 20. Jahrhundert.

Wird man Balthus Bilder überhaupt noch anders sehen können denn als Werbung für Pädophilie?

 

In Basel verteidigt der Direktor Samuel Keller sein gewagtes Unterfangen, diese Bilder nun doch, trotz der Pädophilie-Vorwürfe, auszustellen mit den Worten, Kunst sei dazu da, gesehen zu werden, und wenn einem bestimmte Kunstwerke nicht gefielen, könne man ja wegschauen. Vernünftige Ansicht, nur leider hoffnungslos naiv in Zeiten des Bildersturms, des Neo-Biedermeier, die sich selbst für progressiv hält. Werden Medien und Öffentlichkeit jetzt ein großes Geschrei anfangen, auf dass man Balthus auf immer verdamme? Nach dem Skandal in New York damals sprang auch die deutsche ZEIT auf den Zug auf, so wie am 2. Januar 2018 in einem Text von Julia Pelta Feldman: der ganze Kanon gehöre überprüft. Da sei ganz schön viel Sexismus und Rassismus in und um die Kunst! Der weiße, männliche Künstler war´s, das Schwein.

Der Standpunkt ist nicht neu: alles, auch die Kunst, habe sich den Gesetzen der geltenden Moral unterzuordnen. Das Nicht-verstehen: wozu es Kunst denn geben sollte, wenn nicht zur Steigerung der Moral? Die Feindschaft gegen die Kunst als solche: Wenn sie schon eine so vage Daseinsberechtigung hat, soll sie zumindest politisch korrekt sein. Neu ist diese Lösung für das Problem Kunst: tausende Täfelchen, unter allen Kunstwerken aller Museen, mit Trigger-Warning. Na dann! Kein Scheiterhaufen immerhin, das ist ein zivilisatorischer Fortschritt.

Ich rufe Flori an, Florian Havemann (ja, der), auch er ein Maler. Ich besuche ihn in der Erich-Weinert-Straße, in der Hütte, seiner Galerie und Werkstatt. Schließlich war es Havemann, der mir Balthus nahe gebracht hat. Und Havemann kannte die Bilder des so lange nahezu unbekannten Balthus durch seinen Freund Christos Joachimides, der Grieche, letzten Dezember mit 85 Jahren in Athen gestorben – als Ausstellungsmacher ein Innovateur, der den Beruf des Kurators quasi erfand, also zu dem gemacht hat, was er heute bedeutet. Und er war auch der Erste, der Bilder von Balthus in einer großen Kunstausstellung in London, A new spirit in painting, zeigte. Die beiden ungleichen Freunde, der schlaksig-feminine Havemann und der bärige Joachimides, irgendwann in den späten 70ern des vorigen Jahrhunderts in Paris: sie besuchen eine Galerie in der Nähe der Champs-Élysées, in den Räumen vorne hängen drittklassige, gut verkäufliche Surrealisten, hinten jedoch gibt es einen kleinen Raum mit Oberlicht, an den Wänden nicht mehr als vielleicht 14, 15 Bilder von Balthus. Er selbst, Balthasar Kłossowski de Rola, hatte den kleinen Raum gemietet, um die dort ausgewählte Werke zum Verkauf anzubieten, für den Käufer, den Entdecker. Er war auf den Verkauf nicht finanziell angewiesen. Er war ja Direktor der Villa Medici in Rom, dank André Malraux, dem Schriftsteller, Filmemacher, dem Salon-Kommunisten, Weltreisenden und Abenteurer, den Charles de Gaulles 1959 zu seinem Kulturminister gemacht hat. Balthus saß in Rom, malte hin wieder ein bisschen, und wartete. Jahrelang. Er ging nicht mit den Preisen herunter. Angeblich wollte er für ein Bild Hundertausend-irgendwas, Havemann erinnert sich nicht mehr ob Dollar, Franc, Pfund oder Deutsche Mark. Jedenfalls eine damals schier unfassbare Summe, attemmberaubend, keuchte Christos Joachimides. Und irgendwann kamen die Käufer, die Sammler, und bezahlten den verlangten Preis.

Was sagt Havemann zum Streit um Balthus?

„Ab ins Depot!“, sagt er.

„Das Museum ist ein Ort, den man als Künstler fürchten sollte!”

Ich bin erstaunt. Jeder Künstler wünscht sich doch, im Museum zu hängen. Jedenfalls dachte ich das. Doch Havemann sieht es anders: Museen sind gefährliche Orte für die Kunst. Die Werke, die als Entartete Kunst denunziert wurden, sind sämtlich in Museen aufgegriffen worden, herausgeholt aus öffentlichen Sammlungen. Auch die DDR-Kunst verschwand direkt nach der Wende aus den Museen. Nach dem 20. Jahrhundert sollte man das Schicksal, ins Museum zu kommen fürchten. Und was Balthus angeht, wer bewahrt das Bild vor den Attacken einer fanatischen Kinderschützerin, die mit dem Messer auf Thérèse losgeht, um sie vor dem Missbrauch durch den Maler Balthus zu retten?

„Museumsleute wie die in New York haben die Verpflichtung, das Bild zu schützen! Und dieser Direktor mit dem passenden Namen Keller sollte derzeit auf eine solche Ausstellung verzichten!“

Ich stimme das Lied der Kunstfreiheit an, dass die Banausen sich nicht durchsetzen dürfen: können die nicht Pädophilie von Kunst unterscheiden?

„Schon wieder falsch!“ Havemann durchbricht meine Verteidigungslinie, die ich mir so fleißig im Feuilleton angelesen hatte.

„Es ist Kunst UND Pädophilie. Große, pädophile Kunst.“

Wenn Havemann so etwas sagt, dann begleitet von einer vagen, unnachahmlichen Geste, die wohl besagen soll: was weiß ich, ob´s große Kunst ist, es ist Kunst, das muss reichen.

 

Große, pädophile Kunst

 

Es sei schon bei der Ausstellung in London klar gewesen, Balthus passt nicht mit anderen Kunstwerken zusammen. Wenn es bei einem Picasso um die brutale Verzerrung der menschlichen Gestalt geht, ist das eben eine bestimmte gedankliche Operation, die vom Betrachter gefordert wird. Die Bilder von Balthus erfordern eine ganz andere Denkoperation. Thérèse, träumend ist ganz konventionell gemalt, kein Stil-Experiment, und fällt schon daher ganz aus dem Zusammenhang der Bilder, zwischen denen es präsentiert wird. Es gehört zum Konzept des Bildes, konventionell erscheinen zu wollen. Es will nicht auf den ersten Blick überwältigen. Man soll sich arglos darauf einlassen – wenn nur der zweite Blick nicht wäre. Wo aber ein Balthus neben Picasso hängt, werden diese so verschiedenen Gedankenoperationen übergangslos abverlangt, ohne jede Chance, die spontane Voreingenommenheit zu überwinden.

Es gibt in Museen unzählige Darstellungen von Morden und drastischer Gewalt. Anders bei Balthus. Die Pose von Thérèse, das aufgestellte Bein, das die Unterhose sehen lässt, ist absolut unschuldig. Kommt so millionenfach jeden Tag bei Kindern vor. Es ist keine Missbrauchsszene. Trotzdem provoziert diese Darstellung mehr als eine Salomé mit dem abgeschlagenen Kopf von Johannes dem Täufer.

Havemann schlägt ein Gedankenexperiment vor: „Stell dir eine erwachsene Frau vor, die so posiert wie Thérèse!“ – klar, dann wäre es nicht unschuldig, sondern eine wissend-aufreizende Pose, vielleicht sogar obszön. Bei einem Kind von 12 Jahren aber, das nicht weiß, was es auslöst, ist die Pose unschuldig. Pädophil ist nicht das Dargestellte, sondern das Bild selber, bzw. nur der Blick des Betrachters, den es evoziert. Es ist unser Blick, und auch der Blick der aufgebrachten Moralisten, der den Missbrauch ergänzend hinzufügt. Er sieht die Erotik in der Pose, erkennt sie als aufreizend, ist folglich von ihr erregt – Hanno Rauterberg benutzte in der ZEIT vom 16. 12. 2017 diese Vokabel. Anstatt den Missbrauch zu malen, irgendeine Szene, in der ein kleines Mädchen von einem Unhold belästigt wird, geschieht dieser Missbrauch bei dem Bild von Balthus im Kopf des Betrachters, und nur dort. Die Frage, ob es schon Missbrauch wäre, ein Kind so posieren zu lassen, verrät den pädophilen Blick. Sie gehört in den Bereich der Justiz, nicht der Kunst. Menschen, die pädophile Kunst mit Pädophilie gleichsetzen, wissen nicht, was Sublimierung bedeutet. Sie sollten gar nicht ins Museum gehen. Und Menschen, die Pädophilie nicht von Kindesmissbrauch unterscheiden, sind schlecht informiert: die meisten Kinderschänder sind eben nicht Pädophile. Sie lieben die Kinder nicht in der ihnen eigenen Sexualität, sondern wollen einfach nur Macht ausüben, die sie über Erwachsene nicht haben können. Etwas im Kopf mit sich auszumachen, ein Leiden, eine Passion, kann die Tat sogar verhindern, überflüssig machen. Kann.

Havemann schlägt mir ein weiteres Gedankenexperiment vor: wäre es nun aber weder ein Kind, noch irgendeine Frau auf einem Gemälde, sondern ich selbst, die Hure, die ich mich von meinem Fotografen in dieser Pose fotografieren lasse, in den selben Kleidern, im selben Interieur, um mit den Bildern für meine Dienste zu werben – was wäre es dann? Es wäre Pornografie. Und damit mein Geschäft. Schließlich habe ich mir nicht ohne Grund den Namen Salomé Balthus zu Prostitutionszwecken ausgesucht. Mit 158 cm Körpergröße musste ich mir etwas einfallen lassen, um meine Petite-Vorteile auszuspielen. Und es ist ja auch nur ein Spiel, ein Spiel auf geistiger Ebene. Kopfkino. Sublimierung, sage ich nur! Aber ich will ja hier nicht aus meinem kleinen Nähkästchen plaudern.

 

 

Auftakt-Gezwitscher

Auftakt-Gezwitscher

Das Kanarienvögelchen

 

Im Bergwerk, unter Tage. Die harte Arbeit im Kohlenstaub, Kumpel mit rußigen Gesichtern.
Bei ihnen ist ein Kanarienvögelchen, leuchtend gelb, das munter zwitschert. In einem Käfig, aber keinem goldenen. Bis das Grubengas kommt, unsichtbar und geruchlos, die tödliche Gefahr.
Das Vögelchen stirbt als erstes. Wenn das Gezwitscher verstummt, rennen die Kumpel.
Die Hure ist das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit.

 

Kolumne im Feuilleton

 

Eine neue Kolumne, eine neue Kolumnistin in der Welt! An dieser Stelle sollte ich mich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht mal vorstellen. Einige kennen mich schon, eine Kolumnistin fällt nicht aus dem Nichts, ich habe hier in dieser Zeitung schon einzelne Sächelchen geschrieben – über Volker Kauder und Gregor Gysi, über Netzfeministinnen und zuletzt über das dumme Gequatsche im ZEIT-Podcast über Prostitution, und die Gedanken von Fachleuten dazu. Ich bin nämlich jemand vom Fach. Ich bin keine Schreibtischtäterin, keine Feuilletonistin, keine von denen, deren Beruf es ist Meinungen zu haben. Ich habe zwar auch Meinungen wie jeder Mensch, vor allem unqualifizierte, aber ich werde mich hüten, den Leser damit zu behelligen. Ich erzähle lieber aus meinem Leben. Denn ich habe einen richtigen Beruf, da draußen in der wirklichen Welt, nicht im Elfenbeinturm des Kulturbetriebs. Ich verdiene Geld mit körperlicher Arbeit. Wobei, Arbeit… ich würde das nicht direkt als Arbeit bezeichnen, auch wenn der Begriff Sexarbeit der politisch korrekte ist. Aber muss eine Hure wie ich politisch korrekt sein? Das, soviel kann ich Ihnen versprechen, werde ich wohl niemals werden.

Ich bin Prostituierte. Meine Preise finden Sie auf meiner Website, sowie Fotos mit Serviervorschlägen. Es macht mir einen Heidenspaß, und ich lebe gut davon. So gut, dass ich es mir leisten kann, nebenbei genüsslich zu kolumnieren.

Dies ist ein historischer Moment – mir ist ganz feierlich zumute. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit darf eine Prostituierte eine Kolumne haben. Das erste Mal überhaupt wird hier einer Hure, einer praktizierenden, nicht etwa ehemaligen, bereuenden, sich distanzierenden, sondern einer aktiv geschäftstätigen Hure gestattet, sich in einer der größten Zeitungen eines Landes zu verbreiten. Ich gratuliere der Welt – der WELT! – zu so viel Mut. Ist es nur Mut, oder ist es auch eine rationale Maßnahme? Vielleicht braucht eine Zeitung in diesen Tagen so ein Warn-Vögelchen wie mich?

Ich will mich der Ehre würdig erweisen, in guten wie in bösen Texten. Ich will euer enfant terrible sein und das gute Kind meiner Eltern, la putain rouge und eine Hure von Welt, das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit. Tapfer will ich zwitschern zwischen den großen Artikeln und wichtigen Meldungen. Und wenn Sie, Leser, mein naives Gezwitscher nicht mehr hören, seien Sie gewarnt vor dem Grubengas: jenem unmerklichen, antiliberalen Gift, das zuerst mich erledigt, und dann vielleicht auch Sie.

 

Warum gerade ich?

Immer nur diese Luxus-Huren… Schon wieder eine von den privilegierten Ausnahmen… Warum darf gerade so eine sich äußern, anstatt eine aus der überwältigenden Mehrheit von Elendsprosituierten, die an der Straße stehen?

Ich kenne die Kommentare meiner Kritiker. Und ich kann sie gut verstehen! Ja, warum schreibt nicht mal eine Dame von Kurfürstenstraße oder aus einem der riesigen, auch im Sinne des Prostituiertenschutzgesetzes von 2015 einwandfreien Laufhäusern, hier in dieser Zeitung? Ich würde das auch gern lesen, was sie zu sagen hat. Ich kenne ja nur meine Escort-Welt der Luxushotels und Edelrestaurants, wo ich das Spielzeug reicher Erwachsener sein darf. Und das kleine, plüschige Bordell von früher, das Bordell meines Vertrauens, das leider zumachen musste, sehr zum Leidwesen aller Kolleginnen, die ich von dort noch kenne. Den Nachbarn gingen die ewigen Kuschelrock-CDs wohl auf die Nerven, und die ständige Präsenz von Tüll-Negligés im Treppenhaus, wenn die Kinder von der Schule kommen. Doch ich schweife ab…

Ich bin keine Ausnahmeerscheinung. Ich bin es vielleicht, weil ich hier schreibe – aber ich bin es nicht in meinem Beruf. Es gibt mehr Frauen wie mich, als Sie ahnen. Auch im Bordell meines Vertrauens gab es überwiegend Mädchen wie mich, die studierten, ihr Studium finanzierten. Die Uni-Literatur lag zwischen Make-Up-Utensilien und Strap-on-Dildos auf dem Sofa in unserem Pausenraum herum. In den diversen Escort-Agenturen, in denen ich war, stieß ich auf meinesgleichen: junge Frauen in der Großstadt, die unabhängig leben wollen. Die Ausbildung, Familie, Projekte finanzieren mussten, ohne reiche Familie, die beim Crowdfunding was zuschießt. Ohne besser verdienenden Lebenspartner. Niemand hat diesen Frauen gesagt, dass es nicht reichen wird, was sie in ihrem kreativen Traumjob verdienen. Die Lüge, mit der wir Mädchen aufgewachsen sind war, dass wir alles schaffen können, wenn wir nur wollen. Dass wir nur die besten in der Schule sein müssen, in der Uni uns ganz auf den Abschluss mit Auszeichnung konzentrieren. Wenn wir dabei auch noch sozial und ökologisch engagiert, bescheiden und körperlich fit sind, dann kann uns gar nichts passieren, dann werden wir ein gutes Leben führen. Ein gutes Leben, dabei dachten wir zumindest an den Lebensstandard unsere Eltern. Auf jeden Fall aber an ein Leben ohne Existenzprobleme. Doch dafür reicht es nicht mal bei denen, die den Job haben, von dem sie geträumt haben seit ihrer Kindheit: Tänzerin. Fotografin. Freie Künstlerin. Literaturwissenschaftlerin. Journalistin. Niemand hat uns gesagt, dass man mit so einem Beruf nicht nur sehr arm ist, sondern oft gar nicht überleben kann.

Es geht heutzutage bei Prostitution nicht um Luxus. Unsere Kunden leben im Wohlstand, aber doch wir nicht. Nicht mal die teuersten Escort-Kurtisanen, so wie ich wohl eine bin. Der Anreiz ist nicht die Birkin Bag und das Sport-Cabriolet. Der Anreiz ist eine kleine Wohnung innerhalb des S-Bahn-Rings. Sie glauben mir nicht? Über meine Website Hetaera bekomme ich täglich bis zu drei Bewerbungen. Alle von gebildeten Frauen, die mehrere Sprachen sprechen, Abitur oder Universitätsausbildung haben. Sie sind ausnahmslos belesen, medienaffin, über das Weltgeschehen gut informiert. Sie stammen aus ganz normalen Familien der Mittelschicht, oder sogar aus der sogenannten besseren Gesellschaft. Sie haben hoch angesehene Day-Time-Jobs, sind politisch aktiv, oder ziehen Kinder groß. Als ich meine Hetaera-Website startete, ein abenteuerliches linkes Projekt, das ohne Provision und Profit auskommt, um die bestmöglichen Arbeitsbedingungen zu schaffen, die es in der Prostitution je gegeben hat, musste ich mich gegen einen riesigen Markt von Escort-Agenturen behaupten. Hunderte Websites mit tausenden Frauen. Wo kommen die Damen denn alle her? Selbst wenn einige von uns mehrgleisig fahren und bei verschiedenen Agenturen gelistet sind (und es ganze Freier-Foren gibt, die diese Frauen entlarven und verraten, wo die jeweilige am billigsten zu haben ist), so ist es doch klar, dass es im Internet viel mehr Platz gibt als draußen auf der Straße. Und nicht nur in professionellen Agenturen, es gibt ja auch regelrechte Massenportale, mit so ehrlichen Namen wie Kaufmich oder My Sugardaddy. Ganz zu schweigen von der im großen Stil betriebenen Zweckentfremdung von Facebook, Twitter, Tinder & Co. Versuchen Sie doch mal, so als Branchen-Neuling, Sex im Internet zu verkaufen, und beim Google-Ranking auf eine der ersten zehn Seiten zu kommen! Viel Erfolg! Das Aufziehen einer Escort-Website, das sage ich Ihnen mal ganz großspurig als schuldenfreie Start-up Unternehmerin, das ist schon etwas anderes als die Homepage eines Fahrradhändlers im Landkreis Aschaffenburg.

Die Vorteile des Internets für die Frauen sind klar, gegenüber solchen Präsenzmodellen wie dem von Razzien heimgesuchten Bordell, oder dem Straßenstrich: während 24/7 Werbung und Fotos sichtbar sind und Nachrichten diskret auf dem Zweithandy ankommen, können diese Frauen ihr bürgerliches Leben weiter führen, zu Uni und zur Arbeit gehen, ihre Freunde treffen. Die gut bezahlten, aber doch eher seltenen Exkurse mit Männern Hotel lassen sich flexibel organisieren. Kaum eine Beeinträchtigung des normalbürgerlichen Alltags, aber doch die Rettung, der Grund, warum das Überleben in der Großstadt gelingen kann. Kein noch so strenger Jugendschutz und keine Internet- Zensur aus USA kann diesem Treiben Einhalt gebieten. Der Sex und das Internet, die gehören zusammen wie der Frühling und das Ausschlagen der Bäume, es lässt sich nicht verhindern, das Leben findet einen Weg, und das Überleben findet ihn erst recht.

Ein ganzer Schwarm Kanarienvögel

Und warum auf den kleinen Nebenverdienst verzichten, selbst dann, wenn es nicht das nackte Überleben ist, das zu diesem Job treibt? Wenige Unternehmensberaterinnen oder Dolmetscherinnen gehen wohl in ihrer Freizeit kellnern oder putzen, um etwas dazu zu verdienen, aber allein ich kenne einige, die in ihrer Freizeit als Escorts unterwegs sind. Es macht anscheinend nicht nur mir einen Heidenspaß, und es würde vielleicht sogar auch Ihnen Spaß machen, verehrte Leserin – mal vorausgesetzt, Sie gehören zu den Menschen, denen Sex überhaupt Spaß macht, schierer Sex, nicht nur die Pärchen-Paarung mit romantischen Gefühlen. Dieses Sammeln von Ficks, von Schwänzen, die man hatte – traditionell ein Männer-Ding, aber auch für Frauen wie mich funktioniert es sehr gut. Der Kick, das erotische Abenteuer ohne direkte Konsequenzen, bezahlte One-Night-Stands, nur, dass man nicht vor der Clubtür anstehen und die Drinks selbst bezahlen muss. Getragen vom Zauber der Situation, die Komplizenschaft des Verruchten, wie früher als Kind beim Klingelstreiche machen, oder bei Doktorspielen. Es ist ein Rausch, ein Ego-Shooter, und zwar selbst dann, wenn der Kunde nicht so aussieht wie sich Serienheldinnen aus dem amerikanischen Privatfernsehen Mr. Right vorstellen. Man muss nicht Mutter Theresa der Escort-Branche sein und überfließen vor Selbstaufgabe, um sich der Monster zu erbarmen, die ein Escort buchen. Es sind keine Monster, es sind Männer wie Sie, verehrter Leser, bzw. es sind Ihre Männer, verehrte Leserinnen.

Sie denken, ich bin nicht normal? Ich aber schwöre Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, jeder von Ihnen, der in einer größeren Stadt unterwegs ist, trifft dort täglich mehrere von meiner Sorte. Sie sitzen neben Prostituierten in der U-Bahn, stehen mit ihnen an der Supermarktkasse, sitzen im Theater oder im Wartezimmer beim Arzt neben Prostituierten. Nur dass es uns in keinster Weise anzusehen ist. Bei jeder Frau, egal, wie hübsch, wie jung, wie gut gekleidet, dürfen Sie sich heute fragen, ob sie einen Nebenjob als Prostituierte hat. Meistens ist es übrigens gerade die, der man es am wenigsten zutraut. Die Studentin, die tagsüber ungeschminkt und leger gekleidet herumläuft. Das Nerd-Mädchen mit dem Buch. Die akkurate Geschäftsdame mit den kleinen Lachfältchen. Die beim Training neben Ihnen an der Ballett-Stange. Die unscheinbare Person in der Drogerie, die drei verschiedene Größen Kondome kauft.

Und abends, in Restaurants und Hotelbars, werden Sie das Escort selbst im Einsatz wahrscheinlich nicht erkennen. Eher werden Sie uns mit den russischen oder saudischen Ehefrauen verwechseln, die mit ihren Gatten in solchen Hotels absteigen. Wir sind unsichtbar, für den Uneingeweihten. Aber wir sind da, und wir sind viele, viele, viele!

Prostitution ist längst keine Randerscheinung mehr. Sie ist ein Massenphänomen, und zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Wir, das sind: eure Bekannten, eure Nachbarn, eure Kolleginnen, eure Angestellten und eure Chefinnen. Eure Yogalehrerinnen, eure Therapeutinnen und eure Trauzeuginnen. Eure besten Freundinnen. Eure Schwestern. Eure Töchter. Eure Mütter. Eure Geliebten.

Entweder wisst ihr es – oder ihr wisst es nicht, weil wir es euch verheimlichen müssen.
Wenn ihr es wissen wollt, dann zeigt zuerst Toleranz.
Beweist, dass ihr uns achtet, als Menschen und Mitbürger in einer wahrhaft liberalen Gesellschaft.

Und sei es nur um eurer selbst willen: weil das Verstummen der Kanarienvögel nichts Gutes verheißt.

Offener Brief an SPIEGEL-TV

Offener Brief an SPIEGEL-TV

SPIEGEL-TV hat großen „Rotlicht-Report“ publiziert, eine Doku-Serie fürs Privatfernsehen, zur Prime Time. Ich sollte eine der Protagonistinnen sein.

Hier sind die Gründe, warum ich das Angebot ablehnen musste.

 

Sehr geehrter Herr Haug, sehr geehrte Damen und Herren,

vor wenigen Wochen erreichte mich eine Anfrage aus Ihrer Redaktion, ob ich bereit wäre, in einer TV-Produktion mitzuwirken. Mein Name ist Hanna Lakomy, alias Salomé Balthus, ich bin Prostituierte.

Ich möchte Ihnen hier erklären, wie es dazu kam, dass ich diese Anfrage, die mich erst positiv interessiert hatte, nun letztendlich doch abgelehnt habe. Ich habe das Bedürfnis, das zu erklären. Ich möchte nicht für unzuverlässig oder fremdgesteuert gehalten werden, dies wäre mir fatal! Zudem schätze ich die Arbeit von SPIEGEL TV im Allgemeinen und halte Ihre Institution für unbestreitbar seriös.

Zu Wort kommen sollen alle Sparten und Preisklassen meiner KollegInnen in Gewerbe der käuflichen Lust, aber ebenso unsere politischen Gegner, die Abolitionistinnen, selbsternannte Huren-Retter, Aussteigerinnen aus dem Bereich der illegalen Prostitution, die ihre unguten Erfahrungen verallgemeinern, während sie uns dasselbe mit unseren positiven Erfahrungen vorwerfen. Auf gesellschaftliche Widersprüche, Hintergründe sollte eingegangen werden, und, wie ich meinte, dargestellt werden, welche Lücke zwischen Vorstellung und Wirklichkeit der Prostitutionsmythen besteht, wie falsch die (von der Emma aufgebrachten) Zahlen sind, und die Behauptung, 99% der Prostituierten seien Zwangsprostituierte.
Ich war erst sehr dafür, mich zu zeigen, mich darauf einzulassen, einen Tag lang von einem Kamerateam begleitet zu werden, es so zu inszenieren, als würde ich mich an dem Tag auf einen Kunden vorbereiten, diesen auch treffen. Ich hatte bereits für die Dreharbeiten eine Hotelsuite als Drehort gemietet, und meiner Stylistin Bescheid gegeben. Ich hatte mir Mühe gegeben, die Wünsche Ihrer Mitarbeiter nach möglichst viel Nähe, Authentizität und intimen Offenbarungen zu erfüllen.

Doch dann musste ich die Notbremse ziehen:
Grund war zunächst der Titel: Die Produktion soll den Titel tragen „Der große Rotlicht-Report“. Rotlicht-Report – das Rotlicht, das ist doch nur ein Teil der Welt der Prostitution, und zwar gerade nicht meiner. Was hätte ich dazu denn zu sagen?
Dann die Tatsache, dass es nicht gewollt sei, durch die Dokumentation „Prostitution zu verherrlichen“ – aus Gründen des Jugendschutzes, bei einer Sendung zur Prime Time. Jugendlichen darf also eine legale Tätigkeit in der Sexarbeit nicht als etwas präsentiert werden, dass eine berufliche Perspektive darstellen könnte. Es müssten sich die positiven und negativen Aspekte die Waage halten, um ein neutrales, ambivalentes Bild zu zeichnen. – Ginge es um ein anderes Thema als das der Prostitution, etwa die Computerindustrie, Ehegattensplitting, den Politikbetrieb, etc. – ich würde diese Neutralität begrüßen, sie für aufklärerisch halten. Doch im Falle eines Berufes, der historisch und auch aktuell massiver Stigmatisierung ausgesetzt ist, und dessen Vertreterinnen mit den aller schärfsten Konsequenzen für ihr Leben zu rechnen haben, wenn sie so mutig sind, sich zu outen, ist diese Neutralität eben keine echte Neutralität. Sondern ein Zugeständnis an die öffentlich bestehende Meinung, mithin feige und wohlfeil. Stellen Sie sich eine Dokumentation über Homosexualität in den 70er Jahren vor, die sich zur Aufgabe macht, „Homosexualität nicht zu verherrlichen“. Oder eine Sendung im Saudi-Arabischen Staatsfernsehen über Feminismus, die vermeiden will, „Feminismus zu verherrlichen“. Jeweils immer gern mit Hinweis auf den Schutz der Jugend, die in den gesellschaftlich gewollten moralischen Werten aufgezogen werden soll.
Ich habe mir sagen lassen, der SPIEGEL war früher mal kontrovers, politisch engagiert, gegen die Meinungs-Macht der übrigen Leitmedien. Die Annahme, Medien sollten „wertneutral“ sein und „nur die Wirklichkeit abbilden“, halte ich für ebenso falsch wie dumm. Es gibt keine Neutralität. Wer sie für sich beansprucht, führt etwas im Schilde, zu dem er sich nicht bekenntnisoffen verhalten will, sei es aus Feigheit, sei es, um Menschen wie mir Fallen zu stellen, weil man man von ihnen etwas will, nämlich ihr Bild.

Ich bin nicht bereit, mein Gesicht, meine Stimme und meine Gestalt herzugeben für jemanden, der nicht für meine bedrohten Rechte eintritt. Ich will nicht mitwirken an einer breit angelegten Groß-Enthüllungs-Show, die hinter dem Schutz journalistischer Neutralität und Distanz nicht mehr tut, als voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, und zugleich meinen Feinden erneut die Möglichkeit gibt, mir und meinesgleichen zu schaden. Ich möchte Filmszenen mit meinem Körper nicht in einen Kontext stellen, in dem sie kritisch bewertet und zuletzt im Sinne der öffentlichen Meinung gerichtet werden. Ich habe auch meinen Kolleginnen davon abgeraten. Denn dieses „neutrale“ Format zieht uns aus, liefert uns der öffentlichen Meinung aus, stellt unseren Beruf in den Kontext von Elend und Verbrechen, als wären sie unvermeidbarer Teil unseres Gewerbes. Man liefert uns dem Meinung der Masse aus, während die Redaktion sich fein heraushält, und nicht daran denkt, uns zu schützen, erzieherisch zu wirken in unserem Sinne. Das alles soll der Urteil des Publikums eines Privatsenders wie Kabel 1 überlassen bleiben, wobei ich nicht mal weiß, was nach dem Schnitt von dem, was mir persönlich wichtig ist, noch zur Beurteilung übrig bleibt.

Auf meine Bedenken wurde zunächst eingegangen, man wolle gerade mich unbedingt dabei haben, als „einordnende Instanz“.
Also hatte ich zur Güte angeboten, statt eines Begleit-Drehs ein Statement für die Kamera abzugeben, erkennbar mit meinem Gesicht und meiner Stimme. Dies wurde abgelehnt, man sei nicht an einem Interview interessiert, sondern an „Action“ – was mich in meinen Befürchtungen nochmals bestätigte.

Ich kann mich nur über das Thema Prostitution, über mich und mein Leben äußern, wenn eine Haltung dahinter steht, ein Engagement für die Prostitution und somit für die liberale Gesellschaft. Dass die liberale Gesellschaft in Europa bedroht ist, werden Sie als politisch denkender Mensch sicher bemerkt haben.
Sollte sich SPIEGEL-TV dazu entschließen, eine engagierte Sendung Pro-Prostitution und zur Unterstützung von selbstbestimmten, mutigen Sexarbeiterinnen zu machen, stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Mit besten Grüßen

Salomé Balthus