In der „Sternstunde Philosophie“ verteidige ich mein Recht, Sex zu verkaufen.

 

 

Nein, wie war das nett, wie war das interessant! Meine erste Talkshow! Ich war eingeladen in die Edel-TV-Sendung „Sternstunde Philosophie“. Wie wunderbar, so viel Aufmerksamkeit, und welche Ehre! Eine Hure in einer Talkshow mit Philosophen, und mit der renommierten Psychologin Sandra Konrad, wie aufregend! Das Thema war, natürlich, Prostitution: Soll man Sex kaufen dürfen? Denn in der Schweiz überlegt man derzeit, das zu verbieten.

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Immer wenn ich im Fernsehen Talkshows sehe, frage ich mich: Was tun die Leute, die sich da streiten, hinterher, wenn die Kamera aus ist? Fallen sie übereinander her? Oder lachen sie und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, wie gut sie ihre Rollen gespielt haben, denn schließlich sind sie alle in der Unterhaltungsbranche?

 

Ich kann erzählen, was nach der Aufzeichnung meiner Talkshow passiert ist.

Anders als im Theater ändert sich das Licht nicht, man merkt nicht gleich, dass die Kamera aus ist. Nur an dem Verhalten der Moderatorin und der Technikleute begreift man, dass jetzt wohl Schluss ist. Das war es also schon? Ich fragte mich bange, wie ich wohl aussah, denn vor der Kamera sieht der Mensch immer drei Mal dicker aus und irgendwie verzerrt, meine Eitelkeit machte mir zu schaffen. Und vor allem analysierte ich, was ich so für Fehler gemacht hatte, die nun nicht mehr zu korrigieren waren. Doch die Entspannung, die nach so einer öffentlichen Diskussion eintrat, tat ihre Wirkung. Die Diskussion war hitzig gewesen, aber jetzt? Jetzt konnte man ja reden! Wir verstanden uns blendend, gingen gemeinsam Essen – bis auf die Dame von der Fraueninitiative, die gegen den Straßenstrich in der schönen, sauberen Stadt Zürich kämpft. Sie sah mich tieftraurig an, und musste dann dringend gehen. Vielleicht hasst sie mich. Aber davon abgesehen waren alle nett zu mir. Sogar mit Sandra Konrad schloss ich spontan Freundschaft. Ja, Frau Konrad, die meinen Beruf gern abgeschafft sehen will, weil er angeblich unmittelbar zu psychischen Störungen führt. Ich war Objekt ihrer besorgten Zuwendung. In ihren Augen befand ich mich noch mitten in der Phase der Leugnung und Abspaltung. Konrad geht, wie viele Psychologen, von den Prostituierten aus, die bei ihr in der Praxis landen, und zieht daraus ihre Schlüsse. Klar, denn wo sonst trifft sie in ihrer Welt schon jemanden mit diesem Beruf, außer auf ihrer Couch? Sie stellte mir beim Essen alle möglichen, auch delikaten Fragen, die ich ihr genüsslich beantwortete. Frau Konrad wollte den Abend nicht vergehen lassen, ohne zumindest versucht zu haben mich zu retten.

 

Dabei waren wir uns in der Sendung auf Anhieb unsympathisch. Sandra Konrad war als meine direkte Gegenspielerin eingeladen. Ihre pathetisch-unheilschwangere Sprechweise ging mir auf den Keks, genauso wie ich ihr wahrscheinlich mit meiner Zappeligkeit.

 

Für alle Fälle hatte man aber noch zwei zwei echte Philosophen eingeladen. Der besonnene Professor Schaber, und Dominique Kuenzle, erklärter Feminist, der trotzdem Ärger mit seinen Studentinnen bekam – weil er ein Mann war, und in seiner Position doch besser eine Frau sein sollte. Der Arme!

Philosophen sind Leute, denen zu jedem Thema etwas einfällt. Sogar zum Sexkaufverbot fällt solchen Leuten etwas ein – Gründe dagegen, und Gründe dafür. Alles rein theoretisch selbstverständlich, denn wer würde den ehrenwerten Herren unterstellen, sie hätten mit Sexkauf auch nur im Entferntesten etwas zu tun?

 

Mir fällt mein größter Fehler des Abends ein: nicht vehement zu widersprechen, als man mich als Philosophin vorstellte. Ich habe Philosophie studiert, ja, und einen Abschluss habe ich auch – wenn auch bestimmt nur, weil mein Professor eine Heidenangst vor mir hatte seit meinem Titten-Attentat, das ich mir im Rahmen eines Referats im Adorno-Seminar geleistet hatte: drei Sekunden die nackten Brüste gezeigt, und fortan immer nur Note 1, bis zum Ende des Studiums. Das allein machte mich doch aber nicht zur Philosophin! Auch die anderen hier waren keine Philosophen, es waren Philosophieprofessoren. Ich würde übrigens auch nicht sagen, dass ich Hure bin – ich mache das halt manchmal, neben vielen anderen Beschäftigungen. Aber das ist ja das Elend der Philosophie, diese Definitionen! Es interessiert die Philosophen nicht, was man tut, sondern nur das Sein. Als ob es „das“ Sein gäbe! Wenn diese Begriffe nicht wären, könnte es auch solche Formulierungen wie „eine Hure ist eine Frau, die sich verkauft“, nicht geben – sie würden im spöttischen Gelächter untergehen. So, als hätte jemand gesagt, „ein Philosoph, dass ist einer, der seinen Verstand verkauft.“ Der Sex, der muss heilig und rein sein, aber beim Denken gestatten sich diese Gelehrten die größten Sauereien. Kategorienfehler!

 

Der Titel der Sendung – „Soll man Sex kaufen dürfen?“ enthielt schon das ganze geistige Elend. Der Spießbürger erschaudert vor der Unzumutbarkeit, in einer Ökonomie des warenförmigen Austausches zu existieren, in der alles, was Menschen tun, zur Ware werden kann und zur Ware wird. Dass dieser Umstand nie ein Problem ist, außer wenn Sex dabei eine Rolle spielt, verweist den Diskurs in den Biedermeier.

 

Wäre eine Welt ohne Prostitution eine bessere Welt? Sollen gesetzliche Verbote erlassen werden, weil so viele Menschen ein Problem mit der Freiheit einiger weniger haben? So viele Menschen, denen nicht nach freiem Meinungsstreit der Sinn steht, sondern nach Unterdrückung des Anderen, Auslöschung, Korrektur, aus den Augen, aus dem Sinn? Vulgärer Utilitarismus als philosophisches Programm. Ein Abgrund! Es herrschte die Tendenz. Unausgesprochene Ressentiments – oder würden Sie es etwa begrüßen, wenn Ihre eigene Tochter Prostituierte wäre? Oder ihr Sohn? Ja, was ist das denn für eine Frage, selbstverständlich nicht! Überhaupt, kann jemand überhaupt etwas freiwillig wollen, was wir alle, Sie doch auch, selbstverständlich, ablehnen? Was, Frau Balthus? Sie wollen doch nur wieder provozieren. Warum machen Sie das?

 

 

 

Schrecklich nett

 

 

Alle meinten es gut mit mir, alle wollten das Beste für mich. Am besten natürlich in einer besseren Welt, ohne Prostitution. Wie nett.

 

Aber es war nicht nett.

Ich merke, dass mir die Worte fehlen. Es schnürt mir die Luft ab. Es ist schon so weit, dass es sogar schwierig geworden ist, es zu beschreiben, was diese Talkshow eigentlich bedeutete. Was das, trotz der Höflichkeit, mit der ich behandelt wurde, für eine infame Veranstaltung war. Die Sprache ist verräterisch. Bemerkt niemand die Infamie rhetorischer Fragen wie: Kann man da wirklich von Freiwilligkeit sprechen? Da liegt etwas in der Atmosphäre, ungreifbar, aber bedrohlich, und vielleicht verstehen Sie, warum ich während der ganzen Sendung so zappelig war, und warum ich das ganze Glas Wein austrinken musste, während die anderen ihre Gläser kaum anrührten. Die anderen spürten es nicht, ich aber schon, denn für mich ging es nicht um irgendeine feuilletonistische Denkspielerei, es ging um meine Existenz. Da durfte ich mit fünf Experten diskutieren, ob es mich geben darf. Meine Freiheit stand zur Debatte. Nicht die der anderen.

 

Von mir aus darf man Prostitution unmoralisch und verwerflich finden. Man darf auch bestrebt sein, durch Kritik an ihr darauf hinzuwirken, dass kein Mann mehr Lust hat eine Hure zu bezahlen, und keine Frau mehr Lust hat Hure zu sein – viel Erfolg! Aber es besteht ein Unterschied zwischen moralischer Verurteilung und dem juristischen Verbot. Denn letzteres tötet nicht nur jede inhaltliche Auseinandersetzung, es führt zu dem Gewöhnungseffekt, mittels der Staatsgewalt alle Widersprüche und Reibungsflächen in den Untergrund zu verdammen. Wer bestimmt die moralischen Maßstäbe, wer entscheidet, an welches Ideal sich alle anzupassen haben? Das ist der Weg zum Tugendterror einer Wohlstandsklasse. Ich sage das in der Talkshow auch: es geht mir nicht nur um meinen Beruf, es geht mir um die freiheitliche Gesellschaftsordnung. Will denn niemand sehen, wie gefährlich diese Sucht nach Verboten ist? Dass sie nichts anderes vorbereitet als Hass, den Hass der Kontrollfanatiker, die ihre Bevormundung bis in unser Privatestes treiben, und als nächstes vielleicht die Freiheit der Philosophie, oder der Wissenschaft angreifen?

Doch ich konnte in der Runde nicht überzeugen. Statt sich mit mir zu solidarisieren taten die drei, als ginge sie die Sache nichts an, als sprächen wir wirklich nur über moralische Probleme der Sexarbeit.

 

Es ist vorteilhaft für das Denktraining, am Rand der Gesellschaft zu stehen. Wer im Mainstream stets unhinterfragt sein Leben lebt, spürt nie, wie kostbar Toleranz ist.

Doch ich bin halt eine schlechte Philosophin: Ich sprach über Rechts- und Staatsphilosophie, während die anderen doch auf Moralphilosophie aus waren. Ich dachte an gefährdete Bürgerrechte, die Denker waren bewegt von der Reinhaltung der Seele.

 

Natürlich waren sie alle, die Guten, gegen Stigmatisierung. Stigmatisierung gehört sich einfach nicht im linken Medien-Mainstream. Doch wer gegen Stigmatisierung von Sexarbeitern ist, muss auch dafür sein, dass Sexarbeit ausgeführt wird. Und dafür, dass diese Arbeit bezahlt werden darf. Also gegen ein Sexkaufverbot. Zumindest Herr Schaber näherte sich mir an, weil ihm als denkendem Menschen auffiel, dass das Verbot der Inanspruchnahme einer sexuellen Dienstleistung ja unweigerlich auch die stigmatisiert, die diese verbotene Früchte feilbieten. Und da traute selbst Sandra Konrad sich nicht mehr, ihre Forderung nach dem Verbot, das sie in ihrem neuen Buch „Das beherrschte Geschlecht“ propagiert, zu wiederholen. Ein Erfolg. Immerhin.

 

 

 

Hose runter!

 

 

Frau Konrad und ich blieben im Restaurant noch länger sitzen als die anderen. Auch sie beschäftigte diese Frage, was sich ändert, wenn die Kamera aus ist. Jetzt können Sie es doch sagen… Sie haben doch nicht die Wahrheit gesagt über ihren Beruf. Sie haben doch immer nur das Positive erwähnt. Seien Sie doch ehrlich, Sie würden doch auch am liebsten damit aufhören?

– Die Aufforderung also, die Hosen runter zu lassen.

 

Wenn jemand in den YouTube-Kommentaren mutmaßt, ich wäre gehirngewaschen und ferngesteuert, und vor dem Studio würde wohl mein Zuhälter auf mich warten – geschenkt. Man weiß ja, was zu halten hat von Leuten, die so viel Freizeit haben dergleichen zu schreiben. Aber das hier war eine Intellektuelle. Eine Wissenschaftlerin, die ihren frei gewählten Beruf der liberalen Gesellschaft verdankt, genau wie ich. Und die immer noch nicht verstand, dass sie auch ihre eigene Freiheit in Gefahr bringt, wenn sie mir meine abspricht.

 

Ich musste lachen. Warum, wenn ich an meiner Arbeit so leiden würde, sollte ich mich in eine Talkshow setzen, mich öffentlich als Hure outen und meine Biographie für immer damit prägen? Mir selbst jeden Weg zurück abschneiden? Wissen Sie eigentlich, wie überzeugt man von sich und seinem Tun sein muss, um den Gegenwind auszuhalten, den ich aushalte? Um sich diesem immensen Anpassungsdruck nicht zu beugen? Das schafft man nur mit echtem Enthusiasmus. Sie als Psychologin müssen das doch begreifen.

 

Das musste sie wohl – und auch ohne meinen Enthusiasmus in die Schublade des verzückten Wahnsinns zu stecken. Zu unterstellen, ich wäre debil, das wagte Frau Konrad dann doch nicht.

 

Indes, an ihren Vorbehalten änderte das nicht das Geringste:

 

Es mag ja sein, gab sie zu. Aber das ist nicht der Normalfall. Frauen wie du sind nicht der Normalfall.

Du bist eine riesen Ausnahme, wahrscheinlich bist du sogar ein Einzelfall. Du bist das falsche Beispiel. Diese Ausnahme-Prostituierten, die in Talkshows eingeladen werden, sind das falsche Beispiel.

Die Medien fragen immer die falschen. Immer wieder finden die willige Propagandistinnen des Patriarchats, die sich auf Kosten – ja, auf Kosten! – von Millionen von Frauen weltweit ein schönes Leben machen. Und darum ist es nicht zu viel verlangt, wenn du dir einfach einen anderen Beruf suchst, denn nur deinetwegen sollten nicht tausende und abertausende von Frauen und Mädchen leiden müssen. Bei uns hier im Westen leiden müssen, diese Menschen aus armen Ländern. Nicht bei uns!

 

Das sagte Frau Konrad so nicht. Ich vermische das mit den unzähligen Kommentaren im Netz.

Aber zumindest fast so sagte sie es: Zugunsten der überwältigenden Mehrheit solltest Du mit deinem Job aufhören, auch wenn er dir Spaß macht. Du kannst dir doch auch eine andere Arbeit suchen.

 

Und damit war es Sandra Konrad, die hier die Hose runter ließ.

 

PS: So sah meine Kollegin Kristina Marlen die Sendung: https://www.facebook.com/notes/kristina-marlen/fck-ich-bin-ein-gespenst-selbstgespr%C3%A4ch-einer-sexuell-selbstbestimmten-frau/1893846987331149/