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Warum ich als Hure für Abtreibung bin

 

 

Dieser Text ist lustiger als Sie denken.

Und viele werden sich ertappt fühlen. Denn eines ist sicher: zum Schwangerwerden gehören immer zwei.

 

 

In dieser Kolumne äußere ich keine Meinungen. Ich schreibe keine Meinungs-Texte – das können andere besser als ich. Ich werde das unglaubliche Privileg, einer Zeitung meine Meinung sagen zu dürfen nicht dazu missbrauchen, davon ernsthaft Gebrauch zu machen. Meine Meinungen sind doch meist unqualifiziert und privat, nicht wichtiger als die Meinung jedes Ihrer Nachbarn. Meine Ansichten – die schildere ich. Aber nur Ansichten im Wortsinne, Ansichten und Einsichten, Einblicke. Aus einer Welt, die Sie wahrscheinlich nie mit eigenen Augen sehen werden.

 

Meine privaten Gründe, für ein Recht auf Abtreibung dankbar zu sein, liegen auf der Hand: ich bin weiblichen Geschlechts. Also das Geschlecht, das von einer Schwangerschaft den Schaden hat, denn jede Schwangerschaft bedeutet zu allererst Schaden und existentielle Gefahr, ganz unabhängig davon, welches Glück daraus erwachsen kann. Für viele kann von Glück keine Rede sein.

Einige meiner Freundinnen sind Mütter, auch einige meiner Escort-Kolleginnen sind Mütter. Ich empfinde Ehrfurcht vor ihnen. Aber ich empfinde auch Ehrfurcht vor meinen Freundinnen, die schon eine Abtreibung über sich ergehen lassen mussten. Verachtung empfinde ich für Menschen, die sich in diese intimste aller Angelegenheiten einmischen, vor allem, wenn sie selbst keinen Uterus haben.

Und Unverschämtheiten wie der Standard-Satz von Beratungsstellen: Ihre Mutter hat Sie auch nicht abgetrieben, beantworte ich hiermit: Hätte sie es getan, würde ich jedenfalls nicht über sie richten.

 

 

 

Kein Wunder

 

 

Ich hätte diesen Text auch nennen können „Was Abtreibungsgegner im Bett erzählen“, aber so einen ähnlichen Titel hatte ich schon mal.  https://www.welt.de/kultur/plus176557341/Escort-Erkenntnisse-Was-Feministinnen-im-Bett-erzaehlen.html

Er war Katholik. Jedenfalls nahm ich das an, er arbeitete nämlich für die katholische Kirche. Sie wundern sich vielleicht, dass Kader-Katholiken zu einer Prostituierten wie mir  gehen um eine sexuelle Dienstleistung zu kaufen. Haha, Scherz beiseite, Sie wundern sich überhaupt nicht! Ich natürlich auch nicht. Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, ein verzagter Sünder in der Schwäche seines Fleisches usw., wozu gibt es Beichte, Buße und göttliche Gnade, in keiner Religion ist die Übertretung der Regeln so fest eingeplant wie in der katholischen! Sie braucht halt Wunder, und das größte Wunder ist immer aufs Neue das Wunder der Vergebung, das Wunder, was so alles und wem so alles vergeben werden kann. Gott wächst mit seinen Aufgaben: je mehr Sünde, desto mehr Gnade! Der Katholizismus hat für mich mehr mit Esoterik zu tun als die Esoterik selbst: seine Anhänger begeistern sich für die zu Tode gemarterten Körper ihrer Heiligen, und betreiben einen inflationären Kult um Einzelteile der zerstückelten Körper, denen sie Voodoo-mäßige Kräfte zuschreiben. Auch der Hokuspokus um unbefleckte Empfängnis und leibliche Auferstehung erinnern an das, was die Kirche ihrerseits als Hexerei bezeichnet, oder an eine Zaubershow von Siegfried und Roy. Ihr größter Feind ist nicht etwa der Teufel oder die Versuchung, die ja Teil der großen Show sind, sondern: Rationalität. Eine theatralisch-bunte Religion mit Hang zur Dramatik und nicht zu verachtendem Unterhaltungswert!

Schade nur, dass die Pointe immer auf Kosten von Frauen wie mir geht, die ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung allzu wörtlich nehmen.

 

Überhaupt gäbe es ja viel weniger ungewollte Schwangerschaften, wenn die Verhütung nicht so ein Problem wäre. Es heißt immer, und zwar bei fast jeder Diskussion um Abtreibungen: ja, warum könnt ihr dummen Frauen auch nicht anständig verhüten! Ich aber weiß zu erzählen: konservative Abtreibungsgegner sind oft auch Gegner von Kondomen.

 

 

 

Der Katholik und das Kondom

 

 

Dieser Katholik war logischerweise auch nicht gut zu sprechen auf Kondome. Und wieder dürfen Sie sich wundern, was er dann bei einer Prostituierten zu suchen hat, und wieder muss ich mich korrigieren, Sie wundern sich wahrscheinlich über gar nichts.

Hier wird keine Einzelperson öffentlich geoutet und an einen Pranger gestellt. Es kommt viel zu oft vor, dass Männer mich fragen, ob es nicht auch ohne Kondom ginge. Kondompflicht hin oder her. Schließlich, bei meinem hohen Preis, da hätten sie das schon erwartet. Aha. Sie hätten also erwartet, dass sie bei dem hohen Preis das Recht haben, mich oder sich selbst im Zweifelsfall zu mit einer lebensbedrohlichen Krankheit anzustecken oder ein Kind mit mir zu zeugen – ich bitte Sie, für nur Tausend Euro? Bisschen wenig. Was allerdings in diesem Preis inbegriffen sein muss, ist meine Gesundheit, die ich vertragsmäßig garantiere. Und damit das so bleibt, damit ich auch weiterhin kerngesund bin, wie in den acht Jahren, seit ich für Geld mit wildfremden Männern schlafe und nie irgendeine Infektion hatte, muss ich auf Kondomen bestehen. Im Interesse meiner zukünftigen Kunden, die mich im Originalzustand vorfinden sollen, so wie Sie. Oder meinen die Herren vielleicht, ich sei so teuer, weil ich nur zum einmaligen Gebrauch bestimmt wäre, wie ein Kleenex, für ihre diversen Körperflüssigkeiten? Aber nein, sie ziehen ihn doch vorher raus, sie wollen mich doch nur „mehr spüren“ – und dazu immer dieser Hundeblick, während unten die Erektion die erste Träne der Sehnsucht weint…

Ich verstehe das ja bei den etwas Älteren, die Kondome nur kennen aus einer Zeit, als sie so grob und fest waren wie die Spülhandschuhe ihrer Hausfrauenmütter. Dabei gibt es heute phantastisch dünne und passgenaue Kondome, es kommt natürlich auf die Qualität an, aber ich bin da immer bestens equipt, in meinem zartrosa Satintäschlein habe ich diverse Sorten und Größen, nur das teuerste Zeug, beste Qualität, guter Stoff! Doch allein der Anblick der kleinen quadratischen Verpackungen sorgt bei manchen Männern für eine Implosion ihres männlichen Stolzes, um mich diskret auszudrücken. Nein, nein, besser ohne Kondom, oder erstmal warten, erstmal weiter küssen… die Schlingel glauben, wenn ich erst richtig erregt wäre, würde ich das mit den Kondomen vielleicht einfach vergessen in meiner Ekstase!

Oder sie schützen eine Latex-Allergie vor. Für diese Diagnose braucht ein echter Mann übrigens keinen Arzt, das weiß er selber am besten. Erstaunlicherweise ist Latex auch nur in Kondomform ein Problem, Latexkleidung an mir fänden sie gut! Wenn ich genauer nachfrage, was denn die Symptome so einer Latex-Allergie seien, kommt heraus, eine Latex-Allergie ist, wenn es bei Kontakt mit oder auch nur beim Anblick eines Kondoms zu Erektionsstörungen kommt. Man lernt so viel in diesem Job! Ich frage dann immer, ob der Herr spezielle latexfreie Kondome mitgebracht hat, selbstverständlich hat er das nie – ist doch nicht seine Aufgabe, er mag es eh am liebsten ganz ohne. Wenn ich dann triumphierend meine Latexfreien hervor zaubere, stellt sich eine merkwürdige Verstimmung ein. Rätselhaft. Dabei hänge ich doch nur an meinem Leben! Vor allem, wenn ich mir klar mache, dass diese Kondomverweigerer das wohl schon mehrmals bei Kolleginnen von mir probiert haben, und wohlmöglich mit Erfolg.

Meist sind sie dann, wenn es vorbei ist, doch dankbar. War schon besser so. Schon weil du ja, nun ja, eine Nutte bist, da weiß man ja nie. – Gern geschehen! Ich weiß aber, dass es kein reines Prostitutionsproblem ist: diese Männer haben nie Sex mit Kondom, auch nicht, wenn sie kein Geld dafür bezahlen.

 

 

 

Ein himmlisches Geschenk

 

 

 

Der Katholik aber war fest im Glauben an seine angeborenen Rechte. Er bestand darauf, etwas zu erhalten, was ich ihm beim besten Willen nicht geben konnte: die Frau soll die dankbare Erde sein, geschaffen dazu, den Samen aufzunehmen! Er sah mich als eine Art Beet.

Ich erklärte ihm, dass ich das sehr, sehr anders sähe. Mein Körper ist zu alles Möglichem bestimmt, und zwar von mir selbst, nicht von dritten. Aber ganz gewiss nicht dazu, anzuschwellen wie eine Schote, die dann platzt und abgeerntet wird. Ich bin nicht die Fruchthülse der Gesellschaft. Meine sogenannte Gebärmutter ist die Hormonfabrik, die für meine Schönheit und mein Wohlbefinden sorgt, und diese Brust, die ist keine Tränke oder Tankstelle für Säuglinge, ebenso wenig wie deine, werter Herr. Sie ist nicht dazu da, sich mit Sekret zu füllen das Babys dann heraus saugen, sie ist dazu da, einfach so gesaugt und gestreichelt zu werden, und wo ich einmal da bin, probiere es doch mal! Dafür bin ich doch hier! Aber nicht, damit du irgendwelchen Samen in mich sähst, damit wir uns richtig verstehen.

Aber hör mal, sagte er. Der weibliche Körper ist das größte Wunder der Schöpfung. Er ist dazu bestimmt, neues Leben hervor zu bringen. Darum kann er niemals dir allein gehören, sondern immer vor allem dem Kind, das darin heran wächst, den Kindern, die du gebären sollst. Die Frau widmet ihrem Körper der Schöpfung. Ein Kind ist ein Geschenk, aber dafür schenkt die Frau ihren Leib ihrer Familie und ihren Kindern.

 

Hier haben wir also des Pudels Kern: der Körper einer Frau soll nicht ihr gehören. Sie ist also, Frauenwahlrecht hin oder her, grundsätzlich ohne alle Rechte, denn sie darf gar kein souveränes Wesen sein. So war es früher, so ist es oft noch heute. Und so wollen Abtreibungsgegner es beibehalten. Es geht ihnen gar nicht um die Kinder, für die sie sich ja, sind diese erst einmal geboren, herzlich wenig interessieren. Vor allem wenn es Mädchen sind.

Fürchte dich nicht, sprach er lockend, du bist doch so ein hübsches Mädchen!

Er seinerseits sei gesund, und dass ich gesund sei, glaube er mir, das Risiko nehme er getrost auf sich.

Und wenn du schwanger wirst, ist das doch ein himmlisches Geschenk, das größte Glück überhaupt! Ich liebe schwanger Frauen!

Er meinte sogar, wenn ich einmal hochschwanger sei, so mit kugeligem Bauch und vollen Brüsten, würde er mich unbedingt treffen wollen. Sorgen machen müsste ich mir dann ja nicht mehr, denn doppelt schwanger werden könne ich ja nicht, hihihi.

Hihi, und du zahlst dann auch die Alimente?

Nun mach mal halblang, sagte er streng, ausnutzen lasse ich mich von dir nicht!

Hihihi, lachte ich nochmal, schnappte meine Sachen, mein Honorar, und verließ das Hotelzimmer.

Das Geld spende ich Aidswaisen in Südafrika, rief ich ihm zu, bevor ich die Tür knallte.