Warum ich nur als Escort unbeschwert flirten kann

 

Leute fragen mich oft, wie ich meinen Job als eines der bestbezahlten Escorts in Berlin „aushalte“: ob es nicht unangenehm wäre, mit so vielen Männern schlafen zu müssen. Ob Escort-Kunden nicht übergriffig oder unattraktiv wären. Ob ich mich nicht, trotz oder auch wegen des Geldes, schäbig und benutzt fühle. Schließlich wäre ich ja, letztendlich, nichts anderes als eine Prostituierte.

 

Ich bin Escort. Das bedeutet, ich schlafe nicht mit jedem

 

Wer solche Fragen stellt, hat keine Ahnung von Prostitution, wie ich sie verstehe. Für mich bedeutet es, dass ich eben nicht mit jedem schlafe, der mit mir schlafen will. Es ist ein Geschäft, und ich mache nicht mit jedem Geschäfte. Und ich allein entscheide, was ich verkaufe – ich mache die Regeln, ich bestimme, was passiert. Wer das nicht will, muss ja mit mir nicht ins Geschäft kommen. Ich bin Escort. Das bedeutet, ich schlafe nicht mit jedem.

Diese Situation – klare Regeln für beide, auf der Grundlage des gegenseitigen Respekts – ist im Alltag gar nicht möglich. Auch nicht in meinem Alltag, wie folgendes Ferienerlebnis beweist:

 

 

Falsche Signale?

 

Ich war im europäischen Ausland mit einer Freundin, für ein paar Tage in einem Hotel am Meer. In der Bar machten wir Bekanntschaft mit Einheimischen, wir verstanden uns gut, redeten stundenlang, tanzten und sangen. Am nächsten Abend wieder, einfach eine wunderbar gelöste Stimmung, ein bisschen flirty, aber ohne Grenzüberschreitungen. Darum nahmen wir auch gern das Angebot eines der Männer – nennen wir ihn Orlando – an, mit uns einen Tagesausflug in die Umgebung zu machen, mit seinem Auto. Während der Fahrt sollte ich vorne neben Orlando sitzen. Und Orlando versuchte andauernd, meine Hand zu halten. Trotz hohem Tempo und gefährlicher Serpentinen. Ich wollte nicht undankbar sein, schließlich opferten Orlando und sein Freund ihren freien Tag, um uns ihr Land zu zeigen. Aber ich wollte auch keine falschen Signale aussenden. Als Orlando meine Hand, trotz verschränkter Arme, immer wieder einfach zu sich zerrte, und dabei ach-so-zufällig meinen Brust, meine Schenkel streifte, und alle Signale ignorierte, zog ich meine Freundin ins vertrauen. Gemeinsam erklärten wir Orlando so freundlich und betreten es ging, dass er wohl etwas falsch verstanden hätte. Auch Orlandos Freund war es offenbar peinlich, denn er versuchte diplomatisch, die Situation zu retten, indem er uns Vorträge hielt über die Geschichte der Gegend. Orlando hingegen konnte sich nicht lange zurück halten und legte beim Spazieren gehen den Arm um mich und versuchte mich gegen mein erschrockenes Sträuben auf den Mund zu küssen. Er traf meine Wange und mein Ohr. Er war kein unattraktiver Mann, sah sogar gut aus und roch gepflegt, aber ich ekelte mich plötzlich vor ihm.

War ich selbst schuld?

 

Was sollten wir tun? Wir waren Stunden entfernt vom Hotel, kannten den Weg zurück nicht. Für ein Taxi hätten wir sehr viel Geld ausgeben müssen, sogar für Escortverhältnisse. Und außerdem schien uns so ein harter Cut überzogen, er hätte die beiden Männer beleidigt, und schließlich waren wir ja noch ein paar Tage im selben Hotel Gäste und liefen uns eventuell über den Weg. Besser also, die Sache mit Freundlichkeit zu regeln. Was war schließlich groß passiert? Ein bisschen Grabschen, ein verliebter Trottel, da will ich mal großzügig darüber hinweg sehen. Vorausgesetzt, er hört damit auf.

Doch man glaubt es kaum: Orlando spielt den Gekränkten – oder meint es gar ernst. Er sagt, dass er mich liebe – als ob das ein Argument wäre. Ich sage, ich würde ihn mögen, aber sei nicht verliebt. Er fragt mich, warum nicht. Ich bin baff. Schließlich greife ich zu einer Lösung, die ich aus feministischen Gründen eigentlich ablehne: Ich ziehe die „Beziehungs-Karte“, behaupte, ich hätte einen festen Freund. Wenn Männer den Willen einer Frau schon nicht achten, haben Sie normalerweise doch Respekt vor dem „Eigentum“ eines anderen Mannes. – Doch auch dieses Mittel half mir nicht weiter. Orlando sagte, ich hätte meinen Freund doch längst mit ihm betrogen, ich solle diesen Freund konsequenter Weise verlassen, und stattdessen mit ihm, Orlando, zusammen sein – oder sei ich so eine, die mit den Gefühlen der Männer spielt?

 

Ich will in keiner Welt leben, in der nur unfreundliche Frauen respektiert werden

 

Wieder einmal war ich für meine Arglosigkeit und Offenheit bestraft worden, die nun einmal meine Art ist. Ich mag Menschen und bin nicht misstrauisch, wenn ich neue Leute kennenlerne. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich selten privat abends ausgehe – seit Jahren tue ich das nur für meine Escort-Dates. Mich einfach so ins Nachtleben stürzen, ohne dass ein konkreter Mann mich erwartet – das mache ich eigentlich nur im Urlaub.

Und jedes Mal fällt mir auf, wie viel angenehmer meine „Arbeit“ im Vergleich zu meiner „Freizeit“ ist! Jedes Mal vermisse ich die Spielregeln. Denn sie sind es ja erst, die es zu einem Spiel machen, dieses Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter.Als Escort bin ich eben nicht mehr als andere Frauen der sexuellen Begierde ausgesetzt. Meine Kunden verhalten sich nicht respektlos, sondern ganz im Gegenteil, ausgesprochen respektvoll und sogar scheu. Oft muss ich sie sogar aus der Reserve locken und sie buchstäblich an die Hand nehmen. Niemals erlebe ich diese schreckliche Verwirrung der Gefühle, dieses Muster von Überrumpelung, Ekel, und zugleich Schuldgefühlen, die mir jemand macht, auf dessen aggressives Balz-Gehabe ich nicht eingehe. Ganz so, als würde es reichen, dass er will, und nicht, dass ich es genauso wollen muss. Ganz so, als würde ich jedem meinen Körper schulden, dem ich gefalle.

Was Feministinnen mit rape culture und #MeToo eigentlich meinen, spüre ich in meinem Job als High Class Escort einfach nie – nur in meiner Freizeit bekomme ich eine Ahnung davon, was sie eigentlich damit meinen. Dann frage ich mich, ob ein Verhalten wie das von Orlando auch einer Frau passieren könnte – ob es mir vielleicht schon mit einem Mann oder einer Frau passiert ist, die ich mit meinem überbordenden Selbstvertrauen überfahren habe.

Ich will nicht in einer Welt leben, in der sich die Geschlechter nur aus der Deckung gegenseitig belauern und bei jedem Lächeln, jedem freundlichen Wort gleich sexuelle Belästigung wittern. Ich will in keiner Welt leben, in der nur unfreundliche Frauen respektiert werden. Aber weil das wirkliche Leben kein Spiel ist, hat es auch keine Regeln. Die gibt es nur für das behütete, verwöhnte Escortgirl aus der Highclass-Abteilung. Everything free – for a small fee.

 

 

2 Comments

  1. Martin Semkat

    Vereinbarte Regeln zwischen einer Escort und ihrem Kunden schützen vor Übergriffigkeit. Solche Regeln reduzieren aber auch das Gros der Möglichkeiten, die es bei dem im Artikel so genannten Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter gibt. Ist ja auch ganz klar, denn bei einem Treffen mit einer Escort geht es nicht um Paarung. Aber der Artikel stellt eben die Bedingungen sexueller Interaktionen zwischen Männern und Frauen im Alltag denen im Rahmen eines Escort-Service gegenüber. Durch diesen Vergleich verdeutlicht der Artikel auch, was eine Escort nicht ist: eine Freundin, eine Geliebte. Das liegt an den Regeln.
    Wer Regeln hat, braucht kein Vertrauen, und deshalb wird sich solches auch kaum entwickeln. Wenn eine Regel das Bedürfnis ersetzt, auf die Bedürfnisse des Gegenübers einzugehen, dann ist da nichts, was eine emotionale Verbindung schaffen kann. Regeln, wie sie zwischen Escort und Kunde bestehen, verhindern also geradezu das Entstehen von tieferen zwischenmenschlichen Beziehungen, und sind deshalb nicht alltagstauglich. Damit stellt sich mir die Frage, was es für Auswirkungen hat, die Spielregeln im Alltag zu vermissen – wie es die Autorin über sich schreibt.

    Reply
  2. Paul

    Hi there,
    eventuell wird Männern klar, wenn sie Geld für Escorting ausgeben, wie wertvoll dieser Moment ist. Das ist vielleicht nicht so, wenn sie sich unmittelbar mühen sogar kämpfen müssen, um jemanden von sich zu überzeugen. Das kann dann leicht in etwas ausarten wie: ich will das haben oder ‚wie stehe ich da, wenn es schief geht‘.

    Und ich denke, dass auch zwischen Escorts und Buchern/Kunden zwischenmenschliche Beziehungen sehr tief werden können.

    Reply

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.