HETAERA BLOG #5:“Mein Leben als High-Class Escort“ – der Artikel bei SPIEGEL ONLINE

HETAERA BLOG #5:“Mein Leben als High-Class Escort“ – der Artikel bei SPIEGEL ONLINE

High Class Escort Hetaera

Der erste Bericht über HETAERA BERLIN erschien am 22. Februar 2017 bei SPIEGEL ONLINE.

Ein Text von Carola Dorner

 

„Ich habe fünf Jahre lang als High-Class-Escort für verschiedene Agenturen gearbeitet. Jetzt habe ich meine eigene Firma gegründet. Das Besondere: Ich nehme von den anderen Frauen keine Provision. Normalerweise bekommt der Vermittler 30 bis 40 Prozent. Bei einem Date für 3000 Euro ist das eine ganze Menge Geld für drei Mails und ein bisschen telefonieren. Die Provision ist ein Relikt aus alten Zeiten. Ich finde es moralisch bedenklich, wenn ein Dritter Geld dafür bekommt, dass zwei Menschen miteinander schlafen. Ich will meine Firma auch nur so lange betreiben, wie ich selbst aktiv als Escort arbeite. Mit meinen eigenen Dates verdiene ich genug, und wenn ich alleine arbeiten würde, hätte ich zumindest mit der Website fast den gleichen Aufwand. Ich arbeite aber lieber im Team. Wir tauschen uns aus, geben uns Tipps und außerdem fließen die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem. Wenn wir gemeinsam gebucht werden, haben wir auch miteinander Sex. Da wäre es für mich ein Problem, mich als Chefin aufzuspielen. Zudem will ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir keine Ware sind, sondern Händlerinnen. Wir nennen uns Hetären. Das waren in der Antike die interessanten, gebildeten Frauen, die Männern auf Augenhöhe begegneten. Wir sind libertäre, bestens ausgebildete, gut aussehende Frauen. Wir haben ein besonderes Talent dafür, einen Fremden einen Abend lang zu unterhalten und ihm das Gefühl von Nähe und Vertrautheit zu geben, bevor wir mit ihm schlafen. Der Sex ist übrigens nicht unbedingt Bestandteil des Handels. Beim Escort kann der Kunde sich eine bestimmte Dienstleistung nicht im Voraus sichern – wir sind schließlich kein Bordell. Wenn sich ein Interessent meldet und einen guten Eindruck macht, vereinbare ich in Absprache mit der Frau ein Date an der Bar eines Restaurants oder eines Fünf-Sterne-Hotels. Innerhalb der ersten halben Stunde entscheiden beide, ob sie den Abend miteinander verbringen oder nicht. Wenn die Chemie nicht stimmt, bezahlt der Kunde 100 Euro Aufwandsentschädigung und die Frau setzt sich wieder ins Taxi. Wenn die beiden sich gefallen, bleiben sie zusammen, gehen einen Handel ein und sehen was der Abend bringt. Dass eine von uns wieder geht, kommt selten vor. Ich habe das in fünf Jahren etwa fünf Mal gemacht. Meistens bin ich beim Kennenlernen viel zu aufgeregt und will wissen wie es weitergeht. Das geht den Männern auch so. Sie haben eine Menge Geld in die Hand genommen. Wir nehmen 1000 Euro für vier Stunden und 3000 für zwölf Stunden. Reisen und Termine am Wochenende kosten extra. Dafür wollen die Männer das beste Date, das sie bekommen können. Die meisten geben sich Mühe und sind außerordentlich zuvorkommend. Wir brechen das Treffen ab, wenn ein Kunde unfreundlich wird, wenn er auf Drogen oder betrunken ist. Einmal habe ich bei einem Kunden erst spät verstanden, dass er ins Bad ging, um zu koksen. Er wurde immer aggressiver. Heute erkenne ich, wenn jemand kokst. Kokain ist übrigens kontraproduktiv, wenn der Mann eine Erektion bekommen möchte. Da können wir dann auch nichts mehr tun.

Bei der Arbeit bin ich eine andere

Wenn ich ein Date habe, bereite ich mich rituell vor. Ich pflege meinen Körper, schaue alte Filme, ziehe mich an, schminke und frisiere mich. Es ist wie bei einem Schauspieler, der eine Maske anlegt: Bei der Arbeit bin ich eine andere. Wenn ich ins Taxi steige und durch Berlin fahre habe ich regelrecht Lampenfieber. Wie sieht er aus, wie wird der Abend? Wenn ich den Raum betrete, spüre ich Adrenalin pur. Der Rest ist Autopilot. Noch nie habe ich mich gefragt, was ich da eigentlich mache. Ich genieße den Abend, lasse mich in schöne Restaurants und Hotels ausführen und merke oft erst wenn ich mich wieder abschminke, dass es kein privates Treffen war, sondern ein Job. Trotzdem könnte ich mich nie in einen Kunden verlieben. Das ist wie beim Pokern mit Spielgeld. Da mache ich auch keinen echten Gewinn. Wenn ich zwei Dates im Monat habe, ist das ideal: Davon kann ich leben und bin emotional nicht überfordert. Man darf nicht vergessen, dass Escort trotz allem nicht leicht ist. Wir haben mehr zu tun als Champagnertrinken und Geldeinstreichen. Ich lerne jemanden innerhalb von wenigen Stunden kennen, beobachte ihn und komme ihm sehr nah. Viele Menschen stellen sich den Beruf einfach vor und bewerben sich bei mir. Wenn eine Frau mir schreibt und die Nachricht sprachlich in Ordnung ist, telefoniere ich mit ihr. Kann sie sich gut ausdrücken und macht einen gebildeten und angenehmen Eindruck, treffen wir uns. Wichtig ist, dass sie Ausstrahlung hat und sich in ihrem Körper wohlfühlt. Trifft das alles zu, dann bekommt sie die Kontaktdaten unseres Fotografen, ich erstelle ein Portfolio und wir warten ab. Die Frauen müssen verstehen, dass Escort eine Lebensentscheidung ist – auch wenn man das vielleicht nicht ein Leben lang macht.

Wie lange ich noch als Escort arbeite, weiß ich heute nicht. Ich habe ein abgeschlossenes Studium und ein paar Ideen im Kopf. Angefangen habe ich mit Anfang zwanzig. Als Philosophie-Studentin suchte ich nach einem Job. Ich bekam kein Bafög, und meine Eltern wollten mich nur unterstützen, wenn ich bei ihnen wohne. Ich wollte aber unbedingt auf eigenen Füßen stehen. Auf Kellnern hatte ich keine Lust, vom Modellstehen konnte ich auf die Dauer nicht leben. Da hatte ich die Idee, mich bei Escort-Agenturen umzusehen. Das war vor fünf Jahren.

Mein Freund weiß natürlich von meinem Beruf. Wenn er damit nicht umgehen könnte, wäre er nicht mein Freund. Beziehung bedeutet nicht, dass ich den anderen besitze. Das ist vielen Menschen nicht klar. Für uns ist das wichtig. Auch in meinem Umfeld gehe ich recht offen mit meinem Job um. Ich will nicht lügen und nicht erpressbar sein. Außerdem brauche ich Freunde, mit denen ich darüber reden kann. Leider haben das nicht alle Freundschaften ausgehalten. Manche Menschen lehnen mich ab und andere wollen nur noch darüber reden. Da wird das Thema dann größer als ich. Das möchte ich nicht. Es ist schließlich nur ein Teil von mir.“

HETAERA BLOG#4 :High-Class Escort – Zur Geschichte eines Phänomens

HETAERA BLOG#4 :High-Class Escort – Zur Geschichte eines Phänomens

Callgirls of Berlin

Beyond definition

 

High Class Escort – ein Phänomen. Das Konzept der Luxus-Begleitung  –   nennt man es nun Escort, Begleitservice, High Class Escort oder VIP-Escort – ist ein Produkt des gesellschaftlichen Wandels der Prostitution in der Geschichte der Moderne und der Entwicklung der Großstädte. Industrialisierung, Urbanisierung und schließlich die digitale Revolution haben nicht nur das Leben und die Rolle der Frau verändert, sondern auch den Konsum von käuflichem Sex.

 

Paris 1877:

Die Haute-Bourgeoisie übernimmt die Spielzeuge des Adels

Die Frau vor dem Schminkspiegel ist lediglich mit Seidenunterwäsche und hochhackigen Schuhen bekleidet. In der linken Hand hält sie einen Lippenstift, in der rechten eine Puderquaste, an einem Finger trägt sie einen Ring. Der kleine Finger ist vornehm und fast ein wenig keck abgespreizt. Ein dickes Goldarmband gleitet ihren nackten weißen Arm herunter. Die Frau auf dem Gemälde hat schon viele Male so posiert. Edouard Manets 1877 entstandenes Meisterwerk lässt keinerlei Zweifel an ihrer Profession. Zumal ein im Hintergrund auf die Tapete gemalter Kranich zusätzliche Hilfestellung gibt: Une grue ist ein französischer Slangausdruck für eine Prostituierte. Ein Herr mit Seidenzylinder und Abendanzug sitzt auf einem mit Samt bezogenen Sofa und betrachtet die Frau. Sie weiß genau, dass er ihr herausforderndes Hinterteil anstarrt. Ihr Blick geht in eine andere Richtung, als würde sich ihn ihrem Boudoir noch ein weiter Mann befinden, den wir nicht sehen. Dieser Mann – also wir, die Betrachter – genießt den Anblick der Frau ebenfalls. Sie weiß es und steht gern dort. Sie ist eine selbstständige Frau, von keinem der Männer abhängig, von denen sie begehrt wird. Aber ganz frei ist sie nicht. Um sich Kunden aussuchen zu können, ist sie abhängig von ihrer physischen Attraktivität. Nana heißt die Frau auf Edouard Manets Bild.Er nannte sie nach einer Hure, über die er bei Émile Zola gelesen hatte; schließlich sprach damals das gesamte literarische Paris von Zolas Roman.

Dass es in dieser Epoche zu einer Blüte des Liebes-Gewerbes in den Städten kam hängt nicht zuletzt mit der ideologischen Entwicklung der Medizin zusammen. Im Vergleich mit ihren Kollegen ein Jahrhundert zuvor, waren die Ärzte des 19. Jahrhunderts ausgesprochen sexualfeindlich. Sie bekämpften die Masturbation und rieten verheirateten Frauen, nicht mehr als einmal im Monat mit ihrem Mann zu schlafen. Die Frauen sollten in erster Linie Mutter sein, und es galt als nachgerade unschicklich wenn sie Freude an der Sexualität empfanden. Eine Frau, die ihr Sexualleben genoss, würde schon bald an Geschlechtskrankheiten leiden, behaupteten die Ärzte. Sexueller Genuss war für eine Frau beinahe so gefährlich, wie Masturbation für einen Mann. Auf der anderen Seite bekamen Männer den ärztlichen Rat, mindestens jeden vierten Tag Geschlechtsverkehr zu haben. Die Mediziner des 19. Jahrhunderts trugen somit stark zum Aufschwung des Prostitutionsgewerbes bei. Es gibt berechtigten Grund zu der Annahme, dass französische Männer zu dieser Zeit mehr Sex mit Escort – Damen hatten als innerhalb ihrer Ehe.

„Die Warenform tritt als der gesellschaftliche Inhalt der allegorischen Anschauungsform bei Baudelaire zutage. Form und Inhalt sin in der Dirne als in ihrer Synthesis eins geworden.“

So charakterisiert Walter Benjamin im Passagen-Werk die Figur der Prostituierten, die in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts so häufig in Baudelaires Lyrik auftaucht. Manets Bild ist eine Spur zu schön, um Baudelaires Gedichte zu illustrieren, Nanas Blick jedoch ist der Blick der Großstadt, wie Baudelaire sie beschreibt. Die professionellen Prostituierten des 19. Jahrhunderts entwickelten diesen urbanen Blick als erste. Nana ist einladend und berechnend, fern und nah und trotz aller Intimität weit weg.

Es kommt nicht von ungefähr, dass das Thema der Prostitution und der Figur der Kokotte, der Demimonde einen zentralen Platz in der zeitgenössischen Literatur einnahmen. In den französischen Romanen der Belle Époque, Nana von Émile Zola, Glanz und Elend der Kurtisanen von Honoré de Balzac oder Die Kameliendame von Alexandre Dumas begegnen wir Prostituierten als zentralen Figuren der Erzählung. Sie tauchen bei Viktor Hugo ebenso auf wie bei Eugène Sue, Paul Alexis, Alphonse Daudet oder Gustave Flaubert. Edouard Manets und Auguste Robins Bilder von Huren, Blumen- und Nähmädchen sowie Toulouse-Lautrecs derbe Frauengestalten werden als Beginn der Moderne in der westlichen Malerei gesehen. Die sich prostituierende Frau wurde für die französische Avantgarde zum Symbol der Modernität.

 

 

1963, London:

Christine Keeler und die ersten modernen Escorts

 

Seit den 60er Jahren sank die Zahl der Prostituierten, die in einem Bordell arbeiteten, auf nur noch eine von zehn. Der weitaus größte Teil arbeitete selbstständig und frei, in Bars, Restaurants oder Clubs. Callgirls: moderne Kurtisanen mit Telefonnummer. Diese Form des High Class Escorts ist eindeutig ein Nachkriegsphänomen. Sie sind ein Produkt der verschärften Prostitutionsgesetzgebung der fünfziger Jahre, des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms, der erhöhten Anzahl von Geschäftsreisen in die Städte der westlichen Welt und einer verbesserten Telefontechnologie. Für mindestens die Hälfte von Ihnen wurde das Telefon zu dem wichtigsten Hilfsmittel. Zu Beginn dieses Phänomens seit den 50er Jahren gab es noch keine regelrechten Escort-Agenturen oder Callgirl-Vermittlungen. Pionierinnen wie Rosemarie Nitribit oder die Britin Christine Keeler „erfanden“ den Beruf der Kurtisane für die demokratische Gesellschaft neu.

Durch Keeler lernte ganz Europa das Phänomen des VIP – Escorts kennen. 1963 wurde der schockierten Öffentlichkeit die Beziehung des britischen Tory-Verteidigungsministers John Profumo zu dem Model Christine Keeler enthüllt. Der britische Nachrichtendienst war am meisten davon alarmiert, dass die junge Dame parallel zu Profumo auch Beziehungen zu einem Attaché der sowjetischen Botschaft unterhielt…

Im Sommer 1963 musste Profumo abdanken. Er schrieb dem damaligen Premierminister Harold McMillan, dass er gelogen habe, als er beteuerte, sein Verhältnis mit dem Escortgirl Keeler sei nicht anstößig gewesen.

Anstößig? Das war von Profumo doch wohl weit untertrieben. Die Zeitungen berichteten über Orgien mit Escort Ladies auf englischen Landgütern und in vornehmen Londoner Wohnungen. Auf einem Fest in Bayswater waren Christine Keeler, ihre Kollegin Mandy Rice-Davies und ein junger Herr namens Stephen Ward anwesend. Er hatte seinerzeit die Damen mit der gesamten konservativen Parteispitze bekanntgemacht. An diesem Abend hatte ein führender Politiker angeblich gebratenen Pfau zum Essen servieren lassen, er saß nackt am Tisch, nur mit einer Fliege und einer Maske bekleidet. Über seinem Bauch baumelte ein Schild mit der Aufschrift „Whip me!“

Bei einer anderen Gelegenheit hatten acht Richter des obersten Gerichts an einer Orgie mit einer Gruppe Escorts teilgenommen.

 

1984, New York:

Cachet, der Escortservice der Uptown-Girls

 

„Sehen Sie denn nicht, dass dies anständige Mädchen sind?“

wies ein älterer Richter in New York den zweiten Staatsanwalt Dennis Wade zurecht, als er im März 1984 drei hübsche junge Damen aus der Mittelklasse der Prostitution anklagte – Escort Ladies eines neuen Typus, wie ihn der legendäre Begleitservice „Cachet“ vertrat: exklusiv, für ein horrendes Honorar, und vor allem mit äußerst hohem Bewusstsein für Diskretion.

„Was erwarten Sie sich eigentlich von der Stunde, die Sie normalerweise mit einem Kunden im Hotel zubringen?“, wollte der Richter von einer von ihnen wissen.

„Ich erwarte einen Gentleman zu treffen, der mich mit Respekt behandelt“, lautete die Antwort. Dem Richter war es unangenehm, so schöne, modisch gekleidete Frauen über ihre sexuellen Beziehungen mit Herren aus führenden gesellschaftlichen Positionen in teuren Hotels zu befragen. Zumal sie weder Drogen nahmen noch etwas Härteres tranken als Champagner.

Prostitution ist in New York, wie in vielen anderen Staaten der USA, ungesetzlich. Wenn derartige „Damen“ bisher vor Gericht standen, hatte es sich um Girls von der Straße gehandelt, die in ihren Arbeits-Outfits erschienen: mit extrem viel Make-up, gefärbtem Haar, tiefem Ausschnitt und hautengem Latex-Dress. Viele Polizisten glaubten, dass sie im Recht waren wenn sie sich erst einmal gratis bedienen ließen, bevor sie die Huren aufs Revier brachten. Es gab Mädchen, die der Polizei so gut gefielen, dass sie zweimal pro Woche verhaftet und eingesperrt wurden. Gegen Bezahlung war es möglich, einer Verhaftung zu entgehen. Am schwersten war es für die farbigen Mädchen. Weniger als die Hälfte aller New Yorker Prostituierten war farbig, dennoch wurden farbige siebenmal häufiger in Gewahrsam genommen als weiße Frauen.

Dass sorgfältig gekleidete und frisierte, diskret geschminkte junge Frauen der Prostitution angeklagt wurden, kam in New York nicht jeden Tag vor. Der Richter war der Ansicht, dass der Staat nur wertvolle Zeit und viel Geld verlor, wenn man derartige Fälle überhaupt verfolgte. Darüber hinaus war publik geworden, dass eines der Mädchen von einem Polizisten zum Sex gezwungen worden war. Die Polizei war so wie immer vorgegangen, in der sicheren Annahme, dass Prostituierte es niemals wagen würden, über solche Dinge vor Gericht zu sprechen. Aber diese Frauen hatten Mut.

Das Begleitservice-Büro „Cachet“ inserierte in der International Herald Tribune. Über Geld wurde dort nicht gesprochen, doch Polizeibeamte hatten bewiesen, dass es möglich war, Prostituierte per Telefon zu bestellen. Vier Polizisten hatten einen ganzen Monat gebraucht, um dies herauszufinden – ziemlich viel Arbeitszeit für ein mageres Resultat. Der Richter verwarnte die Polizisten, ließ die Anklage fallen und schickte die Frauen nach Hause. Doch der Polizeibeamte Elmo Smith arbeitete weiter an der Sache. Im Laufe des folgenden Jahres wurde er zur Parodie eines Action-Helden: er beauftragte das ungenehmigte Anzapfen der Telefone, brach Wohnungen auf, schlug Türen ein und bedrohte Mädchen mit gezogener Pistole. Elmo wollte den Ring sprengen, kostete es was es wolle. Und genau genommen kostete der Einsatz von Elmo und seinen Männern den Staat ungefähr eine Million Dollar.

Im März 1985 wendete sich die 33-jährige Sidney Biddle Barrows an den Staatsanwalt, in der Hoffnung, dadurch weiteren Unannehmlichkeiten zu entgehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei ohne Durchsuchungsbefehl ihr Büro und ihre Wohnung durchsucht, die Türen eingeschlagen, ihr Büroinventar und die Toilettenartikel konfisziert und die Telefonistinnen zu Tode erschreckt. Sie war nicht zu Hause gewesen, also zerrissen die Polizisten auch ihre Unterwäsche und „testeten“ ihr Bett, bis es kaputt war.

Zur Gerichtsverhandlung erschien Biddle Barrows mit ihrer Anwältin. Die Presse war informiert. Man erwartete eine Bordellwirtin, und niemand realisierte, dass eine dieser eleganten Damen die Angeklagte war. Das schiere Entsetzen durchzuckte Amerikas High-Society, als bekannt wurde, dass ausgerechnet eine Biddle Barrows, ein Spross aus den altehrwürdigen mit der Mayflower eingewanderten Geschlechtern, die Chefin des exklusivsten und erfolgreichsten Callgirl-Rings der Vereinigten Staaten war. Sie war auf exzellente Schulen gegangen, und einige ihrer Vorfahren hatten zum Kreis um George Washington gehört. Sydney hatte an Zusammenkünften im exklusiven, vornehmen Mayflower Club teilgenommen und mit dem jungen New Yorker Geldadel Tennis gespielt. Wie, so fragte die Presse und mit ihr die feine Gesellschaft, konnte das passieren? Stand ihr Name nicht im Social Register, wo verzeichnet ist, wer in den USA wirklich dazugehört? Dabei hätte die Upperclass auch jetzt noch Grund genug, auf das Kind aus ihrer Mitte zumindest ein wenig stolz zu sein: Keine Escort-Agentur führte so schöne und gescheite Mädchen in seiner Kartei wie die Madam mit der teuren Privatausbildung; keines war so perfekt gemanagt, keines zählte so viele hochgestellte Persönlichkeiten von Rang und Namen zu seiner Stammkundschaft.

Anfangs gingen Staatsanwalt und Gericht mit der gebührenden moralischen Entrüstung gegen „das sittenlose Unwesen“ vor. Als jedoch die Existenz der Kundenliste mit ihren 3000 Namen bekannt wurde und Sydneys Anwältin damit drohte, sämtliche Klienten – darunter auch zahlreiche Organe der Rechtspflege – als Zeugen zu laden, erlahmte der Eifer der Justiz. Schnell und unbürokratisch entschied das Gericht auf eine Ordnungsstrafe von 7500 Dollar, offiziell war der Fall damit erledigt.

Der Name „Cachet“ war bewusst gewählt, weil ihn viele nicht richtig aussprechen konnten und unerwünschte Kunden so bereits am Telefon aussortiert werden konnten. Die Finanzzeitung Barron´s war das einzige Blatt, das den Fall nur unter geschäftlichen Aspekten untersuchte, und das professionelle Management und die routinierten Geschäftsabläufe lobte. Cachet hat 1979 den Betrieb aufgenommen. Alle Mädchen hatten eine gute Schulbildung, studierten Jura oder Wirtschaft, andere hatten Jobs in Makler- oder Anwaltsbüros oder beschäftigen sich mit Tanz oder Schauspiel. Nicht alle waren überwältigend schön, aber alle waren intelligent und hatten Stil. Sie sahen aus wie die typischen „Uptown Girls“: Gut angezogen, selbstsicher, ein wenig versnobt. Alle Damen waren langbeinig und mussten beim Job stets kurze Röcke und hochhackige Schuhe tragen – niemals Hosen. Dafür trugen sie die eleganteste Unterwäsche von New York, dazu Strumpfhalter und Strümpfe ohne Nähte oder Muster. Sie waren diskret gekleidet, mit einfachem, aber echtem Schmuck, und lackierten sich die Fußnägel rot, die Fingernägel hingegen blieben unlackiert. Häufig trugen sie Hüte oder Handschuhe und erschienen mit einer Aktentasche oder dem Theaterprogramm in der Hand. Sie sprachen akzentfrei und hatten eine perfekte Körperhaltung. Ein Cachet-Mädchen war garantiert nicht feministisch. Nach dem Sex hatte sie (angeordneter Weise) noch einen Augenblick im Bett zu bleiben und nicht gleich ins Bad zu verschwinden – auch wenn sie noch andere Kunden am selben Abend hatte. Dass dem so war, war eines der bestgehüteten Geheimnisse der Agentur. Die Damen hatten sich an 3 Tagen in der Woche von 18 Uhr bis 1 Uhr nachts perfekt gestylt bereit zu halten, um innerhalb von 10 Minuten in ein Taxi springen zu können, falls es kurzfristige Anfragen gab. Nach dem Sex im Hotel sollte nur das Make-up aufgefrischt werden – geduscht wurde erst zu Hause, um dem Kunden nicht das Gefühl zu geben, es wäre etwas Schmutziges geschehen. Die genauen Abläufe im Hotelzimmer waren genau vorgeschrieben – eine Tatsache, die den meisten Kunden kaum bewusst gewesen sein dürfte.

Die Agentur war bekannt für ihre großen, blonden Frauen im besseren Mittelklasse-Look. Auch einige dunkel- oder rothaarige oder asiatische Mädchen galten als „vermittelbar“. Schwarze oder puertorikanische Frauen hingegen waren ausgeschlossen, ganz egal, wie gebildet und stilsicher sie auch sein mochten. Hier zeigt sich der typische Rassismus des amerikanischen Großbürgertums, von dem auch eine unkonventionelle Frau wie Biddle Barrows sich nie befreien konnte.

 

2016, Berlin:

Hetären statt Callgirls

 

Cachet hatte den Glamour der 80er. Es repräsentierte genau die Art von Snobismus, die man in den besten und zweitbesten Kreisen der amerikanischen Ostküste erwartete – und auch den der Betreiberin unbewussten Mangel an Tiefe, an echter Bildung, die Verwurzelung in der Welt der Kunst und Hochkultur, Literatur und Philosophie. Die strenge Akkuratesse der Details, die ganze Planmäßigkeit und Kontrolliertheit des Ablaufs rührt von der Unsicherheit auf dem intellektuellen Gebiet, die durch diese buchstäblich „kaschiert“ (franz. caché) werden musste.

Und auch Paris, wo es diese Kultur geben könnte, ist nicht mehr Paris! Seit 2016 ist Prostitution in Frankreich verboten – nachdem sie seit dem zweiten Weltkrieg immer mehr eingeschränkt wurde – zunächst abolitionistisch-naiv, dann immer unverhohlener feindlich, mit den konservativen Vorzeichen des Hasses auf die Frauen der Unterschicht, denen eine weitere Chance des sozialen Aufstiegs in der undurchlässigen französischen Klassengesellschaft verwehrt ist. Es gibt zwar noch einige wenige Luxus-Escorts (wie auch nicht), aber diese agieren illegal und im Geheimen. Sie können weder öffentlich repräsentieren noch gar eine Kultur prägen. 

„Die Prostitution abschaffen heißt eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heißt die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution die der Ehe als Korrektiv dient wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen: das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.“ (Michel Houellebecq)

Pariser, die eine Kurtisane oder ein Escort suchen, ohne sich strafbar zu machen, verlassen heute paradoxerweise die Stadt der Liebe, und kommen nach Berlin. Bienvenue!

Ja, wir sind durchaus anmaßend, aber mit Hetaera wollen wir wirklich etwas Neues. Unsere eigenen Seiten in der Geschichte der Prostitution. Wenn für andere Leute Berlin ein Arbeitsplatz sind, ist für ein Escort Berlin – ein Spielplatz! Wir sind weniger restriktiv als die professionell durchorganisierten Agenturen der 80er. Die Frauen müssen sich nicht wie Angestellte als Aushängeschilder der Firma verhalten, dafür spielt Spaß und Selbstbestimmung eine größere Rolle. Dies entspricht einer emanzipierteren Männerwelt, die sich weiter entwickelt hat hin zu mehr Respekt gegenüber Frauen, auch und gerade beim Sex. Auch haben wir nicht solche Künstlernamen wie die der Cachet-Girls, die für einen bestimmten Typ stehen: so wie eine „Alexandra“ ein imponierendes, großes blondes Geschöpf war, eine „Nathalia“ der Typ der slawischen Dunkelhaarigen, und eine „Sonja“ oder „Kristin“ Skandinavierinnen mit aufregendem Akzent. Wir verwenden auch keine Namen aus Seifenopern wie Heather, Kelly oder Melissa… Wir verzichten getrost auf fiktive Berufsangaben mit Rücksicht auf das „männliche Kopfkino“ wie Stewardess, Fotomodel oder Kunstgeschichts-Studentin. Schließlich verbringen wir mit den meisten Kunden mehr als nur zwei Stunden, und diese nicht allein in horizontaler Lage, sondern auch im entspannten Gespräch. Das Ziel ist auch nicht nur ein einmaliges Date, sondern eine dauerhafte Bindung und echte freundschaftliche Nähe – da würden hohle Konstrukte schnell entlarvt. Dafür sind wir wirklich Künstlerinnen und Geisteswissenschaftlerinnen – keine Sekretärinnen, Anwältinnen oder BWL-Studentinnen. Spezielle, seltene Typen, die das kreative Flair Berlins verkörpern. Und von unseren kreativen Berufen allein nicht leben könnten – wären wir nicht auch Lebenskünstlerinnen, die das gesellschaftliche Stigma weniger scheuen als einen normalen Bürojob.

Im Gegensatz Cachet, die jede persönliche Beziehung zwischen Escort und Kunden systematisch zu unterbinden suchten. Dies hing natürlich mit der Befürchtung zusammen, die Mädchen und Kunden könnten sich privat verabreden und die Agentur so um die Provision prellen, die immerhin ganze 50% betrug – ein Problem, das es bei Hetaera nicht gibt, denn hier gibt es keine Provision und keine Profite Dritter.

Gemeinsam haben wir mit den Cachet-Frauen, dass auch uns nichts von normalen (heutigen) Business Ladies unterscheidet, wenn wir am Abend selbstsicher durch die Lobby eines 5-Sterne- Hotels in Berlin Mitte flanieren.

Anders als die puritanischen Callgirl-Ringe der 80er, und auch als die kalt berechnenden Kurtisanen der Belle Époque, sind wir offen für das Erkunden der menschlichen Psyche, für erotische Abenteuer, an denen wir mehr als nur professionellen Anteil nehmen. Wir verführen Paare und auch solvente, moderne Frauen, die endlich begreifen, dass sie ein Recht auf Lust haben jenseits der Verfügbarkeit für Ehemann oder monogamen Partner. Unser Manifest ist, dass auch wir dabei unseren Spaß haben dürfen, und nicht nur Dienstleisterinnen sein müssen.

Die Zukunft der Frau ist die Zukunft der Erotik – ein verheißungsvolles Abenteuer.

Sind Sie dabei?

 

 

 

 

 

 

HETAERA BLOG#3: Es ist ein Spiel mit Identitäten

HETAERA BLOG#3: Es ist ein Spiel mit Identitäten

„Escort ist ein Spiel mit Identitäten.“ 

Salomé Balthus leitet die Escort – Agentur Hetaera und ist dort selbst als Sexarbeiterin tätig.

Interview von INNA BARINBERG im FREITAG 12/2017

Den Artikel im FREITAG lesen

Für das Interview schlägt Salomé das Spindler vor. Mittags ist dort immer wenig los, dann haben wir unsere Ruhe. Es schmiegt sich in die Reihe von unauffälligen und dezenten Cafés entlang des Paul-Lincke-Ufers. Den Rahmen für das Interview bildet ein aufmerksames Augenpaar, handbeschriftete Zettel und ein frisch gepresster Grapefruitsaft. Salomé wirkt wachsam, schließlich sind die Themen Escort und Sexarbeit nach wie vor umstritten. Ihre Agentur Hetaera zeichnet sich durch ein solidarisches und kollektiv verwaltetes Konzept aus.

Der Freitag: Frau Balthus, Ihre Escort-Agentur ist bei weitem nicht die einzige in Berlin, ein ausgefallener Name kann dabei helfen im Gedächtnis zu bleiben. Wieso ausgerechnet „Hetaera“?

Der Begriff Hetäre kommt aus der Antike und spielt auf eine Epoche an, in der unsere Tätigkeit Achtung fand. In der klassischen Antike unterteilte sich das Milieu der Prostituierten in mehrere Kategorien. Es gab zum einen Straßenmädchen und Bordell Prostituierte, die Sklavinnen waren. Und dann gab es die Hetären, die sich frei gekauft hatten und selbstständig waren. Im Gegensatz zu anderen genossen sie mehr Freiheiten und konnten sich frei in der Öffentlichkeit bewegen.

Und wie unterscheidet sich Hetaera konkret von anderen Agenturen? 

Die meisten Agenturen verlangen eine Provision von 30%, obwohl sie vielleicht nur einen Anruf entgegen genommen haben – dabei sind es die Frauen, die die Leistung erbringen. Wenn eine ganze Nacht 3000€ kostet, verdient die Agentur daran 1000€. Wofür eigentlich? Ich finde es besser, die Kosten für die Website und Organisatorisches zu teilen, alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam zu treffen und keine Provision zu verlangen. Es ist mir sehr wichtig, dass wir auf einer Augenhöhe agieren, schließlich arbeite ich genau so als Escort wie die anderen. Wir sind Kolleginnen, wir machen das gemeinsam. Ich bin wie der Typ in dem besetzten Haus der halt den Abwasch macht, obwohl ihm das Geschirr nicht gehört. Irgendjemand muss sich immer um den Abwasch kümmern. Schließlich macht es auch mehr Spaß, Kolleginnen zu haben. Griselidis Real hat gesagt, eine gute Hure muss durch und durch revolutionär sein. Und was muss ein Revolutionär, nach dem alten Lenin-Wort? Die Verhältnisse kennen – alles kennen. 

Gibt es denn bestimmte Voraussetzungen für eine Bewerbung? Ihre Kolleginnen entsprechen in meinen Augen schon einem sehr bestimmten Bild von Schönheit.


Ich kenne Agenturen, die ein eine bestimmte Körpergröße oder ein Höchstgewicht verlangen, da sind wir anders. Es geht in erster Linie darum, dass die Frauen ein eigener Typ sind. Ich treffe mich mit jeder Frau einzeln und dann lerne ich sie kennen. Sie dürfen nicht ängstlich wirken oder eingeschüchtert, sondern stark und frei. Wir unterscheiden uns von anderen Agenturen, weil wir Frauen annehmen, die Individualistinnen sind. Frauen, für die das nicht ein heimlicher Nebenjob ist, sondern ein Lebensstil. Sie bringen eine gewissen Stärke gegenüber den Kunden mit, weil es für sie auch etwas ist worüber sie sich identifizieren. Es gibt so viele verschiedene schöne Frauen, solange sie sich wohl fühlen mit sich selbst, spielt das Gewicht keine Rolle.

Das hört sich so an, als würde man für einen Abend in eine andere Welt eintauchen. Das erinnert mich an eine Performance im Theater. Lässt sich das vergleichen?


Auf jeden Fall. Wenn der Kunde sich die Website ansieht, dann erlebt er den Wunsch einem Wesen aus einer anderen Welt zu begegnen. Meistens fängt man auf diese Weise an und öffnet sich dann mehr und mehr. Es ist nicht so, dass man dem Mann komplett was vorspielt, es ist eine Art Spiel mit Identitäten, fast ein bisschen so wie Karneval. Es ist der Spaß am Spiel, das schauspielerischer, aber ohne den Zwang das wirklich durchzuziehen.

Fällt es manchmal schwer in der Rolle zu bleiben? 

Ja, natürlich. Es ist ja auch für mich ein Vergnügen, ich habe viel Spaß an dieser Tätigkeit. Zumal es immer wieder lustige Situationen gibt. Einmal hatte ich zum Beispiel einen Kunden, der vor Aufregung einen Schluckauf bekam und ihn nicht mehr los wurde. Jedes mal wenn ich angefangen habe ihn anzufassen, ging es wieder los. Am Ende haben wir die ganze Zeit lachend auf dem Bett verbracht.

Das klingt nach einem Abend, der nicht zwangsläufig auf Sex hinaus läuft oder sich darauf beschränkt. Ist Escort trotzdem eine Form von Sexarbeit?


Die Tätigkeiten, die vom Staat unter dem Namen Prostitution zusammen gefasst wurden, sind sehr verschieden. Die Arbeit einer Domina ist völlig anders als die von einer Frau im Bordell. Wenn der Staat sagt, ich bin Prostituiere, genau wie die Frauen auf dem Straßenstrich, dann ist das keine Interpretation mit Rücksicht auf meine individuelle Befindlichkeit, sondern ein machtpolitisches Faktum. Aber genau das vereinigt uns Prostituierte über alle sozialen Unterschiede hinweg und fordert unsere Solidarität. Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen!

Würden Sie den Begriff Prostitution dennoch unterstützen? 

Wenn die Gesellschaft sagt, dass ich eine Prostituierte bin und die anderen werden diskriminiert, dann sage ich natürlich, dass ich Prostituierte bin. Ich würde auch sagen, ich wäre Jüdin, wenn ich merke Juden werden diskriminiert und mir wird unterstellt ich sei Jüdin. Das ist eine Frage der Haltung. Falsch und geradezu ein Unwort finde ich aber den Begriff „Zwangsprostituierte“. Frauen, die zum Sex genötigt werden sind keine Prostituierten. Frauen die zum Sex genötigt werden, werden vergewaltigt. Es ist eine Unverschämtheit diese Frauen auch noch Prosituierte zu nennen. Zwangsprostitution ist ein schrecklicher Euphemismus, der dazu führt, dass diese Frauen sich noch mehr schämen und zögern sich Hilfe zu holen.

Ab dem 01. Juli 2017 müssen sich Prostituierte unter anderem persönlich in einer Datenbank registrieren lassen. Bietet das neue Gesetz mehr Sicherheit?


Ein Escort kann nie absolute Sicherheit haben, so wenig wie ein Taxifahrer absolute Sicherheit haben kann, wenn er nachts allein auf der Straße mit dem Taxi unterwegs ist. Es ist verständlich, dass ein Gewerbe Regeln haben muss, aber es gibt eben auch Regeln, die so absurd sind, dass sie einer Unmöglichmachung gleichen. Ich denke viele Sexarbeiter haben Angst, weil die Ausführungsbestimmungen bei dem Gesetz so unsicher sind. Im Gesetz steht, dass eine besondere Vorsicht zu wahren ist mit den Daten, dass sie diskret zu behandeln sind, aber es ist völlig unklar wie das geschehen soll. Ich finde es richtig, dass es beispielsweise denjenigen an den Kragen geht, die Sex ohne Kondom offiziell als Dienstleistung anbieten. Ich finde es auch richtig, dass Frauen das Recht haben Honorar einzuklagen. Es gibt auch Vorteile. Immerhin ist es so, dass die Tätigkeit nicht verboten wird.

Kann man sich aus dieser Datenbank wieder löschen lassen? 

Das ist im Zeitalter von Big Data sehr fraglich. Wirklich sicher sind nur Daten, die gar nicht erhoben werden. Da kommen vielen Dinge auf uns zu, die wir nicht abschätzen können. Der Nutzen einer solchen Erhebung ist fraglich, der drohende Schaden hingegen wahrscheinlich.

Sie sagten gerade, dass die Tätigkeit immerhin nicht verboten wird. Einige Feministinnen, die bekannteste ist Alice Schwarzer, plädieren für ein eine Abschaffung von Prostitution. Was würden Sie dem entgegnen?


Dass die Öffentlichkeit darüber streitet, was eine Frau tun darf, bin ich gewohnt – nicht nur als Hure, sondern als Frau. Margarete Stokowski schreibt in ihrem bemerkenswerten Buch Untenrum frei, dass Schön-sein Arbeit ist, die von Frauen einfach erwartet wird. Dabei kostet es viel Zeit und Geld. Da kann man sich als emanzipierte Frau entweder von diesen vielseitigen Zwängen frei machen, was eine coole Haltung ist. Oder man sagt, ich erfülle die Erwartungen an euer Ideal, aber dafür müsst ihr zahlen. Der rhetorische Aufhänger von Schwarzer ist ja, dass wir eine bloße Ware seien, was mit der Menschenwürde kollidiere. Doch ich bin nicht die Ware, sondern ich erbringe eine Dienstleitung. Es ist der Unterschied zwischen Ware und Produktionsinstrument. Schwarzer fehlen die Denkmittel der marxistischen Dialektik. Die Frage ist, ob Frauen die anderen Frauen sagen was sie mit ihrem Körper machen sollen, sich Feministinnen nennen dürfen. Man kann Menschen nicht davon abhalten ein besseres Leben zu wählen. Ich halte für möglich, dass die Debatte um das „Bordell Europas“ eine verschobene Ausländerdebatte ist.

Sie sprechen fast durchgehend von Kunden. Die Emanzipation von Frauen ist inzwischen fortgeschrittener als vor 50 Jahren. Gibt es also auch Kundinnen? 

Ich fände es toll, wenn wir mehr weibliche Kunden hätten. Aber es ist sehr selten.

Warum? 

Frauen sind es gewohnt, ausgewählt zu werden, statt selbst zu wählen. Die Frage, ob die Escort sich nur des Geldes wegen oder auch aus Neigung hingibt taucht bei Männern selten auf. Bei Frauen ist es das einzige, was sie interessiert. Außerdem ist der Einkommensunterschied von Männern und Frauen in dem Bereich sehr stark. Es gibt mehr gut verdienende Männer als Frauen.

Wie gehen Sie mit Ihrer Tätigkeit privat um? 

Ich erzähle es meinen engsten Freunden. Auch ich habe das Bedürfnis, für das gemocht zu werden was ich bin. Manchmal bin ich überrascht, wenn ich es Menschen erzähle, die ich lange kenne und letztlich merke, dass es zu viel für sie war. Jeder Mensch hat seine moralischen Grenzen. Das ist dann natürlich enttäuschend, aber ich würde es nicht rückgängig machen wollen. Ich wünsche mir eine große gesellschaftliche Debatte. Sexarbeiterinnen sollten als denkende Menschen ernst genommen werden.

 

1997 veröffentliche Carol Leigh, eine Aktivist für die Rechte von Prostituierten, den Essay Inventing Sex Work. Dort führt sie zum ersten Mal den Begriff der Sexarbeit ein, der das Tätigkeitsfeld wertneutral hervorheben soll. Exakte Zahlen gibt es nicht, denn viele wollen sich nicht als Sexarbeiter*innen outen. Auch ist es unklar, was zu dem Tätigkeitsfeld der Sexarbeit zählt. Unklarheiten bestehen unter anderem bei Sexualassistenz und Sexualbegleitung, aber auch Escort zählt dazu. Schätzungen von Hydra e.V. aus dem Jahr 1980 gehen von etwa 400.000 weiblichen Prostituierten in Deutschland aus. Eine Prostituierte in Berlin verdient am Tag ca. 240 Euro, dieser Festbetrag ist bundesweit der höchste. Die Organisation TAMPEP schätzt, dass etwa 87% aller Sexarbeitenden in Europa Frauen sind, 7% Männer und 6% transgender.

 

 

Salomé Balthus arbeitet seit 5 Jahren als Escort. Im Oktober 2016 hat sie sich mit ihrer Agentur Hetaera selbstständig gemacht. Sie ist in Berlin geboren, hat an der Humboldt Universität Philosophie und Literatur studiert und mit einem Magister abgeschlossen.

 

Berlin, März 2017

Civiltà puttanesca

Civiltà puttanesca

Die Kurtisanen der Serenissima

 

„Du solltest verstehen, dass jeder, der von meiner Liebe träumt, bei seinen Studien die strengste Disziplin walten lassen muss. Wäre mein Vermögen groß genug, hätte ich mein ganzes Leben in Bibliotheken verbracht und wäre nur mit den Gebildetsten zusammengetroffen.“

So schrieb die junge, berühmte Veronica Franco an einen noch jüngeren Bewunderer. Sie war eine Kurtisane, Anfang 20, blond, und Venezianerin. Im 16. Jahrhundert war die Serenissima eine ausschweifend blühende Kulturmetropole und eine der führenden Mächte Europas. Die gekrönten Häupter ganz Europas nahmen den Tourismus vorweg, indem sie den Karneval und seine zahlreichen Maskenbälle besuchten – ein Vergnügen, dass  wenig reizvoll gewesen wäre, ohne diese geheimnisvollen maskierten Damen – in der Mehrheit Kurtisanen, die Luxus Escorts der Aristokratie: ähnlich wie die Hetären in den demokratischen Gesellschaft Griechenlands, stellte sie die Oberklasse der Prostituierten ihrer Epoche, wie sie nur in den kulturellen Zentren erscheint. Und genau wie die klassischen Hetären war eine Cortegiana mehr als ein banales Party-Girl.

Italienische Kurtisanen entwickelten im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts eine civiltà puttanesca, eine höfische Schule der Sinnlichkeit.

 

Fein gebildet, sündhaft teuer

Eine Kurtisane war keine „öffentliche Frau“, ihre Begleitung stand nicht jedem einfach für einen bezahlbaren Betrag zur Verfügung, sondern nur der Crème der Gesellschaftsschichten, zu umso höheren Preisen. Und auch aus der High Society wurden viele abgewiesen. Eine Kurtisane war korrekt gekleidet und wohnte repräsentativ, in öffentlichen Badehäusern oder Tavernen war sie nicht anzutreffen. Sie musste mehrere Sprachen sprechen, Gedichte rezitieren, mindestens zwei Instrumente spielen und möglichst auch noch singen können. Höhere Bildung war kein raffiniertes Extra, sondern die Voraussetzung für Erfolg als Liebhaberin Adliger und gut betuchter Renaissance-Bürger. Diesen Kunden ging es nicht um schnöde Triebabfuhr, sie wünschen sich leichtlebige, geistreiche Freundinnen, VIP Escorts im Wortsinne, mit denen sie sich im Theater oder in der Oper sehen lassen konnten. Veronika Franco verfasste Gedichte und korrespondierte u.a. mit Michel de Montaigne. Sie war die einzige Frau Ihrer Zeit, der es gelang, den französischen König Heinrich den III.  zu verführen – der homosexuell war.

 

Die Elite der Damen

Imperia Cognata stand Raffael Modell, und sie war die erste, die schwarze Seidenlaken nutzte, um ihren weißen Körper effektvoll im Licht der Kandelaber zu drapieren, wenn Kunden sie in ihrem prachtvollen Palazzo besuchten. Giuliana Ferrarese hatte sogar Kardinäle als Kunden, Tullia d´Aragonza, ihre Tochter, feierte in Rom triumphale Feste, die Medici-Päpste gehörten zu ihren Gästen.

Woher kamen diese verehrten, verehrungswürdigen Frauen mit so immensem erotischem Selbstbewusstsein? Noch hundert Jahre zuvor hatten sich die Adligen so ziemlich jede Frau einfach nehmen können; nun waren sie bereit, für weibliche Gesellschaft ein Vermögen auszugeben – Summen, von denen selbst ein High Class Escort heute nur träumen kann! Über hundert Jahre Erziehung und die Disziplinierung einer Generation spätmittelalterlicher Adliger zeigten schließlich Ergebnisse. Jetzt kamen gute Manieren und der Respekt vor Frauen in Mode. Gleichzeitig schien es immer mehr gebildete Frauen zu geben, die es wert waren, bewundert zu werden.

 

 

 

Zu kostbar, um käuflich zu sein

Zu kostbar, um käuflich zu sein

 

 

 

Wann wären Frauen je freier gewesen als heute, in Berlin – als als freischaffende, selbstständige High Class Escorts? Doch Vorsicht: wenn Ihnen Ihre Konventionen lieb sind, machen Sie einen Bogen um uns. Verbringen Sie den Abend lieber allein im Hotel. Denn Freigeist ist ansteckend!

 

Zu kostbar, um käuflich zu sein.

Eine Hommage von Carlos Obers, Art Directors Club

 Escorts, werden diejenigen sagen, die zu allem etwas sagen, seien Frauen, die ihren Körper verkaufen. Ebenso könnten sie behaupten, dass Anwältinnen ihr Gehirn verkaufen. Pfui über solche Weiber?
Tatsächlich lassen sich Anwältinnen wie High-Class-Escorts für ihre Dienstleistungen bezahlen. Ihre Anwältin hilft Ihnen vielleicht, dass Sie sich scheiden lassen. Ihre Escort-Lady, dass es gar nicht so weit kommt.
Denn ein Escort von wahrer Klasse hat nicht das Fernziel, Ihren Trauring am Finger zu tragen. Auf ihrer Agenda steht: ein glücklicher Abend zu zweit – oder auch zu dritt mit Ihrer Frau. Schließlich lebt der Mensch nur zweimal: erstens zum Verdienen, zweitens zum Vergnügen.
Damit dieses Vergnügen so ungetrübt bleibt wie der Champagner in Ihrem Glas, verläuft das Liebesleben mit Ihrer Escort-Dame frei von Nebenwirkungen. Frivoler Geist in Corpore Sano. Schönheit, die verführerisch, doch in Gesellschaft nicht verräterisch wirkt. Eloquenz, die auch gerne zuhört, und die vor allem zu schweigen versteht.
Auch nach langer Nacht und kurzem Abschied bleibt nichts als ein Nachklang wie von Tanz und Melodie. Das ist das Glück.

Wenn ich Dich liebe, nimmt Dich in Acht!

 Vor Hetären wird gewarnt. Hexen seien sie, mit Zauberkräften ausgestatten.

Brave Männer und Frauen, denen steile Karrieren und intakte Familien höchstes Daseins-Ziel bedeuten, würden von Luxus-Escorts zu obszöner Lust und Leidenschaft verführt. Tatsache?
Ja, garantiert!

Escorts sind die Zuckerkörnchen im Hochleistungsgetriebe Ihres Lebens. Der Rumba-Rhythmus, der Ihren Gleichschritt durchbricht. Der Lustschrei im Chorgesang Ihrer Gemeinde. Der heiße Kuss auf Ihrem Gewissen. Der Duft, der in Ihrem Gedächtnis bleibt.

Sollte die elegante Frau an Ihrer Seite ein Escort sein, so wird sie sich als Hetäre herausstellen, sobald sie allein mit Ihnen ist: Sie ist vornehm, sie ist verrucht. Sie ist charmant, sie ist schamlos. Sie ist rein, sie ist verdorben. Sie ist ganz Seele, sie ist pures Fleisch. Sie spricht Ihre Sprache, sie hört Ihnen zu. Sie lacht gerne mit Ihnen, sie kann schweigen.

Sie raucht mit Ihnen, sie trinkt mit Ihnen, sie nimmt niemals Drogen, doch Sie könnten süchtig nach ihr werden.

Und was passiert, falls Sie ihr rettungslos verfallen (so wie der gute Swan in Marcel Prousts Roman „Al la Recherche …“)?

 

 Die Haut-Couture der Liebe

Eingekleidet von Céline oder Marc Jacobs erreichen Highclass-Escorts durchaus, dass man Ihnen nachblickt. Den Kopf verdrehen, gar verlieren wird aber nur jene Zielperson, der sie sich in Ihrem schönsten Outfit präsentieren: Ihrer nackten Haut. Wollen Sie s beim Betrachten belassen? Nein? Dann fassen Sie zu, und lassen Sie fassen! Nicht nur Katzen lieben es, gestreichelt zu werden. Ihre Haut verfügt über Nervenfasern in der Gesamtlänge von einer Million Kilometern. Das entspricht allen Violinsaiten aller Streichorchester der Welt. Spielen Sie auf: von sanft bis sado, von Symphonie bis Soul! Ihr Körper und der Ihrer Partnerin vibriert in Rhythmus und Rage. Was meinen Sie, wie viele erogene Zonen Sie haben? So viele sie wollen.

Dieses Spiel macht auch unter Eheleuten Spaß. Zur höchsten Lust wird es indes mit einer Virtuosin an Ihrer Seite. Und falls diese gar eine Hetäre ist, dann können Sie sicher sein, dass Ihr Vorspiel kein Nachspiel hat.

Ein Highclass-Escort gibt sich Ihnen mit Leidenschaft hin – aber nicht her. Gern teilt sie das Bett mit Ihnen – solange es kein Ehebett ist. Sobald sich die Hotelzimmertür von außen schließt, bleibt auch ihr Mund verschlossen. „Wer lieben will, muss schweigen können“, lautet ein Sprichwort aus der Antike, als man Staatsgeheimnisse noch horizontal debattierte – und eine Hetäre den Geist inspirierte.

 

 Was Kleopatra wusste.

Stolz sei sie, verkündete Ägyptens Königin, die Tochter einer Hetäre zu sein. Hatte sie doch alle Talente geerbt und erlernt, die Hetären auszeichnen: zur Schönheit auch Klugheit, zur Mehrsprachigkeit auch Eloquenz, zur Liebeskunst auch die Finesse, selbst Führungskräfte wie Gaius Julius Caesar und Marcus Antonius zu verführen.
Von der Hetäre Aspasia ließ sich Perikles, der ruhmreiche Athener, seine Reden schreiben. Alexander der Große, sonst eher Knaben zugetan, wurde von der Hetäre Thais inspiriert. Die Hetäre Theodora erschwang mit List und Lust den Kaiser-Thron von Byzanz. Und selbst der keusche Gottessohn, dessen Geburt wir nun feiern, ließ sich von einer schönen Hetäre begleiten, Maria Magdalena.
Und was wird mit uns? Mit Ihnen? Langweilen wir uns nicht am Leben vorbei in monogamer Leistungsgesellschaft? Oder suchen wir heißhungrig die Hetären von heute? Und ob wir sie suchen! Darum hat jetzt Salomé in einer eigenen High Class Escort – Website einen Kreis blühender Hetären um sich geschart.
Lust, sie kennenzulernen?

 

 

 

„Eine gute Hure muss ganz und gar revolutionär sein.“

Grisélidis Real