Von Holly Hirschfeld
Manchmal ist eine Hetäre nicht nur eine atemberaubende Begleiterin, sondern kann auch dabei helfen, dass ein Licht auf geht, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie heißt es so schön, am Anfang war das Licht? Ich schwöre, bei all dem schönen Schabernack den ich schon getrieben habe, für einen Stromausfall war ich nie verantwortlich. Höchstens indirekt.
Verehrte Stechpalme
Aber fangen wir von Vorne an. Hallo ich bin Holly, Holly Hirschfeld, eine der neuen Hetären. Mein Name steht, wie die immergrüne Stechpalme (botanisch Ilex) für Glück, Schutz, Kraft und ewiges Leben. Nicht erst die Christen verwendeten diese Winterbeere zur Weihnachtszeit. Schon die Römer und Germanen verehrten diese Pflanze. Die Kelten kehrten mit Besen aus Stechpalmenzweigen ihre Häuser aus, um Unheil abzuwehren. Später eroberte Holly Golightly im Roman von Truman Capote und auf der Kinoleinwand, mit der unsterblichen Audrey Hepburn, Leser und Zuschauer. Und heutzutage kannst du dich in Berlin von mir verzaubern lassen. Zeige ich dir dabei meine Zartheit oder meine Stärke? Finde es doch selbst heraus! Heute berichte ich von einem (fast) perfekten Date. Es war ein frühlingshafter später Nachmittag ich bereitete mich auf eines meiner ersten Treffen vor. Ich war eingeladen auf ein 7-Gänge-Menü im Bandol. Er hatte, wie es sich für einen echten Gentleman gehört, einen Tisch reserviert und ein feines Zimmer im Gorki gebucht. Perfekt, dachte ich mir, so würde der Abend bereits beim Essen stilvoll beginnen. Ich schlüpfte in eine dunkle florale Strumpfhose. Na ja, mehr Zierde als Strumpfhose, gewisse Stellen waren nicht vom Stoff verborgen, was mein schwarzes Kleid aber nicht erahnen ließ. Mein Outfit rundete ich mit einem dunkelblauen Bouclé Blazer ab, der geheimnisvoll funkelte. Ich sprühte mein Lieblingsparfum, Prada Paradoxe auf, eine Komposition aus kalabrischen Bergamotte-Herz, Mandarinen-Essenz und Birnen-Akkord. Wenn sich mein Date nicht extra vorab wünscht, dass ich keinen Duft auflege, gehört dies immer zum letzten Teil meines kleinen Rituals des Herausputzens.
Sternerestaurant
Ich freute mich und war gespannt, bis aufgeregt, würde ich ihn gleich erkennen? Als ich am Restaurant ankam, stand ein Mann vor dem Eingang. Er lächelte mich wissend an und in dem Moment wusste ich es auch. Er geleitete mich an den Tisch wo wir bald die Zeit beim Genuss der verschiedenen Delikatessen wie Cashew Parfait und N25 Kaviar vergaßen. Ich hörte ihm gerne zu, wie er über sein erst fertig geschriebenes Buch sprach. Er war tatsächlich mein Bilderbuchdate. Er hatte den diskreten Umschlag dabei, den er mir zwischendurch vorsichtig zusteckte. Ich war etwas erleichtert, denn ich hatte schon anderes bei der Übergabe erlebt. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, obwohl auf unserer Seite der Hinweis auch steht, bitte reicht keine losen Bündel Geldscheine. Mir war das bei meinen Dates zuvor tatsächlich mehr als einmal untergekommen, dass mir mein Date am Tisch oder Draußen einfach lose Scheine reichte. Wer den normalen Umschlag zu langweilig oder zu auffällig findet, zwischen den Seiten eines Buchs, im Karton meines Lieblingsparfums- lasst eurer Fantasie freien Lauf. Was sich weniger anbietet, zwischen den Seiten der Weinkarte. Eine Legende besagt, eine Hetäre hatte schon den Vorfall, dass der Kellner die Karte mitnahm, bevor diese wusste, was sich dort zwischen den Seiten befand.
Wer hat das Licht ausgemacht?
Als wir später weiterzogen um uns in Privatheit anderen Genüssen hinzugeben, liefen wir das kurze Stück zum Hotel zu Fuß. Obwohl eigentlich zwei Fremde, die sich zum ersten Mal begegnet waren, verband uns eine besondere Vertrautheit. Er nahm meine Hand, als wäre ich für ein paar Stunden seine Freundin. Und so erreichten wir beschwingt vom guten Essen und der lauen Frühlingsluft das Zimmer. Als wir ankamen erklärte er mir, dass er im Badezimmer die laute Lüftung ausstellen würde und welche Schritte am Sicherungskasten dafür nötig seien. Er hätte sich das vorab erklären lassen und ausprobiert, damit nur die Lüftung, aber nicht auch das Badezimmerlicht abgeschaltet wird. Ich hörte gewissenhaft zu. Wenige Minuten später hatten wir wir kein Brummen im Bad, aber dafür auch kein Licht mehr. Und nicht nur im Badezimmer, das komplette Zimmer hatte keinen Strom mehr. Nachdem mein Begleiter die Schritte wiederholte…passierte Nichts. Wir saßen immer noch im Dunklen. Es war eine etwas absurde Situation, nachdem ich eben noch in einem Sternerestaurant diniert hatte. Sollte nun der Bürgermeister beim Tennisspielen gestört, oder das Hotel kontaktiert werden? Nein. Selbst ist die Frau. Er wurde nun sichtlich nervös und entschuldigte sich mehrmals. Ich nahm es mit Gelassenheit und bot meine Hilfe an. Ich kann nicht rekonstruieren in welcher Reihenfolge welcher Schalter von mir umgelegt wurde, doch ich bekam es hin. Wir hatten wieder Licht. Und es wäre ja auch eine Verschwendung gewesen, mich nicht zu sehen.
Deine schwarzen Strumpfhosen
Am Ende des Abend stieg ich zufrieden mit noch leicht feuchte Haaren ins Taxi und überlegte, ob ich in einem anderen Leben Elektrotechnik studieren sollte. Wie der restliche Abend genau verlief bleibt ein Geheimnis. Aber so viel verrate ich: Elektrisierend für alle Beteiligten. Am nächsten Morgen, antwortete ich auf seine Nachfrage, ob ich gut angekommen sei mit einem Neckischen, ich hoffte er hätte gut geschlafen und keinen weiteren Blackout in Mitte verursacht. Einige Tage später bekam ich eine E-Mail von ihm, mit ein paar Zeilen, die mich zum Schmunzeln brachten: „Blackout… Den hatte ich tatsächlich…als ich dich zum ersten Mal durch deine schwarzen Strumpfhosen sah.“ Ich denke gerne an den Abend zurück- und das ist auch die einzige Art von Blackout, für die ich gerne verantwortlich sein möchte.
Anmerkung der Redaktion: Die Strumpfhosen, die solcherlei Einblicke gewähren, bezeichnet man im Handel als sogenannte Ouvert.