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Lola befasst sich intensiv mit der Rolle von Prostitution in der Gesellschaft und den Kampf um Hurenrechte. Hier lässt sie ihrer Empörung freien Lauf.

 

Lola in your face!

 

 

 

Ich lese es in Kommentarspalten und Büchern, ich höre es in Diskussionsrunden und Interviews und ich bin es leid.

Dass das Elend von sexuell ausgebeuteten, misshandelten Personen, deren Tätigkeit fälschlicherweise unter den Oberbegriff PROSTITUTION fällt, den selbstbestimmten Sexarbeiter*innen zum Verhängnis wird.

 

Dass andauernd Menschen das eine dem anderen gegenüberstellen, als würden Teile der Bevölkerung gern “Die Edelprostituierten” gegen “Die Zwangsprostituierten” sehen.

Was ist das für ein Klassendenken? Warum gibt es da keine Grauzonen, die auch bedeutend sind? Und überhaupt – warum ist das eine besser als das andere?

 

Klar, ich verdiene viel. Für eine Frau. Ich arbeite verhältnismäßig wenig für eine gute Summe. Wenn ich einen anstrengenden Arbeitstag hatte, habe ich genug Geld um mich danach im SPA zu verwöhnen oder sowas. Arbeiterklasse sieht in unseren Köpfen anders aus, da muss man(n) schon bluten, die Hände müssen dreckig sein und das Konto leer. Oder im Fall von Sexarbeit: Verschmiertes Makeup, billige Reizunterwäsche, Kippen, Alk und eklige Typen, die ekligen Sex wollen. IMMER. RUND UM DIE UHR.

 

Dabei werden gekonnt ein paar Details vergessen, z.B. dass auch Kolleg*innen im Bordell oder auf dem Strich Arbeitszeiten haben. Und dass es Menschen gibt, die sich wohl fühlen mit dem was sie tun, auch wenn sie weniger verdienen. Nicht zuletzt gibt es die unterschiedlichen Arten der Ausübung auch, weil Menschen nun mal verschieden sind. Als Highclass Escort arbeite ich, weil es mir liegt, unauffällig in schicken Restaurants zu sitzen und so zu tun als würde ich mich mit Wein auskennen. Weil es für mich kein Problem ist in Luxushotels einzuchecken, als würde ich das schon immer so machen. Aber ich komme weder aus einer oberen Gesellschaftsschicht, noch bin ich irgendwie anders verbunden mit überdurchschnittlich gut verdienenden Menschen. Außer eben als Kundschaft.

 

Ich spiele nur. Und das eben sehr gut. Dass ich mit reichen Leuten arbeite macht mich nicht automatisch selbst reich. Aber Moment – bin ich dann Arbeiterklasse? Ja. Ich bin abhängig von meiner Arbeit, weil ich als Künstlerin ein prekäres Leben führe und einen Zweitjob brauche- den ich zufällig liebe. Arbeiterklasse bedeutet nicht gleichzeitig, dass ich meinen Job verteufeln muss. Wo und wie ich mein Geld verdiene ist dabei egal. Interessant wird es eher bei der Frage wieviel Rechte ich als Sexarbeiterin habe, wo ich gewerkschaftlich vertreten werden kann und wie es mit der gesellschaftlichen Anerkennung aussieht, kurz: Wo ich stattfinde als Teil der Gesellschaft. Und da geht die Misère erst los, denn: Ich rede bis dato aus der Perspektive einer weißen, westlichen, heterosexuellen cis-Frau. Das ist ein Privileg. Aber nicht, dass ich als Sexarbeiterin für gut verdienende Menschen arbeite. Denn auch das kann Nachteile haben. Ich vermisse manchmal das (räumlich) gemeinschaftliche Miteinander wie im Bordell, der Austausch mit den Anderen, der beschützende Security. Ich arbeite allein. Ich habe danach keine Kolleg*innen um mich, denen ich von schlechten Zungenküssen und distanzlosen Typen, von inspirierenden Menschen und wunderschönen Momenten erzählen kann. Das ist beispielsweise eine psychologische Belastung, die in keiner Argumentation vorkommt. Weil klar: ich bin ja auch “die Privilegierte”, da verdient man nur viel Geld und hat keine Probleme.

 

So viel verdiene ich übrigens gar nicht. Ich muss meinen Lohn versteuern und habe zu der Arbeitszeit an sich auch noch Vor- und Nachbereitung. Da ich im gehobenen Preissegment unterwegs bin, investiere ich auch gern mehr in Kleidung und Unterwäsche, Haare und Make Up.  Außerdem ist es wie in jedem selbstständig ausgeübten Beruf: Ich weiß nicht genau wann die Jobs reinflattern. Manchmal habe ich in einer Woche zwei Dates, manchmal wochenlang keins. Runtergerechnet habe ich als “Edelprostituierte” laut Steuerberaterin ein Einkommen von durchschnittlich 2000 Euro brutto im Monat- ehrlich gesagt finde ich das nicht sehr privilegiert.

 

Die Kund*innen mit gut gefülltem Konto sind übrigens nicht weniger anstrengend als diejenigen, mit weniger finanziellen Mitteln. Auch das spielt in Argumentationen nie eine Rolle. Ich hatte mal ein Date in Zürich mit stinkreichen Jungs, in der Villa ihrer Eltern und das war schrecklich; Die Respektlosigkeit arbeitenden Personen gegenüber war erstaunlich. Auch das Bewusstsein über das Verhältnis, was bei dem Austausch von Geld und Dienstleistung entsteht war quasi nicht vorhanden. Ich hatte auch Dates mit weniger reichen Menschen, die viel mehr auf Augenhöhe stattgefunden haben und bei denen sich die Kund*innen dauernd bewusst waren, dass sie gerade Geld ausgeben, für etwas, dass ihnen ohne Bezahlung anscheinend niemand geben will oder kann. Und ich hatte Dates, die waren so unbeschreiblich schön und so wertvoll, dass ich das Geld am Ende vergessen habe und es irgendwie komisch fand, überhaupt welches dafür zu bekommen.

 

Jede Form von Sexarbeit – wenn es Sexarbeit ist und nicht Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung – hat Respekt verdient und kann nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wozu auch? Ha! Wird da vielleicht eine emotionalisierende Argumentationsstruktur von Prostitutionsgegner*innen und Befürworter*innen des Nordischen Modells benutzt? Fast wie in einem Märchen, mit den Guten und den Bösen?

 

Aber so einfach ist das leider nicht. Es gibt nun mal nicht nur Gut und Böse sondern auch was dazwischen. Jeder Teilbereich der Sexarbeit hat seine Vor- und Nachteile. Es gibt unglaublich zehrende Dates, die nicht enden wollen und es gibt angenehme Stunden mit guten Gesprächen. Und das ist okay. Es gibt Kolleg*innen, die sich nicht outen wollen, die nicht “Arbeiterklasse-like” auf Demos gehen, die Fäuste heben und Parolen rufen. Und das ist okay. Es gibt diejenigen, die für Kund*innen mit weniger vollen Portemonnaies ihre Dienstleistungen anbieten und es gibt Menschen wie mich, die sich um die Goldfische kümmern. Und alles hat seine Berechtigung.

 

Aber was sich ändern muss, wenn über Sexarbeit gesprochen wird und über die Unterschiede innerhalb dessen, ist die Anerkennung der Beweggründe aller Beteiligten.

Dafür muss ein gesellschaftliches Konstrukt in Frage gestellt werden, dass grade in Bezug auf Sexarbeit im Kern rassistisch, sexistisch und klassistisch ist. Dafür braucht es eine Neudefinition von Arbeiter*INNENklasse, die das Bild der veralteten, männergeprägten Vorstellung abgefuckter Fabrikarbeiter, die Mollis werfen, überschreibt, aber nicht weniger gefährlich ist.

 

Und nicht zuletzt braucht es dafür die Stimmen von Sexarbeiter*innen aus allen Bereichen.

Ich gehe auf Demos. Mein Gesicht ist auf unseren Fotos nicht verpixelt. Ich gehe so offen wie möglich mit meiner Jobwahl um und versuche mit Aufklärungsarbeit meinen Beitrag zur Entstigmatisierung zu leisten. Aber dass ich das kann liegt schließlich auch an meinem sozialen Umfeld. Ich mache das nicht nur für mich, sondern auch stellvertretend für die, die es nicht können. Und ich finde, das ist ziemlich Arbeiter*innenklasse.