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Das Bordell Europas – eine Utopie

 

Letztens war ich mal wieder in einer Talkshow. Ich durfte mich äußern zu der Frage, ob Prostitution verboten werden sollte. Immerhin hatte diese Fragestellung den Vorzug der Klarheit: wird uns doch oft genug das sogenannte Schwedische Modell, also das Sexkaufverbot als Köder hingehalten, nachdem angeblich wir armen Huren nicht kriminalisiert würden, sondern nur die bösen Leute, die uns bezahlen. Dabei ist dieses Modell genau genommen nichts anderes als ein Prostitutionsverbot, diskret verpackt.

 

 

Das Elend der Bigotterie

 

Jedem, der bis zwei zählen kann, ist klar, dass die Kriminalisierung des Kaufes auch den Verkauf unmöglich macht, außer auf illegalem Wege eben. Zum Beispiel: ein Autor, dem erlaubt bleibt zu schreiben, während dem Leser verboten ist, den Text zu kaufen, dem Verlag, ihn zu veröffentlichen, und dem Buchladen oder Kiosk, Druckerzeugnisse anzubieten, und zwar bei existenzbedrohlichen Strafen und bei Wiederholung auch Gefängnis: wie und wem soll dieser Autor seine Texte anbieten? Natürlich Kriminellen, auf dem Schwarzmarkt, heimlich. Bei einem Buch ist das vielleicht noch ein Abenteuer, aber wenn es um Sex geht, wird es wirklich lebensgefährlich.

Und dass bei diesem Schwedischen Modell auch Bordelle, Agenturen und Websites von Prostituierten verboten werden, ebenso das Mieten von Wohnungen (auch privat), der Besuch eines Hotels, und sogar das Wohnen zu Hause bei den Eltern, ist eine weitere böse Überraschung für meine Kolleginnen in Schweden. Ebenso in den anderen Ländern, wo das schwedische Modell seit Jahren Gesetz ist: Norwegen, Dänemark, Island, Kanada und Frankreich, z.B.. Dort werden Prostituierte zwar nicht bestraft, wohl aber ihre Kunden, und auch ihre Freunde oder Kolleginnen, wenn diese sie z.B. zu einem  Kunden hinfahren oder sich am Telefon bereit halten. Ja, richtig gelesen: zwei Prostituierte, die sich gegenseitig am Telefon in Rufbereitschaft sind oder sich eine SMS schicken, dass alles in Ordnung ist, werden nach dem Schwedischem Modell wechselseitig der Zuhälterei angeklagt.

Wie sicher aber kann man sich als Dienstleisterin fühlen, wenn man seine Dienstleistung nur noch im Darknet und am Autobahnstrich an Kriminelle verkaufen kann?

Und wenn eine Frau mit Prostitution Geld verdient, und ihre pflegebedürftigen Eltern mit dem Geld versorgt, werden auch diese der Zuhälterei angeklagt. Und da Prostitution als bezahlte Vergewaltigung gilt, ist es für Prostituierte fast unmöglich, gewalttätige Kunden anzuzeigen, denn sie taten es ja freiwillig.

 

Dieses Modell möchten die meisten Parteien in Deutschland – natürlich nicht einführen. Die durchweg schlechten Erfahrungen, und der Zuwachs an illegaler Prostitution in den betreffenden Ländern sprechen für sich. Amnesty International ist auch dagegen, die Deutsche Aidshilfe, der Juristinnenbund, die Diakonie, die Sozialarbeiter vor Ort in den Bundesfachberatungsstellen, und natürlich die  Betroffenen.

Auf der Gegenseite: Alice Schwarzer und die EMMA, die das Schlagwort aufbrachte, Deutschland sei das Bordell Europas, und dies sei natürlich ein Skandal! Die Frauenunion fand das auch, die Schwäbischen Landfrauen, ein Nonne namens Lea Ackermann, ein Bündnis evangelikaler Sekten, kurz: der Pietkong, und einzelne Politiker wie Boris Palmer und Leni Breymaier (MdB), Wahlkreis Aalen-Heidenheim. Letztere war auch in der Talkshow.

Falls die Intention dieser Sendung war, die Menschen vom Ländle aus auf den Pfad der Tugend zu bringen, erwies sich die Idee einer repräsentativen Umfrage zu dem Thema als höchst ärgerlich: Oh Wunder, 77% der Deutschen findet, dass Prostitution nicht verboten werden sollte. Deutschland ist nicht Schwaben.

Die Sendung wäre eine müßige Angelegenheit für mich gewesen, hätte meine Präsenz nicht bewirkt, dass sich viele nette Männer hinterher bei mir gemeldet hätten, die mit mir schlafen wollen. Einer sagte mir, eigentlich sei doch der einzige Weg, die schlechten Arbeitsbedingungen zu verbessern, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Man müsste das ideale Bordell errichten. Das ideale Bordell, davon träume ich schon immer! Zwar wird es schwierig, in der Realität die Mittel, die Immobilie dafür zu finden. Aber hier, in meinem Text, kann ich es ja schon mal als Planskizze entwerfen!

 

Es existiert schon seit Jahren in meiner Phantasie. Ich gehe dort ein und aus. Es ist mein Reich.

Das Bordell meiner Träume – wie sollte es anders heißen als: Bordell Europas

 

Eine Utopie

 

Es sollte ein öffentlicher Ort sein. Einladend für alle Beteiligten. Es versteckt sich nicht. Es ist schamlos. Scham erzeugt nur wieder Scham. Wer in das Bordell Europas geht, der will sich zeigen.

Es ist kein fensterloser Container im Industriegebiet. Es ist in der Innenstadt. Dies auch zur Sicherheit: der Weg von und zur Arbeit muss mit dem öffentlichen Nahverkehr möglich sein. Niemand der hier arbeitet soll angewiesen sein auf ein Auto, einen Fahrer, oder teure lange Taxifahrten.

Auch drinnen geht es schamlos zu: anders als in anderen Bordellen schleichen die Kunden nicht verschämt durch lange Flure. Nein, hier gibt es einen großen Salon, mit einer Bar, eine Tanzfläche mit Livemusik! Einige Huren sind auch Musikerinnen, und können hier, je nach Belieben, als selbstständige Sexdienstleisterin, oder fest engagierte Künstlerin arbeiten, oder beides.

Der Dresscode: Black Tie, halbnackt, Karneval. Wer besonders viel Phantasie beweist, bekommt vergünstigten Eintritt. Frauen zahlen weniger als Männer. Das Haus ist prinzipiell für alle Geschlechter offen, und Huren aller Geschlechter erwarten sie.

Großen Wert legt das Haus auf spektakulär gute Küche. Es ist eine beliebte Ausrede, dass man nur wegen des Essens hingeht. Das Dinner beginnt so spät, dass man bequem nach einem Opern- oder Theaterbesuch hier eintreffen kann. Gern auch mit der eigenen Ehefrau. Prominente lassen sich gern sehen, auch internationale Stars freuen sich auf den Besuch – Fotografieren ist selbstverständlich verboten.

Und dann die Show: nach dem Dinner wird der Abend mit einem Varieté-Programm eröffnet, dargeboten von allen anwesenden Huren, die wollen. Eine tanz vielleicht als Burleske, einen Schleiertanz, eine singt Chansons, eine andere hält einen eloquenten Vortrag, eine führt Zauberkunststücke auf, eine erzählt Witze, eine spielt nackt Ballalaika… Es gibt Shibari-Fesselkunst und Pantomime. Ein besonderes Highlight ist der umgekehrte Striptease, bei dem eine nackte Unschuld die Bühne betritt, und sich dann frivol kleidet, und damit eine Rolle einnimmt – jedes Mal eine andere. Der Charme besteht nicht im sogenannten künstlerischen Niveau, sondern in der Echtheit: die Schaulustigen genießen den verruchten Schauer, echte Huren zu sehen, die sie, vielleicht, im Anschluss, an ihren Tischen bitten werden (Getränkeprovision für die Hure!), und sie um ein intimes Stelldichein bitten könnten – in der Hoffnung, erhört zu werden.

Die Teilnahme am Bühnenprogramm ist spontan und freiwillig. So wie alles, was die Huren anbetrifft, die sich hier zu Hause fühlen sollen. Im Bordell Europas müssen die Huren keine Zimmermiete oder Eintritt bezahlen, so wie das in Laufhäusern oder Saunaclubs der Fall ist. Provision wird natürlich auch nicht genommen. Die Huren behalten ihre individuell selbst festgelegten Honorare, und erhalten zusätzlich eine Aufwandsentschädigung für ihre hochgeschätzte Anwesenheit.

Die Gäste hingegen zahlen einen so hohen Eintritt, dass es sich rechnet für das Haus. Denn staatliche Subventionen sind wohl nicht zu erwarten, auch wenn der Ort ein Tourismusmagnet ist. Wenn ich mir überlege, was meine Kunden zahlen für Dinner, Hotel und Champagner, dann sollte der Eintritt um die Tausend Euro pro Person liegen. Dafür bekommt er das Menü des Tages, die Bühnenshow, und alles, was er nur mit den Augen berührt. Und die Musik nach der Show, an den Plattentellern DJane Gloria Viagra.

Die Zimmer in den oberen Etagen stehen jedem zur Verfügung, der handelseinig wird. Jedes hat ein eigenes Bad, kostenlose Kondome, ein Bullauge mit Blick auf die Tanzfläche unten, einen Notausgang über die Feuerleiter und ein Notrufsystem. Aber man kann auch auf dem flauschigen Teppichen im Flur übereinander herfallen, oder im Hammam, oder mitten auf der Tanzfläche. Oder in den dekadent dekorierten Toilettenräumen. In dem kleinen Kino mit sorgfältig kuratierten Pornofilmen unter dem Dach. Oder im Keller, wo versierte Doms und Dominas wunderbare Spielzimmer für BDSM und andere Fetische eingerichtet vorfinden.  Nur die Küche ist tabu, und der Backstagebereich.

Natürlich ist es für jede regelmäßig Hure möglich, eines der Boudoirs exklusiv für sich zu reservieren und sich dort fest zu installieren. Bei dauerhafter Reservierung über ganze Monate ist der Preis nicht über dem Mietspiegel. In den Zimmern übernachten, wenn die Gäste gegangen sind, ist für alle gratis möglich, die in den Stunden davor dort gearbeitet haben. Niemand wird auf die Straße gesetzt. Ein Schutz vor häuslicher Gewalt und Zuhälterei: Das Sicherheitsteam sorgt dafür, dass kein wutentbrannter Hahnrei, oder ausbeuterischer Loverboy sich Zugang verschaffen kann. Nette Sozialarbeiter, die das Vertrauen der Huren genießen, dürfen gern am Nachmittag zum Frühstück kommen.

Das Frühstück gibt es im Aufenthaltsraum Backstage. In der traditionellen Puffküche, wo geraucht und gelästert wird. Backstage sind auch die Garderobe, Toiletten und Duschen für die Huren, das Puderzimmer mit den Schminktischen, wo es besonders lehrreich ist, die Transfrauen bei ihrer Verweiblichung zu studieren. Und dann gibt es natürlich die Betriebs-Kita für die kleinen Hurentöchter und Hurensöhne –  inklusive Hort, Hausaufgabenhilfe und Nannys, die die Kinder auch nachts betreuen und ihren Schlaf behüten, wenn Mama oder Papa arbeiten. Zur Not sind die Eltern nie weit. Außerdem gibt es einen Ruheraum, einen Computerraum, einen Späti mit speziellem Sortiment, eine Apotheke, eine Krankenstation, und eine vom Gesundheitsamt betreute Fixerstube – harte Drogen sind zwar im Haus tabu, Gäste, die Drogen mitbringen, erhalten Hausverbot. Aber sollte eine Hure drogenabhängig sein, bekommt sie Hilfe, und muss sich nicht draußen auf der Straße in Gefahr begeben. Alle medizinischen Einrichtungen sind bevorzugt für Huren ohne Krankenversicherung. Eine Masseuse stellt sich auch im Laufe des Abends ein, um zwischendurch die Stöckelschuh-geplagten Füße zu massieren.

Tagsüber finden in den Räumen Seminare und Fortbildungen statt: Sprachkurse, Steuern & Buchhaltung, erotische Hypnose, Psychohygiene, Rechtsberatung, Chiromantie, Tanz- und Yogakurse, intersektioneller Feminismus. In Kooperation mit den Instituten für Gender Studies, Geschichte und Sexualkunde der Universitäten Berlins. Diese Lehrveranstaltungen sind auch für die Student*innen dieser Institute geöffnet. Respektvoller Umgang vorausgesetzt. Auf dem Dach kann man sich sonnen. Das Kino zeigt nachmittags dreimal in der Woche Kinderfilme.

Einen Gebetsraum brauchen wir nicht.

 

Wo in Berlin könnte ein solches Haus stehen? Es müsste an den Orten der nächtlichen Flaniermeilen sein. Idealerweise in der Nähe zum Straßenstrich, um von den Huren dort in Betracht gezogen zu werden. Vielleicht zwischen Kurfürstenstraße, Ku´damm und Kreuzberg? Da steht doch schon so ein großes Theater, das Goya! Nehmen wir doch das. Alternativ würde der Admiralspalast eine geeignete Immobilie darstellen. Dort war schließlich schon mal so ein Vergnügungstempel, in den Goldenen Zwanzigern. Oder Karstadt am Hermannplatz! Oder das leere Stadtschloss, sobald wir das ganze Diebesgut zurückgegeben haben!

Und wer soll so ein Haus leiten – am besten ohne Streben nach Profit? Es kann nur ein Kollektiv der Menschen sein, die selbst dort arbeiten: Huren, Barkeeper, Bühnentechniker, Zimmermädchen. Vom Restaurantchef bis zur Reinigungskraft, vom Pressesprecher bis zum Hausmeister. Das Bordell Europas muss eine Genossenschaft sein. Diese Genossenschaft regelt basisdemokratisch die Hausordnung, ersinnt Regeln gegen Preisdumping und gegen Ausgrenzung,  und hält gute Beziehungen zu Behörden, Lokalpolitik und Aktivistinnen der globalen Hurenbewegung. Im Kampf gegen das sexuelle Elend, und das Elend in der Prostitution. Was steht in Leuchtschrift über den Portal?

Huren aller Länder, vereinigt euch – hier!

 

 

Utopisch

 

Es ist utopisch. Es ist unmöglich. Zum Scheitern verurteilt.

Die Gründe sind Legion: Die Auflagen des Bauamts, die Behörden, die Sperrbezirksträume der Eigentümerversammlungen in der Nachbarschaft, die in Berlin so leben wollen wie in Villingen-Schwenningen.

Dann natürlich die sagenumwobene Rotlichtmafia, die wohl spätestens dann persönlich bei mir vorstellig werden wird, Schutzgelder abzupressen. Und ist nicht eh die gesamte Baubranche in Mafiahänden?

Auf der anderen Seite natürlich innere Konflikte: Streit in der Genossenschaft, Gier und Neid, und Burnout für alle vor der Eröffnung, kurz die menschliche Schwäche.

Aber der größte Fehler von allen liegt wohl im System: mein Bordell Europas, es ist ein Luxus-Schuppen. Und damit vollständig abhängig von dem entsprechenden Klientel. Luxuskundschaft. Reiche Leute. Aber die Reichen, die machen so etwas nicht, die würden einander niemals im Bordell begegnen wollen. Die sind verschämt, wenn es ums Ficken geht, die meisten. Verdrängte Scham für ihren Reichtum, verständlicher Weise. Verdrängt und verlagert, auf die Libido. Verschämte Sünder, Feiglinge, Spanner, Tatort-Publikum. Ja, die bürgerliche Gesellschaft… es gibt kein richtiges Bordell im Falschen.

 

 

 

Dieser Text erschien am 23.5. 2021 in der Berliner Zeitung am Wochenende.