Kommentar zur Forderung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Prostitution zu verbieten.
In den letzten Tagen fragten mich Freunde mehrfach: Wie geht es dir? Wie geht es dir damit, dass die Bundestagspräsidentin öffentlich sagt, dass sie Leute wie dich in Deutschland nicht will? Dass Prostitution verboten werden soll? Und dass die Frauen der Regierungspartei die Forderung bekräftigen? Wie geht es dir mit Journalisten, die, von Bauchgefühl und falschen Zahlen geleitet, Desinformationen über deinen Beruf verbreiten? Und diese Formulierung: dass man nicht hören sollte auf diese „privilegierte Minderheit“, die „in den Talkshows sitzt“, „als Lobby“, und davon spricht, dass sie diesen Beruf freiwillig macht – bist du damit gemeint? Du warst doch mehrmals in Talkshows.
Was soll ich antworten?
Es ist doch nicht wahr, dass wir Huren in Deutschland unerwünscht sind. Die meisten Leute haben dieselben Existenzängste und Geldnöte wie wir Huren. Sie verstehen, dass man für Geld auch Dinge tut, die man ohne Bezahlung vielleicht nicht täte. Oder nicht so oft. Oder sogar ganz und gar nicht. Friseurinnen, Tresenfrauen oder Altenpflegerinnen fühlen sich nicht peinlich berührt durch unsere Art, im Kapitalismus zu überleben. Sie fühlen sich stattdessen peinlich berührt, und zwar buchstäblich, von ihren Arbeitgebern, denen sie allerdings überhaupt keine Sexdienstleistung mitverkaufen wollten beim Verkauf ihrer Arbeitskraft.
Unbehagen gegenüber legaler Sexarbeit – das verspüren eher so die Sorte Leute, deren Stimme über die Leitmedien dringt. Die Herrscher von Debattendeutschland. Politiker, Journalisten. Eine privilegierte Minderheit eben.
Das Argument, mich mundtot zu machen
„Es geht nicht um die Handvoll privilegierter, gut bezahlter und selbstbestimmter Escorts. Es geht um die anderen 90 Prozent, die diese Privilegien nicht genießen, sondern in bitterer Armut gefangen sind und Ihre Dienste jedem für nur 20 Euro anbieten.“
Und diese verrückten Zahlenspiele: 99%? 90%? 80%? Über 50%? Diese Zahlen, die man überall bekommt (#Bauchgefühl), sind frei erfunden. Es gibt keine Belege, und es kann auch begreiflicherweise keine geben. Wie sollte man es auch wissen können?
Ich kann ja auch mal eine Phantasiezahl in den Raum werfen: 90% der modernen Sexarbeit läuft über das Internet, und nicht in Bordellen oder am Straßenstrich.
Immer mehr Menschen jeden Geschlechts wenden sich an mich: sie wollen auf meine Website. Sie wollen auch Hetären sein, ich soll sie dazu machen. Während es früher zwei bis drei monatlich waren, die sich über das Bewerbungsformular meiner Website meldeten, sind es seit diesem Sommer bis zu fünf pro Woche. Es gibt Sexarbeit in online-Plattformen und über Dating-Portale, und es gibt Sugardaddy-Foren. Es gibt offenbar eine unüberschaubare Zahl von Personen jeden Alters, die auf diese Weise Geld verdienen wollen. Mich, die ebenfalls ihr Geld auf diese Weise zu verdienen versucht, aber dabei nicht ohne Mühe eigenen Preise und Bedingungen durchsetzt (glauben Sie mir, ich rücke nicht von meinen Preisen ab, nur weil andere es immer billiger machen) – mich deshalb als „privilegiert“ zu bezeichnen ist eine Unverschämtheit. Und es ist vor allem: privilegiert.
Die Grundrechenarten
Abgesehen von den Fällen von echtem Zwang und Nötigung, um die sich nicht Debattendeutschland zu kümmern hat, sondern die Staatsanwaltschaft: Freiheit und Freiwilligkeit der Berufsausübung im Kapitalismus bedeutet immer: unter dem Zwang der Ökonomie. Manche Menschen müssen nunmal Geld verdienen. Aber warum gerade in der Prostitution? Es ist ja nicht so, dass es keine anderen Jobs gäbe. Nur weil man mal eine Hure war, ist man ja heutzutage nicht mehr so sozial geächtet, dass man sich nirgendwo anders mehr ausbeuten lassen dürfte. Welche Alternative bietet sich denn den Huren auf der Straße? Wie viel verdient man im Billiglohnsektor?
Was verdient man so im Nagelstudio, als Reinigungskraft oder hinter dem Tresen? Berufe mit mehrjähriger Ausbildung nicht ausgenommen: Tierarzthelferin, Kassiererinnen, diverse Geisteswissenschaften? Als unbekannter Künstler?
Mal angenommen, es sind 1500 im Monat. Oder sagen wir großzügig: 400 in der Woche? Also weniger als 60€ am Tag? Und was als Bürgergeld-Aufstocker in Gelegenheitsjobs, inklusive Flaschensammeln? Man stelle sich mal vor: Diese Menschen, die so arm sind, sind deswegen keine unmündigen Kinder, diese Menschen beherrschen die Grundrechenarten, notgedrungen. Und entscheiden sich dann, wenn sie hübsch sind, womöglich freiwillig, an manchen Tagen eben rund 20 Männern einen Blowjob zu geben, für 20 Euro – um das Geld einer ganzen Woche an einem Tag zu verdienen. Oder Sex für ein paar Euro mehr. Wenn die Miete fällig ist, ist man in Berlin zu vielem bereit. Ich war auch, am Beginn meiner Karriere, ein paar Mal im Bordell meines Vertrauens, wenn ich pleite war und niemanden um etwas bitten wollte.
Das findet so mancher unerträglich? Es triggert seine verfeinerte Empfindsamkeit?. Dafür habe ich doch Verständnis! Die Welt ist gar nicht gut. Und man kann so wenig dagegen machen. Sozialpolitik – das Bohren dicker Bretter. Stattdessen ist Kulturkampf und Stimmungsmache doch viel schöner, viel effektiver für die Karriere auf der politischen Bühne.
Heldinnen
Was Menschen in der Prostitution jeglicher Couleur gemeinsam haben: sie wollen niemandem zur Last fallen. Sie sind gewohnt, für sich selbst einzustehen. Sie sind eine unverzichtbare Stütze für ihre Kinder, Angehörigen und ihre Community. Und sie können dabei immer noch freundlich bleiben, lächeln, charmant sein. Sie besitzen innere Anmut. Sie sind keine passiven Opfer. Sie kämpfen und lieben. Diese Menschen verdienen für mich einen „Heldinnen-Award“.
Aber die kognitive Dissonanz verbietet es, in Huren etwas Positives zu sehen.
Den luzidesten Kommentar fand ich weder in der ZEIT noch in der FAZ, noch in der SZ, sondern (per GoogleAlert) in einer fast unbekannten kleinen Gütersloher Online-Gazette, von einem Marketing-Menschen namens Christian Schröter:
Freiwillige und unfreiwillige Sexarbeit wird ununterscheidbar. Der Staat entscheidet, wer „Opfer“ ist – selbst gegen deren erklärten Willen. Das Ergebnis ist Bevormundung unter dem Etikett des Schutzes.
„Opfer“ sein bedeutet heute nicht mehr Stigma, sondern moralische Autorität. Doch diese symbolische Aufwertung hat eine Kehrseite: sie entzieht dem Einzelnen seine Handlungsfähigkeit – und damit seine Würde. Sollte beispielsweise eine führende Politikerin öffentlich erklären, sie sei Opfer sexueller Gewalt geworden, wäre sie politisch kaum haltbar. Nicht wegen des Skandals, sondern weil Opfersein und Macht sich in unserer Wahrnehmung ausschließen. Opfer dürfen leiden, nicht führen.
Ich sehe nicht nicht als Opfer meiner Verhältnisse. Ich sehe mich als Mittäterin. Doch ich bin mir keiner Schuld bewusst, außer der, die wir alle auf uns laden, der eine weniger, der anderer mehr: Teil dieses zerstörerischen Wirtschaftssystems zu sein. Ich würde sofort aufhören – aber nur gleichzeitig mit euch allen. Ob ich dann noch mit euch schlafen würde?
Vielleicht?