Von Jeanne Le Guinn
Ich stehe in der Eingangstür meines Apartments und blicke auf den kleinen Handybildschirm. Das kleine schwarze Auto bewegt sich langsam auf meinen Standort zu, fast zögerlich, als wüsste es um die Bedeutung dieser wenigen Minuten, die zwischen Innen und Außen liegen, zwischen Vertrautheit und dem, was sich gleich öffnen wird. Wenn ich jetzt die Treppe hinunterginge, würde ich die Haustür genau in dem Moment öffnen, in dem das Taxi vorfährt. Mein Blick streift noch einmal durch die Wohnung. Fast hätte ich etwas vergessen.
Ich gehe hinüber zu meinem Schminktisch im Erker – schwer, aus dunklem Holz – die Flakons sind brav nebeneinander drapiert und warten auf ihren Einsatz. Ich greife zu meinem Lieblingsparfum: Poivre Samarcande von Hermès. Es ist ausschließlich für Escort-Dates reserviert. Wenn ich es auftrage, passiert etwas. Der grüne Pfeffer öffnet die Sinne, klar, fast streng; der rauchige Moschus legt sich darunter, warm, weich, animalisch; das trockene Zedernholz zieht eine Linie durch alles, schafft Struktur, Ruhe, Haltung. Ich trage den Duft nicht direkt auf die Haut. Ich sprühe ihn in die Luft und schwebe durch die Wolke hindurch. Eine Schwelle, ein Übergang tut sich auf … ich gleite hinein in die Nacht und in das Unbekannte.
In die Nacht
Das Taxi fährt langsam durch die Zürcher Innenstadt. Ich blicke aus dem Fenster in glückliche Gesichter – es ist Abend, für viele die Zeit der Muße, des Überflusses, des Fests.
Die Momente unmittelbar vor einem Escort-Date sind unbeschreiblich. Da ist keine Nervosität, kein Lampenfieber, sondern eher eine Verdichtung der Stille und der Ruhe, ähnlich einer Konzentration, die sich warm über den gesamten Körper ausbreitet und leicht pulsiert. Ich werde wacher, aufmerksamer, durchlässiger und spüre das Kribbeln im Bauch.
Ich denke an seine Nachrichten. Kurz. Höflich. Diskret. Kein überflüssiges Wort, keine falsche Intimität. Ich frage mich, wie er wohl sein würde. Ob seine Stimme tiefer klänge, als ich sie mir vorstellte. Ob er Blickkontakt halten würde und ob er die Stille zwischen zwei Sätzen aushalten kann. Er bleibt ein Unbekannter – und gerade darin liegt die eigentliche Einladung: im offenen Raum zwischen Erwartung und Wirklichkeit. Projektion ist die eleganteste Form des Begehrens.
Hochgefühl
Langsam wird es stiller und dunkler, und die Lichter verdünnen sich, während wir den Stadtrand erreichen und das Taxi die ersten Steigungen des Zürichbergs nimmt. Die Straße windet sich in großzügigen Kurven hinauf, vorbei an Villen und gepflegten Gärten – der stadteigene Mulholland Drive, nur mit besseren Steuersätzen.
Unter uns beginnt Zürich zu leuchten – eine Ansammlung kleiner, geschäftiger Lichter, die sich wie eine Sichel um den schwarzen See legen. Und weiter oben, aufgestellt wie nachtschwarze Leinwände: Man sieht sie nicht, aber ich kenne sie, die tragische Schönheit der Berge, das Gefühl der Unendlichkeit, das einen erfasst, wenn man sich in ihrer Gewalt befindet. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das mich vor einem Escort-Date durchströmt: die Berührung mit etwas Universellem, das im Zusammentreffen mit dem Unbekannten liegt. Eine Euphorie, gedämpft in stiller Melancholie.
Sich finden
Die Nacht scheint plötzlich heller zu werden, doch es ist nur die Wärme der Lichtquelle, die vor uns liegt. Wir fahren auf das Dolder zu, das elegante Grand Hotel der Belle Époque, dessen Lichter vor uns sanft glitzern. Das ehrwürdige Alpenschloss mit Türmchen thront über der Stadt, seine Fassade umarmt all die flüchtigen Begegnungen der Vergangenheit und gibt ein Versprechen an die Zukunft: für Glamour, Ekstase, für den Luxus des Moments.
Während das Taxi langsam über die Kiesel der Auffahrt rollt, sehe ich die nächsten Augenblicke klar und deutlich, beinahe filmisch vor mir. Bald wird das Taxi zum Stehen kommen. Ich werde dem Fahrer ein warmes Lächeln schenken, er, ein Unwissender, aber dennoch eingeweiht in die Perfektionen, die den Abend umgeben. Gleich werde ich durch den Eingang gleiten. Das Klacken meiner italienischen Lederpumps wird im Teppich des Foyers versinken. Ich werde meinen Blick durch die Bar schweifen lassen – doch nur kurz. Denn ich werde sofort wissen, wer er ist.
Wir haben uns nie gesehen. Wir sind Fremde. Und doch haben wir uns bereits etwas versprochen. Es liegt in dem Blick, dem Begehren, das uns durch den Raum verbindet. Wir haben uns ein Versprechen gegeben, ohne uns jemals begegnet zu sein:
Wir glauben an die Erotik des Moments.