von Mika Salaí
Was, wenn ich ihn abstoßend finde? Ein Klient, der mich optisch null reizt – oder schlimmer noch, mich regelrecht ekelt? Was dann?
Diese Frage brennt vielen unter den Nägeln. Und ich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich sie höre. Weil sie so viel mehr über die Fragenden aussagt, als über mich.
Vielleicht ist es unser aller Glück, dass ich einfach nicht meine Klappe halten kann – oder will. Schließlich wäre es ja schade um all die Wahrheiten, die dann ungesagt blieben. Ich bin in vielerlei Hinsicht sehr talentiert, doch die Dinge, an denen ich gnadenlos scheitere, sind oft solche, die mich nicht aufrichtig interessieren.
Doch nicht ganz freiwillig?
Ja, was dann? Im ersten Schritt entlarvt diese Frage – besonders wenn sie mit weit aufgerissenen Augen und einem angespannten Mund gestellt wird – doch nur das eine: die versteckte Vermutung, ich würde all das hier doch nicht ganz freiwillig machen. Sonst wäre die Antwort ziemlich naheliegend, oder? Was machst du, wenn du nicht mit einer Person schlafen möchtest? Eben, du tust es halt nicht (zumindest hoffe ich das aufrichtig). Viele von euch glauben immer noch, dass mein Honorar mich meiner Entscheidungsfreiheit beraubt – dass ich, sobald das Geld auf dem Tisch liegt, keine Kontrolle mehr darüber habe, was geschieht. Dass diese Scheine mich in eine willenlose Marionette verwandeln, die entweder alles über sich ergehen lässt oder fluchtartig das Hotelzimmer verlässt. Dass es bloß eine ausgetüftelte Marketingstrategie sei, wenn ich sage, mein Honorar erregt mich. Ein reiner Euphemismus für die Behauptung, dass Geld ein simpler Anreiz für manche Grenzauslotungen sei.
Aber ich glaube, dass dieses Schwarz-Weiß-Denken euch früher oder später zum Verhängnis wird. Ich frage mich: Wie navigiert ihr eine Welt, die voller Grauzonen ist, wenn ihr euch nur an Extremen festhaltet?
Männer dürfen nach Geld streben – im Gegenteil, es macht sie oft noch begehrenswerter. Und wenn sie dann erfolgreich sind und sich daran ergötzen – mit Stil, wohlgemerkt – dann sei ihnen auch das gegönnt. Dass sie eventuell Dinge getan haben, die sie ohne diesen Anreiz nicht in Erwägung gezogen hätten – z. B. auf Sex mit der Ehefrau verzichtet, weil sie sich auf der Arbeit so verausgaben, dass ihnen keine Kraft mehr für ein erotisches Vorspiel bleibt, oder über diesen schlechten Witz ihres Chefs gelacht haben, den er bereits zum hundertsten Mal erzählt –, bleibt meist unerwähnt.
Diese Dinge sind vielleicht nervig, vielleicht kurz unangenehm – aber sie rauben niemandem den Schlaf. Im Gegenteil: Diese Männer wissen genau, wofür sie es tun. Sie wollen mit 40 in den Ruhestand gehen, um dann nur noch das zu tun, was ihnen wirklich gefällt.
Zugegeben, der Vergleich ist nicht perfekt, aber er macht eines deutlich: Sex work is work – and it’s work that I am choosing. Ich hätte auch die allzu gängige Frage stellen können, wie gern manche von euch wirklich acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, im Büro vor einem Computer sitzen. Aber auch das wird langsam zu langweilig. Und es klingt alles noch viel zu sehr danach, als müsste ich mich zu meiner Arbeit schleppen. Als wäre ich nicht mit Stolz erfüllt, wenn ich davon erzähle. Oder als hätte ich nicht immer noch vor einem ersten Date Schmetterlinge im Bauch. Als würde ich das natürliche High nach einem Date nicht vollends auskosten – und ja, der Haufen Scheine in meiner Tasche trägt dazu bei, ebenso wie das anhaltende Gefühl zwischen meinen Beinen und das Wissen: Diese Person hätte weiß Gott wen haben können – und hat sich stattdessen dafür entschieden, meinen unbändigen Sturkopf sündhaft teuer für dessen Gesellschaft zu bezahlen.
Die Freiheit, die mir all das bietet, plus der Umstand, dass meine Arbeit mich dorthin führt, wo andere sich einzig dem Genuss und der Entspannung hingeben – in exklusive Hotels, luxuriöse Restaurants und Wellness-Oasen – lässt mich oft wundern, warum ich das überhaupt noch weiter erklären muss. Ganz ehrlich: Willst du mir wirklich sagen, dass dich diese Vorstellung nicht reizt?
Geben und Nehmen
Doch genug der prachtvoll geschwungenen Zeilen – du willst eine klare Antwort, nicht wahr? Was also, wenn mir mein Gegenüber wirklich widerstrebt?
Noch einmal für alle: Wenn es wirklich schlimm ist, dann gehe ich einfach. Dazu ist es bisher allerdings noch nie gekommen. Und wie ich das sehe, gibt es auch da ein paar Möglichkeiten:
Die eine ist, dass ich die Person gar nicht so sehr wegen ihres Äußeren abstoßend finde, sondern charakterlich. Das ist schon ein größeres Problem, vor allem bei einem längeren Date, aber keine Sorge, ich bin ja Profi. Es ist bisher einmal vorgekommen, dass ich mich am Anfang des Dates gefragt habe, ob ich das wirklich weiterführen will. Einfach weil er so überheblich war, so unangenehm auf eine Art, die ich kaum beschreiben kann. Doch ich bin Meisterin darin, das zurückzugeben, was ich bekomme, und beschloss stattdessen, dass ich ihn einfach nicht wiedersehen würde. Er wollte meine Bildung ernsthaft anzweifeln? Okay, es gab genügend Dinge, die ich an ihm anzweifeln konnte. Auf eine charmante Art, versteht sich. Salaí rächt sich nur dort, wo es sich gebührt.
Ein anderes Mal, da dachte ich mir beim ersten Anblick Uff, das wird echt eine Herausforderung, mich auf die Person einzulassen, wurde zu einem der schönsten Erlebnisse, die bis heute noch in mir nachhallen. Er hatte mir zwar schon vorab ein Bild geschickt – obwohl ich nie danach frage, weil es mich ehrlich nicht interessiert. Aber das Bild war offensichtlich alt. Sehr alt. Vielleicht ein Jahrzehnt.
Optisch fand ich ihn auf den ersten Blick… beinahe abstoßend. Und ich weiß, wie schlimm das klingt. Dass das genau die Sorge von vielen Männern ist, die mich buchen. Ich setzte mich zu ihm, und es dauerte nicht lang, bis ich feststellte, dass er ein großer Gentleman war und wir uns über viele Themen stundenlang austauschen konnten. Er hatte mir sogar ein Geschenk mitgebracht, eine aufmerksame Geste, die ich sehr zu schätzen wusste und die bis heute noch einen Platz neben meinem Bett hat.
Ich war zu dem Zeitpunkt bereits vollkommen unbesorgt, was auch die körperliche Intimität anbelangte – gute Gespräche können schließlich so erregend sein und eine authentische Verbindung zwischen zwei Menschen herstellen. Doch dann kam es noch besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Er ließ mich Dinge mit ihm tun, die sonst nur wenige genießen können – doch ich glaube, das war genau das, wonach er gesucht hatte. Er befolgte meine Anweisungen minutiös und bevor es so weit war, schrie er meinen Namen: „Mika! Mika!“ immer und immer wieder. Das ist ein Klang, der noch heute in mir nachhallt.
Also, was mache ich, wenn ich jemanden auf den ersten Blick eher abstoßend finde? Ich schaue, ob wir anderweitig Dinge gemein haben, Dinge, die uns verbinden. Das ist auch ein Teil dessen, weshalb es von Vorteil sein kann, einen Profi wie mich zu daten. Zu meinem Service gehört unter anderem, genau diese Dinge herauszukitzeln, mich wohlwollend auf die Suche nach ihnen zu begeben und dann, wenn ich sie gefunden habe, großzügig zu zelebrieren.
Beim privaten Dating spielen oft andere Motive eine Rolle. Menschen sind entweder nicht bereit, hinter den ersten Schleier zu blicken, oder wenn sie es doch sind, dann oft, weil sie dich um einiges mehr erleichtern wollen als ich. Manche sagen, mein Honorar sei unverschämt, doch ich glaube das ehrlich gesagt nicht. Du bekommst mein Alles, das Beste vom Besten – und dann gehe ich wieder und lasse dich liebevoll zurück. Dein Leben bleibt von mir unberührt, auch wenn es deiner Seele vielleicht anders geht.
Sie wiederum will kein festgelegtes Honorar. Doch sie, von der manche behaupten, sie gäbe sich umsonst hin, will dein halbes Vermögen, dein halbes Einkommen und einen Ring. Sie will morgens liebevoll geweckt werden und abends eng umschlungen einschlafen. Dazwischen sollst du dafür sorgen, dass die Klobrille hoch- bzw. heruntergeklappt ist – und wehe, du arbeitest zu lang und hast danach keine Energie mehr für ein romantisches Tête-à-Tête.
Macht
Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die je nach Ausmaß relativ leicht zu bewältigen ist: Was, wenn die Person nicht gänzlich abstoßend aussieht, aber unangenehm riecht? Wie gesagt, die Intensität macht hier die Musik. Macht die Person sonst einen gepflegten Eindruck, kann ich vermuten, dass der Angstschweiß vor einem ersten Date es vielleicht einfach nicht gut meinte. In dem Fall schicke ich ihn entweder allein unter die Dusche, oder wir gehen gleich zusammen – und ich schrubbe ihn gründlich mit Seife frisch.
Das ist für die meisten Männer sowieso eine Lernerfahrung. Denn ja, Seife ist gut – aber einen Schwamm mit Seife zu nutzen, ist noch viel besser und sollte der Standard sein. Mit den Händen ein bisschen einreiben und Wasser drüber laufen lassen? Das ist keine Dusche, das ist eine Katzenwäsche.
Es sind oft die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Ob es nun ein Mann ist, der von Angstschweiß geplagt wird, oder einer, der denkt, dass der gleiche Finger in meinen Arsch und meine Pussy gehört.
Wissen ist Macht. Und manche Männer haben da noch einiges nachzuholen.