00491734208782 mail@hetaera.de

 

Mein neues Leben als Lobbyhure oder wie ein Abgeordneter mich freundlich aufforderte, auf meine Bürgerrechte zu verzichten.

 

Letzte Woche war ich seit langem wieder mal auf der Straße. Nicht auf dem Strich, sondern auf einer Demo. Vor dem Abgeordnetenhaus. Dort fand am Dienstag nämlich die erste Sitzung des neuen parlamentarischen Arbeitskreises „Prostitution – Wohin?“ statt. Ins Leben gerufen von den Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich (CDU) und Leni Breymaier, dem schwäbischen Mutterschiff der SPD Baden-Württemberg, die gerade für das „Sexkaufverbot“ gestimmt hat – also für die Abschaffung der Prostitution. Prostitution wohin? – Ja, wohin, wohin damit, quo vadis, was macht ein deutscher Staat nur mit dir, der dich nicht einfach sein lassen kann, wo und was du bist, oh „ältestes Gewerbe der Welt“? Uns Huren, die wir uns spontan zu der kleinen Kundgebung vor dem Abgeordnetenhaus versammelt hatten, schwante, dass es ziemlich klar war, wohin es mit uns und unserem Beruf gehen sollte: nämlich in Richtung Verbot, in die Illegalität.

 

 

Nordische Moral

 

Leni Breymaier und andere sogenannte „Abolitionisten“ (das Wort haben sie von der Bewegung der Sklavenbefreiung geklaut, ich fände ja besser, wir bezeichneten sie als das, was sie sind, nämlich: Neo-Puritaner) sind Verfechter des sogenannten „Schwedischen Modells“ – sie nennen es lieber noch „Nordisches Modell“, ganz so als ob die Nordische Welt wieder das Ziel kultureller Einordnung Deutschlands, respektive Germaniens wäre! Das Schwedische Modell ist eine Art Saubermann-Puritanismus, nach dem zwar nicht die armen Huren kriminalisiert und hinter Gitter gebracht werden (vielen Dank!), aber alles getan wird, um ihnen das Handwerk unmöglich zu machen: vor allem die „Freierbestrafung“, das Sexkaufverbot.

Wie bitte, man bestraft keine Huren, verbietet aber Sexkauf, nimmt ihnen also den Lebensunterhalt? Ja, genau. Das ist ganz so, also ob man einem Journalisten sagen würde, wir sind dagegen, dass du für deine Arbeit bestraft wirst, du darfst das weiter machen, aber wir bestrafen alle, die Zeitungen kaufen oder gar lesen, wir verbieten Druckereien, Redaktionen, und selbst im Internet eine Zeitung oder einen persönlichen Blog betreiben darfst du natürlich auch nicht. Du darfst deine Texte auf der Straße verteilen, aber natürlich nicht überall, nicht in Innenstädten oder in kleinen Gemeinden, und wer dabei erwischt wird, dass er dir einen Text abkaufen will, kann mit hohen Geldstrafen und bei Wiederholungstaten auch mit Gefängnis bestraft werden. Und das tun die Abolitionisten, weil sie glauben, dass Journalismus, äh, Sexarbeit etwas per se Schlechtes ist, institutionalisierte Vergewaltigung, patriarchale Struktur, die Frau als Ware, reiner Zwang (oder Psychose), etwas, das wir als Gesellschaft nicht wollen. Aber die Huren, die sollen nicht bestraft werden. Die bekommen Hilfsangebote. Sie dürfen eine Weiterbildung zur Putzfrau in einer Zeitarbeitsfirma machen, oder, wenn sie Ausländerinnen sind, bekommen sie ein Gratis-Oneway-Ticket in ihr Herkunftsland. Vielleicht werden sie dort dann wie Kriminelle behandelt, wenn herauskommt, dass sie hier in Deutschland Prostituierte/Zwangsprostituierte waren (was soll die Unterscheidung, Spitzfindigkeiten…), aber das geht die Abolitionisten ja nichts an.  Sie haben sie immerhin gerettet. Und, wie ein US-Polizeibeamter jüngst twitterte: Es sei auf jeden Fall richtig, dass die Freier bestraft würden und nicht die armen Nutten, aber vielleicht sei es immerhin ganz gut, sie zu verhaften, wenn sie im Knast sicherer sind als draußen auf der Straße.

Genug davon. Genug Grund für uns politisch organisierte Sexworker, höchst besorgt zu sein. Genug Grund, in Berlin, so wie jüngst auch in Stockholm, mit unseren Forderungen auf die Straßen zu gehen. Die Sorge, von den Abolis, wie wir sie liebevoll nennen, mal wieder als „Lobbyhuren“ abgestempelt zu werden schreckte uns nicht mehr, na und, dann sind wir eben Lobbyhuren, Huren brauchen eine Lobby, jetzt erst recht. Ich bin eine leidenschaftliche Lobbyhure!

 

 

Lobbyhure

 

Aber demonstrieren im Regierungsviertel reicht natürlich nicht, es muss wirklich Lobby-Arbeit gemacht werden. Ach du Schreck, wie macht man sowas? Lobbyisten gehen in Büros von Abgeordneten und reden mit ihnen. Genau das habe ich getan. Ich bekam einen Termin bei Frank Heinrich, dem Initiator dieses Arbeitskreises „Prostitution – wohin?“.  Ich war skeptisch und argwöhnisch. Wollte er mich vielleicht nur treffen, um sich sagen zu können, er hätte alle Seiten gehört, obwohl seine Entscheidung, unsere Arbeit zu verbieten, ohnehin fest stand?

Aber hingehen musste ich so oder so. Und sei es aus Neugierde. Wie verhält sich so jemand im Gespräch, der Mächtige gegenüber einer Betroffenen, deren Existenz er demnächst vernichten will? Das hat doch zumindest literarischen Mehrwert, und vielleicht muss ich ja demnächst vom Schreiben leben, wenn ich keine Hure mehr sein darf.

Ich versuche, mich möglichst gerecht zu erinnern. Er überraschte mich, weil er kein Dogmatiker war, kein christlicher Moralprediger, niemand, der mit dem „Bild der Frau in der Gesellschaft“ oder ähnlichen Zumutungen argumentierte. Er war offen, pragmatisch, problemorientiert, und durchaus nicht fertig mit seiner Meinungsbildung. Ich will ihm nicht unterstellen, er hätte mir etwas vorgespielt, mir vorgemacht, er wäre nett und kooperativ, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Abgeordneter wie er so viel Zeit hat, so viel Aufwand zu betreiben nur weil ich ihn sprechen will. So wichtig bin ich kleine Lobbyhure doch nicht mit meinem kleinen Twitter-Account und meiner Semi-Prominenz. Ich bin ja nicht mal im Vorstand meines Berufsverbands. Ich bin nur eine neugierige Betroffene, und der vom Wahlvolk gewählte Repräsentant sah es als seine Pflicht, sich seinem Souverän zu erklären. Frank Heinrich möchte ein guter Politiker sein. Er möchte eine gerechte Entscheidung treffen. In unserem Gespräch beklagte er sich über die Schwierigkeit, dass man ja leider keine Zahlen habe über meine Branche, dass man ja zum Teufel aber auch nicht wissen könnte, wer es aus Zwang mache, und wer freiwillig. Ist das Verhältnis, so wie die Abolitionisten sagen, 99:1? Oder ist es im Gegenteil eher umgekehrt? Könne man den Lobbyhuren glauben, dass die allermeisten von uns es durchaus freiwillig tun, und die tatsächlichen Opfer von Menschenhandel seien die absolute Ausnahme, wenn auch tragisch? So wie auch Polizeistatistiken glauben machen? Aber was brächten schon Polizeistatistiken, die Dunkelziffer, die sei ja bekanntlich höher, weil die meisten Fälle ja bekanntlich  nie zur Anzeige gebracht würden.

Ich gab zurück, dass ich gehört hatte, dass Sozialarbeiter und Bundesfachberatungsstellen wie die Hydra in Berlin Jahre bräuchten, um Vertrauen aufzubauen, bis Menschen sich öffneten. Klar: dazu gehöre eben ein vertrauenswürdiges Umfeld. Man kann nicht erwarten, dass Menschen Behörden gegenüber offen sind, wenn sie Sanktionen befürchten müssen, die ihre persönliche Situation noch schlimmer machen. So wie eine Razzia oder polizeiliche Befragung des vermeintlichen Täters, der danach wieder gehen darf, ohne dass das Opfer irgendeinen Schutz erhält. Oder gar Abschiebehaft.

Das sah er ein. Von allein würden die Prostituierten den Mund nicht aufmachen. Aber immerhin könnte man jetzt wenigstens die Lage überprüfen, rein in die Bordelle, selbst in die kleinsten, und die Verbrecher im Flagranti erwischen.

Ja, sagte ich, weil mit dem Prostituiertenschutzgesetz vor zwei Jahren der Schutz der Wohnung aufgehoben wurde für Sexarbeiterinnen. Oder bei Verdacht darauf.

Genau!, rief er heiter, als sei das ein großer politischer Erfolg.

 

 

Eine simple Gleichung

 

Und dann machte er eine Gleichung auf. Er sagte sinngemäß:  Mal angenommen, das Verhältnis von Zwang und Freiwilligkeit in Ihrer Branche wäre 50:50 – für beide Seiten also eine wohlwollende Annahme. Müsste man nicht selbst dann im Interesse der Allgemeinheit sagen, der Beruf muss abgeschafft werden, ein Verbot muss her? Wiegt das Leid der einen Hälfte nicht viel schwerer als Ihre egoistische Gewerbefreiheit? Sehen Sie nicht ein, dass Sie sich in diesem Falle opfern sollten? Im Interesse der Allgemeinheit!

Ich halte inne und lasse diese Konklusion auf mich wirken. Es handelt sich um das Hauptargument für die Abschaffung von Prostitution, auf das all das Gerede zusammenschnurrt, wenn man mal die christlichen Moral-Dogmen von der Rolle der braven Ehefrau und die Küchenpsychologie von der geschändeten Seele weglässt, und nüchtern-pragmatisch an die Sache heran geht, so wie der CDU-Mann Frank Heinrich. Betrachten wir einmal nur die logische Struktur dieses Arguments. Blenden wir einen Moment aus, dass ein Verbot wohlmöglich gerade den Opfern von Menschenhandel kein bisschen hilft, weil es den Kriminellen eine Monopolstellung gibt, so wie damals bei der Prohibition. Vergessen wir kurz die menschliche Tatsache, dass ein Verbot nicht die Nachfrage nach dem Verbotenen beseitigt (ganz im Gegenteil). Ignorieren wir die Tatsache, dass Huren auf der ganzen Welt – nicht Zuhälter – gegen das Sexkaufverbot sind. Beschäftigen wir uns nicht mit den Studien und Beobachtungen zur Realität in Ländern wie Schweden, Norwegen, Frankreich und Kanada, in denen durch ein Verbot weder Prostitution noch Menschenhandel verschwunden sind, nur die Rechte der Prostituierten. Scheißen wir auf die Frage, was nach dem Verbot mit den Betroffenen geschieht, mit den versklavten Mädchen wie mit den arbeitslosen Frauen, ohne gesamteuropäische Konzepte von Sozialpolitik und interstaatlicher Solidarität. Stellen wir uns stattdessen vor, die Probleme der Menschenhandelsopfer wären allein mit dem Verbot wirklich beseitigt, und es gelte die Annahme: die Freiheit der einen 50% gegen die Freiheit der anderen 50%. Deal?

Einige Menschen werden das intuitiv richtig finden, gerecht. Vor allem, wenn man zugunsten der Verbotsbefürworter annimmt, die Gleichung wäre eher: die Freiheit der 1% gegen die Freiheit der 99%. Und schon allein, weil so viele dies meinen, müsste ich doch ein Einsehen haben, und meine Rechte als Einzelner nicht zu hoch ansiedeln. Es ist ja nicht so, dass ich dieses Argument im Büro dieses Bundestagsabgeordneten zum ersten Mal gehört hätte. So etwas wird mir öfter mal in sozialen Netzwerken ans Herz gelegt. Und sogar Leni Breymaier persönlich hat mich vor ein paar Monaten, bei einer Veranstaltung in Neukölln mit dem idealistischen Titel „Für eine Welt ohne Prostitution“, bei der ich geschafft hatte, ins Publikum zu gelangen, und wo sie mich erkannte, vom Podium herunter angebrüllt, vor hunderten von Zeugen, ich – ich! – sei persönlich verantwortlich für das Leid jedes als Zwangsprostituierte vergewaltigten Kindes. Harter Tobak, eine Nummer kleiner ging´s bei dem Thema offenbar nicht. Was für ein Vorwurf, wenn man nur ganz kurz versucht, sich das vorzustellen, gar bildlich, und die Abolis lieben ja die anschauliche Schilderung. So hat Inge Bell von Terre des Femmes Deutschland e.V., die auch auf dem Podium war, wieder ihre Geschichte aus dem Kosovo-Krieg erzählt, wo der sie ein minderjähriges Mädchen kennenlernte, das von Soldaten grausam sexuell misshandelt worden ist (ich erspare mir die blutigen Details), und deshalb – so schloss Inge Bell ihre Schilderung ab – , deshalb sei sie gegen Prostitution. Das Publikum war von dem Erzählten dermaßen erschüttert, dass es gar nicht merkte, dass zwischen diesen Kriegsgräueln und Prostitution gar kein Zusammenhang besteht.

Vor nicht wenigen Jahren wurde in der BRD gegen die Entkriminalisierung von Homosexuellen damit „argumentiert“, dass man damit ja indirekt die Pädophilie legalisiere. Dass es keinen logisch eindeutigen Zusammenhang zwischen Homosexualität und „Knabenliebe“ gibt, ja noch nicht einmal in Bezug auf die Nachfrage  – ebenso wenig wie zwischen Sexarbeit und Menschenhandel – , ging diesen Leuten einfach nicht in den Kopf. In manchen Ländern herrscht dieses abscheuliche Vorurteil heute noch.

 

 

Die einfache Lösung

 

Ich schwöre, wenn ich, allein dadurch, dass ich mein Geld in Zukunft anders verdiene, das Leid auch nur eines Menschen beenden könnte, ich würde es tun. Sofort. Doch die Logik des Arguments ist mir nicht evident: Das, was Frank Heinrich, MdB, von Sexarbeiterinnen verlangt: der Einzelne opfere seine Interessen dem höheren Interesse der Mehrheit, ist nackter Utilitarismus und Kollektivismus und erinnert eher an stalinistische Denkungsarten als an die Werte eines Christsozialen. Wäre Frank Heinrich aus der ehemaligen DDR, läge der Vorwurf nahe, dieser Mann habe unser liberales Demokratieverständnis noch nicht intus, er stehe nicht so richtig auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, nach der unsere Verfassung dazu da ist, die schwachen Minderheiten vor der Gewalt der Mehrheit zu schützen, nicht umgekehrt. Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich. Auch die Außenseiter. Sogar die Huren sind BürgerInnen, ihre Rechte, die sie heutzutage in diesem Staate haben, gelten genauso viel wie die Rechte jedes anderen. So wie das Recht des Bürgers am eigenen Körper, dem Ausleben der eigenen Sexualität und die Freiheit, damit ein Gewerbe zu treiben, mit dem niemandem Schaden zugefügt wird. Es sei denn höchstens als ein Ärgernis in den Augen derer, die sich durch unsere Grundrechte darin behindert sehen, mit einem Verbot eine scheinbar einfache Lösung für komplexe Probleme zu erhalten. Probleme, die man besser mit ordentlicher Polizeiarbeit und Sozialpolitik angehen müsste, und zwar EU-weit.

Nochmal: der nordische Kollektivismus ist nicht demokratisch. Die Verfassung schützt die Rechte jedes einzelnen, nicht nur die der Angehörigen der Mehrheit. Der Mensch sei niemals ein Mittel, auch nicht das Mittel einer höheren Moral oder eines kollektiven Willens. Wäre es anders, wäre es legitim, dass eine Minderheit auf ihr Recht verzichtet, wenn die Mehrheit (oder, in diesem Falle: der Gesetzgeber) es so wünscht, dann gelte das im Umkehrschluss für alle Minderheiten. Und die meisten Bürger gehören in irgendeinem Punkt einer Minderheit an. Welche Rechte opfern Sie, nur weil die anderen es wollen? Obwohl Sie niemandem damit schaden? Vielleicht sollen wir alle in der Konsequenz auf unsere Bürgerrechte verzichten, sobald sie für die Politik zu Interessenkonflikten führen.

Dennoch will ich Frank Heinrich nur die beste moralische Gesinnung unterstellen. Er ist kein Hurenhasser. Sexarbeiterinnen sind ihm nicht egal. Das nächste Haushaltspaket aber, das Einsparungen gerade bei Polizei und Sozialpolitik vorsehen könnte, allerdings auch nicht. Es ist sicher nicht leicht, Politiker zu sein.