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Lola Strawinski erstellte eine Suvio-Umfrage mit 10 Fragen, um zu erfahren, wie ihre Twitter-Bubble über Sexarbeit denkt – mit erwartungsgemäß zufriedenstellendem Ergebnis.

 

 

 

Dieser Text ist für meine Objekte der Begierde.

Die Menschen, für die ich arbeite, wenn nicht für mich.

Was habt ihr von mir? Was nehmt ihr mit? Warum sollte es endlich einen tabulosen Umgang mit sexuellen Dienstleistungen geben und ist das “Sexuelle” vielleicht gar nicht so wichtig? Und was für eine Rolle spielt eigentlich das Internet bei all den sinnlichen Themen?

 

 

Eine Analyse

 

Es ist der 3. März 2021 und während ich Tee trinkend an meinem Schreibtisch sitze und überlege, worüber ich meinen nächsten Blog-Text schreiben könnte, spiele ich mit dem kleinen Zettelchen am Teebeutel rum.

Da stehen immer so kluge Weisheiten drauf, die nie passen und man fühlt sich danach ziemlich schlecht wegen dem primitiven Gedanken, bei dem man sich erwischt. Nämlich dass ein völlig maschinell hergestelltes Teebeutelzettelchen dem Leben jetzt eine ganz neue Wendung gegeben hätte.

“Ein entspannter Geist ist kreativ.” steht da diesmal. Ernüchternd. Deswegen trink ich doch grade Entspannungstee. Naja, egal Lola, denk ich mir und versuche den Ratschlag ernst zu nehmen und mich zu erinnern was mich entspannt.

Essen gehen, weiche Matratzen, Badewanne mit Lavendelbadezusatz, Portwein… Die Liste ist lang. Aber so im Kern? Mal nicht nachdenken müssen. Über die Welt, über Verbote, über Verantwortung, aber ganz besonders: Über mich. Und zack- auf einmal weiß ich das nächste Blog-Text Thema!

Das hier wird ein Beitrag für, mit und über euch sein meine Liebsten. Denn ihr seid meine Musen, mein Stein der Weisen, mein Kryptonit.

 

 

Ich konzipiere fix eine Umfrage beim Online-Dienst Survio an Menschen, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen oder sich dafür interessieren, komme nach einem knappen Monat auf 46 Antworten und bin ziemlich zufrieden.

 

Insgesamt 10 Fragen gibt es zu beantworten, von denen ich in diesem Text nicht jede einzeln besprechen möchte, es wird mehr um die Essenz des Ganzen gehen, aber was mich direkt schon mal überrascht; Twitter, meine lieben Freunde des Internets, ist ein elementares Medium, wenn es um das akquirieren von Aufmerksamkeit geht. Und das ist ja unser erster Schritt auf euch zu.

Bei der Frage, wie die antwortende Person auf Hetaera aufmerksam geworden ist, sind Twitter (33%) und das gute alte Internet (40,5%) die Spitzenreiter.

Weil ich ein bisschen altmodisch bin, beruhigt mich die Tatsache, dass einige unter euch durch Tinte auf Papier (Playboy und Zeitungen) auf uns geheimnisvolle Wesen stoßen, zumal Eloquenz, ausführlich und ungezügelt in Wort und Schrift, sicherlich zu unseren Stärken gehört.

Die folgenden Fragen zielen im Kern auf die Beweggründe der Kund*innen sexueller Dienstleistungen. Was schätzt ihr an der Zeit mit uns? Worin liegt der Reiz?

Überraschung: Der Sex ist es nicht. Jedenfalls nicht größtenteils. Klar- dass es schnörkellos um Sex gehen kann hat seine Berechtigung und zugegeben- die Vorstellung finde ich selbst an vielen Tagen ziemlich heiß. Wir werben mit geballter Sexyness und wildes Flirten macht einfach echt Spaß; und manchmal ist Sex auch ein guter Icebreaker um die Gespräche führen zu können, die scheinbar enorm wichtig sind für unsere Kund*innen. Aber Sex ist eben auch nicht immer die Lösung oder das Ventil und es gibt Tage, da braucht man* eine Massage oder ein gutes Gespräch viel dringender.

Oder, laut eines Befragten,  „…einfach die spannungsgeladene Situation eines Dates als Flucht aus dem Alltag”, “…ein bisschen Freiheit im Korsett des bürgerlichen Lebens”, und das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen aus 5 Jahren Sexarbeit in unterschiedlichen Preisklassen. Das Bedürfnis nach Nähe, Berührung und einer vorurteilsfreien Begegnung (häufigste Antwort) ist groß. Ich habe sogar das Gefühl es wächst exponentiell. Ihr macht euch verletzbar und schwach in unserer Anwesenheit und wenn wir jetzt alle mal eins und eins zusammenzählen ergibt sich daraus was?

Nicht das Bild des “Freiers” – eine weibliche Form gibt es dafür meines Wissens nach nicht, jedenfalls habe ich in den Medien nichts dergleichen gehört. Da spielt es auch keine Rolle ob 3sat oder RTL. Dass das mit leider immer noch stumpfen, historisch anmutenden Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun hat, muss ich nicht weiter ausführen. Denn natürlich sind die starken Männer das Übel der zerbrechlichen Frauen, die immer von irgendwem gerettet werden müssen. Gerne von weißen, westlichen Frauen, denn die wissen wie Feminismus geht. Oder so. Dabei ist die eingeschränkte Sicht auf Kund*innen so wenig feministisch wie die Ächtung von Menschen, die einen Teil ihrer Zeit mit Sexarbeit verbringen.

Nicht selten geht es bei den stereotypen Geschlechtervorstellungen unserer Retter*innen nur um das Szenario Cis-Mann und Cis-Frau. Es gibt allerdings durchaus Antworten, die auch mein Erlebtes widerspiegeln: ein Date kann der perfekte Rahmen sein, Intimität und Körperlichkeit mit verschiedenen Geschlechtern auszuprobieren. Also ist ein Date immer auch ein Safe Space für Menschen, die ihre – unter anderem –  sexuellen Vorlieben nicht öffentlich leben können.

Es ist wichtig, über die Inanspruchnahme unserer Dienstleistungen reden zu können, ohne dafür vom Gegenüber verurteilt zu werden. Ein Grund, warum 63% der Befragten nicht darüber sprechen? Klar, Privates kann auch gern Privates bleiben, aber wenn die Personen aufgrund des Tabus nicht darüber reden, muss sich etwas ändern.

Denn ernsthaft: die Sehnsucht nach Verständnis, Gesprächen, Offenheit und ein bisschen Bauchkribbeln. Dafür muss sich niemand schämen.

Doch die “Bereitschaft über das Thema ernsthaft zu reden, ist sehr gering”, schreibt jemand, “Wenn deutlich wird, dass ich Sexarbeiterinnen wertschätze und das Gespräch nicht auf ein schlüpfriges Schlüssellochniveau sinkt, wechseln die meisten Gesprächspartner das Thema.”

Sollte euch das (nochmal) passieren, wisst ihr jetzt hoffentlich, wie eine Antwort lauten könnte. Und wenn nicht, dann meine Geheimwaffe: some people are sexworkers, get over it.

Mir ist aufgefallen, dass das Wort “Professionalität” in der Umfrage häufig auftaucht, als etwas dass ihr an uns schätzt und eine gute Erfahrung ausmacht.

Ich find das auch. Und werde unweigerlich an eine völlig überflüssige Diskussion mit einer Frau erinnert. Sie war von Angst erfüllt, da in ihren Augen alle jungen Mädchen Prostituierte werden würden, sollte der Beruf erstmal arbeitsrechtlich in eine Kategorie mit beispielsweise selbstständigen künstlerischen Berufen fallen. (Ein Zukunftswunsch in der Umfrage. Dicken Kuss an dieser Stelle!) Prostitution – eine Berufsperspektive? Niemals. Das wäre der Untergang der zivilisierten Gesellschaft. Sie wollte schlicht nicht wahrhaben, dass natürlich nicht jeder Mensch befähigt ist, Sexarbeiter*in zu sein.

Ich kann auch nicht als Fleischerin arbeiten oder als Juristin. Meine Profession ist es, für Menschen urteilsfrei da zu sein, euch meine volle Aufmerksamkeit zu geben und mit meinem Körper und Geist zu signalisieren: ihr könnt euch jetzt fallen lassen. Eine facettenreiche Performance, die natürlich eine Fantasie ist, aber dessen sind sich -laut Umfrage- mindestens der Großteil der Menschen bewusst.

Das macht die Szenerie doch erst so frei und intensiv! Und dann kommt ja noch das Sex-Know-How und der ein oder andere Handgriff unsererseits dazu- Sexarbeit kann in vielen Fällen also tatsächlich als Handwerk verstanden werden.

 

Lola bedankt sich

 

So, und jetzt komme ich langsam zu dem Teil, in dem ich euch mit Lob und Anerkennung überschütte, also genießt es wie die Massage nach dem Saunagang.

Ich frage mich schon wie die Umfrage ankommt und trotz meiner Tasse Entspannungstee bin ich ein bisschen skeptisch: wie ehrlich, wie ausführlich werden die Fragen beantwortet? Vor allem bei “Sind Sie sich über die aktuelle politische Lage für Sexarbeiter*innen bewusst?” Denn êntre-nous, das ist nicht gerade ein angenehmes Thema. Weil unsere aktuelle politische Lage nicht sonderlich angenehm ist. Auch wenn sie schon mal schlimmer war. Aber das ist kein Argument.

Gut zu wissen also, dass bei 44 Antworten ein klares Nein nur von 3 Teilnehmern der Umfrage kommt. 35 (!) Teilnehmer haben entweder mit Ja geantwortet oder erklären direkt was sie vom “nordischen Modell”, Sperrbezirken oder dem “Hurenpass” halten. Respekt.

Es ist zwar zugegeben so, dass beispielsweise auf Twitter (wir erinnern uns an die 33%) viel Aufklärungsarbeit stattfindet und Schlagwörter wie die drei Obigen häufig fallen, aber die meisten Antworten lassen mich darauf schließen, dass die Auseinandersetzung mit sexuellen Dienstleistungen nicht nur auf körperlicher Ebene stattfindet.

Ich schätze das sehr und würde euch gerne alle in den Arm nehmen, wenn ich lese, was sich für Sexarbeitende in Zukunft verbessern sollte: “Gesellschaftliche Anerkennung der Tätigkeit, Ende der sozialen Ächtung und respektvoller Umgang mit den Menschen. Sexualität ist ein natürliches Bedürfnis. Es gibt keinen Grund das zu tabuisieren.”

In der Direktheit so einleuchtend, oder?

“Die Erfüllung von Bedürfnissen ist sonst nie geächtet. Also gerade Sexarbeiter*innen leisten viel, das sollte deutlich mehr gesehen und gewürdigt werden”, schreibt jemand und ich denke JA! JA! und nochmal JA!

Ich bin sehr stolz, dass die Antworten so reflektiert und bedacht ausfallen. Und vor allem: Respektvoll. So oft wird betont, dass ein reales Bild von Sexarbeit entstehen muss. Dafür braucht es mehr “objektive Berichte, ohne Fantasiezahlen”.

Dass rechtliche Absicherung ein Grundpfeiler für sicheres Arbeiten ist, muss ich euch scheinbar am wenigstens erklären, und das macht mich sehr glücklich.

Was mich zu einer Art Resümee bringt:

 

In der Debatte um die Entstigmatisierung von Sexarbeit sollten meiner Meinung nach auch Kund*innen und Allies eine größere Rolle spielen. Ihr habt einiges zu sagen, wisst über die Situation von uns mehrheitlich Bescheid, seht die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche (Escort, Fetisch Studios, Tantra Massagen, Bordelle,…) differenziert und redet mit statt über uns. Also seid mutig und traut Euch, Euer Wissen zu teilen und Haltung zu zeigen!

 

Außerdem muss das gesellschaftliche Bild von Kund*innen überdacht und mit der Realität abgeglichen werden- wofür es wichtig ist, darüber offen und ohne Angst vor Abwertung reden zu können. Entstigmatisierung also nicht nur für uns, sondern auch für Euch.

Um selbstbestimmte, freiwillige Sexarbeit von Missbrauch oder Menschenhandel zu unterscheiden, muss endlich ein aufgeklärter Umgang mit dem Thema praktiziert werden.

“Raus aus der Schmuddelecke” heißt es in mehreren Antworten, und dem kann ich nur zustimmen.

 

Ich atme einmal entspannt tief ein und wieder aus und stelle meine Tasse weg. Der Tee hats echt gebracht, denk ich mir. Oder wart ihr das? Mit dem Auswerten der Umfrage, dem Lesen eurer klugen und wertschätzenden Antworten habt ihr es jedenfalls irgendwie geschafft, dass ich hoffnungsvoll in die Zukunft von mir und meinen Kolleg*innen schaue.

Abschließend möchte ich meine Lieblingsantwort mit euch teilen und bedanke mich ganz herzlich für Eure Mühe und Zeit.

 

“Mit allen Höhen und Tiefen bin ich für die Erfahrungen im höchsten Maße dankbar. Sexarbeit ist eine der tragenden Säulen dieser möchtegernmonogamen Gesellschaft und erweitert den Horizont in wortwörtlicher Hinsicht. Ich habe viel gelernt; mit viel Freude (wenn ein Date lustig und gleichzeitig lustvoll ist) aber auch mit Schmerz (z.B. Gefühle gegenüber einer Dame). Am Ende ist es aber immer Dankbarkeit. Die Welt ist schöner mit euch.”

 

In diesem Sinne- auf eine schönere Welt!