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Am 25. November ist der internationale Tag der Gewalt gegen Frauen

 

Ich mag keine Gedenktage. Ich mag es nicht, rituell an einem bestimmten Tag an etwas erinnert zu werden. Besonders, wenn es etwas so Wichtiges und Allgegenwärtiges ist, dass nicht mal alle Tage im Jahr reichen würden, dem Thema die angemessene Aufmerksamkeit zu verschaffen. Apropos Aufmerksamkeit: wo genau gedenkt man dieses Gedenktages überhaupt auf der Welt? Und wer gedenkt denn da, und aus welchem Grund? Gedenkt man der Sache dort, wo es besonders angemessen wäre? Wohl kaum. Was soll dann überhaupt ein Gedenktag?

 

 

Gedenken und Hintergedanken

 

Der Grund, warum ich überhaupt auf dem Schirm habe, dass ausgerechnet am 25. November der Gewalt gegen Frauen gedacht wird (Übrigens gedenkt man damit nicht der Gewalt, sondern den Opfern, der Titel ist etwas unglücklich gewählt!), ist eine Info, die ich Dank meinem umtriebigen Aktivismus als Lobbyhure habe.

Auch wir Huren haben natürlich allen Grund, gegen Gewalt an Frauen zu sein, schließlich ist unsereins besonders gefährdet. Auch von staatlicher Gewalt, Gewalt durch Repressionen, von Kreisen, die wollen, dass wir verschwinden aus dieser Gesellschaft. Doch genau diese Kreise haben sich  den 25. November ausgewählt, um diverse Kampagnen zu starten gegen uns Huren – das heißt solche, die nicht vom Hure-sein „gerettet“ werden wollen. Die sogenannten Abolitionisten, kurz Abolis, Prostitutionsgegner. Sie behaupten nämlich, unsere Arbeit, Sexarbeit, sei überhaupt die schlimmste Gewalt an Frauen. – Wie bitte, sich-für-Sex-bezahlen-lassen soll Gewalt an Frauen sein? So schlimm wie Vergewaltigung oder eheliche Gewalt? Lächerlich! Nein, alles andere als lächerlich, beängstigend finde ich das. Die Abolis wiederholen seit Jahren gebetsmühlenartig diese These, Sexarbeit sei keine Arbeit, sondern Gewalt, Vergewaltigung, und sie meinen nicht bloß den Menschenhandel oder das filzige Rotlichtmilieu, beides ohnehin kriminell. Sie meinen die Prostitution, also auch meine Arbeit.

Ich bin also informiert, dass unsere Feinde diesen Tag nutzen wollen, um unter dem Hashtag #sexistunbezahlbar ihrerseits politische Gewalt gegen Frauen auszuüben, gegen uns Huren nämlich. Und der Grund, warum ich diesen Text schreibe, ist: Mich betrachten die Abolis nicht etwa als Opfer, dem ihr Kampf #gegengewalt gilt. Sondern als privilegiertes Escortgirl, das nichts zu dem Thema zu sagen hat.

 

 

Privilegiertes Escortgirl will auch was zum Thema sagen

 

Ich sehe mich nicht als feministische Leitfigur – wer bin ich denn? Ich bin eine schillernde Mediennutte, Salomé herself, all by herself. Alles was ich zur Debatte beizutragen habe ist eine Marke, die ich selbst bin. Hier schreibt eine, die können Sie sich auch ins Bett bestellen. Ich habe also keinerlei Deutungshoheit. Ich denke hier nur für mich selbst, und will niemanden belehren – andere haben sich mit diesem Thema schon so viel intensiver beschäftigt als ich verwöhntes weißes Mädchen in meinem frivolen Kurtisanen-Leben eines sogenannten Highclass-Escort. Für mich ist der Gipfel an Gewalt, wenn man mich vor 13 Uhr morgens anruft, denn da räkle ich mich noch in meiner roséfarbenen Seidenbettwäsche. Nun ja, oder wenn ein Polizei-Kommando, anlasslos, früh um sechs in meine kleine Wohnung einrücken täte, um zu überprüfen, dass ich dort, von wo aus ich mein non-profit-Escort-Kolletiv Hetaera steuere, nicht auch ein unangemeldetes Bordell betreibe. Zumal ich ja nicht mal als Prostituiere beim Ordnungsamt registriert bin, ich empfinde diese Registrierung nämlich als Verletzung meiner Bürgerrechte. Da könnte man mir schon mal einen Besuch abstatten, auch ohne Durchsuchungsbeschluss, denn seit dem Prostituierten-Schutzgesetz ist für Menschen wie mich der Schutz der Wohnung aufgehoben. Ich müsste also jederzeit damit rechnen. Theoretisch. Aber ich verdränge diesen Gedanken. Genauso wie den an Stalker oder Hurenhasser, die mich über mein korrektes Impressum problemlos finden könnten. Bisher ist mir einfach noch nichts passiert, und ich lasse auch mal die Wohnungstür auf, wenn ich in Bademantel und Pantoffeln zum Briefkasten schlurfe, in der Hoffnung, dass da kein Brief ist vom Ordnungsamt. Oder von der Hausverwaltung. Oder von den Nachbarn, die mich bitten könnten, auszuziehen aus diesem ehrenwerten Haus. Aber meine Nachbarn sind sehr nett, und bei meinem Hausverwalter bin ich mir nicht mal sicher, ob er überhaupt existiert.

Und auch der Hass im Internet, er tangiert mich einfach bisher nicht so persönlich. Ich fliege da weit unter dem Radar, und bei den paar kleinen Hetzern und Trollen die sich die Mühe machen bei mir, bin ich sicher, all diese Menschen, wenn ich sie persönlich treffen würde, meinen es nicht so. Durch meinen Job bin ich vielleicht zu sehr gewohnt, dass die Menschen mich lieben. Ich fühle mich sicher. Gewalt ist für mich sehr, sehr weit weg. Und aus dieser Distanz versuche ich, mich dem Thema mal rein begrifflich zu nähern, als wäre es bloße Theorie.

 

 

Privilegiertes Escortgirl zerbricht sich den Kopf

 

Ja, was ist das nur, Misogynie, Frauenhass. Warum gibt es keinen entsprechenden Fachbegriff für Männerhass? Ist es etwas anderes, Frauen zu hassen, als Männer? Ist Gewalt gegen Frauen etwas anderes als Gewalt im Allgemeinen?

Es klingt banal: Gewalt gegen Frauen richtet sich gegen ein Geschlecht.  Gegen das Geschlecht, das Geschlechtliche. ich denke da unwillkürlich an die Morde eines Jack the Ripper an Londoner Prostituierten, die er auf grausige Weise zurichtete, namentlich am Unterleib. Gewalt gegen das weibliche Geschlecht.

Das Vokabular misogyner Gewalttäter bezieht darum auch gern Schimpfwörter für das Geschlechtsorgan auf die ganze Person: Fotze, cunt. Das Gleiche passiert zwar auch Männern, die Dick, Cazzo, Bellino oder Sack genannt werden, allerdings bei weitem nicht in dieser Form von Aggressivität. Und durch die Jahrhunderte, egal ob im Orient oder Okzident, kreist die Artikulation des Hasses auffällig wählerisch um dieses eine Schmähwort, für das es keine maskuline Entsprechung gibt, in keiner Sprache der Welt: Hure.

Zählen Sie mal einen Tag lang, wie oft dieses Wort als Verunglimpfung z.B. in Filmen oder Gesprächen auftaucht. Durch meine gefilterte Wahrnehmung zucke ich jedes Mal innerlich zusammen, vor allem wegen der Selbstverständlichkeit, in dem man meinen Beruf assoziiert mit dem Allerniedrigsten, was eine Frau sein kann in den Augen der Welt.  Frauen, gegen die sich der Hass und die Verachtung richten, werden sprachlich gefasst mit der Idee ihrer Promiskuität: Schlampe, slut, putain, puta, putana, curva, whore. Das Schimpfwort Hure findet man im sprachlichen Umfeld so gut jeder misogynen Gewalttat. Fast immer ist das Opfer für den Täter eine Hure. Völlig egal, ob das Opfer sich tatsächlich prostituiert hat, oder gar im Gegenteil vergewaltigt wurde. Was bedeutet das Wort aber, wenn völlig klar ist, dass es viel mehr meint als eine Verdammung von Prostitution?

Ja, was? Was ist das Gemeinsame von einer lässig berechnenden Prostituierten und der Hure, deren Outfit oder Benehmen nach Vergewaltigung schreit?

Ich bin verwirrt, meine Gedanken mäandern: Prostitution, die heißt auch, oder hieß gerade noch irgendwo, gewerbliche Unzucht. Unzucht vs. Züchtigkeit. Schützt Züchtigkeit vor Gewalt? Mitnichten. Gewalt an Frauen findet immer einen Grund. Die Demütigung der Frau verfolgt kein pädagogisches Ziel, und das Wohlverhalten nach den Regeln der Sittlichkeit schützt die Frau nicht davor, weiter gedemütigt zu werden. Das devoteste Frauchen entgeht nicht den Faustschlägen des enthemmten Gatten. Ziel ist die Demütigung selbst, Demütigen aus Prinzip, als wäre es ein Gesetz der Natur. Es gibt nichts zu gewinnen mit Züchtigkeit. Selbst Opfer von brutalsten Vergewaltigungen werden, noch indem sie vergewaltigt werden, als dreckige Huren oder geile Schlampen gedacht, die es doch auch wollen. Das Schlagwort Hure begleitet die Gewalt gegen Frauen, als deren zynischer Legitimationsversuch. Es ist immer die „Hure“, die bestraft wird.

 

Was, wenn die Strafe ausbleibt? Was, wenn eine Hure straffrei und selbstbewusst durch die Welt geht? Gar als echte Prostituierte? Spüren Sie, die Sie diesen Text lesen, die kognitive Dissonanz? Können Sie dem Frieden trauen? Erwarten Sie nicht, dass solche Geschichten übel enden? Eva wurde aus dem Paradies verbannt. Die Hure Esmeralda, die Hexe, musste brennen. Carmen wurde getötet, so wie der Stier vom Torero. Die Kurtisanen starben an ihrem Lebenswandel, oder am Freitod aus Liebe. Und Lulu stand endlich Jack the Ripper gegenüber, dem Erfüllungsgehilfen des Schicksals. Ergänzen Sie diese Reihe, sicher fallen Ihnen noch unzählige Beispiele ein. Wir können Frauen nicht denken, es sei denn im Widerspruch von Heilige und Hure. Die Heilige opfert sich selbst, die Hure wird geopfert. Sehen sie mich nicht schon als blutige Leiche in meinen frivolen Seidenlaken?

 

 

Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen Huren

 

Der eigene Wille, der Wille zur Promiskuität, der dem Opfer unterstellt wird, ist der Anlass für die Gewalttat, die sich in das legitimierende Gewand der Strafe kleidet. Gewalt gegen Frauen bedeutet immer Gewalt gegen „Huren“.

Erinnern Sie sich noch an die Iranische Frauenrechtlerin Nazryn Soutuodee, die dieses Jahr verurteilt wurde? Ihren Namen schreibe ich hier absichtlich falsch, und ich werde ihn auch nicht mit einem Hashtag markieren, denn es ist gefährlich für sie. Ein netter arabischer Kunde, der sich besser auskennt als ich, warnte mich, er sagte, wenn sie im Westen zu viel Aufmerksamkeit bekommt, gar zur Ikone gemacht wird, wenn ihr Name zu viel im Internet auftaucht, dann werde sie im Gefängnis getötet. So hätte sie vielleicht eine Chance, ihre Strafe, oder gar das Regime zu überleben. Sie wurde verurteilt zu 38 Jahren, und zu 148 Peitschenhieben. Ihr Verbrechen, in der offiziellen Sprache der Anklage: „Anstiftung zur Prostitution.“

Der Gedankengang Mullahs ist für Westler befremdlich, aber nicht ohne Logik: Der Kampf für die Selbstbestimmung der Frauen ist Anstiftung zur Prostitution – in letzter Konsequenz. Weil Prostitution eben eine radikale Folge davon sein kann, wenn eine Frau begreift, dass ihr Körper wirklich nur ihr selbst gehört – und sie also auch Kapital daraus schlagen kann. Selbstbestimmung ist der Skandal.  Schon die Anmaßung, selbst zu entscheiden, ob sie ein Kopftuch trägt, oder nicht (was auch bedeuten kann: es zu tragen, aber freiwillig), bedeutet, selbst eine Entscheidung über den eigenen Körper zu fällen, selbst über ihn zu verfügen. Doch im Patriarchat gehört der Körper einer Frau nicht ihr selbst. Er gehört erst dem Vater, dem Patriarchen, dann dem Ehemann, dem der Vater die Hand der Tochter gibt. Nicht nur im Iran. Bis in die frühe Neuzeit war unsere gesellschaftliche Ordnung, z.B. die der Oekonomia Christiana, durchaus ähnlich beschaffen. Es sind die tief reichenden Wurzeln unserer Kultur, und mehr oder weniger gilt dieses Gesetz auch heute noch, trotz der Verankerung der Gleichberechtigung der Frau im Grundgesetz. Was ist schon das Grundgesetz, verglichen mit der Macht von Rollenbildern? Eine Hure, das ist dort wie hier eben nicht nur eine professionelle Sexarbeiterin, die Geld für eine Dienstleistung veranschlagt. Es ist jede Frau, die der Meinung ist, sich für die Wahl ihrer Sexpartner nicht rechtfertigen zu müssen. Die Hure, das ist, in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, die Ehebrecherin. Alles andere als selbstverständlich, damals wie heute, dort wie hier.

Die Prostitutionsgegner tragen den Vorwurf vor sich her, Prostitution sei nicht Freiheit, sondern Gewalt. Oder zumindest ein Zugeständnis an patriarchale Gewalt, eine Bejahung der Unterdrückung. Nichts könnte weiter entfernt sein von der Realität. Denn die Verhältnisse, in denen die Frau immer Gefahr läuft, als Hure zu gelten – ob sie es will oder nicht, die gelten schon vor jeder Entscheidungsmöglichkeit. Die einzige Wahl ist die: sich schamvoll zu ducken und die Rolle der Demütigen einzunehmen, die nie demütig genug sein kann – oder aber, die Regeln zu brechen.

Huren sind der Lackmustest des Feminismus. Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen Huren. Ob ein Feminismus den Namen verdient, entscheidet sich an der Frage, ob es auch ein Feminismus der Huren ist.