Von Jeanne Le Guinn

 

 

 

Ich weiß noch, wie ich an diesem Abend mein Kleid glatt strich – dieses kleine, schwarze, das sich sanft an meinen Körper schmiegte. Ich sah noch ein letztes Mal in den Spiegel: der weiche Stoff, die leise Eleganz, die Haut, die darunter warm glühte. Seit Tagen hatte ich dieses Date vorbereitet. Und obwohl Professionalität dazugehört, war da etwas anderes, ein heimliches Knistern, das ich nicht ganz weg atmen konnte.

 

 

 

Der Klient

 

Er ist jünger. Deutlich jünger als die meisten. Und reich geworden mit einer Währung, die weder eine Bank noch ein Staat kontrolliert. Seine Nachrichten hatten etwas Verspieltes, Unmittelbares. Etwas, das unter die Haut ging. Zur Vorfreude gesellt sich eine andere, genuine Aufregung: Dies ist mein Début in Zürich – in einer Stadt, zu der ich eine Verbindung habe und die ich kenne, aber die ich als ehemalige Wahlberlinerin wieder neu für mich entdecke. Ich spüre die Lust, die Stadt zu erleben, sie verbindet sich mit der Lust auf das Abenteuer meines Dates – auf ihn und auf unsere Sinnlichkeit, die in dieser Stadt ihre Heimat finden soll.

 

 

Ritual

 

Bevor ich das Haus verlasse, beginnt der stille, rituelle Auftakt, der mich in die richtige Stimmung bringt – körperlich, mental, sinnlich. In der verweilenden Wärme der Dusche trage ich die unsichtbare Körpercreme auf, die später mit dem Parfüm verschmelzen darf, aber dort bleibt wie ein Versprechen an die Nähe, die wir suchen. Ich setze mich auf die Bettkante, strecke ein Bein aus und rolle den Strumpf langsam hinauf. Dieser Moment ist nicht für den Kunden. Er ist für mich. Für das Gefühl von Eleganz, von Kontrolle, von dem hauchdünnen Stoff, der sich kühl an die Haut legt. Strümpfe sind kein Kleidungsstück — sie sind ein Zustand. Wenn der Stoff sitzt, verändert sich etwas in meiner Haltung: die Beine werden länger, der Gang weicher, das Selbstbewusstsein ein paar Grad wärmer. Ich wähle ein Kleid, das sich wie ein fließender Blick anfühlt. Eng genug, um die Linien meines Körpers zu zeichnen – leicht genug, um mit mir zu atmen.

 

 

 

Der Ort

 

Ich wusste, welches Restaurant er sich wünschte. Dieses eine Restaurant, der eigentlich perfekte Ort. Ein Ort für internationale und nationale Prominenz, alteingesessenes Zürich und Nostalgiker. Historisch, aber lebendig. Bürgerlich, aber elegant. Dieser Ort beansprucht für sich die horizontale soziale Durchmischung – und schafft es tatsächlich noch, dass er wiederholt für Escort-Dates ausscheidet: Die Gefahr der sozialen Schnittmenge ist einfach zu groß. Zürich ist klein, seine Kreise eng, und Diskretion ist die erste Bedingung meiner Arbeit. Die Position einer gastronomischen Einrichtung auf der sozioökonomischen Landkarte ist immer entscheidend: Wer trifft sich dort? Welche Codes werden dort gesprochen? Erkennt die Klientel meinen Kunden – und mich? Ein Ort, der zu exklusiv ist, signalisiert Abstand – aber kann auch die nötige Diskretion und den Raum für Intimität zerstören. Ein Ort, der zu alltäglich ist, birgt die Gefahr der Überschneidung mit Bekannten oder sozialen Netzwerken. Aber heute riskiere ich es. Für ihn. Und für mich. Mein Abenteuer in meiner neuen, alten Stadt.

In der Nähe vom Bellevueplatz steige ich aus dem Taxi und öffne die schwere, hölzerne Tür der Kronenhalle. In der Luft hängt ein Geruch aus Bratenjus und Bohnerwachs. Das Licht ist angenehm, dezent, der Raum erfüllt von diskretem Flüsterton, die Tischdecken weiß und gestärkt, und an den Wänden Bilder (Giacometti, Chagall), alt und wohlerzogen wie Stammgäste.

Dann sehe ich ihn.

 

 

 

Die Begegnung

 

 

Er steht bereits am Tisch, seine Schultern aufrecht, sein Blick suchend. Als er mich sieht, löst sich etwas in seinem Gesicht – dieses kaum sichtbare Weiten der Pupillen, dieses unwillkürliche Einatmen. So beginnt Intimität. Nicht mit Berührungen. Sondern mit genau diesem Moment.

Wir setzen uns an einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Zu sichtbar, zu exponiert – doch gleichzeitig ganz für uns. Das Licht ist warm, sein Knie streift meines, und ich spüre die Energie zwischen uns wie einen dünnen Stromfaden, der uns verbindet.

Doch dann geschieht es. Er beugt sich nach vorne, will gerade etwas sagen, als sein Blick plötzlich erstarrt. Sein Körper spannte sich an, als hätte jemand eine Saite zu straff gezogen.

 

„Oh nein“, murmelt er. „Ich kenne jemanden hier.“

 

Ich folge seinem Blick. Zwei Tische weiter sitzt ein Mann mittleren Alters mit einer Frau, die Champagner trinkt. Der Mann winkt. Mein Kunde lächelt gequält zurück, das Lächeln zu schnell, zu hell. In solchen Momenten spürt man die Macht, die Räume haben können. Das Restaurant ist plötzlich nicht mehr Kulisse – es ist ein Mitspieler. Und ein gefährlicher.

Ich lege meine Hand – ruhig, unauffällig – auf seinen Unterarm. Seine Haut ist warm, und die Spannung vibrierte darunter. „Atme“, flüstere ich. Er tut es. Langsam. Sein Blick findet meinen, und ein Vertrauen ist da, das viel intimer ist als jede Berührung. Die Situation zwingt uns zur äußerster Diskretion – und genau das macht jeden kleinen Kontakt elektrisch. Unsere Knie berühren sich unter dem Tisch, als wäre es ein versehentlicher Zufall, den keiner von uns rückgängig machen will. Dieses kurze, tiefe Festhalten – dieses Versprechen: Wir bleiben bei uns. Trotz allem.

 

 

Séparée

 

Beim nächsten Vorbeigehen der Kellnerin bitte ich sie mit ruhiger Stimme: „Könnten wir vielleicht einen etwas abgeschirmten Tisch bekommen? Es ist … ein geschäftliches Gespräch.“ Geschäftlich – ein Zauberwort in Zürich.

Sie nickt sofort, fast erleichtert, und führt uns in eine Ecke hinter einer Säule, halb verborgen durch eine schwere Leinwand. Die perfekte Mischung aus Intimität und Plausibilität.

Seine Hand entspannt sich. Seine Schultern sinken. Und das Knistern zwischen uns bekommt durch den neuen, privateren Ort eine andere Qualität, es wird intensiver, wärmer, gelöster. Wir haben die sozialen Hürden in Zürichs bester gastronomischer Einrichtung hervorragend gemeistert, und dies war nur der Anfang eines wundervollen Abends.