Das Essen war köstlich, dennoch lag etwas Seltsames in der Luft. Es gab schon eine Vertrautheit zwischen uns aber auch eine gewisse Spannung, die nichts mit Erotik zu tun hatte.
In unserem Mail-Austausch hatte er einen „besonderen Wunsch“ erwähnt und sich „Zweisamkeit“ nach dem Essen gewünscht. Als ich mehr über diesen Wunsch erfahren wollte, wich er meinen Fragen jedoch aus. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, wenn jemand beim Essen lieber über seine Arbeit oder das Weltgeschehen reden mag als über intime Dinge, auch wenn letzteres ein schönes Vorspiel sein kann. Es war aber fast, als hätte er ein Geheimnis, das er sich nicht traute, zu erzählen.
Ein besonderer Wunsch
Wir genossen sieben Gänge und vertieften uns in spannende Gespräche. Die Rechnung kam, der Koch machte Feierabend und die anderen Gäste gingen nach und nach. Nur wir saßen immer noch da. Er zog diesen Moment fast schmerzhaft in die Länge.
„Möchtest du mit mir in die Bar nebenan, oder wollen wir vielleicht langsam nach oben gehen?“, fragte ich schließlich, als die letzten Tische um uns herum aufgeräumt wurden. „Ja natürlich, lass uns hochgehen“, antwortete er und sprang hastig auf.
Im Fahrstuhl schwieg er und schaute mich nicht mehr an. Seine Schultern sahen so verspannt aus, dass ich sie am liebsten gleich massiert hätte. Ich folgte ihm aufs Zimmer und sobald die Tür ins Schloss fiel, drehte er sich zu mir und fragte, fast flehend.
„Juliette, wäre es für dich in Ordnung, wenn ich meine Kleidung anbehalte“?
Ich sah, dass er vor Aufregung zitterte, also nahm ich seine Hand und setzte mich mit ihm aufs Sofa.
„Weißt du, ich habe noch nie…“, fing er an und verstummte wieder. Er schaute verlegen zu Boden. Er fand die Worte nicht.
„Du hast noch nie jemand wie mich gebucht, oder du warst noch nie mit einer Frau intim?“ versuchte ich ihm zu helfen.
„Das zweite“, sagte er und schaute weg.
„Hast du jemals eine Frau geküsst?“, fragte ich sanft.
Er schüttelte den Kopf. „Ich bin noch Jungfrau. Mit 54.“
Wir nahmen beide einen tiefen Atemzug. Nun war es endlich raus. Er hatte endlich ausgesprochen, was während des Dinners die ganze Zeit unterschwellig mitgeschwungen war.
„Nun weißt du es“, seufzte er mit resigniertem Blick.
Ich war erleichtert, jetzt konnten wir darüber sprechen, was er heute Abend wirklich erleben wollte. Ich nahm ihn in den Arm und die ganze Geschichte sprudelte aus ihm heraus, wie es dazu kam, dass er nicht zeitgleich mit den anderen Jungs in seiner Klasse seine ersten Erlebnisse hatte. Er erzählte, wie seine Unsicherheit wuchs und wie vor allem die Scham immer größer wurde, je mehr Jahre verstrichen.
„Welche Frau will einen Mann treffen, der keine sexuelle Erfahrung hat“, fragte er schließlich. „Wie soll ich jemals jemanden kennenlernen? Ich kann doch nicht erzählen, dass ich noch Jungfrau bin“.
Jungfrau im Alter
Ich spüre in solchen Momenten immer eine besondere Empathie und Verbindung. Mein eigenes Sexualleben hat gefühlt auch spät begonnen und ich war die letzte Jungfrau in meinem Freundeskreis und das sehr lange. Als leidenschaftliche Schachspielerin verbrachte ich meine Wochenenden auf Schachturnieren, wo ich gegen Jungs spielte, die noch mehr Nerd waren als ich. Ansonsten verbarg ich meine Schüchternheit hinter Leistungssport, wo ich im Langlauf und Hochsprung glänzte. Mit meinen langen Beinen perfektionierte ich die sogenannten „Fosbury Flop“, eine Sprungtechnik, die ich immer noch auf einem weichen Hotelbett vorzeigen kann.
Das Thema „Jungfrau im Alter“ ist inzwischen gar nicht so unbekannt. ‚Absolute Beginners‘ werden die Männer und auch Frauen genannt, die oft schon zwischen 40 und 60 sind, wenn sie zugeben, dass sie entweder gar keine oder nur sehr wenig sexuelle Erfahrung haben. Ich hatte oft die Ehre, ‚Absolute Beginners‘ beim somatischen Sexualcoaching zu begleiten und sie sind gelegentlich bei Talkshows zu Gast oder dienen als Inspiration für Filme. Der berührende Film „Good luck to you Leo Grand“ von Sophie Hyde, zum Beispiel, erzählt die Geschichte von einer pensionierten Lehrerin, die einen Call-Boy bucht, um ihre kaum vorhandene sexuelle Erfahrung zu erweitern.
Der lange Weg zum Happy End
Nun ist das Leben natürlich kein Film, in dem das „Happy End“ zeigt, wie die Person letztendlich Selbstermächtigung und sexuelle Erfüllung erlebt. Dennoch gibt es Menschen, die sich trauen, Unterstützung zu suchen. Es gibt welche, die auch eine Hetaera buchen, um in geschützten Rahmen mit einer erfahrenen Frau, ihre ersten Schritte zu machen.
Es gibt aber auch viele Männer, die sich nicht trauen, eine Sexarbeiterin zu buchen. Die Vorstellung, bei so schönen Frauen, die sie auf den Bildern sehen, etwas besonderes leisten zu müssen, verstärkt ihre Versagensangst. Die Realität sieht aber ganz anders aus, wie ich neulich beim Hetaera-Stammtisch erfahren habe.
Beim Stammtisch bleiben wir diskret, nennen keine Namen und verratenn keine persönlichen Details über unsere Kunden. Wir tauschen uns lediglich über unser eigenes Erleben aus und das Gespräch kam zufällig auf männliche Jungfrauen, als ich erzählte, dass die Arbeit mit ihnen ein Schwerpunkt meines Sexualcoaching-Angebots sei.
„Ich hatte auch schon ein Date mit einer männlichen Jungfrau“, erzählte eine meiner Kolleginnen.
„Ich auch, es war total schön, so zart und vorsichtig“, sagte eine Andere mit einem Strahlen in ihren Augen.
Nach und nach kamen mehr Geschichten mit immer wachsender Begeisterung in unsere Runde.
„Ich treffe regelmäßig einen Kunden, mit dem ich noch nie Sex hatte. Wir haben uns nicht mal berührt oder geküsst. „Wir gehen meistens essen und manchmal ins Theater. Irgendwann vertraute er mir an, dass er noch Jungfrau sei“, erzählte eine Kollegin. „Ich glaube, er braucht einfach ganz viel Zeit“.
Ich sah die leuchtenden Augen, die Berührtheit, die Offenheit und die Zugewandtheit der Frauen am Tisch. Viele empfanden es als Ehre, dieses „erste Mal“ jemandem schenken zu können. Es gab Bewunderung für den Mut der Jungfrauen und eine große Freude an unserem Tisch. Ich wünschte mir, die ,Absolute Beginners’ könnten diese Unterhaltungen hören, wenn sie zweifeln, ob wir sie treffen wollen würden.
Große Erwartungen
Ein Hetaera-Date ist eine besondere Begegnung, bei der alle Erwartungen losgelassen werden dürfen. Wir genießen die Begegnung, die Zeit miteinander, die Sinnlichkeit eines Dates, ganz ohne Performance Druck. Ich persönlich schätze es sehr, mich nicht verstellen zu müssen und mit meinem Gegenüber ganz im Moment zu verweilen. Diese besondere Art der Begegnung gilt auch für die „Absolute Beginners“, die oft das Bedürfnis haben, den verpassten Teil ihrer Jugend nachzuholen. Ich kann mich da gut hineinfühlen und ich empfinde es als eine Form von Nachnähren, als Erwachsene auf einem Hotelzimmer eng umschlungen Blues zu tanzen, und sei es holprig und neben dem Takt. Die Erlaubnis zu versagen und darüber zu lachen, vor allem beim Sex, finde ich ebenfalls emanzipierend. Oder die Entscheidung, sich ganz viel Zeit zu lassen und jeden Moment Schritt für Schritt auszukosten. Ich finde es äußerst romantisch, wenn nicht alles beim ersten Date passiert.
Das Auskosten ohne Eile war der „besondere Wunsch“, den ich schließlich erfahren durfte. Mein Date wünschte sich, dass wir uns über mehrere Treffen langsam annähern. Wie bei einem Teenager-Dating, das mit einem ersten Kuss beginnt. Er wollte mit mir ins Kino gehen und beim Popcorn essen seinen Arm um mich legen…oder vielleicht sogar seine Hand auf mein Bein. Im Zeitalter von App-Dating und Instant-Sex fand ich seine Idee sehr anziehend.
Dieser Abend war unserem ersten Kuss gewidmet und wir haben ihn zelebriert. Wir standen mit unseren Drinks auf dem Balkon und schauten in den Nachthimmel über Berlin. Er stand hinter mir und ich spürte wie er Stück für Stück näher kam. Seine erste Berührung war federleicht. Er ließ einen Finger meinen Rücken hinuntergleiten und die Wirkung war elektrisierend durch den dünnen Stoff meines Seidenkleids. Für einen Moment hielten wir beide den Atem an. Ganz langsam, fast unmerklich, drehte ich mich zu ihm. Seine Hand fuhr sanft meinen Arm entlang und ich bekam Gänsehaut. Ich schaute ihn an und lächelte.
„I’m ready“, sagte er mit einer Mischung aus Schelm und Vorfreude.
Unsere Lippen berührten sich. Unsere Zungen verschmolzen ineinander und es gab nichts, was er hätte lernen müssen, es war das Natürlichste auf der Welt. Ich weiß nicht, ob der Kuss einen Moment dauerte, der sich wie eine Stunde anfühlte oder ob er eine Stunde gedauert hat, die Zeit jedoch still stand. Es fühlte sich einfach wunderschön an. Als wir wieder zu uns kamen, sah er weich und glücklich aus.
„Danke“, sagte er ernst. „Das war mir sehr wichtig“.
Später war sein Schelm wieder zu sehen und am Ende des Abends, gerade als wir uns verabschieden wollten, hielt er kurz inne.
„Juliette, es gibt noch etwas, was ich heute erleben würde“.
Ich schaute überrascht, aber er lächelte dann verschmitzt.
„Würdest du dein ‚Fosbury Flop‘ einmal vorführen, bevor wie auseinandergehen?“, fragte er höflich und so kam es, dass der Abend mit mir lachend rücklings auf dem Bett nach einem gelungenen Sprung endete.