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von Rahel Kaléko

 

 

Ich weiß wie interessant das ausgestaltete, eingerichtete erotische Wohnzimmer in meinem Oberstübchen sein mag. Ich weiß, wie verlockend es wäre, dort jemanden – vielleicht einen Leser oder eine hier anwesende Leserin, hereinzulassen, das Schloss zu drehen, die Tür zu öffnen, einen Spalt, und dann immer weiter, hinein, drin bleiben dürfen, ein anderes Gesicht bekommen nur einen Augenblick, nur einen diesen Text lang, hinter dir donnert sie zu. Du bist drin, es geht nun los. Wer weiß wie lange es in dir verweilt….

 

Erst nochmal raus aus dem Kopf, auf die Straße, auf die es gerade frisch geregnet hat. Lass uns spazieren gehen zusammen, du bist aber eigentlich ganz allein. Nimm dir etwas Zeit, hör auf deinen Herzschlag… du beginnst im selben Takt zu laufen, deine Schritte mit wachsendem Tempo zu steigern, ein Traben fast, nun bleib doch stehen!

Du bleibst stehen. Wir schauen uns schon einmal in Vorgedanken in die Augen. Du schaust in die Wolken, sie verformen sich. Unsere Verformung findet hier schon statt, im Hellblau des Himmels, das zum Opiumbraun verraucht, meine Augen schließen sich unter langen Wimpern unter Augenbrauenbögen, die nun weit über dem Himmel zu schweben scheinen. Eine Vorahnung nur… Du bleibst stehen weil du weißt, dass du gleich drin bist.

Ich werde – nur dass du gleich Bescheid weißt – in diesem Traum eine Edelhure in einem Edelbordell sein. Wir sind in einer Kleinstadt, du läufst besagte Straße… es ist eher eine kleine Gasse und wie gesagt, es hatte gerade geregnet. Du riechst das. Du versuchst dir meinen Geruch vorzustellen. Ich habe darauf geachtet, nach der Dusche mindestens eine Stunde verstreichen zu lassen.

Das Parfum noch auf die leicht nasse Haut am Hals. Ich lächele in Erwartung. Ich bin ganz kurz schüchtern mit mir selbst.

Ich mag mein Spiegelbild hinter dem Dampf erscheinen sehen. Es ist ein Moment, in dem ich mich langsam zu sehen lerne und wandere und deinen Blick vorweg begreife und sich die Neugier entwickelt, auf welche Blickpfade du mich führen wirst, was ich erblicken werde und wieviel und was wir mit geschlossenen Augen sehen werden. Für die offenen Augen ziehe ich ein altrosafarbenes Seidennegligé an. In diesem Traum habe ich ausnahmsweise auch – sagen wir – dunkelviolette Strapsen. Sie klatschen auf meine Oberschenkelhaut, als ich sie hochziehe. Ich spüre einen angenehmen Zug im Schritt. Das Nachtleben hat hier im altertümlichen kleinen Ort gerade erst zaghaft angefangen. Es werden Bierbänke rausgestellt, ein Ober im Frack eines Luxusrestaurants streift strafenden Blickes deinen Anzug. Dabei ist er wunderschön, aus hellem Kord, und praktisch dazu. Er ist nicht zu schwer und nicht zu leicht, aber das weiß Herr Ober nicht. Aber ich weiß das gleich.

Klopfst du? Nein du klingelst an der gewissen Tür. Du atmest vor Aufregung sehr schnell, das Herz freut sich. Gleich… einen Spalt, ein Stück weiter, gleich öffnet sich die Tür zum erotischen Wohnzimmer. Denk dran, in diesem Traum bin ich nun mal kein Escort sondern eine Edelhure in einem Bordell, das gleichzeitig mein kunstvolles Wohnzimmer ist. Nicht jede, nicht jeder Leser darf hier sein. Nur solche, denen ich die Tür öffne.

Du hast Glück. Ich koste das sehr aus… Natürlich hauche ich in die Klingelsprechanlage: „5.Stock, bis gleich“. Du hörst die Stimme nur noch aus dem Treppenhaus. Leise. Fünf lange Stockwerke stehe ich bereit in meinen dunkelvioletten Strapsen, ich ziehe meinen Lippenstift nach. Ich lächele in mich hinein. Ich stelle mich ein auf das Lächeln zu dir. Als du erscheinst vor mir und ich erscheine vor dir, da fällt mein Anblick von mir ab. Das Lächeln wird unwichtiger, wichtiger werden die Blicke. Die Hand, an der ich dich ins Zimmer führe. Die Tür schließt sich laut mit einem Knall. Es war ein frischer Windzug von draußen. Ich gehe vor, um das Fenster zu schließen, und damit du von hinten meinen Po betrachten kannst. Als Escort trage ich wundervolle Kleider zunächst, hier nun in diesem Traum habe ich eine klassische Korsage an in tiefem Ozeanblau und eben dieses altrosafarbene Seidennegligé… zu viel Farbe? Such es dir aus. Ich tauch mich auch in warmes Grau mit dir. Ich frage dich nun aber zuerst, ob du deine Jacke ablegen möchtest. Du musst in diesem Traum übrigens gar nicht sprechen, wenn du nicht willst. Nun, es sei dir noch gesagt: dass in meinem Wohnzimmer auf dem Boden überall Perlen liegen. Eine unzählige Anzahl von schimmernden großen Perlen. Du hast noch nie so große Meeresperlen gesehen und die Situation bekam etwas wirklich Irreales. Du sollst nun nicht reden. Du sollst zuschauen, wie ich mich umgeben von vielen Perlen, die sich auch auf dem schimmernden Satinbezug rollten vor dir hinlege. Mich nun noch mal aufsetze…

Ich schaue dich an, und du löst dich nun völlig auf. Es ist nun völlig egal, was du machst. Ich weiß genau, was ich zu tun habe.

Ich hatte vergessen den Musikrekorder anzumachen. Es kommt unglaublich langsamer und sehr versauter Trap, gar nicht so laut. Auch etwas mit Klavier, auf einem tiefen untergründigem Beat aus der Hölle.

Es wird nun gefährlich zwischen uns.

Was du machst, weiß ich nicht, du löst dich völlig auf in mir. Ich beginne mich wortlos und auf dir ruhend mit meinen Blicken zu entblättern. Erst fallen meine Träger, wie von selbst, dann gleiten die Strapsen, das Negligé rutscht, was passiert, ich denke es sind deine Hände, die nun helfen. Ungeduldig, geduldig, ungeduldig, verzweifelt suchen und im gleichen Moment immer finden. Es sind die Augen, die essen. Es ist der Po, der entlang gestrichen, gegriffen, nicht losgelassen, nun da liegt. Du bist immer bereit und gefühlt hört es sowieso niemals auf. Eine Stunde kann sich wie ein Tag, eine Woche, ein Jahr anfühlen. Ich durchsetze mein Atmen mit einem tiefen losgelassenen Stöhnen. Diese deinen Blicke, die nicht loslassen wollen, lassen mich völlig aufgehen. Ich bin so offen, wie immer und wie niemals zuvor. Es ist mein perfekter Zustand.

In der Wärme, im Nass, im Schweiß, in der Zeitlosigkeit, in Satinbettwäsche kann ich den wahren Grund spüren. Immer wieder zu mir kommen. Kann immer wieder mit dir kommen.

Es ist unser Lustspiel, unser Zeitvertreib, mein wunderschönes endlos langes Bein, der herunterschlüpfende Slip, das Atmen die Stimme, das Atmen an viele Stellen des Körpers. Ich mag dich, so wie du mich magst. Nähe kann so viel da sein und sie kann im nächsten Moment vergehen. Nur wird immer verschwiegen, dass doch jede Begegnung uns verändert. Einfach… jede. Ich bleibe bei dir, du bleibst in mir in diesem Moment, in der Präsenz dieses Moments in der Vergangenheit oder der Zukunft. Es ist nun alles egal.

Wir lassen uns auf das Bett fallen. Neben mir liegen Geldscheine, vor mir liegt ein schöner Mensch. Es ist ok, wenn wir uns beide schön finden. Ich sage „Adé“, und du findest das gar nicht Klischee. Wir verabschieden uns mit einem Kuss. Du stolperst und taumelst die Treppen hinunter

„Wir sehen uns wieder Liebster“.

Du wirst wieder kommen. Wir sind nun vereint in einem Moment.