Was tun, wenn der Bräutigam seine Braut schon auf der Hochzeit vernachlässigt?

Sich verbünden mit der Braut, und den Bräutigam würdig vertreten.

 

von Salomé Balthus

 

 

Sie hat mich kontaktiert. Sie, die Braut. Sie hat mich gefunden in den sozialen Netzwerken. Schon vor längerer Zeit hatte sie Recherchen angestellt, um mich ausfindig zu machen, aber war verunsichert von den hunderten von Escorts, die für sich werben in den Weiten des Internets. Aber dann hatte sie mich zufällig in irgendeiner Fernsehsendung gesehen, wahrscheinlich bloß einer Wiederholung. Sie schrieb mir, ob ich das sei, die damals auf ihrer Hochzeit in Venedig gewesen war. Diese unbekannte Begleiterin eines Freundes ihres Mannes. Ob ich mich an jene Unterhaltung unter vier Augen auf dem Seitenbalkon erinnerte. Wo wir fast eine Stunde redeten, unbemerkt von allen anderen. Ganz zu schweigen von dem, was danach geschah. Ob das ich gewesen sei? Ob ich mich an Sie erinnere?

Erinnere dich! An die Terrasse des Hotel Danieli. Mit dem berühmten Blick über die Lagune. Diese Dachterrasse, hochzeitsgemäß geschmückt, mit Mimosen und Orangenblüten, und das cremeweiße Leuchten des dunstigen Abendhimmels…

 

 

Eine Hochzeit in Venedig

 

Jetzt nur nicht lachen. Nicht grinsen. Lächle neutral! Gib dem Herrn brav die Hand und senke den Blick, wenn man dich vorstellt. Lass dir nicht anmerken, wie gut ihr euch kennt.

Seine  Hochzeit ist das hier also. Da hat er sich ja eine sehr passende Location ausgesucht: das Danieli. Das berühmte Danieli in Venedig. Du musstest schon an ihn denken, als du hier ankamst: es ist ja ausgerechnet dieses Hotel, wo er dich im Frühjahr hinbestellt hat. Und seine Hochzeitsnacht wohl in derselben Suite, demselben Bett, wo er dich damals. Und übrigens seid ihr Ende des Monats ja wieder verabredet, zu Hause in Berlin. Nach seiner Hochzeitsreise. Ob er überhaupt vorgehabt hatte, zu erwähnen, dass er zwischendurch geheiratet hat? Tja, nun weißt du es. Ihr könnt es beim nächsten Date also genüsslich auswerten. Das mag er ja am liebsten, die Vertrautheit, das Plaudern nach Sex, schön erschöpft und erhitzt. Sein Parfum. Dein Parfum. Ihr beide riecht es gerade.

Du schaust verstohlen zu deinem Begleiter auf. Zu dem Mann, der dich diesmal in dieses Hotel bestellt hat. Und dessen Bett du dieses Mal teilen wirst, unter diesem Dach. Er hatte ja erwähnt, er müsse zu dieser Hochzeit von seinem Bekannten, der heirate ganz groß in Venedig, das ganze Hotel habe er für die Hochzeit reserviert, und man könne kommen in Begleitung, das wäre doch eine schöne Gelegenheit! Natürlich hast du zugesagt. Du liebst das alte Danieli, du liebst Venedig. Du liebst es, wenn beim Seiteneingang zum Kanal manchmal das Wasser bis in die Lobby schwappt, wenn draußen ein Motorboot vorbei rast. Bei Aqua Alta wird die Seitentür verrammelt. Die Feuchtigkeit, die alles durchzieht, die roten Wände, das barocke Mobiliar, die Tapisserien. Der Nebel unter der Saaldecke.

 

 

Hochzeitsgäste

 

Deinem Kunden ist nichts aufgefallen. Er ist viel zu sehr mit seinem eigenen Eindruck beschäftigt, als er dich als seine Begleitung vorstellt. Dieser Bekannte, er ihn eingeladen hat, den will er beeindrucken. Er will was von ihm, es geht irgendwie um Geld, um ein Investment – dich hat das alles gar nicht interessiert. Du konntest ja nicht wissen, dass dieser Bekannte ausgerechnet er  ist. Aber du und dein Vertrauter, ihr seid beide diskret. Dein Vertrauter behält sein Pokerface, als der Typ ihm sagt, du seiest also seine aktuelle Partnerin, und dass er dich ihm ja schon immer mal, usw. Sein aktuelle Partnerin. So kann man es natürlich auch nennen. Seine Partnerin für vierundzwanzig Stunden. Eventbegleitung. Morgen Nachmittag erst darfst du gehen. Nein, du darfst natürlich jederzeit gehen. Aber dann könnte er sich beschweren, wegen des Geldes. Wegen deines horrenden Honorars. Dein Vertrauter weiß ja, wie hoch es ist. Und dass du etwas tun musst dafür. Er kann dich nicht bitten, seine Hochzeit zu verlassen. Er kann dich auch nicht rauswerfen lassen, ohne sich zu verraten.

Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass sich diese Geschichte ereignet hat vor ein paar Jahren, als mein Gesicht in der Öffentlichkeit noch nicht so bekannt war. Ich war noch in keiner Talkshow gewesen und hatte noch keine Zeitungskolumne. Aber nicht nur das ist der Grund, warum ich seit jenen Tagen nie wieder einen Kunden hatte, der von mir verlangt, bei einem öffentlichen Event seine Partnerin zu spielen. Ich mache so etwas nicht mehr. Ich möchte keine nette kleine Freundin spielen, sondern eine Hure. Ich möchte als die Hure erkannt werden. Ich möchte dafür gefeiert werden, für meine Chuzpe, und diejenigen provozieren, die sich davon provozieren lassen. Kunden, die ein Problem damit haben, sich mit mir sehen zu lassen, die habe ich sowieso nicht mehr. Oder sie schleichen sich verstohlen in die Hotelzimmer, wo ich sie erwarte. Zimmer, die ich reserviere auf meinen Namen, damit sie bloß nicht auf der Kreditkartenrechnung auftauchen, wo sie dann von der Ehe-Matrone gesichtet werden könnten. Ich teile meine Kunden ein in drei Kategorien: unverheiratet, verheiratet und sehr verheiratet. Die sehr Verheirateten, das sind die, wo alles ganz heimlich passieren muss. Solche Kunden können weder selbst unser Zimmer reservieren, noch trauen sie sich, an der Rezeption nach einer von mir hinterlegten Keycard zu fragen, um mit dem Lift nach oben zu gelangen. Nein, solche Leute erwarte ich, bereits eingecheckt, in der Lobby, und sobald sie da sind, gehen wir, ohne uns zu grüßen, scheinbar zufällig gemeinsam in den Fahrstuhl, und müssen zufällig gemeinsam auf genau dieselbe Etage…  Stunden später kommen solche Männer dann allein wieder dem Lift in der Lobby an, streben zügig dem Ausgang zu und verlassen den Ort ihres Verbrechens. Ich entspanne mich derweil in den mir überlassenen Luxushotelzimmern, lasse mir ein Bad ein, und bin ruchlos genug, mir nur zwei Stunden nach dem Einchecken das Bett frisch beziehen zu lassen. Natürlich würde ich eines nicht tun: in diesem Zimmer, das ich wie gesagt den Rest der Nacht für mich habe, gleich noch einen weiteren Kunden empfangen. Einen weiteren sehr Verheirateten, übervorsichtigen, dem ich das Geld für das Hotelzimmer angeblich ausgelegt habe. Wirklich nicht. Ich doch nicht. Niemals!

Aber Ihmchen hier, der Bräutigam, der hatte sein Zimmer immerhin stets selbst reserviert. Wie würde er das nach der Hochzeit halten? Würde er ab jetzt auch Angst haben vor seiner Frau? Das kommt darauf an, was für eine Frau das war. Ja, wo war eigentlich die Braut?

 

 

Wo ist die Braut?

 

Neugierig hältst du Ausschau. Die Trauung ist schon vollzogen, in Deutschland beim Standesamt wohl, das hier ist die Party. Die große Show für Freunde und Bekannte.  Die Tische im Saal sind eingedeckt, livrierte Kellner, Silber und Kristall, Weinkühler nässen die Damasttischdecken. Man sammelt sich noch. Die Herrschaften kommen aus dem Fahrstuhl und über das Treppenhaus. Einige kommen gerade erst an, haben den späteren Flug genommen. Alles ist etwas chaotisch. Die Braut ist nirgendwo zu entdecken. Dein Kunde, und du ihr dreht die obligatorische Runde von Raum zu Raum, von der Lobby zum Salon, zur Bar, durch den Saal, über die Treppe auf die Empore, und zurück in den Salon – überall kleine Grüppchen teuer angezogener Menschen. Auffällig teuer. Neureich. Michael Kors, Gucci, Balenciaga. Reiche, stillose Deutsche. Venedig ist auch nur wie Zehlendorf, ist wie Sylt, ist wie Kronberg, ist wie Schwabing… Der Champagner von Moët – naja, bei so vielen Leuten. Irgendwo muss auch gespart werden, da, wo es die neureichsten Neureichen nicht merken. Du kommst dir gar nicht versnobt vor bei solchen Gedanken. Pass dich an deine Umgebung an, mach dich unsichtbar…

Da, am Tisch ganz am Rand des Saals sitzen schon welche. Ein älteres Pärchen. Verheiratet? Ja, sicher. Die Tischkarte: Herr & Frau XY. Aber auch ohne dieses Indiz siehst du deutlich, dass die zwei eine Einheit bilden. Sie kauern zusammen, schauen scheu in den Saal. Sie sprechen nicht, sie halten sich an den Händen umklammert. Sie sehen anders aus als die übrigen Gäste, anders gekleidet. Nicht neureich. Nicht reich. Der gute Anzug, er sitzt schlecht, ist zu eng. Und ihr Kleid. Wie aus einer Zeit, als Hausfrauen Mode noch im Katalog bestellten. Billiges Material, bieder, kleinbürgerlich. Rührend. Sie strahlen es aus, alle beide. Und dir wird klar: Jeder hier sieht es, spürt die Unzugehörigkeit von Herr und Frau XY. Darum sitzen sie auch hier allein. Man kennt sie nicht, und man vermeidet, sie kennenzulernen. Untrügliche Instinkte der Klassengesellschaft bei dieser Moët-Meute. Und auch du hast es schon gelernt. Du Fisch im Wasser der Reichen. Hältst dich wohl für schlau. Pass nur auf, dass sie dich nicht fressen, kleiner Fisch. Aber: wenn denen erst jemand das Wasser ablässt, dann bist auch du mit dran.

Und während du noch, im Kielwasser deines Begleiters, deiner dich hier legitimierenden illegitimen Liaison, an ihnen vorbei ziehst, siehst du aus dem Augenwinkel das bauschige Weiß, das auf die alten Leutchen zufliegt. Das Brautkleid ist es, das dir gerade noch ins Blickfeld kam. Du reckst den Hals. Brautkleid und Schleier liegen über den Schoß der alten Frau gebreitet wie eine Wolke, und sie zupft und tätschelt darin, in mütterlicher Andacht. Es sind die Brauteltern. Die Braut gehört zu diesen Leuten, und nicht zu jenen anderen.

Also hat er unterhalb seiner Klasse geheiratet.

Also ist die Braut, deren Gesicht du bis jetzt noch nicht gesehen hast, eine Schönheit.

 

 

Der heilige Bund

 

Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass ich nicht viel halte von Hochzeiten. Nicht nur wegen dem unvermeidlichen Kitsch, der falschen Romantik, dem Hang zum Pomp. Selbst wenn es meinem wählerischen Geschmack entsprechende Veranstaltung wäre, alles in mir würde sich dagegen sträuben: des Anlasses wegen. Dem, was da gefeiert wird. Dieses öffentliche Zelebrieren von dem, dass das Intimste sein sollte – der Liebe, des Zweierbundes. Dass mein geliebter Mensch und ich unsere Liebe zu einem Fest für andere Leute machen könnten – es erschiene mir obszön. Obszöner als Sex in der Öffentlichkeit, denn dieser Sex, das wäre ja nur Exhibitionismus als Perversion, ein Kick, ein Fetisch. Nichts so heikles und heiliges wie die Liebe. Die Liebe, die abschirmt und beschützt werden sollte vor der Banalität der Welt.

Aber die Hochzeit: die ist ja eben niemals dazu erfunden worden, um Liebe zu feiern. Das denken ja nur die Menschen heute, und daher die Peinlichkeit, die jeder halbwegs sensible Mensch dabei verspürt. Heiraten, das heißt: heiraten, oder geheiratet werden. Geheiratet wird die Braut. Sie wird verheiratet. Die Braut wird zum Altar geführt. Sie geht nicht selbst, so wie der Bräutigam. Sie wird traditionell geführt von ihrem Vater oder einem anderen, männlichen, Familienmitglied. Dieser Mann gibt sie dann dem anderen Mann, der am Altar steht, und diese Übergabe wird bezeugt von Trauzeugen, von Priestern, von Autoritäten. Sie darf, immerhin, ja oder nein sagen. Aber es ist die Zustimmung oder Ablehnung zu einer Übergabe ihres Körpers. Der sagt mit Ja oder Nein lediglich, ob er das Geschenk ihres Leibes und Lebens annimmt. Es ist nicht so gegenseitig, wie die geschichtsblinden Menschen von heute meinen.

Nur der Bräutigam verheiratet sich selbst, oder freit, und daher kommt ja auch der Ursprung des Begriffs des Freiers. Einen Mann kann man nicht freien. Und Freierinnen gibt es nicht, außer neuerdings von Prostituierten. Die Heirat, das ist, überall auf der Erde, seit Jahrtausenden: ein Eigentumsvertrag über den Körper einer Frau. Der Pater Familias gibt seine Tochter einem, der auch eine Familie gründen will.

Und noch am selben Abend folgt die Hochzeitsnacht – auch dies ein obligatorischer Teil des Rituals. Die Ehe wird vollzogen, der Vertrag geltend gemacht. Bei einem Scheitern gilt die Ehe als nicht vollzogen, kann annuliert werden. In traditionellen Gesellschaften – ich glaube fast, in einigen französischen Adelshäusern bis ins 18. Jahrhundert – fand der Vollzug der Ehe nicht hinter verschlossenen Türen statt. Sondern vor den Augen der Hochzeitsgemeinde. Man zog feierlich zum Ehebett und umringte den Ort des Geschehens. So wichtige Dinge mussten bezeugt werden.

Obszön finden kann das nur, wer Ehe mit Liebe, und Sexualität mit Intimität verwechselt.

Ich also nicht. Ich wäre ja auch im Stande gewesen, mit meinen Freiern, also mit meinem Begleiter wie auch dem, der gerade wirklich heiratete, hier auf der Stelle vor allen Anwesenden über den Tisch gelegt zu werden. Weil es für mich eben nichts Intimes ist. Diese Brautleute aber, dieses Liebespaar, sie sollten sich schämen. Vorausgesetzt, sie waren das: ein echtes Liebespaar.

Die Liebe erkennt man an der Scham. Oder an der Verlegenheit, die Brautleute während so einer Feier befällt, ohne dass sie sagen könnten, warum. Ich verstehe es, das schamvolle Erröten verliebter Braut- und Bräutigamme, diese Teenager-Verlegenheit, die dann schnell überspielt werden muss. Niemand hat sie auf dieses Gefühl vorbereitet: Heiraten, der schönste Tag im Leben, aber bitte nie wieder!

Wie unromantisch ist hingegen bei Hochzeitspaaren Schamlosigkeit. Die eitle Braut, der stolz geblähte Gatte. Am Stolz erkennt man den Erwerb, den errungen eigenen Vorteil. Wie macht er sich denn, dein Vertrauter, der frisch gebackene Ehemann? Ist er verlegen?

 

 

Vom Gatten gefreit

 

Du siehst ihn im Kreise seiner Freunde. Kumpels. Kameraden Anzugträger. Anzugständer. Alle gleich sportlich, prall, feist, derbdeutsche Kraftmenschen. Sind das Kollegen aus dem Job, Banker, wie er? Oder verbindet sie etwas Privateres?

Du hörst es mit, wie einer ausruft:

„Jetzt hat er sie also, seine Trophy-Wife! Ein Hoch auf dieses Fahrgestell!“

Du siehst ihn prosten, sich auf die Schultern klopfen lassen. Und dann:

„Fast hätte ich gesagt: nicht von schlechten Eltern!“

Brutales Gelächter.

Du bildest dir doch sowas nicht ein: In ihren Zügen liegt etwas Gewalttätiges, Enthemmtes. Du könntest sie dir gut bei einer Gruppenvergewaltigung vorstellen. Oder in Braunhemden. Wie hält er es, dein Vertrauter, eigentlich mit der Politik? Er, als Mann unter Männern, ist anders als in den Momenten mit dir allein. Er hat nicht das Gesicht, das du so gut kennst, wenn er über dir liegt, der flehende Ausdruck bei seinem Orgasmus. Ein stolzer Gockel ist er jetzt, der die Federn spreizt. Nein, er wird dich wohl nicht bitten, in Zukunft statt seiner euer Zimmer zu reservieren.

Möge aus dem Hahn doch bald ein Hahnrei werden. Der Gatte soll nicht zugleich der Liebhaber sein.

Wäre doch auch nur fair: siehe Ende des Monats.

 

 

Fragen der Höflichkeit

 

Dein Kunde und du hattet euren Tisch ganz am Rande, nahe bei den Toiletten. Ein Beweis der Entferntheit der Bekanntschaft deines Kunden mit den Brautleuten. Nun ja, du bist ja da, um ihn zu zerstreuen. Doch dein Begleiter legt nicht allzu viel Wert auf Konversation. Er isst hastig und steht immer wieder auf, um sich in den Pausen an gewisse Männergrüppchen anzuschließen, in denen er engere Freunde des Gastgebers vermutet. Er will sie gewinnen, um den Gastgeber zu gewinnen, zwecks Investment. Dein Begleiter ist im Stress, er muss Business machen. Und tatsächlich dauert es nicht lange, bis der Bräutigam sich in die Herrenrunde mischt. Du kannst dir denken, dass ihm das Spaß macht, ihn auflaufen zu lassen, diesen Aufschneider und Betrüger. Der sich schon dadurch als Betrüger entlarvt hat, als er dich als seine feste Freundin vorstellte – es konnte ja keiner ahnen, dass der Bräutigam einer deiner treuesten Stammkunden ist. Der hat den Schock bei deiner Begrüßung aber gut überstanden, und scheint es mittlerweile ganz amüsant zu finden, dich hier zu sehen. Ab und an wirft er dir ironische Blicke zu. Und jetzt kommt er sogar auf dich zu. Ein Gang zur Toilette – vielleicht nur als Alibi. Er streift diskret deine Schulter, er murmelt, er freue sich auf euer nächstes Date! Du lächelst verbindich.

Vielleicht sollte ich hinzufügen: so erregend fand ich seine Konspiration nicht. Es war doch immerhin seine Hochzeit. Konnte er nicht wenigstens heute ganz und gar im Bunde mit der Frau sein, mit der einen heiligen Bund einzugehen diesem Fest den Anlass gab? Ich hätte ihn mehr geachtet, wenn er meine Anwesenheit, gegen die er nichts ausrichten konnte, missbilligt hätte. Später, bei dem fest geplanten nächsten Termin, hätte er dann Gelegenheit, seine Missbilligung an mir abzureagieren. Und zur gemeinsamen Schadenfreude über seinen Bekannten, der mich mitgebracht hatte. Als ob dieser Langweiler eine Freundin wie mich… Und natürlich auch so der von beiden Seiten durchschauten und rituellen Lüge, dass der andere der einzig wahre Sexpartner ist, ich besser als seine Frau, und der besser als meinen vielen anderen Kunden. Diese Lüge ist Frage des Anstands zwischen Hure und Freier, die Grundregel der Höflichkeit in der Prostitution. Aber alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. Ich teile mit meinen Kunden die Zeit und den Raum in einem Hotelzimmer. Was jenseits dieses Raumes ihr Leben ausmacht, das sollte für mich Tabu sein. Andersherum gilt dasselbe. Und wenn einer von beiden zufällig, und ohne eigenes Verschulden, das Tabu bricht, und Zeuge des bürgerlichen Lebens des anderen wird, ist das alles andere als ein harmloser Fauxpas. Es kann das Ende der gemeinsamen Erotik bedeuten, die Oberflächenspannung der empfindlichen Seifenblase zerstören. Seifenblasen bestehen ja aus nichts weiter als schillernder Oberfläche. Nur sehr Dumme wollen dauernd tiefer bohren.

Ob mich nach dieser Zutraulichkeit den demnächst terminierten Ehebruch mit ihm noch inspirieren würde, war fraglich. Denn wie erotisch kann ein Ehebrecher sein, ohne Taktgefühl? Dieser Rolexträger, mit seinem Millionenerbe und seiner Hochzeit in Venedig, ist wohl doch nur ein verwöhnter Bengel, der seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Der auf nichts verzichten kann, nicht für einen Tag.

Den ganzen Abend schon hält  der sich an seine Männerrunde. Sie trinken deutsches Bier, in schwankender Eintracht und derbem Gelächter. Dich provoziert das maßlos. Der Abend gleicht doch mehr einem Junggesellenabschied als einer Hochzeit. Die Braut bleibt am Tisch zurück.

 

 

Der schönste Tag im Leben einer Frau

 

Du beobachtest sie. Die Schönheit. Du stellst fest, dass du sie nicht nur schön findest: du begehrst sie. Ihre Schönheit ist von goldener Zartheit. Die feine, blonde Haut mit dem seidigen Schimmer von Jugend und gesunder Ernährung. Den Schleier hat man ihr abgenommen, ihr hoch gestecktes Haar betont ihre grazile Nackenlinie. Diese Haltung, tadellos. Ballettstunden? Es umgibt sie etwas von aristokratischer Würde, was so gar nicht zu ihren schlichten Eltern passt. Aber auch nicht zu ihm, den du so gut kennst. Der weiße Turnschuhe zum Anzug trägt. So wie alle seine Banker-Boys da drüben.

Es fällt dir immer deutlicher auf, dass auf dieser Hochzeit die Braut von allen regelrecht geschnitten wird. Niemand, der sich zu ihr gesellt. Kennt sie hier etwa niemanden? Sind denn keine ihrer eigenen Freunde hier? Ihre Eltern sitzen entfernt in der Ecke, zu verlegen, sich vom Fleck zu rühren. Sie würden sich am liebsten verstecken, denkst du.

Wo sind übrigens die Eltern des Bräutigams? Nicht da. Der Vater hat vermutlich gerade irgendeine Aufsichtsratssitzung. Und die Frau Mutter liegt angeblich mit Migräne im Hotelzimmer. Auf meinem Platz nahe der Damentoilette schnappst du so einiges auf. Da, die drei gestylten Schicksen, Freundinnen der Bankerboys. Sie tratschen.

„Wollen wir mal hingehen, zu Helen? Die sitzt da ja so allein.“

„Nein, lass mal. Worüber willst du dich denn unterhalten mit der? Über Sex mit Andreas?“

Gekicher.

Helen. Die goldene Trophäe, an die sich keiner zu nahe heranwagt, aus Respekt vor dem Besitzer. Die Trophy-Wife, die Beute. Die schöne Helena.

Die Desserts sind serviert, der Kaffee. Allgemeine Auflösung der Tafel. Alle stehen nun auf, bilden Grüppchen. Unten in der Bar gibt es gleich Musik, man strebt müßig und allmählich dem Treppenhaus zu. Die Kellner stehen geduldig am Rand und warten. Du weißt, sie müssen die Terrasse dann noch für das Frühstück eindecken. Auch du kennst deine Pflicht, du solltest dich wenigstens pro Forma in der Nähe deines Kunden aufhalten. Griffbereit. Er sieht dich kommen, macht eine abwehrende Geste. Gut, dann nicht. Du sonderst dich ab, du gehst spazieren in deinem geliebten Danieli. Du gehst durch das hintere Treppenhaus, in die rote Etage. Du kennst diese kleine Verbindung zwischen den beiden alten Palazzi, die das Danieli beherbergen. Die Brücke über den Kanal. Und dort steht sie. Wie ein Gemälde in ihrem schulterfreien Brautkleid. Rauchend. Eure Blicke treffen sich. Sie bietet dir eine an, du verneinst, aber stellst dich zu ihr. Nach Orangenblüten duftet sie, am Tag ihrer Hochzeit. Weil sie eben Stil hat. Und wahrscheinlich auch die Vogue liest.

Sie lächelt dich hinreißend scheu an, fragt dich, wer du bist. Du seiest ihr gar nicht vorgestellt worden. Seiest du eine Bekannte ihres Gatten? Dies ist der Moment, wo du dich verhalten musst. Du musst dich ohne blitzschnell entscheiden, an wem du Verrat begehst: an dem Mann, oder an der Frau.

Und dein Entschluss ist, ihr die Wahrheit zu sagen. Die ganze Wahrheit. Es ist zwar zu spät, aber wissen soll sie es doch. Du formulierst es schonungslos und ohne jeden Ansatz zur Entschuldigung. Du willst sie mit dieser Wahrheit über ihren Ehemann ausstatten wie mit einer Waffe. Du übergibst sie ihr wie einen in sein Samtkästchen gebetteten, edelsteinbesetzen Dolch. Dein Brautgeschenk.

 

 

Liebe & Treue

 

Vielleicht sollte ich hinzufügen: ich weiß, dass die meisten meiner Kunden verheiratet sind. Ich vermeide taktvoll dieses Thema, und wenn die Herren dann selbst davon anfangen, hüte ich mich vor zu raschen Urteilen. Was weiß ich schon? Es geht mich letztendlich nichts an. Aber wenn ich die Partnerin dann, durch irgendwelche Umstände kennenlerne, interessiert sie mich weit stärker als ihr Mann, der mich für Sex bezahlt. Weiß sie es? Hat sie nichts dagegen? Erregt sie die Vorstellung vielleicht sogar? Entdeckt sie durch ihre Eifersucht längst verschüttete Gefühle für ihren Mann, begehrt ihn nun wieder? In solchen Fällen hat sich der Bedarf an meiner Dienstleistung dann auch bald erledigt, zur allseitigen Zufriedenheit. Oder wirkt sein Treuebruch zerstörerisch? Demütigt er sie? Dabei kommt es natürlich auf das Binnenverhältnis zwischen den Ehegatten an, und dem Machtgefälle in der Beziehung. Dinge, die ich nicht beurteilen kann. Würde ich darum auf den Kunden verzichten, weil ich weiß, dass seine Treffen mit mir seine Frau verletzen? Nein. Das würde keine Hure tun. Denn erstens glaubt unsereins nicht an Besitz von Exklusivrechten an menschlichen Körpern. Logisch. Mit seinem Körper darf theoretisch doch jeder machen, was er will, und niemand sollte deshalb beleidigt sein. Niemand hat ein Recht auf Eifersucht. Auch wenn das der Eifersucht egal ist.

Und zweitens wissen wir, dass die weibliche Solidarität mit Ehefrauen eine einseitige Sache ist. Keine Ehefrau ist uns dankbar dafür. Und es ist sinnlos, weil es deren Männer nicht davon abhält, sich anderweitig nach bezahltem Sex umzusehen. Wir kennen ja unsere Kunden, tauschen uns über sie aus. Wenn eine von uns ihn aus Mitleid mit seiner Frau ablehnt, dann geht er eben zur nächsten von uns! So sind sie, diese anständigen Bürger. Jedenfalls spielt eine Prostituierte nicht den  Schiedsrichter in einer Ehekrise. Sie verzichte selbstlos auf moralische Überhöhung, und nimmt zur Entschädigung das Geld. Käuflichkeit ist auch eine Form von Bescheidenheit.

Sie wusste es nicht. Aber es überrascht sie nicht. Sie bleibt ruhig, gelassen. Sie habe immer geahnt, dass er nicht treu sein kann. Aber er habe sie geheiratet.

Das Gewicht dieses Satzes. Er hat sie geheiratet. Das bedeutet nicht nur ihren Übergang in seinen Besitz. Sie hat, als seine Trophäe, auch einen anderen Status. Er ist ein Vertragsverhältnis eingegangen. Eigentum verpflichtet. Er muss ihr, anders als mir, einen angemessenen Lebensstandard garantieren, denn sonst ist es sein eigener Ruf, der leidet. Es ist auch nicht mehr so einfach und billig, sie wieder loszuwerden. Mich kann er einfach auf seinem Handy blockieren. In ihrem Falle verursacht ihm finanzielle und soziale Kosten.

 

 

Hochzeitsnacht

 

Du erklärst, wie dich sein Verhalten bei der Hochzeit empört. Und das der übrigen Gäste. Sie lächelt. Sie habe kein Interesse an diesen Leuten. Du warnst sie, ihr Mann solle sich bloß nicht auf das Investment einlassen, dass dein Begleiter ihm gerade vorschlüge. Sie zieht an ihrer Zigarette, es gäbe einen Ehevertrag. Sie selbst habe es gewollt. Sie kenne ihren Andreas und seinen Leichtsinn. Es könnte gut sein, dass er sein Erbe bald durchbringe. Dann sei es eben nicht an ihr, ihn zu versorgen. Aber sie wünsche sich Kinder. Und seine Eltern, die wollten Enkel.

Ihre Berechnung haut dich um. Diese Klarsicht.

Aber es stimmt, sagt sie, besonders wohl fühle sie sich auf dieser Party nicht. Ich sei der erste Gast, der mit ihr spreche.

Ob sie sich rächen wolle. Diese Leute ein bisschen provozieren.

Sie schaut dich an.

„Du bist Escort“, sagt sie. „Du musst noch arbeiten, heute?“

Du erklärst ihr, dein Kunde hätte anderes im Kopf, und lügst dabei nicht. Du hast eine Idee. Ihre Suite. Die Hochzeitssuite.

„Die Suite ist toll. Aber dafür müssen wir zurück durch den Saal.“

„Umso besser. Alle sollen uns sehen.“

Sie zögert:

Ich bin jetzt seine Frau…

„Das bist du. Es wird ihn lehren, dich nie wieder zu unterschätzen.“

Sie gibt dir ihre Hand. Die mit dem Ring.

Lass meine Hand nicht los!

 

 

 

Nachtrag

 

Was wir dann, in der Hochzeitssuite, im Hochzeitsbett miteinander taten, verrate ich nicht. Es würde die Intimsphäre einer ehrbaren Ehefrau verletzen. Außerdem war es zu schön.

Übrigens musste ich keinen der beiden Männer für lange Zeit aus meiner Kundenkartei streichen. Männer mit verletzter Eitelkeit können nachtragend sein, aber manchen Frauen verzeiht man solche Dinge leichter. Ich war ja schließlich nur eine Hure.

Doch was hatte Helen mir geschrieben, via Instagram? Helen nannte sie sich dort nicht, es war ein anderer Name, den sie dort führte, ein Name, den ich dann auch in einschlägigen Portalen fand. Sie erzählte mir, dass sie bald nach der Hochzeit begonnen hatte, heimlich als Escort zu arbeiten. Es mache ihr durchaus Vergnügen, und sie tue es nicht nur aus Gründen der Genugtuung, sondern auch, um sich Geld beiseite zu legen für ihre Unabhängigkeit. Sie sagte, dass ich ihr damals den Schlüssel gegeben hätte zu einem anderen Leben, und dass sie heute ziemlich glücklich sei, glücklicher als am Tag ihrer Hochzeit.