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von Rahel Kaléko

 

 

Auf dem Felde der Liebe erwachsen die schwersten Wunder mehr aus dem, was man sieht, als aus dem, was man weiß.

 

Das Bild hebt sich heraus; es ist klar und deutlich wie ein Brief: es ist der Brief über das, was mir wehtut. Genau, vollständig ausgefeilt, endgültig, lässt er mir nicht den geringsten Raum: ich bin davon ausgeschlossen wie von der Urszene, die wahrscheinlich nur insoweit existiert, wie sie sich vor dem Umriss des Schlüssellochs abzeichnet. Und das ergibt denn auch endlich die Definition des Bildes, jedes Bild: das Bild ist das, von dem ich ausgeschlossen bin. Im Gegensatz zu jenen Rebus-Zeichnungen, wo der Jäger versteckt ins Laubgewirr eingearbeitet ist, komme ich in dieser Szene nicht vor: das Bild ist ohne Rätsel. ­- Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe: Das Bild

In jungen Jahren beschäftigten wir im Haus bei Renovierungsarbeiten des Badezimmers im Keller einen befreundeten Mann, Mitte Vierzig, aus Bosnien. Wir kannten viele Menschen aus Bosnien, es war klar, dass er bei uns arbeitet über Wochen. Über Wochen – ich war vierzehn – schaute er mich unentwegt an, wenn sich unsere Wege kreuzten. Er hatte einen Schnurrbart und lockiges dickes schwarzes Haar mit hohen Geheimratsecken, war hager und nicht sehr groß. Er hatte ein bestechendes Lachen, wenn er nicht gerade verschämt und in gebrochenem Deutsch etwas murmelnd in eine imaginierte Ecke im Garten starrte. Ich mochte ihn. Wir grüßten uns täglich, wenn er durch den Garten kam und ich Kaffee mit meiner Mutter in der Laube trank, oder mich sonnte. oder aus der Schule kam, oder auf dem Weg ins Freibad mit meinen Freundinnen das Rad aus dem Schuppen schnappte, wir lächelten uns immer kurz und seltsam vertraut aber, von seiner Seite, sehr vorsichtig an. Einmal, mittags, hörte ich ihn aus dem Keller. Er sang… Es war so schräg, kaum zu fassen. Eine klare glockenhelle Stimme, ganz, ganz hoch und in dieser mir fremden und doch vertrauten Sprache. Ich hätte es gerne verstanden. Silben wiederholten sich, es schien eine Art bosnisches Jodelmantra, fast ein Quieken manchmal. Ich holte meinen Vater und wir schauten uns an und schauten auf den Boden, die Wand, und wieder uns in die Augen. Wir mochten ihn. Wir lachten nicht, lächelten uns nur an – er wissend, ich unwissend. Mein Vater, selbst ein Kriegskind, sagte:

„Der Krieg… ist noch gar nicht so lange her. Die Erinnerungen sind noch wach.“

 

Ich schwieg.

Einmal, viel später, als mein Vater schon längst verstorben war, sagte dieser Mann, nun um die fünfzig, zu mir – es war skurriler Weise tatsächlich im Keller, was ein Gästezimmer war aber eher dunkel, und ich schlief dort in dieser Zeit, nicht mehr im Jugendzimmer. Ich wollte Abstand. „Weißt du… Du erinnerst mich schon immer an eine frühere Freundin. Sie hieß Lucija. Wir waren 15, und ich mochte sie sehr“. Ich lächelte. Ich mochte ihn, wie gesagt. Schon oft hatten wir uns angelächelt. Ich ließ die Projektion gewähren… Er verlor sich in seinen Worten. Worte, die er nie mehr zurückholen konnte, weil er sie in mir zurückholen wollte:

„Als ich dich das erste Mal sah, erschien sie mir wieder. Wir waren verliebt. Ein Jahr zusammen. Ich war immer bei ihrer Familie im Dorf nebenan, jeden Tag. Ich hab sie sehr lieb gehabt.“ Er betonte „lieb“ auf eine sehr bedeutungsschwere Art und schaute mich so an, als wäre es wichtig, ich würde das Ausmaß der Liebe in diesem Moment verstehen, greifen können aus seinem Mund. Ich verstand…

„Sie starb durch eine Granate im Bosnienkrieg, kurz danach eigentlich. Auf dem Feld, vor ihrem Hof…ich war dabei. Ich stand 20 Meter weg von ihr.“

Mir stockte der Atem. Ich war 23. Er war 15 damals, so alt wie ich war, als er mich das erste Mal traf, als es traf, das traf mich.

„Als ich dich das erste Mal sah, kam sie wieder.“ Ich fing an zu weinen. Er wollte mich „…nur einmal umarmen, nur ein kleiner Kuss…“

Die Scham und die Wut über diesen Vorfall überrollten mich. Ich stieß ihn weg, aber ich war ihm ausgeliefert, seinen Projektionen und Verletzungen, seinen Kriegstraumata, seiner Liebe zu diesem Mädchen namens Lucija. Ich denke sie hätte nicht gewollt, dass er so weit geht. Ich denke sie hat sich geliebt gefühlt im Moment der Bombe. Ich fühlte seine Freundschaft zu meinem Vater verraten, beschämt. Ich hätte ihn gerne angespuckt. Ich hasste ihn. Er bewegte sich dann nur noch mit gesenktem Haupt im Haus. Wenn ich ihn traf murmelte er in Mantren ohne Jodel: „Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung…“ Nicht weniger, aber kein mehr an Erklärung. Ich verstand, er war seiner Fantasie ausgeliefert und hatte sie mir übergeben. Ich fühlte mich wie ein Mädchen, das von einer Granate gestorben war, das von ihm berührt werden wollte, noch mal, nicht mehr. Ich denke die kurze Berührung, die er geschafft hatte, die Millisekunde, mein Geruch vielleicht hatten ihm erzählt, dass ich nicht dieses Mädchen war. Wir standen beide vor großen unumwindbare Fragezeichen mit hölzernen hohlen Mühlkreisen, die bedrohlich über unseren Köpfen schwankten. Ich nahm seine Entschuldigung an. Er entfernte sich.

Nach einigen Jahren lud meine Mutter ihn wieder ein, aber er konnte nicht kommen, weil er vorher in Österreich beim Schwarzarbeiten erwischt worden war. Er tat mir leid. Er hatte zwei Kinder und musste ins Gefängnis. Ich verstand, dass ich nicht ihn hasse, sondern die Welt, in der er verloren gehen musste.

Ich dachte an sie.